feminismus als selbstinszenierung

ich habe genau zwei politgruppen: meine band und die mädchenmannschaft. ich mag politgruppen nicht, ich gehe eigentlich nie zu regelmäßigen treffen von gruppe sowieso und arbeitskreis dies und das, selbst wenn mich die themen interessieren. mit politgruppen ist es bei mir wie in liebesbeziehungen. ich habe keinen bestimmten typ, wie mythen um verlieben und anziehung uns immer erzählen wollen. ich verliebe mich, weil ich menschen kennenlerne. obwohl es dreist und falsch wäre zu behaupten, dass äußerlichkeiten keine rolle spielen würden (das tun sie immer! diskriminierende blickregime! und nein, niemand kann sich davon freisprechen), denke ich, dass menschen mich umso mehr anziehen, je vertrauter und näher wir uns sind. ich finde mich in gruppen zusammen, weil wir ähnliche herangehensweisen und perspektiven haben, mit dem, was wir wollen. mit der band ist das so, mit der mädchenmannschaft ist das so. verschiedene charaktere, die dynamiken passen, wir haben uns aufeinander eingegroovt. wir haben uns kennen- und lieben gelernt. wir lernen voneinander, wir bereichern uns, wir schenken uns aufmerksamkeit, wärme, zuneigung, wir reden nicht nur über dinge, die nicht viel mit unserem leben zu tun haben. deswegen mag ich politgruppen nicht. weil sich dort meistens zuerst über inhalte zusammengefunden wird, noch bevor ich die leute kenne, die über diese inhalte sprechen.

die feministische netzszeneria in schland ist so eine politgruppe. mensch folgt sich, weil irgendwas mit antira, queer-feminismus, radikal, bunt, glitzer, pink, riots not diets in der twitter bio steht und sich tag ein tag aus über die gleichen sachen empört wird. doofer artikel in leitmedium xy hier, voll der kackscheißefail von dude tralala dort, schnell noch ein RT der demofotos gemacht, #hashtagerfunden und zwischendrin wieder ganz viel personal mimimi. manche haben 10k-20k follower, schreiben bücher, reden auf veranstaltungen, kündigen ihren ausstieg an, kommen wieder,  posten selfies und haben die pille danach zum feministischen thema des jahres auserkoren. manche haben eigene blogs oder tumblrs. irgendwo zwischen all den dingen, die ich gerade aufgezählt habe, bin ich.

ich hab lange angenommen, das internet sei meine favorite politgruppe. ich habe in fünf, sechs jahren tolle menschen über das internet kennengelernt, mit denen ich heute befreundet bin und die ich regelmäßig von angesicht zu angesicht treffe. ein paar andere sind vielleicht (noch) nicht meine freund_innen, aber wir haben uns gern und schätzen uns. ich habe lange angenommen, das internet sei meine favorite politgruppe, weil ich der festen überzeugung war, dass die ganzen blasierten feuilletonisten und internetausdrucker unrecht haben mit ihrem kulturpessimismus, das internet würde soziale beziehungen kaputt machen und unser hirn zu brei und überhaupt seien wir doch zu wahrer, echter kommunikation überhaupt nicht mehr fähig in dieser fantasiewelt, in der wir uns ständig aufhalten, sobald wir den laptop aufklappen oder das smartphone zücken!!! heute denke ich, dass ich mir ganz schön viel von den blasierten feuilletonisten und internetausdruckern abgeschaut habe in sachen kulturpessimismus.

ich bin immer wieder aufs neue beeindruckt, was das internet alles schafft. aktionen, interventionen, kritikformen, netzwerke, es ging ab in den letzten jahren aktivismus, in einer rasanten geschwindigkeit, überbordenden informationsdichte, das ganze pipapo. ich preise das internet für all das, was ich in meiner zeit als (netz)aktivistin mit/erleben durfte. vieles wäre ohne internet gar nicht denkbar gewesen oder völlig anders verlaufen. das internet hat politischen aktivismus wahnsinnig verändert. manchmal bin ich naiv und kann mir gar nicht vorstellen, dass die zahl derer, die in schland gegen diskriminierung kämpfen, so dermaßen gering ist, dass das bundesamt für statistik für sie bisher keinen namen hat, der irgendwas mit hintergrund heißt.

