embracing self-destruction

liebhaber_innen von zines werden vielleicht maranda elizabeth kennen. maranda schreibt seit vielen jahren das zine telegram. es ist ein personal zine, also ein zine, das eher tagebuch-charakter hat. ich hatte die ausgabe #35 in den händen. in #35 erzählt maranda von marandas letztem (dokumentierten) suizidversuch. maranda wird vor dem todeseintritt ins krankenhaus gebracht und überlebt. es ist nicht der erste suizidversuch von maranda und so dreht sich das zine um den wunsch zu sterben, vergleiche zwischen dem ersten und dem aktuellen suizidversuch, die reaktionen und umgänge des sozialen umfeldes mit der suizidalität von maranda, diverse psychiatrie-aufenthalte, gender-basierte gewalt, diagnosen, medikalisierung gegen psychische und körperliche beschwerden, eingeschliffene verhaltensmuster, die schwer bis unmöglich zu durchbrechen sind, immerwährendes scheitern (von unterstützung, von community, von konkreter ab_hilfe) und wie das alles wiederkehrend zum wunsch nach tod führt, zu verzweiflung, abgestumpftheit, zum verlust von freund_innenschaften und beziehungen.

„the worst part of surviving suicide is still wanting to die. the worst part is wishing i didn’t fuck it up. the worst part is feeling obligated to pretend to care about things when i don’t care at all. the worst part is wondering if the friends i’ve got left are fucking sick of it. the worst part is watching myself repeat patterns of shit i’ve been doing for a decade and feeling no motivation to stop or change. the worst part is knowing the changes i want to make but feeling incapable. the worst part is returning to real life and continuing all the habits that led me to a coma. the worst part is wanting to be alone but not being able to take care of myself.“

[der schlimmste teil am überleben von suizid ist, noch immer sterben zu wollen. der schlimmste teil ist der wunsch, nicht gescheitert zu sein damit. der schlimmste teil ist, sich verpflichtet zu fühlen, so zu tun als ob mensch sich um dinge sorgt, wenn mir im grunde alles egal ist. der schlimmste teil ist, sich zu fragen, ob die freund_innen, die ich noch habe, verdammt nochmal die schnauze voll haben. der schlimmste teil ist, mich selbst beim wiederholen von scheiß mustern zu beobachten, die ich seit einem jahrzehnt tue und keine motivation habe, damit aufzuhören oder sie zu verändern. der schlimmste teil ist zu wissen, welche veränderungen ich machen will, aber mich unfähig zu fühlen. der schlimmste teil ist die rückkehr ins richtige leben und mit all den gewohnheiten weiter zu machen, die mich ins koma geführt haben. der schlimmste teil ist der wunsch nach alleinsein, aber nicht in der lage zu sein, auf mich zu achten.]

das obenstehende zitat hat mich beim lesen sehr gerührt. nicht aus mitleid, sondern aus mitgefühl. ich kann sehr viel mit marandas gedanken anfangen: manchmal zu wissen, wo mensch hin will, oder was getan werden muss, damit … und doch nicht herauszukommen aus der situation, sich immer wieder in stimmungen und mustern zu halten, unbewusst und bewusst. wiederkehrende suizidgedanken oder -versuche zu haben (oder fantasien, sich selbst zu verletzen – körperlich und psychisch). in einem anderen teil des zines schreibt maranda darüber, dass maranda keine unterstützung und hilfe in marandas community findet, dennoch immer wieder zurückkehrt und auf’s neue enttäuscht wird. ich habe diesen abschnitt so gelesen, dass es nicht darum geht, anderen die schuld zu geben oder verantwortung für sich selbst an andere abzugeben, sondern eher um sich zu hause fühlen von gedanken, mustern und handlungen. sich nicht isoliert zu fühlen mit dem, wie mensch gerade ist und fühlt.

in meinem umfeld sprechen wir viel über diagnosen, psychotherapie, psychiatrie. die meisten menschen, die ich kenne, sind diagnostiziert, therapiert oder gerade in therapie, wiederum einige haben zeit in der psychiatrie verbracht, andere haben medikamente genommen, nehmen noch medikamente. viele behelfen sich außerdem mit diversen heilverfahren und unterstützungsangeboten, die nicht schulmedizinisch anerkannt oder von der krankenkasse bezahlt werden. und ja das tun auch die, die eigentlich nicht so viel geld für sowas übrig haben. manchmal, weil alles andere nicht geholfen hat oder weil mensch nicht will, dass therapie und/oder psychiatrie oder geschweige denn eine diagnose in der krankenakte auftaucht, die trotz schweigepflicht und datenschutz immer wieder ihren weg in andere akten findet, die selbstgewählte pläne für das eigene leben behindern können.

