Die Dialektik des kolonisierten Geistes

In seinem Buch „Die Identitätsfalle – Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“ versucht sich der indischstämmige Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen an der Widerlegung von Samuel Huntingtons Thesen der „Clash of Cultures“. Während Huntington die Welt in verschiedene Kulturen aufteilt, die in sich geschlossene, homogene und voneinander völlig unterschiedliche Gruppen sind, deren Unterschiede darauf angelegt sind, Konflikte herauf zu beschwören, zeichnet Sen ein differenzierteres Bild von Kulturen.

Seiner Ansicht nach gibt es diese signifikanten Unterschiede zwischen Kulturen nicht, sie finden sich eher innerhalb einer Kultur. Zudem haben schon immer Austauschprozesse zwischen Kulturen stattgefunden, sowie können Mitglieder einer Kultur zeitgleich einer anderen angehören, Identitäten können sich wandeln, abgestreift und wieder angenommen werden. Es existiert also eine hohe Fluktuation an Mitgliedern einer Kultur, außerdem kann sich Kultur an verschiedenen Merkmalen festmachen. Huntingtons Grenzziehung beschränkt sich in „Clash of Cultures“ hauptsächlich auf das Merkmal Religion, wobei er zusätzlich in westlich und nicht-westlich geprägte Kulturen unterscheidet. Auch hier widerspricht Sen Huntingtons Methode, westlichen Kulturen demokratische Werte von Freiheit und Gleichheit als ursprünglich zuzuschreiben und findet viele Beispiele, um seine Argumentation gegen eine dichotome, naturalisierende und essentialisierende Aufteilung der Welt zu untermauern.

Besonders geschickt ist dabei Sens Vorgehensweise die wesentlichen Punkte aus Huntingtons Buch herauszugreifen und sie aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Er betrachtet Huntington also als seinen „Tandempartner“, erkennt die Motive und Ursachen für Huntingtons Thesen an und nimmt ihn ernst. Sen zeigt ebenso wie Huntington auf, dass es Widersprüchlichkeiten und Konflikte zwischen Kulturen gibt. Er erliegt damit keinem Kulturrelativismus und keiner antiwestlichen Rhetorik. Sen ist daran gelegen, sich der Ängste der Menschen, die Huntington zustimmen, anzunehmen und ihnen einen konstruktiveren, auf interkultureller Verständigung ausgelegten, Zugang zu kulturellen Konflikten und deren Ursachen aufzuzeigen.

Im Kapitel „Westen und Antiwesten“ widmet sich Sen der Problematik um die Unterscheidung der Welt in eine westliche und antiwestliche. Als wesentliche These aus diesem Kapitel kann die „Dialektik des kolonisierten Geistes“ hervorgehoben werden. Die Kolonialgeschichte vieler Länder, der Umgang mit Kolonialismus von Seite der Kolonisierten und Kolonisierenden, die postkoloniale Periode sind zentrale Ansatzpunkte für Sen, um darzulegen, wie es zu einer westlichen beziehungsweise antiwestlichen Haltung oder Argumentation kommen kann. Die „Dialektik des kolonisierten Geistes“ besagt, dass ehemals kolonisierte Staaten sich gegen jegliche Einflussnahme durch (vermeintlich) westlich zivilisierte Länder wehren, gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, gegen alle Formen von Kultur, Kunst und des sozialen Zusammenlebens, gegen politische Praxen und Auffassungen. Stattdessen heben sie eigene Errungen-schaften besonders hervor, was mitunter in einem sogenannten „antikolonialen Nationalismus“ gipfeln kann. Hier wird der Wunsch ehemals kolonisierter Staaten deutlich, möglichst unabhängig und frei von westlichen Einflüssen zu agieren und deutlich zu machen, dass die Fähigkeit besteht, Eigenes hervorzubringen, ohne auf Hilfe oder Belehrungen von anderen oder außen angewiesen zu sein.

Im Gegensatz dazu, und das macht die Dialektik aus, besteht nach Worten von Sen eine „Besessenheit“ vom Westen. Für Sen umfasst diese Besessenheit ein großes Spektrum, das von „sklavischer Nachahmung bis zur entschiedenen Feindschaft“ reicht. Noch immer sind diese Länder also in irgendeiner Weise vom Westen abhängig, beziehungsweise von dem, was sie als westlich verstehen und konstruieren. Diese Konstruktion bleibt stets unhinterfragbare und unhinterfragte Norm und Maxime eigenen Denkens und Handelns.