vor einer weile hat mich das internet kaum noch interessiert. eine der gründe war, dass ich jedes mal, wenn ich bei twitter auch nur länger als 5 minuten eingeloggt war oder einmal durch meinen feedreader scrollte, angstattacken und depressive schübe bekam. oder mir platzte gefühlt der schädel. ich fand es extrem anstrengend, mich in dieser riesenpolitgruppe namens netzfeminismus zu bewegen. es war wohltuend sich eine auszeit zu gönnen. mein blick auf die welt verengt sich auch heute noch sehr schnell, wenn ich zu lange online bin. ich kann dann nicht mehr filtern, was ich wichtig finde und was nicht. was relevanz hat für mich und was nicht. wenn ich überfordert bin, werde ich wütend, traurig, nervös, kann nicht schlafen, nicht essen, kurz: mein leben kotzt mich an. einen großen anteil daran hat diese politgruppe namens netzfeminismus. ich fühl mich manchmal wie bore out.

obwohl ich mittlerweile meine timelines und feedreader sehr gut sortiert habe und eigentlich nur noch personen und blogs folge, die mir wichtig sind und die ich immer lehrreich, lustig und informativ fand, schwappt dann doch mal durch RTs oder verlinkungen zeug in meine timeline, das mich instant runterzieht oder auf die palme bringt. und ich gebe zu, dass der langweilige privileged quark (neue männer, boyfriends, gleichstellung, frauen!!!, heten!!!) mich nur noch müde lächeln lässt. was mich ärgert ist eine bestimmte attitüde, die von Alphafeministin bis queer underground reicht. Eine inszenierung einer politisch korrekten identität, die getrieben ist von ständiger selbstoptimierung bei permanenter larmoyanz. eigentlich steht das eigene leid 90% der zeit im vordergrund, aber um diese selbstzentrierung zu kaschieren, werden zwischendrin random links und texte umhergeschickt und reflektierte gedanken formuliert, die von anderen beflissentlich gefavt und RT werden. diskriminierend sind immer nur die anderen und eigene privilegien finden tarnung hinter einer rhetorik, die kritik abprallen lässt. vieles davon finde ich extrem emotionslos und irgendwie mechanisch, so als sei aus den leuten das leben herausgesaugt, als würde die welt nur noch darin bestehen, von ihnen benannt, einsortiert, bewertet und politisiert zu werden. als sei welt eine einzige rationalisierte, intellektualisierte analyse. auch dann, wenn behauptet wird, intellektualismus sei nur was für’s bürgertum (und bürgertum: das sind auch immer nur die anderen).

ich bewege mich auch hierbei zwischen all dem und kann mich selbst nicht davon frei sprechen, merke aber, dass mir das überhaupt nicht gut tut, so zu agieren oder anderen dabei zuzusehen. vieles davon erinnert mich stark an christliche traditionen, an deutschland und sein unendliches streber_innentum mitsamt seiner nervigen nörgelei und seinem bürokratischen, emotionslosen, funktionalistischen verständnis von nahezu allem, perfektionismus mit stock im arsch und jammern auf höchstem niveau. und wenn ich mir anschaue, wer sich und wie wir uns da so gegenseitig behuddeln und beflauschen und strichlisten führen für fails, wie wir uns wie die geier auf leute stürzen, die undifferenziertes gedöns labern, aber selbst nicht besser sind, ständig auf der suche nach neuen marginalisierten identitäten, weil privilegiert das neue unsichtbar ist (und wir wollen sichtbar sein, sichtbar sichtbar! nicht mehr und nicht weniger als das), ja dann komme ich zu dem schluss, dass das wohl wieder nur ein um sich selbst kreisender privilegierter, studierter, weiß(und machmal auch west)deutscher zirkel ist, der sich nicht fragt, wo all die anderen sind, aber ständig von ausschlüssen redet, der sich leider viel zu wenig gedanken darum macht, was wir gemeinsam verändern und wie wir uns gegenseitig stärken können und zusammen an projekten arbeiten können. und der nicht ehrlich zugeben kann: nein, ich arbeite nicht mit dir zusammen. nicht, weil du privilegiert bist / problematische politiken fährst, sondern weil ich dich einfach nicht leiden kann.

wenn andere auf die eigene verantwortung hinweisen, die immer nur ins außen verlagert wird, sind sie die rücksichtlosen mistkühe (<3), die vermeintlich längst nicht so diskriminiert sind wie eine_r selbst. und wenn es das nicht ist: irgendeine politisch korrekte ausrede findet sich immer. wer keine verantwortung übernimmt, hat eben mit diskriminierungsbelastung zu tun. lieber meinen nachmittag am see mit meiner zweierbeziehung zubringen, mich besaufen, meinen guilty pleasures nachgehen, fernsehen, ausmalen sind dann keine dinge mehr, die ich tue, weil ich sie möchte (ganz egal, wer das privilegiert findet), sondern das ist dann self-care. und das wird ja wohl erlaubt sein! weil politisch und so!!! feminist burn out!!! mal sehen, wer von uns diesen aktivismus als erste_r durchgespielt hat. und wie viele social justice tumblr ich dafür noch abonnieren muss.