egal, ob ich mich mit menschen über all das austausche, die psychopathologisierung und den medizinischen komplex darum politisieren und kritisieren oder mit menschen, denen das nicht so wichtig ist: eher selten sprechen wir über scheitern. über nicht-anders-wollen. über aufgeben wollen. über muster, die, wie maranda schreibt, ständig wiederholt werden, obwohl mensch es besser weiß. über suizid und suizidgedanken. und über unsere eigene verrücktheit, die immer wieder zu situationen führt, in denen wir uns alleine und nicht wahrgenommen fühlen – selbst mit unseren engsten menschen.

die omnipräsenz von diagnosen, tabletten und therapien führt in meinem umfeld jedenfalls öfter zu selbstpathologisierungen und erklärungen von „i was born this way“ oder „das BIN ich“. wir sprechen selten darüber, welche diagnosen wir bekommen haben und warum es gerade diese diagnosen sind und keine anderen. ich habe mir schon einige diagnoseschlüssel im dsm oder icd angesehen und dachte beim lesen: mensch, im grunde habe ich von vielen diagnosen etwas (ganz gleich welche 1-3 f-schlüssel in meiner akte auftauchen). trotzdem vertrauen wir den diagnosen, von denen wir wissen, dass wir sie bekommen haben und wenden sie auf unser erleben an. „ich bin borderline, deshalb…“ „ich mit meiner angststörung…“ „ich als bipolare person“.

wir reden selten über erfahrungen, die uns zu diesen diagnosen geführt haben, seltener über: warum reagiere und erlebe ich so, wie ich es tue? was hat sich über zeit verändert? ohne all diese medizinischen begriffe, die doch nicht die komplexität unserer persönlichkeiten und handlungen und empfindungen fassen können. ich bin verwundert darüber, dass der unausgesprochene konsens von „alles ist sozial konstruiert/nichts ist einfach so da“ auf das thema „seelische zustände“ selten angewendet wird, wenn es um das selbst geht. witzig. denn bei anderen dingen wird peinlichst darauf geachtet, dass alles von meiner identität eine frage der entscheidung ist und/oder von außen herbei geführt wurde. oder sich verändern kann über zeit und raum. nur mit diagnosen ist das oft nicht so. die sind halt nur ein wort für das, was mensch ist (und schon immer war).

radikale selbstakzeptanz geht offenbar nur auf kosten meiner selbstbestimmung, nur dann, wenn ich mein gesamtes leben in eine diagnose-schublade stecke. wahrgenommen von anderen werde ich häufig nur dann, wenn ich mich permanent selbst pathologisiere und diagnosen als erklärungen für alles nutze, was mich betrifft und mit gesundheitsnormen und normalitätsvorstellungen der gesellschaft bricht oder brechen könnte. wenn ich mich oute mit diagnosen. und wer nicht out&proud ist damit oder keine hat, ist eben gesund_normal und nicht „neurodivers“ (was für ein wort…). ich gehe davon aus, dass alle menschen, die diskriminierung und gewalt erleben, die pathologien dieser diskriminierung und gewalt in sich aufnehmen, darauf reagieren… diese welt ist verrückt, warum sollten wir es nicht sein?

auf der anderen seite nehme ich wahr, dass es viel darum geht, sich selbst zu verändern. den leidensdruck zu lindern, ein gutes leben führen zu wollen mit einem zustand von sich selbst, der sich im heilungsprozess befindet oder geheilt ist. muster zu durchbrechen, sich umzuprogrammieren oder mindestens andere überlegungen, prozesse und empfindungen in sich hineinzuschreiben. mehr möglichkeiten der reaktion und interaktion zu haben. in diesen erzählungen ist selten platz für die frage: warum eigentlich? für wen eigentlich? warum stoße ich mit bekannten mustern auf so viele barrieren? warum leide ich manchmal an meinem zustand? warum will ich mich nicht verändern (in teilen)? und es ist wenig platz für destruktivität, selbstverletzung und all die schönen dinge, die mit mustern einhergehen, die von außen jedoch als selbstzerstörerisch, falsch, … bewertet werden.

