Grada Kilomba – Rassismus als Trauma

Rassismus und Rassismuserfahrungen als Trauma und damit Untersuchungsgegenstände psychologischer Betrachtungsweisen – Die Schwarze* Psychologin Grada Kilomba schildert in ihrem Werk „Plantation Memories“ verschiedene Alltagssituationen Schwarzer Menschen. In diesen Situationen, in denen Rassismen stattfinden, lässt Kilomba die Betroffenen größtenteils selbst zu Wort kommen. Diese beschreiben darin die Handlungen und Positionierungen der verschiedenen Akteur_innen und deren Reaktion auf Rassismus.

In erschütternden, minutiösen Ich-Erzählungen, denen ein beinahe lyrischer Charakter anhaftet, wird der Schock deutlich, den die Betroffenen erfahren und die Gewalt, die hinter Rassismus steckt. Gewalt und Schock treffen auf Seele und Körper, die gezeichnet sind von der Unterdrückung und Zerstörung Schwarzer Menschen durch Sklaverei, Kolonialisierung und bis in die heutige Zeit herrschenden Rassismen und Rassifizierungen durch weiße.

Aus diesen Gesprächsprotokollen, die eher einer Fotografie, einer bildhaften Momentaufnahme gleichen, formt Kilomba anschließend psychologische Analysen, die sie mit postkolonialer Theorie und Erkenntnissen der Critical-Whiteness-Forschung anreichert, um den Leser_innen ein Bild vermitteln zu können, eine Erklärung für das zu geben, was in diesen Situationen passiert und was deren Ursachen und Motive sind.

In dem Essay „Das N-Wort“, das die Geschichte der jungen Schwarzen Kathleen aus „Plantation Memories“ im Zusammenhang des psychologischen Begriffs Trauma erzählt, gibt Kilomba zunächst eine kurze Einführung, warum sie sich dafür entschieden hat N. einerseits als Euphemismus für den kolonialrassistischen Begriff zu benutzen, demnach nicht auszuformulieren, und andererseits N. in seiner brutalen Klarheit zu verwenden. Sie will N. dekonstruieren: N. nicht länger nur als diskriminierendes Wort, das aus politischer Korrektheit oder Rücksichtnahme nicht ausgesprochen wird. N. nicht länger als rassistisches Dämon, das Sklaverei und Kolonialisierung von der Gegenwart entfremdet.

N. soll für Kilomba vielmehr den „gewalttätigen Schock“ und die Wunden deutlich machen, die mit seiner Benutzung einher gehen, N. als weißes Konzept, das Schwarze „in eine koloniale Ordnung festschreibt“. N., das Schwarze immer wieder auf schmerzhafte Weise daran erinnert, welchen Platz ihnen weiße in der Gesellschaft zuweisen und N., das zu einer traumatischen Erfahrung von gesellschaftlicher Loslösung und Entrissenheit führt. N., also das, sobald es ausgesprochen wird, die Vergangenheit zurück in die Gegenwart holt und Gegenwärtiges als koloniale Praxis sichtbar macht, etwas vermeintlich Vergangenem, das sich in Form von Alltagsrassismus mit der Gegenwart vermischt. N. ist demnach für Kilomba eine diskursive Praxis zur Machtherstellung und -erhaltung, eine Absicherung von Herrschaftsverhältnissen, eine Konstruktion von Hierarchien und nicht allein eine abwertende Bezeichnung für Schwarze und dahingehend will Kilomba die herkömmliche Konnotation von N. dekonstruiert wissen.

Kilomba verwendet N. in den Momenten in seiner Brutalität, in denen die Protagonistin Kathleen sprechen kann, von ihren Erlebnissen berichtet. Durch Kathleens Beschreibung der Situation wird ihre Schockerfahrung deutlich, in der sie bemerkt, dass sie weder weiß ist, noch für die Person, die Rassismus anwendet, zur selben Nationalität gehört. Diesen Schock, der mit der rassistischen Bezeichnung einhergeht, erlebt Kathleen als Ausgrenzung, sie wird aus einer Gesellschaft herausgerissen, in der sie sich als inkludiert betrachtet, solange Rassismus nicht offen ausgelebt wird. Sie sieht sich einer ständigen Angst ausgesetzt, Opfer von Rassismus zu werden, der selbst in solch einer vermeintlich banalen Situation zum Vorschein kommen kann, wie sie Kathleen erlebt.

Kilomba findet für diese ständige Angst einen drastischen Begriff: weißer Terror, vor dem sich Schwarze zu jeder Zeit fürchten müssen, mit dem sie allzeit rechnen müssen und der deswegen Teil der Schwarzen Identität wird. Diese oft unbewusste Angst vor Rassismus macht es nach Kilomba deshalb schwierig, Rassismus zu identifizieren. Er übernimmt nicht nur die Funktion einer kolonialen Praxis, sondern der schwelende Charakter der Angst ist selbst Teil von Rassismus.

Interessant ist neben der Verbindung von psychologischer Betrachtung und wissenschaftlichem Diskurs der permanente Schwarz-weiße Perspektivenwechsel, der Kilomba gelingt, trotz der Erfahrungen Kathleens, die im Zentrum des Textes stehen. Mit diesem Perspektivenwechsel wirft Kilomba eine wesentliche Frage auf, die von weißen gern verleugnet wird: Inwiefern profitieren weiße von Rassismus? Ohne Kathleen erneut zu objektivieren und damit rassistische Denkmuster zu reproduzieren, schafft es Kilomba eine weiße Sichtweise zu integrieren: Noch einmal bringt die Autorin die Rechtfertigungsversuche, die Legitimierung und Bagatellisierung von Rassismus durch weiße zur Sprache, die ebenfalls wie Rassismus selbst, eine weitere Demütigung von Schwarzen darstellen, ihre Erfahrungen unsichtbar machen und negieren und so Rassismus erneut in einer perfideren Art und Weise fortschreibt. Wiederholt kommt es zu einer Hierarchisierung, Machtdemonstration und einer Geltendmachung von weißen Herrschaftsansprüchen gegenüber Schwarzen, indem eine Deutungshoheit darüber postuliert wird, was Rassismus ist und was er für Schwarze bedeutet.