das internet ist prädestiniert für selbstinszenierung. deswegen mag ich das internet. weil ich mich verstecken kann, weil ich mich ausprobieren kann. dass ich mich gar nicht so ausprobieren kann, wie ich möchte, weil ich im internet nur 2 identitäten habe [hysterische, irre, faschistoide lesbe/klima der angst und die silencende privilegierte feministin], egal was ich tue, habe ich erst später bemerkt. deswegen bin ich aus der großen politgruppe netzfeminismus ausgeschieden (aber es gibt ja gar nicht DEN! netzfeminismus)  und verlasse seitdem lieber öfter mal das haus, mache fehler und scheitere (an meinen eigenen ansprüchen), konzentriere mich (mehr) auf meine politgruppen und freund_innen. sehr empfehlenswert.

ich hab ewig keine rants mehr geschrieben (bis auf diesen hier), weil ich zwischendurch zu der erkenntnis gelangt bin, dass das unproduktiv, unkonstruktiv, undifferenziert und keine coole form von politik ist, womöglich fallen da noch worte, die undurchdacht sind oder sowas. rants sind überhaupt nicht selbstkritisch. die 2,3 selbstkritischen sätze im text habe ich auch nur so pseudo reingeschrieben. weil eigentlich habe ich gerade gar keine lust mich selbst zu kritisieren. voll edgy.

queer gaze and identity politics. a short rant.

genderqueer, non-binary, agender, non-gender, neutrois, genderneutral…

why is it so often that these terms are so appealing to people with a/n androgyn / masculine gender performance or people who want to transgress their (former) “female” appearance (“female” in eyes of others) and/or “female at birth” status and/or their falsely defined status as “woman”? why is it seldom seen or recognized, that people with a feminine gender performance (in the eyes of others) or queer femininities use these terms for themselves? who is forced into what terms describing gender performance/expression/identity because of what gender performance/expression?

today is trans*march in berlin and i have been asking myself for a long time, if i could run this event as a subject of trans*_politics or an ally to trans*politics and why do i even (have to) distinguish between the two? and why does it even matter for me?

i get angry when i’m forced into a cis label, because i do not use the terms above or trans* or others, even though i don’t consider myself a woman or because i don’t out myself all the time as a non-woman in front of others. but i do know, that i sometimes profit from a system, that only knows two genders and force people into violent conditions to live their identity. i do know that sometimes it is a relief to be mis_gendered as woman and having the chance to vanish, not causing a fuzz because people wouldn’t suggest i’m not a woman, when they see me. but i experience gender based violence, in mis_gendering, in called a dyke, a cunt, in staring at me and analyzing my gender performance, deciding whether i’m human or not, in irritating, in threatening me with violence, in confronting me with heteronormativity 24/7, in not taking into account what my living conditions and my wishes for life are because i don’t consider myself a woman.

i get angry when i’m forced into a cis label, because i prefer to call myself … or not call myself anything in terms of gender. i get angry, when i’m forced into a cis label, because my identities didn’t count as gender identities. (because sexuality/desire has nothing to do with gender??? haha, ask the heteronormative system. when you’re a not a white heterosexual woman, then you are not considered a woman_human at all. i could write a book about how heteronormativity changed and shaped the way i want to look, to behave, to identity, to desire, to define myself. and if you’re not labeling yourself as the known gender transgressive terms, in fact you must be one of these old-fashioned and terribly mainstream-ly trans*phobic woman-loving-woman thingies…how bad for you, not to be that fancy modern queer person…how bad for you that i decide who i am, whom i relate to, who i do not/want to fuck with, how my politics look like, you ignorant and sexist prick?! what kind of fuckery is this to belittle someone for being /maybe/ privileged?!)

i get angry when i’m forced to out myself, when i don’t want to be forced into a cis label, because i do not refer to the known gender transgressive terms to describe my living, myself. or when the cis/trans binary is the only line, on which it is decided if you experience gender based violence or not. proof my identity as “belong into” with my experiences in front of others. like it’s 2004 and i’m shamed in front of a bunch of classmates for kissing a girl the other night. cis as a term for “only privileged”.