warum haben nicht all meine persönlichkeitsfacetten platz in diesem imaginierten guten leben? warum kann ich das gute leben erst haben, wenn ich muster aufgebe, die bekannt sind, gewohnt sind, manchmal stabilität bieten? warum ist das eine absurde logik? muster, mit denen ich mich schon so viele jahre meines lebens (und oft den überwiegenden teil meines lebens) wohl fühle? die schmerz und linderung zugleich sind? wo ist platz für widersprüche (gegen selbstpathologisierungen und gegen diesen ungebrochenen fortschrittsglauben der immer mit leistung_produktivität_anpassung verbunden ist)?

warum haben meine diagnosen platz im jetzt, jedoch nicht das konkrete oder akute? warum haben leere worthülsen wie trauma, depression, suizid, ptsd, panikattacken ihren angestammten platz in unseren erzählungen (weil kennen wir ja alle irgendwie), jedoch weniger, wie wärmend sich einsamkeit und verzweiflung anfühlen können, wie gut es tun kann, zu leiden, weil es emotion ist, weil es was auslöst in meinem körper, andere gefühle als angst und ausschalten wollen, überhaupt ein gefühl haben, spüren, mich spüren, mich spüren beim gedanken, mir ein messer in den handrücken zu rammen, blut zu sehen, auszurasten vor wut und sachen kaputt zu machen, zu klauen, ein öffentliches ärgernis sein, zuzuschlagen beim nächsten versuch des übergriffes, tagelang nicht die wohnung oder das bett zu verlassen, zu scheitern an den anforderungen des über_lebens oder (je nach erleben und perspektive) des chronischen sterbens (z.B. wegen lohnarbeit, beziehungsarbeit), einfach zu springen, soviel tabletten zu nehmen, dass ich nicht mehr aufwache, in gedanken abschiedsbriefe zu schreiben, heute einfach nicht an morgen und die konsequenzen meiner handlungen für mich und mein leben zu denken, an die konsequenzen meiner handlungen zu denken und traurig darüber zu sein, dass es nicht anders sein kann, tiefe trauer zu empfinden, sie zuzulassen, sich von ihr einnehmen zu lassen, einfach sein ohne das mantra der produktivität, der konstruktiven reaktion, des „du musst an diesen und jenen punkt kommen, damit…“. ohne unterbrechung, ohne stopps.

wer sind wir und was tun wir, wenn wir nicht darüber nachdenken, wer wir sein könnten, wie wir zu sein haben, was wir tun sollen… was der EIGENTLICH richtige weg wäre? wenn all das zu unserem er_über_leben gehört, wenn wir all das mit anderen teilen können, ohne gedanken zuzulassen, dass das gerade vielleicht nicht hilfreich sein könnte (für wen und warum?), dass es angeblich ein marker für „being stuck“, stillstand oder „opfer sein“ ist (für wen und warum)?

wenn wir keine erklärungen und rechtfertigungen in diagnosen finden müssten? wenn wir nicht ständig auf der suche nach neuen/anderen strategien des umgangs mit der welt wären, die uns dazu zwingt, uns auf bestimmte anerkannte art und weise zu verhalten? wenn community auch heißt, veränderungen anders zu denken, als aufzuhören mit mustern, die in der medizin wie in polit-kontexten als passive, nicht selbstbestimmte, nicht freie, selbstzerstörerische handlung gewertet werden? die angeblich macht über uns haben, aber wir angeblich keine macht über sie. wenn muster als etwas begriffen wird, das es partiell zu überwinden gilt, aber nicht als etwas, das zu uns gehört und dass es wert ist zu leben, solange wir anderen damit nicht gewalt antun. wenn wir ehrlich und offen sein können damit, dass die muster auch nach jahren des durchschauens, erklärens, verändern wollens noch immer zu uns gehören und einfluss auf unser er_leben und unsere interaktion mit anderen nehmen? einfach, weil wir sie nicht (vollständig) loslassen können_wollen?

was ist, wenn wir all die gründe auflisten, die uns davon abhalten, vermeintlich destruktive dinge zu tun? was ist, wenn wir all die gründe auflisten, die uns in die vermeintliche destruktivität treiben und feststellen, dass es überschneidungen gibt?

was würde das machen mit uns, unseren beziehungen zu anderen?

How to get over yourself. Über den Umgang mit Diskriminierung und Identität.

