Depression. I don’t care.

Es gibt eine neue Kampagne: Menschen erzählen über ihre “psychischen Krankheiten”, um sie vom “Stigma” zu befreien. Ich schreibe hier absichtlich nicht “um sich vom Stigma zu befreien”, denn das würde die Motivation dieser Kampagne verkennen. Menschen werden in dieser Gesellschaft schließlich nicht bestärkt, sich von den Verhältnissen zu befreien, die sie in eine solche Lage versetzt haben, sondern sie müssen befreit werden von außen. Dieses “außen” – in diesem Fall all jene, die “behandeln” – legt fest, wie Menschen befreit werden sollen. Im besten Falle paternalistisch, in jedem Falle systemstabilisierend.

Hannah Rosenblatt und Steinmädchen haben wertvolle Kritiken an dieser Kampagne verfasst, die ich gerne mit euch teilen will. Es geht darum in Frage zu stellen, warum Menschen bestimmte (emotionale, psychische) Verhaltensweisen wählen, um mit etwas umzugehen, das ihnen passiert ist/das sie erlebt haben. Diese Reaktion auf eine Umwelt oder einen bestimmten Kontext oder Erfahrung/en als “Krankheit” zu bezeichnen, ist problematisch. Problematisch, weil es den Umgang, das Verhalten derjenigen Person zum Problem erklärt und dieser einen Behandlungsbedarf zuweist. Nicht kritisiert, als behandlungsbedürftig erklärt wird der Umstand, der die Person veranlasst auf diese und jene Weise zu reagieren.

Die hiesige feministische Blogosphäre hat schon einiges zu Pathologisierung und “psychischen Krankheiten” geschrieben. Die Bandbreite der Beiträge reichte von deutlichen Kritiken am Konzept “Krankheit” und der Verwendung von Diagnosen und medizinischen Begriffen für das eigene Erleben und Wahrnehmen sowie Kritik an Therapien und Psychiatrien bis zu jenen Texten, die auch auf der Webseite der aktuellen Kampagne hätten stehen können. Die pathologisierungskritischen Texte habe ich zunächst mit einem großen Unbehagen gelesen, das ich erst später formulieren konnte. Obwohl ich die Perspektive teile, hatte sie wenig mit meinem Alltag und meinem Bedürfnis nach Austausch über Umgänge zu tun. Ich war verunsichert. Ich wusste nicht, wie ich über meine Erfahrungen und mein alltägliches Bewältigen sprechen konnte, ohne das zu wiederholen, was in diesen Texten kritisiert wird oder Menschen zu nahe zu treten, die für sich andere Umgänge und Erzählungen wählen. Ich dachte häufiger: “Muss ich erstmal eine universale Kritik an etwas üben, das ich selbst an mir noch nicht mal verstehe?” Ich brauchte zu diesem Zeitpunkt konkrete Worte, konkreten Austausch. Weniger über die Ursachen, mehr über Fragen à la: “Und wie kommst du klar?”, “Was machst du, um zu funktionieren, wenn du funktionieren willst?”, “Wie gehst du mit Frustration um, wenn Dinge nicht so klappen, wie du es dir vorstellst?” usw usf.

Ich war zunächst froh, als ich andere Texte las, in den Personen über ihren “kranken” Alltag schreiben. Trotzdem waren die Texte für mich nicht hilfreich oder in irgendeiner Form supportend. Mir fiel auf, dass Erleben und Wahrnehmung oft so beschrieben wurden, dass sie in ein allgemein gültiges Erklärungsmuster passen, nach dem auch entsprechende Diagnosen vergeben werden. Texte über bspw. Depressionen lasen sich ähnlich, manchmal einhergehend mit einer Verwendung des Begriffes, der etwas temporäres deklariert. “Ich habe Depressionen” fiel häufiger. So als sei das immer etwas, was mensch bekommt und durch z.B. eine Psychotherapie wieder wegbekommt. Über bestärkende Umgänge (auch jenseits der Psychotherapie) wurde zudem so gut wie nie geschrieben. Ich las eher das, was ich von mir auch kenne: “Nehmt mich wahr, mir geht es schlecht, ich komm’ nicht klar, ich komm’ nicht zurecht, mein Alltag gleicht einem sich wiederholenden Desaster, aus dem ich keinen Ausweg finde… ääääh Self-Care!!!” Ja, Self-Care-Konzepte wurden jubelnd aufgenommen, als sei “Ich tue, was mir gut tut!” eine Erfindung schlauer Personen, die sich mal Gedanken gemacht haben, wie das denn so geht mit dem lebenswerten Leben (als Aktivist_in). Jeder selbstgebackene Muffin, jedes gelesene Buch, jedes “Heute bleibe ich zu hause und tue gar nichts!”, jede Yoga-Stunde wurde mit dem Label Self-Care versehen und erhielt damit eine politische Legitimation, weil ich es offenbar selbst nicht schaffe, das Schöne-Dinge-tun einfach so zu tun. Sich aus sich selbst heraus für bestimmte Handlungen zu entscheiden, die mir gut tun oder ein gutes Gefühl geben, mich ablenken oder was auch immer die Motivation ist.