i think i’ve missed the point, when violence and discrimination became a desired identity, muffled with fame, glitter and authority to speak for everyone else. i think i’ve missed the point, when not experiencing (some forms of) violence and discrimination means a bad thing, to be ashamed of, to feel guilty about, to want it go away, to be one of the enemies, rather not talk about it, to increase the wish to be marginalized. i’m happy about every little privileged aspect of my life, because i can’t even imagine how to cope with more bullshit i have to cope with already. because it never came to my mind to idealize/romanticize the oppression of others.

i get angry when i realize that i could easily use one of these known terms and not even be questioned about it in the queer_feminist scenes i live in. and other persons would, if they do so. they are not given flyers for femme events, for the trans* march, because they do not “look” like…
they are labeled as femmes and/or trans* because they do “look” like…
i get angry when people don’t consider to fill some labels with their own ideas, drags and bodies and looks and politics, to use them as empowerment, because they are already been occupied by normative ideas, symbols, politics and pictures (mostly invented by white_ablebodied people who have the power to define). i get angry when people have to push their own ideas, drags and bodies and looks and politics, their empowerment, into labels mostly invented/appropriated by white_ablebodied people who have the power to define, to get recognized, to be someone name-able and respectable.

i’m so sick of all the queer gaze and identity politics, re-inforcing and holding up sexist_racist_ableist standards, celebrating them as progressive and transgressive. when profits and privileges don’t have a name anymore because you are/label yourself as … and that’s why you can’t be one of those silly allies, blamed for not fulfilling the standards of solidarity, accountability, responsibility. because we do that already because we are …

because we are … we don’t have to liberate ourselves (together). others have to. and how dare they not to, as we want to. as we decide to, because we are …

because we are … we don’t have to proof with our actions, just with our labels.

Was ist eigentlich Mainstream?

Ein Dauerbrenner: Das Funktionalisieren und Quantifizieren von Privilegierung/Diskriminierung mittels Zahlen oder Mengenbegriffen, um irgendeine Kackscheiße zu rechtfertigen. Neben Mehrheit/Minderheit-Geschwurbel oder dem netten Begriff “alle” (wer ist das überhaupt?), taucht auch “Mainstream” immer mal wieder auf im Zusammenhang mit feministischem Aktivismus.

“Feminismus muss endlich im Mainstream ankommen.” “Endlich mal eine, die Feminismus für den Mainstream macht.” “Damit Feminismus auch den Mainstream erreicht.” usw usf. Mainstream ist cool, Mainstream ist hip, Mainstream wird gefeiert. Doch wer oder was ist dieser Mainstream eigentlich? Und warum wollen ihn bestimmte Feministinnen endlich erreichen, ansprechen, mitnehmen? Wer sitzt da am anderen Ende der Leitung und will abgeholt werden? Und wohin wird die Reise dann führen?

Nehmen wir folgendes Beispiel, weil es gerade ein aktuelles gibt, wo mal wieder eine Mainstream-Meinung gefeiert wird: Emma Watson. Eine weiße privilegierte Hetera, die betont, dass Feminismus nichts mit Typenhass zu tun hat und alle meint (nicht nur Frauen… oder so), es um Gleichheit von Menschen geht, um Menschlichkeit… Schlafen euch auch schon die Füße ein?

Wenn Kritik kommt, dass das Geseier von so einer Person mit diesem Inhalt nun wirklich problematisch ist, weil privilegiertes liberales Gewäsch (ja, Liberalismus ist so eine weiße Idee, auch die Rhetorik von wir sind doch alle Menschen) oder gar: Feminismus als edgy Zusatz für die eigene heterosexuelle Verwertbarkeit…nun ja, dann kommt meistens als Argument: ABER SIE MACHT ES DOCH FÜR DEN MAINSTREAM!!!
Sie macht es noch nicht mal für mich!!! Sondern für all die Dummköpfe, die es noch nicht kapiert haben!!! Die noch überzeugt werden müssen von der guten Sache!!!
NA DANN!!!

Hey und es ist mal nicht so kompliziertes Gesülze mit Rassismus und Heteronormativität und so. Es ist einfach für alle.

Spannend finde ich neben der Tatsache, dass das kein Argument auf die vorgebrachte Kritik ist (sondern Abwehrverhalten), wer auf diese Kritik so reagiert und wer diese Mainstream-MärtyrerInnen eigentlich abfeiert.