In den aktivistischen Umfeldern, in denen ich viel unterwegs bin oder denen ich mich zugehörig fühle, wird viel mit (verletzenden) Fremdzuschreibungen gearbeitet, um Menschen von außen auf bestimmte soziale Positionierungen in Diskriminierungsverhältnissen festzutackern. Ich finde es problematisch, Urteile über Lebensgeschichten und -realitäten von anderen zu treffen, die ich gar nicht kenne. Meistens geht es bei diesen Fremdzuschreibungen darum, von außen festzulegen, wer in Bezug auf ein bestimmtes Diskriminierungsverhältnis privilegiert oder diskriminiert positioniert ist. Ich verstehe das, weil es erleichtert, wie ich mich auf andere beziehe, wie ich ihnen gegenübertrete, welche Kritiken ich übe. Es schützt mich auch manchmal vor Verletzungen und Enttäuschungen. Und ich denke, dass Menschen, die Diskriminierung erleben, sehr gut darin sind, Privilegien, ihre Formen und Auswirkungen zu erkennen und zu benennen, auch in der Interaktion mit anderen, sozusagen Expert_innen sind in Bezug auf das Diskriminierungsverhältnis, das sie selbst als Betroffene erleben.

Dennoch: Mich nervt, dass das sozusagen einen gewissen Outing-Zwang hervorbringt, ich mich quasi „claimen“ muss (am besten mit Belegen aus meinem Leben), wenn ich nicht will, dass mich andere zu Unrecht und unwissend in die Schublade „privilegiert“ stecken. Nur weil ich Teile meines Lebens vor der breiteren Öffentlichkeit verstecke, heißt das nicht, dass es mich nicht in diskriminierender Weise betrifft. Klar gibt es Diskriminierungen, die sich schwer „verstecken“ lassen, die ich nicht verstecken kann, selbst wenn ich wollte und die ich nicht verstecken will, weil Empowerment. Aber es gibt eben auch Diskriminierung(serfahrungen), die für andere nicht so leicht zu erkennen sind und über die ich nicht offen spreche, weil ich nicht will (aus welchen Gründen auch immer) oder mein Erleben diesbezüglich (noch) nicht Teil meines persönlichen Auseinandersetzungsprozesses ist (aus welchen Gründen auch immer).

Zudem häufen sich in meinen aktivistischen Kontexten zum Teil recht eindimensionale Erzählungen, Analysen und Kritiken über bestimmte Diskriminierungen (z.B. Klassismus oder die Konstruktion und Diskriminierung von [vermeintlicher] Behinderung), die dann ungewollt zur Norm werden. Auch weil die Personen, die sich öffentlich als „Betroffene“ zu erkennen geben, von anderen zur einzige_n Expert_in auf dem Gebiet erklärt werden, obwohl sich das Erleben von Betroffenen z.T. fundamental unterscheiden kann. Die Folge ist, dass viele Aspekte von Diskriminierung nicht thematisiert werden, dementsprechend auch keine W_Orte für Austausch, Zusammenkunft und Empowerment da sind. Und da Privilegien immer schlecht sind und Privilegierte nur das sind (privilegiert), können sie dann lediglich zwischen „Kackscheiße“ und „Verbündet-Sein“ wählen. Das ist nebenbei bemerkt alles so weiß-deutsch, christlich und binär gedacht, dass ich mich frage, wie das mit vielen feministischen aktivistischen „Standards“ überhaupt in Einklang gebracht wird.

Ich will damit nicht sagen, dass wir ja alle ein bisschen diskriminiert sind (und deshalb alle gleich), dass wir uns alle ein Sternchen hinter unsere Identitätsmarker heften können oder dass Diskriminierung ja nur konstruiert ist. Ja, Diskriminierung passiert aufgrund von machtvollen Konstruktionen, deswegen sind es die Auswirkungen dessen aber nicht. Ich will damit sagen, dass die Auswirkungen von Diskriminierung komplex sind und nicht immer in eine einfache A oder B Logik passen. Und ich verstehe auch sehr gut die Angst vor jenen, die sich schnell einen Betroffenenstatus anheften, weil sie sich selbst nicht als machtvoll wahrnehmen (wollen) und glauben, diskriminiert zu sein würde sie von ihren Schuldgefühlen erlösen.

In meinen aktivistischen Zusammenhängen geht es oft darum, „Authentizität“ zu performen. Eindeutigkeit in Bezug auf Diskriminierung und Privilegierung herzustellen, „Wahrheit“ herauszufinden, festzustellen, zuzuordnen. Weil der Gedanke, privilegiert zu sein, unerträglich ist. Weil der Gedanke, andere könnten mir meinen Status als „Betroffene“ streitig machen, unerträglich ist. Wenn ich diskriminiert werde, möchte ich bitte auch so wahrgenommen werden, möchte ich anerkannt, ernstgenommen werden. Ich kann das super gut nachvollziehen, weil ich auch oft so unterwegs bin. In einer Gesellschaft, die mit Diskriminierung so umgeht, dass sie sie verleugnet und auch meine Erfahrungen verleugnet werden oder keine Bedeutung haben sollen, die mit Diskriminierung so umgeht, dass es nur Extreme gibt (z.B. Nazis vs alle anderen / der Staat vs alle anderen), in einer Gesellschaft, die Privilegien als Bürde verkauft und wo Menschen, die mit viel Macht ausgestattet sind, lieber Opfer spielen (siehe Schland), ist all das verständlich.