Am meisten irritiert hat mich jedoch die Erzählung, die immer einen direkten Kausalzusammenhang zwischen Erfahrung und Erleben herstellte. Ich habe das und jenes erfahren, deswegen (habe ich nun Depressionen). Das Erleben wird so automatisch mit Erfahrungen verknüpft, die verständlicherweise negativ/traumatisierend/krankmachend konnotiert sind. Ich stelle nicht in Frage, dass mein Bewegen in der Welt, mein Alltag, mein Erleben in Bezug zu meinen Erfahrungen steht, damit verbunden ist. Ich könnte nicht argumentieren, warum das anders sein sollte, weil ich es schlicht nicht weiß. Ich könnte stundenlang hin und her analysieren, warum ich gerade so bin wie ich bin, so fühle wie ich es tue. Wenn ich nach Monaten und Jahren fertig damit bin, weil sich die Analyse endlich zufriedenstellend anfühlt und ich glaube jeden Winkel meiner Psyche und jede Situation meines Lebens aufgespürt und ausgeleuchtet zu haben, was bleibt mir dann? Die Erkenntnis, dass (Depressionen) etwas sind, das hätte vermieden werden können, wenn nicht dieses und jenes passiert wäre? Diskriminierung nicht existent wäre? Dass ich jetzt ein anderer Mensch wäre mit einer anderen Biografie? Ich hab für mich festgestellt, dass ich das gar nicht will. Ich will nicht jemand anders sein und ich will auch nicht (Depressionen) als etwas annehmen, das ich aus Gründen “bekommen” habe (und eine Bürde darstellt). Das kann von mir aus so sein und ich finde jede Kritik an den gesellschaftlichen Ursachen davon wichtig, doch mir ganz persönlich hilft diese Erkenntnis nicht. Sie bringt mich nicht aus dem Bett, wenn ich aufstehen will, aber nicht kann. Sie hält mich nicht vom Grübeln ab, sie gibt mir kein sinnstiftendes Gefühl oder Motivation zu leben. Ich könnte vielleicht schlussfolgern, dass der Sinn meines Lebens darin besteht, Widerstand zu leisten gegen das, was Gesellschaft mit mir und anderen tut. Aber das reicht mir nicht. Ich weiß das, weil ich es so erlebe. Es reicht mir nicht, weil ich so permanent daran erinnert werde, dass ich in Bezug zu (eigener) Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung stehe. Weniger in Bezug zu Befreiung, Verantwortung und Solidarität, Gemeinschaft. Es bringt mich weg von Gedanken, die ich denken möchte, mir aber verbiete, weil sie vermeintlich unrealistisch sind. Ich habe das Gefühl mich selbst einzuschränken, mein Erleben einzuschränken, wenn ich (Depressionen) ausschließlich als Folge oder Handlungsoption von Trauma begreife. Ob ich es nun Krankheit nenne oder nicht, ob ich es als “heilbar”, Stadium oder dauerhaft imaginiere.