Es ist Übersetzung nötig und ich spiele jetzt mal die Dolmetscherin.

Gucken wir uns folgende Szene nochmal im Schnelldurchlauf an >>

Emma: Feminismus, kein Männerhass, Männer sind auch mitgemeint, Menschen allgemein, blablabla
Feministin: VOLL COOL!!! *verlink*
Killjoy: Kritik.
Feministin: Mainstream, die Leute da abholen, wo sie stehen, unkompliziert, alle, blablabla

Ich übersetze den letzten Satz, damit wir auch alle(!) verstehen, was Mainstream eigentlich heißt >>

Feministin: “Endlich mal eine (die Emma), die so denkt wie ich. Endlich mal eine, die von meinen Erfahrungen, meinen Gedanken und meinen Gefühlen spricht. Endlich mal eine, die meine Lebensrealität wiedergibt.”

Woher sollte sonst der Enthusiasmus herrühren, mit dem so etwas verlinkt wird? Wir kennen doch alle die kleinen Seelenöle des Empowerments.

Mit Mainstream meint die Feministin nicht alle, sondern sich selbst. Die Erfahrung einer privilegierten weißen Hetera, die wahlweise von einer anderen privilegierten Hetera oder eines privilegierten weißen Hetero-Typen ausgesprochen wird. Privilegierte weiße Heteras haben es schwer, sich von der Ideologie loszusagen, bei der sie einzig und allein Opfer sind und niemals Menschen mit gewaltausübender Geschichte, mit Profiten, die sie aus einem gewaltausübenden System ziehen, das z.B. auch Rassismus und Heteronormativität hervorbringt (und ihr eigenes Hetendasein).

Um zu rechtfertigen, dass sie Thesen abfeiern, die sich ausschließlich um sie drehen und die Folge dieses Systems sind, müssen sie daher anfangen von Mainstream zu plappern, müssen sich selbst als viele/die meisten/alle/Mehrheit imaginieren. Weil in der weißen, liberalen, aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft haben wir ja gelernt, dass die Mehrheit entscheidet, nicht wahr?

Fakt ist: privilegierte weiße Heteras sind nicht die Mehrheit. Sie sind global betrachtet sogar eine ziemlich kleine Gruppe von Menschen. Trotzdem macht Diskriminierung, dass sie sich als Mehrheit denken können, sich selbst als Menschen/Allgemeinheit/Mainstream sehen.

Fakt ist: Ich verstehe, dass so ein Emma-Watson-Statement für diese Gruppe von Menschen bestärkend wirken kann. Sich selbst, die eigenen Erfahrungen gespiegelt zu bekommen, die auch weißen privilegierten Heteras abgesprochen wird, ist etwas wohltuendes. Ich denke, dass das alle Menschen nachvollziehen können, die von Diskriminierung betroffen sind. Anerkennung nennt sich das mitunter auch.

Dennoch: wenn solche Statements kritisiert werden, wird lediglich darauf aufmerksam gemacht, dass das eben nicht die Erfahrungen aller sind, die diskriminiert werden und dass es fatal ist, so etwas anzunehmen, weil es die Lebensrealitäten von anderen unsichtbar macht, ebenso deren Belange, Kämpfe und Bedürfnisse. Es macht auch die Gewalt unsichtbar, die weiße privilegierte Heteras ausgeübt haben, ausüben und an deren Fortsetzung sie durch ihr (feministisches) Tun mitwirken.

Wer diese Kritik nicht erträgt, ist kein Opfer. Wer betonen muss, dass Feminismus auch weiße privilegierte Heten-Typen einschließt (und um die geht es meistens… Männer of Color sind ja schließlich die gewalttätigen, homophoben, sexistischen und angsteinflößenden Monster, nicht wahr?), ist kein Opfer. Sondern macht Feminismus für sich selbst und die eigene Anerkennung vor eben diesen Typen.

Und das ist nicht Mainstream, sondern Kackscheiße.

Depression. I don’t care.

Es gibt eine neue Kampagne: Menschen erzählen über ihre “psychischen Krankheiten”, um sie vom “Stigma” zu befreien. Ich schreibe hier absichtlich nicht “um sich vom Stigma zu befreien”, denn das würde die Motivation dieser Kampagne verkennen. Menschen werden in dieser Gesellschaft schließlich nicht bestärkt, sich von den Verhältnissen zu befreien, die sie in eine solche Lage versetzt haben, sondern sie müssen befreit werden von außen. Dieses “außen” – in diesem Fall all jene, die “behandeln” – legt fest, wie Menschen befreit werden sollen. Im besten Falle paternalistisch, in jedem Falle systemstabilisierend.