Trotzdem ist die Frage für mich, wem dieses Denken eigentlich in die Hände spielt, welche Logiken hier bedient werden und wie wir uns gemeinsam um Verantwortungsübernahme bemühen und diese praktizieren können, wenn wir ständig Einzelpersonen universalen Expert_innenstatus zuschreiben und jede_n „Neuzugang“ akribisch auf Positionierung abchecken, Verteidigungshaltung und Abgrenzung immer im Stand By Modus haben. Wenn Positionen, die wir nicht sofort mit „Ja, das stimmt/sehe ich genauso/geht mir genauso“ quittieren können, erst einmal solche sind, die kritisch zu beäugen und ggf. als „privilegiert“ abzulehnen sind. Es geht hierbei auch um den Umgang mit (Angst vor) Kontrollverlust. I totally get it.

Ich rolle mit den Augen und stöhne, wenn Menschen aufgrund ihrer Lebensentscheidungen denken, ihre (strukturellen) Privilegien seien dadurch nicht mehr vorhanden. Das fällt mir bei weißen Heten auf, die sich ab einem bestimmten Alter nicht ausschließlich sexuell auf ihre weißen Typen beziehen wollen und dann anfangen queere Räume und Personen zu sexualisieren / fetischisieren, sich aufregen, wenn sie nicht sofort gedatet werden (die sind ja auch voll diskriminierend!!!einself) aber dennoch gesellschaftlich als Hete eingelesen und entsprechend behandelt werden, die trotzdem mit Typen-Bezogenheit aufgewachsen sind, das als normal erlebt haben und sich bis heute vornehmlich auf Typen beziehen, Sorgearbeit für Typen leisten usw, also insgesamt in einer heterosexuellen Logik weiterleben (können, wenn es ihnen bequem erscheint). Andere haben diese Wahl einfach nicht. Diskriminierung hat für mich viel mit Optionen haben im aktuellen System, in dem ich lebe, zu tun. Und dass verschiedene Wahlmöglichkeiten, die ich habe, eher mit sozialer Anerkennung und Aufwertung einher gehen. Hete(Sternchen) ist dann eben kinky, modern, tolerant, individuell, aufgeschlossen und nicht Kampflesbe, scheiß Mannweib, „Es“, Gewalt, Vereinzelung/Isolation, Psycho_Pathologisierung, rassistische Polizeigewalt, Arbeitslosigkeit, das staatliche Verbieten von Reproduktion und Familiengründung, Armut und das Verletzen von (körperlicher) Selbstbestimmung.

Dennoch bleibt es problematisch aus diesem Kack-Hetenverhalten auf Lebensrealitäten anderer zu schließen, die für mich nicht „eindeutig genug“ betroffen sind. Ich kann nicht immer wissen oder nachvollziehen oder verstehen. Ich kann nicht verhindern, dass Menschen sich Lebensrealitäten aneignen, die nicht ihre sind. Ich kann schlicht keine Kontrolle darüber ausüben, wie verantwortungsvoll Menschen mit ihren komplexen Geschichten, mit ihren Diskriminierungen und Privilegien umgehen.

Mir hilft es in solchen Momenten, mich weniger auf mich selbst und meine Ängste und meine Ohnmacht zu konzentrieren, mich anzuerkennen (ja ich habe all das erlebt/erlebe all das, ja das ist meine Realität, mit der ich Umgänge finden muss) und mich öfter als Person zu begreifen, die dennoch sehr viele Wahlmöglichkeiten in ihrem Leben hat und mit vielem gar nicht und niemals umgehen muss. Daraus Verantwortung und solidarische Handlungen abzuleiten. Die Perspektive auf mich als „Betroffene, die jederzeit achtsam sein muss“ hin zu anderen, ihren Geschichten, ihren Politiken zu lenken. Ich erlebe das als sehr befreiend, empowernd und liebevoll. Es bereichert mich, es öffnet mich und stärkt mich in meinem Sein. Ich kann meine Identität in der Komplexität wahrnehmen, die sie nun einmal hat und finde Verbindungen mit anderen ohne dieses politische Abchecken, Einordnen und Performen. Mich selbst auch ein bisschen von diesen Kategorien zu befreien, im Sinne von: ihnen nicht mehr so viel Macht über mich, meine Entscheidungen und Handlungen zu geben (bzw die Möglichkeiten herauszufinden und auszureizen). Ob es jetzt nun Schuld oder Scham ist, weil ich Privilegien habe oder Angst vor Kontrollverlust, Ohnmacht, weil ich Diskriminierung erlebe… Sometimes I’m able to get over myself.