Zu meinen inneren Wahrheiten gehört, dass ich bereits mit fünf oder sechs Jahren mich und das drumherum so wahrnahm, dass ein Diagnosehandbuch den Begriff (Depression) ausgespuckt hätte. Ich hatte damals bereits jene Gefühls- und Gedankenwelten, die mich seitdem in verschiedenen Farben, Formen, Bildern, Perspektiven, Ausprägungen, Verhaltensmustern, Handlungen, Emotionen durch mein Leben begleiten. Meine Therapeutin sagt, dass ich “zu Depressionen neige”. Ich mag, dass sie es schafft, so mit mir zu sprechen, dass ich nicht das Gefühl bekomme, ich sei eine wandelnde Psychopathologie. Auch wenn wir manchmal unterschiedliche Perspektiven auf Werden und Gewordensein haben, so hat mir auch die Therapie dabei geholfen, mich selbst anzuerkennen. Ich kann über mich sprechen als … Person mit … Verhaltensweisen, die meinetwegen nach Diagnoseschlüssel Blabla als (depressiv) kategorisiert werden. Ich habe keine (Depressionen), ich bin (depressiv)_so, wie ich im Moment gerade bin. Ich muss nichts wegtherapieren, wegbekommen oder mich bis zur spiegelbildlichen Unkenntlichkeit selbst optimieren und self-caren, weil ich mich und mein Erleben nicht akzeptieren kann und das hat meine Sicht auf mich selbst radikal verändert. Für mich sind das keine Phasen und nicht nur Umgänge mit/Reaktionen auf z.B. Diskriminierung, sondern macht mich auch zu dem Menschen, der ich vor 25, 15, 10, 5 Jahren war und heute bin. Und ich bereue keine Minute und trauere um keine, die ich nicht erlebt habe.

Außer, wenn ich mal wieder in einer “depressiven Phase” stecke ;)

politische praxis als emotionale_sinnliche_körperliche erfahrung

für mich ist es noch immer eine heilende, bestärkende und irgendwie…ja…radikale tatsache, dass politische praxis niemals aus dem abstrakten/theoretischen heraus funktioniert, sondern sich immer im konkreten handeln miteinander entfaltet und verändert. ich habe in den vergangenen jahren so viele tolle und perspektivenerweiternde texte gelesen, über die ich sehr viel nachgedacht habe (eigentlich: nachdenken musste), die mich sehr berührt haben, in mir gerührt und mich verändert haben, aber tief und weit bewegt und tatsächlich auch auf widersprüche, differenzierungen, scheitern gestoßen haben mich eher die unzähligen momente des zuhörens, diskutierens, probierens, versuchens und verfehlens mit meinen freund_innen, politischen bündnispartner_innen und vorbildern.

das meiste davon ist nicht etwa im netz passiert, obwohl das weite teile meines lebens- und interventionsraumes ausmacht, sondern im so called real life, und ja, diese unterscheidung macht erstmal nicht so viel sinn. was ich dennoch zum ausdruck bringen will, sind die unterschiedlichen möglichkeiten der interaktion miteinander, die netz und RL bieten. ich erlebe das netz immer als bereicherung, wenn es um austausch und vernetzung geht, weniger aber als erfahrung, die ich mit allen mir unterschiedlich je nach kontext zur verfügung stehenden sinnlichen und emotionalen kapazitäten wahrnehme.

das hat auch etwas damit zu tun, wie ich dis_ableisiert bin, also befähigt bin/werde welche informationen wie zu erfahren. ich meine erfahren hier nicht im sinne des konzepts von “rational zur kenntnis nehmen”, also “nur” in mein kopfwissen aufnehmen, sondern wie ich es körperlich und sinnlich aufnehme, was diese aufnahme mit mir macht. wenn ich disableisierung als etwas begreife, die alle menschen trifft, die diskriminierung _erfahren_, so gehe ich davon aus, dass unser diskriminierungsüberleben auch unser (sinnliches und emotionales und körperliches) wahrnehmen und bewegen und handeln in unterschiedlichen nicht_möglichkeiten formt. ich habe schon öfter erlebt, das mir in meinen auseinandersetzungen mit texten oder personen online der resonanzraum der erfahrung zu klein war. ich spürte und fühlte in den meisten fällen weniger als ich das in (offline) auseinandersetzungen tue, die ich mit den mir o.g. kapazitäten voll ausschöpfen kann (wenn ich das möchte). wenn ich emotional wurde oder etwas gespürt habe, hatte ich keine person neben mir, mit der ich diese erfahrung hätte über sinne teilen können. die materialität im raum, die solche situationen, ja die allein die anwesenheit von text auslöst, kann so nicht von jemand anderem wahrgenommen werden. ich bin irgendwie allein mit meiner erfahrung.