Hannah Rosenblatt und Steinmädchen haben wertvolle Kritiken an dieser Kampagne verfasst, die ich gerne mit euch teilen will. Es geht darum in Frage zu stellen, warum Menschen bestimmte (emotionale, psychische) Verhaltensweisen wählen, um mit etwas umzugehen, das ihnen passiert ist/das sie erlebt haben. Diese Reaktion auf eine Umwelt oder einen bestimmten Kontext oder Erfahrung/en als “Krankheit” zu bezeichnen, ist problematisch. Problematisch, weil es den Umgang, das Verhalten derjenigen Person zum Problem erklärt und dieser einen Behandlungsbedarf zuweist. Nicht kritisiert, als behandlungsbedürftig erklärt wird der Umstand, der die Person veranlasst auf diese und jene Weise zu reagieren.

Die hiesige feministische Blogosphäre hat schon einiges zu Pathologisierung und “psychischen Krankheiten” geschrieben. Die Bandbreite der Beiträge reichte von deutlichen Kritiken am Konzept “Krankheit” und der Verwendung von Diagnosen und medizinischen Begriffen für das eigene Erleben und Wahrnehmen sowie Kritik an Therapien und Psychiatrien bis zu jenen Texten, die auch auf der Webseite der aktuellen Kampagne hätten stehen können. Die pathologisierungskritischen Texte habe ich zunächst mit einem großen Unbehagen gelesen, das ich erst später formulieren konnte. Obwohl ich die Perspektive teile, hatte sie wenig mit meinem Alltag und meinem Bedürfnis nach Austausch über Umgänge zu tun. Ich war verunsichert. Ich wusste nicht, wie ich über meine Erfahrungen und mein alltägliches Bewältigen sprechen konnte, ohne das zu wiederholen, was in diesen Texten kritisiert wird oder Menschen zu nahe zu treten, die für sich andere Umgänge und Erzählungen wählen. Ich dachte häufiger: “Muss ich erstmal eine universale Kritik an etwas üben, das ich selbst an mir noch nicht mal verstehe?” Ich brauchte zu diesem Zeitpunkt konkrete Worte, konkreten Austausch. Weniger über die Ursachen, mehr über Fragen à la: “Und wie kommst du klar?”, “Was machst du, um zu funktionieren, wenn du funktionieren willst?”, “Wie gehst du mit Frustration um, wenn Dinge nicht so klappen, wie du es dir vorstellst?” usw usf.

Ich war zunächst froh, als ich andere Texte las, in den Personen über ihren “kranken” Alltag schreiben. Trotzdem waren die Texte für mich nicht hilfreich oder in irgendeiner Form supportend. Mir fiel auf, dass Erleben und Wahrnehmung oft so beschrieben wurden, dass sie in ein allgemein gültiges Erklärungsmuster passen, nach dem auch entsprechende Diagnosen vergeben werden. Texte über bspw. Depressionen lasen sich ähnlich, manchmal einhergehend mit einer Verwendung des Begriffes, der etwas temporäres deklariert. “Ich habe Depressionen” fiel häufiger. So als sei das immer etwas, was mensch bekommt und durch z.B. eine Psychotherapie wieder wegbekommt. Über bestärkende Umgänge (auch jenseits der Psychotherapie) wurde zudem so gut wie nie geschrieben. Ich las eher das, was ich von mir auch kenne: “Nehmt mich wahr, mir geht es schlecht, ich komm’ nicht klar, ich komm’ nicht zurecht, mein Alltag gleicht einem sich wiederholenden Desaster, aus dem ich keinen Ausweg finde… ääääh Self-Care!!!” Ja, Self-Care-Konzepte wurden jubelnd aufgenommen, als sei “Ich tue, was mir gut tut!” eine Erfindung schlauer Personen, die sich mal Gedanken gemacht haben, wie das denn so geht mit dem lebenswerten Leben (als Aktivist_in). Jeder selbstgebackene Muffin, jedes gelesene Buch, jedes “Heute bleibe ich zu hause und tue gar nichts!”, jede Yoga-Stunde wurde mit dem Label Self-Care versehen und erhielt damit eine politische Legitimation, weil ich es offenbar selbst nicht schaffe, das Schöne-Dinge-tun einfach so zu tun. Sich aus sich selbst heraus für bestimmte Handlungen zu entscheiden, die mir gut tun oder ein gutes Gefühl geben, mich ablenken oder was auch immer die Motivation ist.