Sen ist es wichtig zu betonen, dass die Ursache für diesen Widerspruch nicht allein in der in den real stattgefundenen Gewaltakten des Kolonialismus und damit einer als gerechtfertigt empfundenen Wiedergutmachung zu suchen sei. Folgenreicher und tiefgehender sei der psychologische Aspekt der Kolonisierung: Die Narben der Demütigung und einer aufgezwungenen Wahrnehmung von Minderwertigkeit, die sich bis in die postkoloniale Zeit fortsetzt. Zudem haben die ehemaligen Kolonialmächte „politische und wirtschaftliche Asymmetrien“ hinterlassen, die es zu überwinden gelte.

Um diese Dialektik aufzubrechen und sich von einem homogenen westlichen Bild zu lösen, dass man hassen oder dem man nacheifern kann, plädiert Sen für eine neue Form des Selbstverständnisses ehemals kolonisierter Länder. Dabei ist es zunächst wichtig anzuerkennen, dass die Ablehnung vieler Ideen mit dem Argument, sie seien westlich, die Gefahr mit sich bringt, entscheidenden Fortschritt und die Überwindung der Folgen des Kolonialismus zu verpassen. Auch müsse man begreifen, dass eine antiwestliche Einstellung und Rhetortik religiösen Fundamentalismus in ehemals kolonisierten Ländern fördere, dessen einzige Grundlage das Feindbild „Westen“ ist.
Ebenfalls gilt es die fortwährende Konstruktion des Eigenen und des Anderen, des Westen und Antiwesten, die eigene Wahrnehmung als Andere zu beenden, da auch diese wiederum einseitige Sichtweisen darstellen und so pluralismus-feindliche Strukturen befördern können. Mit dieser in die postkoloniale Zeit verlängerten Denkweise in Dichotomen üben Kolonialmächte noch immer einen großen Einfluss auf ehemals Kolonisierte aus und erschweren die Etablierung einer neuen, unabhängigen und empathischen Identität. Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnisse bleiben bestehen.

Was Sen fordert, ist nicht minder die geistige Loslösung von der Zeit des Kolonialismus und das Einnehmen einer objektiven Perspektive, die sich gleichzeitig Freiheit, Gleichheit und Pluralismus als Handlungsmaxime anerkennt und aus dieser neuen Perspektive heraus, andere Strategien zur Überwindung der Folgen des Kolonialismus zu entwickeln und eine eigenständige, selbstbewusste Identität zu begründen versucht. Sens Ansatz hat also eindeutig einen Empowerment-Charakter, der von eindeutiger Täter-Opfer-Zuweisung, „Westen-Antiwesten-Konstruktionen“ und Epistemen absieht.

Bei Sens Vorschlägen ist auffällig, dass er sich selbst stets in der Rolle des unabhängigen Betrachters sieht, der als Mediator in einem Konflikt von zwei Streitparteien fungiert. Unbestritten ist, dass die „Dialektik des kolonisierten Geistes“ dazu beiträgt, die Dichotomie von Westen und Antiwesten aufrecht zu erhalten und die totalitären Denksysteme des Kolonialismus in die Zeit des Postkolonialismus zu übertragen. Leider bezieht Sen wenig Erkenntnisse aus den Postcolonial Studies und der Critical Whiteness Forschung in seine Argumentation ein, um wirklich ein umfassendes Bild von den Ursachen der bipolaren Konstellation von Kolonialmächten und Kolonisierten zu ermöglichen. Denn auch der „Westen“ trägt seinen Teil zur Fortführung des Konfliktes bei. Handlungsvorschläge erarbeitet Sen hingegen nur für eine Seite.

Freilich ließe sich auch im westlichen Handeln eine Dialektik erkennen: Eine möglichst weite Abgrenzung vom sogenannten Antiwesten, die nicht minder gewaltvoll gestaltet wird, Konstruktion vom Eigenen und Anderen, ohne Hinterfragung und Selbstreflektion. Dem gegenüber steht beständiges Hegemonalverhalten sowie Versuche, normierend in die Lebenswelt von ehemals kolonisierten Staaten einzugreifen. Eine alleinige Veränderung des Selbstverständnisses dieser Länder würde also die Dichotomie nicht auflösen.