politisch handeln (und das umfasst alle erdenklichen damit im zusammenhang stehenden aktivitäten und passivitäten oder unterlassungen) ist für mich zu etwas geworden, das ich nach möglichkeiten so oft wie möglich auch als sinnliches, körperliches und emotionales handeln tun möchte. weil es verbindungen und beziehungen gestaltet und ermöglicht. weil diese wiederum meine erfahrungen berühren und auf erfahrungen von anderen treffen. wie ich weiter oben schon schrieb: bewegt mich tief und weit in allen meinen emotionalen, körperlichen und sinnlichen formen der bewegung, wahrnehmung und handlung und das in einem erleben, das meinen willen zum weiter_ und über_ und gerne_ und solidarisch_ und scheitern_ und miteinander_eben in dieser welt festigt und vorantreibt. wenn das nicht radikal ist?!

auch meine “allein” gemachten erfahrungen haben mir dabei geholfen, mit anderen in kontakt zu kommen und lassen uns auch über räumliche grenzen hinweg in kontakt bleiben, deswegen soll das hier kein “das böse internet”-plädoyer werden. nur mein gedanke, dass unterschiedliche formen des miteinander in kontakt-kommens unterschiedliche erfahrungen mit sich bringen.

Trigger.

Unglaubliche Gereiztheit.
Wahrnehmungen des Außens nicht ertragen können. In allem einen Fehler, einen Angriff auf die eigene Person sehen, Unsensibilität, mich nicht wahrgenommen fühlen. von anderen. dabei spüre ich mich selbst kaum.

Bin schon lange vorher aus mir rausgetreten, weil es im Innern unerträglich eng wurde. Versuche von außen mein Inneres zu bekämpfen, doch meistens stehe ich nur neben mir. Gucke zu und hoffe, dass es schnell vorbeigeht.

Ich fühle nichts außer Angst. Spüre, was die Angst mit meinem Körper macht, aus dem ich schon ausgetreten bin, weil er mir Angst macht. Es schnürt sich immer enger um Bauch und Brustkorb, mein Blick wird fahrig, meine Hände schwitzen und mein Mund kriegt diese Trockenheit, als ob sie verhindern möchte, dass die Ursache nach draußen gelangt. Meine Beine zittern, es ist so wattig unter meinen Füßen.

Ohne festen Halt, außerhalb meines bedrohlichen Selbst Versuche sich selbst vorwärts zu bewegen, Zahlenrätsel machen, stumpfe Popsongs nachsingen. Viel Ausatmen, allein der Atem in meinem Körper ist zu viel.

Das Leben aus mir rauslassen, das Herz zum Stehen bringen, mein nervöses Zucken zum Erliegen.

Zögernd sich erinnern an Strategien. Kontakt suchen zu sich und gleichzeitig nach außen. Ins Unbekannte, doch “Normale”, irgendwie Fremdgewordene. Sich erinnern an alltägliche Bewusstseinszustände. Wie fühlen sich Material, Bewegung, andere Menschen an? Wie bewege ich mich, woran denke ich dabei?

Woran denke ich “normalerweise”, wenn ich mich “einfach nur” bewege?

Bilder blitzen auf, ich springe zur Seite. Es sind GENAU DIESE GEDANKEN, die ich “normalerweise” denke, die mich GENAU IN DIESEN ZUSTAND versetzen: Der Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, des Kontrollverlustes, die sie auslösen. Normalerweise.

Dagegenhalten – solch ein Kraftaufwand, der mich jedes Mal erschöpfen lässt. Etwas, dass du einfach nicht weggeschlossen bekommst, weil er Schlüssel fehlt. Tick, tick, tick wie die Zeitbombe.

Die Tablette wirkt langsam. Ich fühle Entspannung, merke wie die Gedanken nicht mehr weg müssen, weil sie unbedingt in mich rein wollen. Ich nicht mehr raus will, weil sie reinwollen. Sie ziehen sich einfach zurück, weg an einen Ort, wo ich sie sehen, aber nicht spüren kann. Sitzen herum auf einem Vorsprung und gucken da einfach so. Mich an. Ohne Eile. Selbstverständlich. Als sei Warten ihre zweite Lieblingsbeschäftigung.

Mein Körper beruhigt sich, ich gehe hinein. Seine Erschöpfung legt sich wie eine wärmende Decke um mich.

Ich merke die Verluste, die ich zeitweise erlitten habe in meinem Wunsch zu und meiner Angst vor dem Sterben. Ich merke all das, was ich nicht denken konnte, nicht wahrnehmen, während ich da draußen war und mir selbst beim stillen Kämpfen und Aushalten zugeschaut habe.