Am meisten irritiert hat mich jedoch die Erzählung, die immer einen direkten Kausalzusammenhang zwischen Erfahrung und Erleben herstellte. Ich habe das und jenes erfahren, deswegen (habe ich nun Depressionen). Das Erleben wird so automatisch mit Erfahrungen verknüpft, die verständlicherweise negativ/traumatisierend/krankmachend konnotiert sind. Ich stelle nicht in Frage, dass mein Bewegen in der Welt, mein Alltag, mein Erleben in Bezug zu meinen Erfahrungen steht, damit verbunden ist. Ich könnte nicht argumentieren, warum das anders sein sollte, weil ich es schlicht nicht weiß. Ich könnte stundenlang hin und her analysieren, warum ich gerade so bin wie ich bin, so fühle wie ich es tue. Wenn ich nach Monaten und Jahren fertig damit bin, weil sich die Analyse endlich zufriedenstellend anfühlt und ich glaube jeden Winkel meiner Psyche und jede Situation meines Lebens aufgespürt und ausgeleuchtet zu haben, was bleibt mir dann? Die Erkenntnis, dass (Depressionen) etwas sind, das hätte vermieden werden können, wenn nicht dieses und jenes passiert wäre? Diskriminierung nicht existent wäre? Dass ich jetzt ein anderer Mensch wäre mit einer anderen Biografie? Ich hab für mich festgestellt, dass ich das gar nicht will. Ich will nicht jemand anders sein und ich will auch nicht (Depressionen) als etwas annehmen, das ich aus Gründen “bekommen” habe (und eine Bürde darstellt). Das kann von mir aus so sein und ich finde jede Kritik an den gesellschaftlichen Ursachen davon wichtig, doch mir ganz persönlich hilft diese Erkenntnis nicht. Sie bringt mich nicht aus dem Bett, wenn ich aufstehen will, aber nicht kann. Sie hält mich nicht vom Grübeln ab, sie gibt mir kein sinnstiftendes Gefühl oder Motivation zu leben. Ich könnte vielleicht schlussfolgern, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, Widerstand zu leisten gegen das, was Gesellschaft mit mir und anderen tut. Aber das reicht mir nicht. Ich weiß das, weil ich es so erlebe. Es reicht mir nicht, weil ich so permanent daran erinnert werde, dass ich in Bezug zu (eigener) Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung stehe. Weniger in Bezug zu Befreiung, Verantwortung und Solidarität, Gemeinschaft. Es bringt mich weg von Gedanken, die ich denken möchte, mir aber verbiete, weil sie vermeintlich unrealistisch sind. Ich habe das Gefühl mich selbst einzuschränken, mein Erleben einzuschränken, wenn ich (Depressionen) ausschließlich als Folge oder Handlungsoption von Trauma begreife. Ob ich es nun Krankheit nenne oder nicht, ob ich es als “heilbar”, Stadium oder dauerhaft imaginiere.

Zu meinen inneren Wahrheiten gehört, dass ich bereits mit fünf oder sechs Jahren mich und das drumherum so wahrnahm, dass ein Diagnosehandbuch den Begriff (Depression) ausgespuckt hätte. Ich hatte damals bereits jene Gefühls- und Gedankenwelten, die mich seitdem in verschiedenen Farben, Formen, Bildern, Perspektiven, Ausprägungen, Verhaltensmustern, Handlungen, Emotionen durch mein Leben begleiten. Meine Therapeutin sagt, dass ich “zu Depressionen neige”. Ich mag, dass sie es schafft, so mit mir zu sprechen, dass ich nicht das Gefühl bekomme, ich sei eine wandelnde Psychopathologie. Auch wenn wir manchmal unterschiedliche Perspektiven auf Werden und Gewordensein haben, so hat mir auch die Therapie dabei geholfen, mich selbst anzuerkennen. Ich kann über mich sprechen als … Person mit … Verhaltensweisen, die meinetwegen nach Diagnoseschlüssel Blabla als (depressiv) kategorisiert werden. Ich habe keine (Depressionen), ich bin (depressiv)_so, wie ich im Moment gerade bin. Ich muss nichts wegtherapieren, wegbekommen oder mich bis zur spiegelbildlichen Unkenntlichkeit selbst optimieren und self-caren, weil ich mich und mein Erleben nicht akzeptieren kann und das hat meine Sicht auf mich selbst radikal verändert. Für mich sind das keine Phasen und nicht nur Umgänge mit/Reaktionen auf z.B. Diskriminierung, sondern macht mich auch zu dem Menschen, der ich vor 25, 15, 10, 5 Jahren war und heute bin. Und ich bereue keine Minute und trauere um keine, die ich nicht erlebt habe.