Literatur:
Sen, Amartya (2007): Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, Bonn.

[Disclaimer: Ich veröffentliche in unregelmäßigen Abständen Texte, die ich im Rahmen meines Studiums schreiben muss. Bisher gibt es hier eine Textrezension zum Thema  Unterdrückung, einen Kommentar zu Zweigeschlechtlichkeit sowie eine politische Rede zum Staatsbürgerschaftstest zu lesen. Auf Mädchenmannschaft habe ich ebenfalls eine Textrezension zum Thema Differenz, Gleichheit und Dekonstruktion fallen lassen.]

Foto: sarahbü. Lizensiert unter Creative Commons.

13 Kommentare

  1. danke! das klingt super-interessant! habe gerade „in the name of identity“ von amin maalouf vor mir, das sehr gut sein soll und vermutlich ähnlich argumentiert. einige passagen haben mich auch an „being arab“ von samir kassir erinnert, das recht kurz und ebenfalls sehr, sehr lesenswert ist.

  2. Ich muss zugeben, dass ich nur selten die Muße habe, mich mit solche Inhalten zu beschäftigen. Diesmal allerdings habe ich es komplett gelesen.

    Wenn ehemalige Kolonialländer stets bemüht sind, alles Westliche, bzw. alles an kulturellem und wissenschaftlichem Gut, dass zu ihnen herüberdringt, abzulehnen, nur weil es aus den ehemaligen „Herrscher“-Ländern stammt, besteht ja doch eine gewisse Abhängigkeit zu Westen, von dem sie sich ja eigentlich lösen wollen, da die Wahrnehmung, was sinnvoll ist und was nicht (und der daraus resultierende sog.Anti-koloniale Nationalismus) westlich definiert wird… von daher ist die Abgrenzung extrem eindimensional. Soviel zu dem was ich verstanden habe.

    Ich kann aber keine Lösungsansätze finden, die Sen enwickelt hätte, um eben jene westlichen und anti-westliche Normen aufzulösen.

    Oder ist das Inhalt des restlichen Textes und dieses hier ist nur ein Auszug?

    Es wäre zum Beispiel ein ziemlich Balanceakt, das Selbstverständnis ehemaliger Kolonialstaaten neu aufzubauen, wenn ihre Vergangenheit und auch ihr Kulturgut in seiner heutigen Form stark von der Zeit als Kolonie geprägt ist, womit der Übergang zur Besinning auf „alte Werte“ und dem „anti-kolonialem Nationalismus“ fließend wäre.

  3. @Nina

    ich habe nur ein Kapitel aus dem Buch rezensiert. In diesem schlägt er schon Lösungsansätze vor, auf die ich auch in meinem Text nochmal eingehe, aber zu einseitig finde. Er empfiehlt nämlich nur ehemals kolonisierten Staaten, „sich anders zu verhalten“. Für „westliche“ Staaten schlägt er lediglich „Veränderungen in der Außenpolitik“ vor. Das war’s. Ein Satz. Das reicht mir nicht.

    Wir sehen doch tagtäglich sehr gut, wie Kolonisierung und Hegemonie seitens „westlicher“ Staaten weitergehen, egal, wie sich die anderen neu positionieren. Hier muss von beiden Seiten gearbeitet werden, dazu bräuchte es aber erst einmal Reflexionsprozesse.

  4. Das klingt für mich ziemlich verwaschen. Wie sollen diese Veränderungen in der Außenpolitik aussehen? (Mit meiner Küchenpolitik würde ich zudem sagen, dass die Außenpolitik, die z.B. Deutschland zu ehemaligen Kolonialstaaten pflegt, vertretbar ist.)

    Solange die Definition von „westlich“ und „nicht westlich“ weiterhin das Leben der ehm. Kolonialstaatvölker so prägt, wird keine Reflexion möglich sein und sie ist ja auch nicht gewollt.

  5. Dass mal wieder nur patriarchale Kulturen erwähnt werden, ist schon normative Tradition. Würden Vergleiche mit den NOCH existierenden Matriarchaten gemacht werden, dann wäre wohl wesentlich mehr erkennbar, als durch Vergleiche die keine sind, weil sie ja nur verschiedene patriarchale Versionen betreffen.
    Mein Fazit:
    Sens Buch ist keinen Pfifferling wert.
    Schade um die Bäume, die dafür gefällt werden mussten.