Die Tränen laufen unweigerlich. Vor Erleichterung, Trauer, Mitgefühl und Dankbarkeit, noch hier zu sein. Mit euch. Und nicht mehr dort.

Räume und Ängste.

Es gibt Räume,

die mein Herz höher schlagen lassen. Aber nicht, weil ich Schmetterlinge im Bauch habe.

die mich aufregen. Aber nicht, weil meine Vorfreude so groß ist.

in denen ich keinen Appetit verspüre. Aber nicht, weil Luft & Liebe alles ist, was ich zum Leben brauche.

in denen ich mir keine Pausen gönne. Aber nicht, weil ich Langeweile nicht ausstehen kann.

in die ich nicht (hinein) passe. Aber nicht, weil ich zu viel Raum einnehme.

in denen ich verstumme. Aber nicht, weil ich anderen so gerne zuhöre.

vor und in denen ich Angst habe.

Angst. Ein Phänomen? Etwas, das ich bin? (ängstlich!) Irrational? Krankheit? Einbildung? Nur in meinem Kopf?

Hab dich nicht so. Sei doch … Alles wird gut. War doch nicht so schlimm. Wie beim “kleinen Angsthasen“?

Ich hatte schon Angst vor Insekten und Wasser.
Ich hatte schon Angst vor’m Sprechen, vor’m Versagen. Ver_Sagen.
Ich ver_sage nicht, ich bekomme etwas ver_sagt. Zuneigung, Liebe, Wertschätzung. Zum Beispiel, weil meine Stimme ver_sagt. “Rede ordentlich!” “Kannst du nicht sprechen?” “Konzentrier’ dich, wenn du sprichst!” #Eltern
Ich fange an zu stottern, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle. Ich ent_sage mir selbst Liebe, Zuneigung, Wertschätzung, wenn ich Angst habe, aufgeregt bin, mich gestresst fühle.

“Ich habe dir was zum Lesen mitgebracht. Es geht um deine Krankheit. Ist ganz interessant.” – “Ich habe keine ‘generalisierte Angststörung’, Mutter. Ich habe Panikattacken.” – “Achso.” #Gesprächbeendet

Ich hatte schon Angst vor der Angst. Weil sie mich handlungsunfähig macht. Weil sie sich so übermächtig anfühlt und ich mich ohnmächtig fühle. Weil ich Angst habe, dass die Angst mich umbringt. Angst zu sterben. Keine Angst vor dem Tod, solange ich selbst darüber entscheiden kann, ob ich sterben will oder nicht. Suizidgedanken sind Selbstermächtigung in Momenten größter Ohnmacht.

Ich hatte schon Angst vor meiner prügelnden Ex-Freundin. Vor ihren Erniedrigungen. Vor ihren Kontrollen. Davor, dass sie es wieder einmal schafft, sich zum Opfer zu machen und mir die Schuld dafür zu geben.
Ich hatte schon Angst (davor), die Verantwortung für die Ängste anderer zu übernehmen. Weil es meine Ängste antickt. Antickt, mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung zu ent_sagen, antickt, dass mir Liebe, Zuneigung und Wertschätzung ver_sagt wird, weil ich anderen meine Verantwortungsübernahme für ihre Ängste ver_sagt habe. Weil ich ver_sagt habe.

Ver_sagens_ängste: Angst vor den Reaktionen darauf, anderen ihre diskriminierenden Selbstverständlichkeiten zu ver_sagen. Etwas dagegen zu sagen. dagegen zu handeln. Angst zu sagen, dass Gewalt nicht immer ein Synonym für Cis-Typen (in Hetero-Beziehungen) ist. Angst zu sagen, dass #Eltern nicht immer ein Synonym für Familie ist. Angst zu sagen: #Gesprächbeendet.