Außer, wenn ich mal wieder in einer “depressiven Phase” stecke ;)

politische praxis als emotionale_sinnliche_körperliche erfahrung

für mich ist es noch immer eine heilende, bestärkende und irgendwie…ja…radikale tatsache, dass politische praxis niemals aus dem abstrakten/theoretischen heraus funktioniert, sondern sich immer im konkreten handeln miteinander entfaltet und verändert. ich habe in den vergangenen jahren so viele tolle und perspektivenerweiternde texte gelesen, über die ich sehr viel nachgedacht habe (eigentlich: nachdenken musste), die mich sehr berührt haben, in mir gerührt und mich verändert haben, aber tief und weit bewegt und tatsächlich auch auf widersprüche, differenzierungen, scheitern gestoßen haben mich eher die unzähligen momente des zuhörens, diskutierens, probierens, versuchens und verfehlens mit meinen freund_innen, politischen bündnispartner_innen und vorbildern.

das meiste davon ist nicht etwa im netz passiert, obwohl das weite teile meines lebens- und interventionsraumes ausmacht, sondern im so called real life, und ja, diese unterscheidung macht erstmal nicht so viel sinn. was ich dennoch zum ausdruck bringen will, sind die unterschiedlichen möglichkeiten der interaktion miteinander, die netz und RL bieten. ich erlebe das netz immer als bereicherung, wenn es um austausch und vernetzung geht, weniger aber als erfahrung, die ich mit allen mir unterschiedlich je nach kontext zur verfügung stehenden sinnlichen und emotionalen kapazitäten wahrnehme.

das hat auch etwas damit zu tun, wie ich dis_ableisiert bin, also befähigt bin/werde welche informationen wie zu erfahren. ich meine erfahren hier nicht im sinne des konzepts von “rational zur kenntnis nehmen”, also “nur” in mein kopfwissen aufnehmen, sondern wie ich es körperlich und sinnlich aufnehme, was diese aufnahme mit mir macht. wenn ich disableisierung als etwas begreife, die alle menschen trifft, die diskriminierung _erfahren_, so gehe ich davon aus, dass unser diskriminierungsüberleben auch unser (sinnliches und emotionales und körperliches) wahrnehmen und bewegen und handeln in unterschiedlichen nicht_möglichkeiten formt. ich habe schon öfter erlebt, das mir in meinen auseinandersetzungen mit texten oder personen online der resonanzraum der erfahrung zu klein war. ich spürte und fühlte in den meisten fällen weniger als ich das in (offline) auseinandersetzungen tue, die ich mit den mir o.g. kapazitäten voll ausschöpfen kann (wenn ich das möchte). wenn ich emotional wurde oder etwas gespürt habe, hatte ich keine person neben mir, mit der ich diese erfahrung hätte über sinne teilen können. die materialität im raum, die solche situationen, ja die allein die anwesenheit von text auslöst, kann so nicht von jemand anderem wahrgenommen werden. ich bin irgendwie allein mit meiner erfahrung.

politisch handeln (und das umfasst alle erdenklichen damit im zusammenhang stehenden aktivitäten und passivitäten oder unterlassungen) ist für mich zu etwas geworden, das ich nach möglichkeiten so oft wie möglich auch als sinnliches, körperliches und emotionales handeln tun möchte. weil es verbindungen und beziehungen gestaltet und ermöglicht. weil diese wiederum meine erfahrungen berühren und auf erfahrungen von anderen treffen. wie ich weiter oben schon schrieb: bewegt mich tief und weit in allen meinen emotionalen, körperlichen und sinnlichen formen der bewegung, wahrnehmung und handlung und das in einem erleben, das meinen willen zum weiter_ und über_ und gerne_ und solidarisch_ und scheitern_ und miteinander_eben in dieser welt festigt und vorantreibt. wenn das nicht radikal ist?!

auch meine “allein” gemachten erfahrungen haben mir dabei geholfen, mit anderen in kontakt zu kommen und lassen uns auch über räumliche grenzen hinweg in kontakt bleiben, deswegen soll das hier kein “das böse internet”-plädoyer werden. nur mein gedanke, dass unterschiedliche formen des miteinander in kontakt-kommens unterschiedliche erfahrungen mit sich bringen.