Das macht mich aktiv, gestaltend und lebendig. Es unterstützt mich in meiner politischen Arbeit. Es eröffnet andere Perspektiven und ermöglicht (andere Wege von) „gemeinsam“. Es gibt mir Hoffnung. In solchen Momenten erlebe ich, dass Utopie doch etwas sein kann, dass im Hier und Jetzt stattfindet.

Ausschluss oder Ausgangspunkt? Bündnisse und Fragen an die Lesbenbewegungen in der DDR

Vergangene Woche habe ich in Halle einen Vortrag mit o.g. Titel anlässlich der Tagung „Das Übersehenwerden hat Geschichte. Fachtag zu Lesben in der DDR und in der friedlichen Revolution“ gehalten.

Für alle, die nicht dabei sein konnten oder den Vortrag noch einmal nachlesen wollen: Hier geht es zum Download

Abstract:
Übersehenwerden hat und macht Geschichte. In der Rückschau auf vergangene oder nicht mehr existierende soziale Bewegungen, Veranstaltungen, Projekte oder Gruppen wird häufig nach inhärenten Ausschlüssen gefragt. Wer konnte mitmachen und sich Gehör verschaffen? Wer wurde gesehen, wahrgenommen, anerkannt? Wer durfte öffentlichkeitswirksam sprechen und worüber? Welche Inhalte blieben unthematisiert und welche Auswirkungen hatte dies auf Zusammensetzung der Bewegungen, Gruppen und Akteur_innen? Wer hat und macht Geschichte?

Bedeutsam hierbei ist, dass den Fragen „Warum“ und „Wie“ meistens die Frage nach dem „Wer“ vorausgeht. Statt zunächst die eigenen Organisationen, deren Strukturen, Arbeitsweisen und Themensetzungen zu be_fragen, müssen die Ausgeschlossen häufig erst „entdeckt“ werden. Um im nächsten Schritt darüber zu entscheiden, ob und welche ihrer Anliegen den eigenen „einschlusswürdig genug“ erscheinen. Das Machtgefälle, das diesen Überlegungen zu Grunde liegt und von welcher (machtvollen) Position aus diese Entscheidungsprozesse geschehen, bleibt dabei unhinterfragt.

Ich möchte in meinem Vortrag Formen der Retrospektive und Selbstkritik vorschlagen, die weniger nach möglichen Einschlüssen fragen, sondern mit Veränderungen eigener Bündnispolitiken antworten.

Lizenz: CC by-nc-nd 4.0 (Please take care!)

Heterosexualität verstehen like it’s 1998

Ich hab letztens meine alten Tagebücher wiedergefunden und ein bisschen darin herumgeblättert. Manchmal random ein paar Einträge gelesen. Bei einem bin ich länger verweilt. Er ist von 1998. Es war kurz vor meinem 13. Geburtstag.

Ich war noch völlig mit der Vorstellung im Einklang, dass ich ein pubertierendes Mädchen bin, das früher oder später einen Typen toll finden muss. Dass da irgendwie nie welche waren, die mich interessiert hätten – who cares? Dass ich mit den Mädchen in meinem Alter nie wirklich wohl fühlte? Pfff…Schwamm drüber.

Und dann war da dieser Eintrag, der irgendwie alles erklärte, obwohl ich darin überhaupt nicht über mich oder mein Erleben schrieb. Nur über meine Beobachtungen. Ich kann über junge Menschen, die 2015 12 oder 13 Jahre alt sind wenig sagen, aber 1998 war es jedenfalls noch so, dass es in diesem Alter anfing, unangenehm zu werden, was den ganzen Hetenkram anging. Die „Iiiieh Jungs“-Phase neigte sich dem Ende zu, das eigene Aussehen (im Sinne von „Attraktivität“) und das anderer wurde permanent bewertet und zu regulieren versucht. Nicht für sich, sondern in erster Linie für die gleichaltrigen oder älteren Typen und im Treten nach unten mit vermeintlichen „Konkurentinnen“ oder „Schwächeren/Uncoolen“. Wer in der basisdemokratischen stillschweigenden Mehrheit mit dem Label „cool“ getackert wurde, galt als begehrenswert. Dieses „cool“ orientierte sich zu „meiner Zeit“ (hach…) an klassischen heterosexuellen und zweigegenderten Stereotypen. Slutshaming ging los und Femininitätsfeindlichkeit war genauso am Start wie Homophobie und sexistische Sprüche für diejenigen, die zwei-Gender-Normen durch ihre Performances verließen.