Darüber hinaus stellt Kilomba einen weiteren „Vorteil“ von Rassismus für weiße heraus, den sie das weiße Begehren nennt: weiße verbinden mit Schwarzen Exotik, Erotik und Authentizität. Sie wünschten sich daher in bestimmten Situationen in einen Schwarzen Körper. Rassismus ist in diesem Fall als konkrete Äußerung einer Wunschvorstellung weißer Menschen, die zeitgleich mit einer Objektivierung einhergeht, zu verstehen: Da eine gewaltvolle Aneignung in Zeiten von Dekolonialisierung, gesellschaftlicher Ächtung und Überwindung von Sklaverei sowie drohenden völker- und strafrechtlichen Sanktionen nicht mehr in dem Maße gelingt, transformiert Begierde in Neid. Diese Rassifizierung, basierend auf exotistischen Vorstellungen, stellt eine Bagatellisierung Schwarzer Rassismuserfahrungen dar. Keine weiße Person würde ernsthaft den Gedanken hegen, einen Schwarzen Menschen derart begehrenswert zu finden, mit ihm_ihr tauschen zu wollen, wäre er_sie sich individuellen wie kollektiven Rassismuserfahrungen von Schwarzen bewusst.

In „Das N-Wort“ skizziert Grada Kilomba Rassismen, Ursachen, Motive und die Auswirkungen rassistischer Gewalterfahrung in einer beklemmenden Dichte, die es weißen Leser_innen nahezu unmöglich macht, sich vom Text zu distanzieren. Mit ihrer fundierten theoretischen und zugleich menschlich-psychologischen Perspektive ermöglicht sie auch weißen einen Zugang, kritisch eigene Privilegien, rassifizierende Haltungen und Handlungen zu hinterfragen und zu reflektieren.

Literatur:
Kilomba, Grada (2009): Das N-Wort, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Afrikanische Diaspora, Bonn. Essay übersetzt aus und angelehnt an Kilomba, Grada (2008): Plantation Memories. Stories of Everyday Racism, Unrast Verlag Münster: 94-100.

*zu den Begriffen Schwarz/weiß: „Sie beziehen sich nicht auf die Hautfarbe, sondern sind politische Begriffe […] Dabei ist «Schwarze» die politische Bezeichnung für all diejenigen, die zu Objekten des Rassismus konstruiert werden; Weiße agieren als Subjekte rassistischer Prozesse und Akteure und Akteurinnen rassistischer Handlungen. Um deutlich zu machen, dass es sich bei Schwarzen und Weißen um Konstrukte des Rassismus handelt und nicht um biologisch klassifizierbare Gruppen, werden «Schwarz» und «Weiß» auch in adjektivischer Verwendung groß geschrieben. Dies geschieht vor dem Hintergrund, markieren zu wollen, dass Rassismus Weiße wie Schwarze konstruiert hat und Weiß-sein damit eine kulturelle und politische Implikation hat, die unabhängig davon besteht, Weiße Individuen sich dieser bewusst sind oder nicht.“ [aus Arndt/Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache, 2009, Unrast Verlag Münster, Seite 13.] Ich habe im Gegensatz zu Arndt/Hornscheidt «weiß» durchgängig klein geschrieben, um die Subjekt-Objekt-Konstruktion von «Schwarz» und «weiß» aufzubrechen. Nähere Erläuterungen zu dieser Sprachpraxis hier.

[Disclaimer: Ich veröffentliche in unregelmäßigen Abständen Texte, die ich irgendwann im Rahmen meines Studiums verfasst habe. Bisher gibt es hier zwei Textrezensionen zu den Themen Kolonialismus und Unterdrückung, einen Kommentar zu Zweigeschlechtlichkeit sowie eine politische Rede zum Staatsbürgerschaftstest zu lesen. Auf der Mädchenmannschaft habe ich eine Textrezension zum Thema Differenz, Gleichheit und Dekonstruktion fallen lassen.]

2 Kommentare

  1. Danke! Leicht OT: Momentan befinde ich mich immer wieder mal auf der Suche nach Büchern über Südafrika/ von Südafrikanern, da mein Bruder bald dorthin fährt und ich ihn gerne mit entsprechender Literatur beglücken möchte, und ich bin jedesmal geschockt, dass es im üblichen Buchhandel 1. kaum etwas von Südafrikanern selbst gibt, 2.in welchem Ausmaß in mehr oder weniger deutlich kolonialem Gestus über das Land geschrieben wird wird. Gestern z.B. hatte ich das Buch „Gebrauchsanweisung Südafrika“ in der Hand, und hinten drauf war zu lesen: „Ein Land, in dem gerade mal 10 Prozent weiß sind.“ Überraschung! Und natürlich ein großes Abenteuer für jeden Weißen, sich unter soo viele Schwarze zu begeben! Oder was soll damit gesagt werden?! Drinnen auf der ersten Seite, die ich aufschlug, ein Zitat über „den schwarzen Mann“ eines Typen, der gleich im nächsten Satz als „keinesfalls ein Rassist“ tituliert wurde, denn seine „bezaubernde“ Frau sei ja eine „Coloured“. Ich spiele noch mit dem Gedanken an einen Brief an den Verlag…

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