    Liebe Grüße,
    Lucia

  6. Was soll der Vergleich mit matriarchalen Kulturen bringen?! Hier geht es vornehmlich nicht um das Patriarchat, sondern um Kolonialismus.

    Wo existieren denn noch Matriarchate?

  7. Edit:
    Habe ich nicht richtig formuliert, es muss heißen:

    Durch den Vergleich der patriarchalen mit der matriarchalen Kultur, lässt sich auch der patriarchal geprägte Kolonialismus besser durchleuchten.

  8. @flawed:

    Ob es meistens patriarchale Kulturen waren, mit denen die Kolonialisten konfrontiert waren, ist schwer nachzuvollziehen. Weil das von denen nicht explizit erwähnt wurde. Und die nachfolgenden christlichen Missionare hatten daran auch kein Interesse, denn sie machten ja im Namen ihres Gottes die ihnen fremde Kultur sowieso platt.

    Der polnische Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski hat 1914 in der Südsee noch die existierende matrilineare Kultur der Trobriander beschrieben. Einige nordamerikanische Indianerstämme sind heute noch matrilinear organisiert. Die Tuareg in Afrika sowie einige in Asien lebende Völker auch noch.

    Die vor ca. 7.000 Jahren aufkommenden Patriarchate haben aber die meisten Matriarchate zerstört, weil sie die ihnen überlegenen weiblichen Kulturen hassten. Und deswegen haben auch noch heutzutage männlich dominierte Kulturen Schwierigkeiten, die viel ältere matrilineare Kultur zu akzeptieren.

  9. @lucia

    Danke für die Informationen. Ich weiß trotzdem gerade noch nicht, inwiefern jetzt Patriarchat und Kolonialismus genau zusammenhängen, kannst du kurz erklären, was du meinst?

  10. @lantschi:

    Für mich ergibt sich der Zusammenhang aus der Tatsache, dass der Kolonialismus in patriarchal denkenden Köpfen entstanden ist. Der ist ja nicht unabhängig davon, erst in den Kolonien entstanden.

    Lg, Lucia

  11. @Lucia:
    Ich habe ein ungutes „Gefühl“ bei deiner Argumentation – aus zwei Gründen. Zum einen gibt die Herkunft eines Phänomens nur selten Auskuft über sein inneres „Wesen“ – und wenn das Matriarchat das Rad erfunden hätte, wäre das Rad nicht matriarchal (zumindest eben nicht zwangsläufig). Zudem gibt es gerade aus dem progressiven Teil der Gender-Studies inzwischen berechtigte Kritik an der Verwendung der Begriffe „Patriarchat“ und „Matriarchat“ (vgl.: http://rhizom.blogsport.eu/2010/08/18/vom-mythos-des-matriarchats-zur-modernen-gender-forschung/).
    Probleme mit Sen’s Buch habe ich aus einem ganz anderen Grund – er argumentiert schlicht kulturalistisch. Seine Tips zur Überwindung des Dilemmas lesen sich denn außer schwammigen Allgemeinplätzen immer wie aus einem Ratgeber für persönliche Problemchen – nicht immer nein oder ja sagen, sondern mal nachdenken was gut und was schlecht ist, etc. Was er ausklammert, sind die fortbestehenden Abhängigkeits- und Gewaltverhältnisse an denen der Kulturkonflikt erst seine Brisanz erhält. Die Armut vieler ehemaliger Kolonien ist ja kein kulturelles Problem.
    @ Ninette: die Außenpolitik der BRD gegenüber ihren ehemaligen Kolonien ist eine ausgemachte Sauerei. Bis heute wurde zum Beispiel nicht die juristische Verantwortung für den Völkermord an den Hereros übernommen, sondern lediglich eine schwammige moralische. Zudem wird die koloniale Vergangenheit permanent verniedlicht: als ob die Niederschlagung des Boxeraufstandes in China eine verzeihliche Fußnote in der Geschichte Deutschlands gewesen sei. Kurz: die ohnehin schon widerliche Selbstpräsentation der Deutschen als der geläuterten Good-Ones ist im Bezug auf den Kolonialismus extraekliger ideologischer Popanz.

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