Zwar schrieben mir meine damaligen Mitschüler vier Jahre später nach dem Ende der 10. Klasse hauptsächlich die Kommentare „du siehst gut aus“ und „du bist witzig“ (LOL) auf mein Abschiedsplakat (jede_r musste bei jeder_m was auf’s Plakat schreiben), doch hatte ich bis dahin nur lächerliche kurzweilige Nicht_Beziehungen mit Jungs, die super unangenehm für beide waren und in die wir halt so reingequatscht wurden, damit der Schulhof-Gossip bei Laune bleibt.

Heterosexualität hat mir meine Beziehungen zu Typen schon frühzeitig versaut, muss ich zugeben. Bis dahin waren sie meine liebsten Spielgefährten, weil sie sich öfter für Dinge interessierten, die mich interessierten, weil ich als „Mädchen“, die auf „Jungskram“ steht, anerkannt wurde und weil dieses zweigenderwerdenaneinandergekettet-fuckup einfach auch mal Welten trennt, die eigentlich locker miteinander ko- und in sich oder ganz anders existieren könnten. Als es zusehends um Sexualität und Begehren über ein nicht-sexualisiertes_romantisiertes Hingezogenfühlen hinausging, wurde es eigentlich unmöglich die zuvor lockeren und kumpeligen Beziehungen zu Typen aufrecht zu erhalten.

Zum einen, weil die Typen immer unangenehmer wurden, durch aufkommendes und ständig neu einzustudierendes sexistisches Verhalten (nicht, dass es davor nicht auch Gewalt gegeben hätte, nur ich persönlich hatte das zu diesem Zeitpunkt meines Lebens noch anders abgespeichert). Zum anderen, weil wie bereits oben angesprochen, sich viel um male gaze und Typen-Bezogenheit im eigenen Handeln drehte. Frei sprechen davon kann ich mich nicht, war ich doch die Jahre zuvor auch stark typen-bezogen in meinem Sozialverhalten, weil es meine prioritäre peer-group war. Und die ständigen heterosexualisierten Anrufungen an mich als Person, meine Sexualität und meinen Körper hinterließen zusätzlich ihre Spuren.

Außerdem bemerkte ich, wie ich mich vermehrt in mich zurückzog und das Gefühl hatte, meine Gedanken nicht mehr mit Typen teilen zu wollen. Ich war awkward, was den Umgang mit „Mädchen“ betraf, weil sie ständig nur über Typen redeten und ich mit stärker werdenden Selbstverleugnungsgedanken und Suche nach Identität selten bei ihren Themen und Gefühlswelten anklopfen konnte. Bei ihnen schien das oft sehr widerspruchsfrei und selbstverständlich abzulaufen. Was nicht heißt, dass es keine Kritik gegeben hätte (über sowas sprachen wir erst viele Jahre später deutlich und konkret), doch das, was nicht gewollt wurde oder im Widerspruch zu sich selbst stand, wurde vielleicht eher hingenommen. So meine Interpretation im Nachhinein. Jedenfalls gab es in mir schon lange, bevor ich das für mich klar hatte, das Gefühl irgendwie viel Zeit in einem „Außen“ zu verbringen.

Ich verstand nicht, wieso. Vielleicht war ich im Grunde einfach verwirrt, weil sich die sozialen Gruppen, die ich vorher eindeutig als „passend oder nicht“ benennen konnte, auflösten und in ihrem gesamten Habitus heterosexualisiert wurden und wir als junge Menschen nun jederzeit all das selbst offen anwendeten, was wir sowieso von Geburt an eingetrichtert bekommen hatten? Auch hier ist es natürlich so, dass Kleinkinder schon heteronormative Praxen haben, die einzigen unangenehmen Situationen erlebte ich jedoch nicht mit Gleichaltrigen, sondern wie Erwachsene reagierten, wenn wir Grenzen sprengten oder „zu hetero“ waren (Bsp: Ein Schmatzer auf die Wange und schon hattest du einen Kindergartenfreund. Aber nur einen, bitte!)