Definitionsversuche: Angst als Reaktion auf etwas. Angst als Umgang mit etwas. Ich bin nicht ängstlich, sondern etwas macht, dass ich mit Angst darauf reagiere. Angst ist kein ‘Phänomen’, keine ‘Krankheit’, keine ‘Störung’, nichts ‘Irrationales’, sondern ein von mir machmal mehr, manchmal weniger bewusst entschiedener und gesteuerter Umgang mit erlebten Diskriminierungen, erlebter Gewalt und Traumatisierung. Angst ist nicht nur in meinem Kopf, sondern (auch) mit körperlichen Reaktionen und konkreten Handlungen und Emotionen verbunden, die für andere wahrnehmbar werden (können): Herzrasen, Appetitlosigkeit, Schwindel, Fantasien, Ent_Ver_rückungen, Müdigkeit, Übelkeit, (selbst herbeigeführtes) Kotzen, Schweißausbrüche, verändertes Atmen, Wut, Ärger, Weinen, Verzweiflung, Trauer, sich selbst verletzen, Suizid_Gedanken, Panik, Weg_Bewegung, Gegen_Not_wehr, Schreien, Sorgen (sich Sorgen machen, für sich sorgen, für andere sorgen, sich Sorgen machen um andere) Schlaf, Bewusstlosigkeit, Nicht_Essen, Drogen/Substanzkonsum, Verwirrung, Nervosität, Krämpfe, Starre, Hautveränderungen, Hormonausschüttungen, Freude und vieles mehr.

Es gibt (Angst_)Räume,

in denen wünsche ich mir nicht mehr Raum für mich. Aber nicht, weil ich ihn nicht brauche. Sondern, weil diese Räume _an sich_ diskriminierend sind.

in denen ich nicht interveniere. Aber nicht, weil es nicht notwendig wäre. Sondern, weil es nichts bringt.

die für Cis-Typen gemacht sind, die weiß und hetero und dünn und ableisiert sind und keine Ängste haben und deshalb keine Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen, außer höchstens drei Schlüpfer und mindestens eine Frau, die für sie kocht (und ihre Schlüpfer wäscht) und sie dabei anlächelt.

die für diese Cis-Typen gemacht sind und in denen _trotzdem_ “No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, blablablabla” an den Wänden steht.

die für Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind, die weiß und dünn und ableisiert sind und die oftmals Geld haben und studiert haben und ein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und öfter als oftmals einen Pass und eine Krankenversicherung und eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit haben und die Ängste haben und die feministisch/kritisch sein wollen und deshalb Erwartungen/Vorstellungen/Wünsche/Ansprüche mit diesen Räumen verknüpfen. Nämlich sich wohl zu fühlen.

die für diese Frauen, Lesben, Trans* und Queers (wie mich) gemacht sind und in denen andere (auch) Ängste haben und kein nach bestimmten Vorstellungen von bestimmten Leuten so und so gegendert konform-nonkonformes Auftreten und keine Krankenversicherung und keine Wohnung und keine Aufenthaltsgenehmigung und keine Arbeitserlaubnis auf Lebenszeit und sich nicht wohl fühlen und nicht anwesend sind und in denen _trotzdem_ “No/Fight Sexism, Racism, Homophobia, Transphobia, Ableism, Classism, Fatshaming blablablabla” an den Wänden und auf den Flyern und Homepages und Stellungnahmen und Wohnungsanzeigen und Aufrufen steht.

why white people have to re-center QTPOC perspectives in feminist and LGBT activism

“we do not yet have a word in the english language
capable of accounting for all of the hurt
hurt people do
because this is not what english is for.
you see english is for hurting.
english has no words to discuss
itself because then maybe it would have to stop speaking.
in the mean time we will use
‘colonialism’ instead of ‘gay’
and maybe things will start making
sense again
[...]
2. PRIDE
definition: white men dance on stolen land and call it activism.
send wedding invitations to the rest of us who
hate ourselves enough to attend”

When Brown looks in the mirror and comes out white

read this from Alok Vaid-Menon, follow them and Janani Balasubramanian, together they are Darkmatter and @DarkMatterRage on Twitter: QueerTransPeopleofColor (QTPOC) perspectives on (LGBT and queer_feminist) activism and academia culture, on how white supremacy, racism and colonialism are inherently intertwined with gender, class and race. how we (white people) think of (racialized) bodies, how they are ‘gendered’ (or not), how ‘gender’ itself is a colonial construct, how we perceive trans (bodies), who is trans and who is not, what is (often practiced as) trans_activism and why, and why white people can think of and act in feminism and (LGB)trans_activism without regarding racism, colonialism and capitalism. also read them for critique on so-called ‘intersectionality’, ‘inclusion’ and ‘diversity’. also read them for why it is so important to re-center our activism on the lives and realities of QTPOC to make a better living for everyone.