Dieses „Außen“, in dem ich mich öfter befand, brachte es spannenderweise mit sich, dass ich besser beobachten konnte, ohne durch Hetenkram den Blick verduselt zu bekommen. Eines Tages wagte ich mich an eine Analyse meiner Klasse. In dieser stellte ich meine ersten Thesen zu Auswirkungen von Heterosexualität bei Frauen auf. Ich benutzte Worte, die auf dem Schulhof nur als Abwertungen zu verstehen sind, als einfache Identitätskategorien. Ich konnte verschiedene Stadien skizzieren. Dieser Text ist derart emotionslos und trocken (und lustig!), so als hätte ich fünf Seiten mit Differentialrechnung ohne Zahlen zugebracht.

Ich schrieb nicht auf, was das alles mit mir machte, sondern mit meinem sozialen Umfeld. Ich konnte mich von meinem Forschungsobjekt in einer Art und Weise abgrenzen, die mir heute nur noch sehr selten gelingt. Weil mehr als 15 Jahre dazwischen liegen.

Sollte ich jemals wieder gefragt werden, ob ich wüsste, was die „eigentliche“ Ursache für „sexuelle Orientierung“ (meint in der Alltagssprache meistens schwul und manchmal auch lesbisch) sei, werde ich sagen: Heterosexualität.

Denn sonst bräuchte es keine/n Begriff/e für meine „Abweichung/en“.

Gewalt in Beziehungen, Heten und offene Fragen.

Seit Jahren sitze ich in meinem Kopf an einem Text über Gewalt in Beziehungen. Solche Beziehungen, die in ihrer gelebten Praxis und/oder in der Selbstverortung und/oder in der Nicht_Inanspruchnahme von Privilegien von der heteronormativen Struktur dieser Gesellschaft abweichen. Warum so kompliziert? Ja ganz einfach: Weil hetero-Beziehung nicht gleich hetero-Beziehung ist und „queere“ Beziehungen ebenso heteronormativen Mustern folgen können. Weil Menschen, obwohl sie in Heterobeziehungen leben, Widersprüche in der Vorstellung, von dem was hetero zu sein und wie es abzulaufen hat, herstellen können.

Hetero ist für mich immer eng verknüpft mit einer sehr engstirnigen und einfältigen Vorstellung von Gender, Geschlechtlichkeit, Begehren und Sexualität. Hetero heißt für mich auch Privilegien in Bezug auf gesellschaftliche und soziale Anerkennung zu haben, z.B. in der Lebensplanung, in Jobs, etc. Hetero heißt für mich in Bezug auf Sexualität und Begehren und Gender unsichtbar sein zu können, in die Norm fallen, nicht auffallen, niemals deshalb Outing-Situationen erlebt zu haben und sich in Bezug auf das eigene Gender, die eigene Sexualität und das eigene Begehren niemals als anders empfunden zu haben. Natürlich greifen diese Dinge ineinander: Strukturelle Privilegien in Anspruch nehmen zu können und das Gefühl des „Hineinpassens“, ohne das es je konkret von der hetero lebenden Person benannt werden müsste. Oder vom sozialen und beruflichen Umfeld.

Wer Sensibilität für Mehrfachdiskriminierung mitbringt, wird an dieser Stelle ziemlich schnell merken, dass Heterosexualität nur dann widerspruchsfrei ausagiert und von anderen akzeptiert werden kann, wenn die hetero lebende Person weiß ist oder als nicht-behindert eingelesen wird. Heterosexualität ist weiß und ableisiert, normschön, schlank. Manchmal ist Heterosexualität auch in Bezug auf Klasse ein sehr wirkmächtiges Ordnungsinstrument, wenn wir uns klassistische Stereotypen über abwertend benannte „Unterschichts“-Familien vergegenwärtigen, die aufgrund von außen zugeschriebener vermeintlich verantwortungsloser Sexualität sehr jung sind oder viele Kinder betreuen. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle ein bisschen nicht-hetero oder Hete*(Sternchen) sind, sobald wir Diskriminierungserfahrungen machen, die nicht zu einer ebenfalls sehr einfältigen und privilegierten Definition von Sexismus zählen.

Das heißt in erster Linie für Menschen, die sich nicht als hetero definieren, dass sie in Bezug auf ihr Nicht-Hetero-Sein sehr unterschiedliche Erfahrungen machen und unterschiedlich privilegiert/diskriminiert werden. Konkret mache ich als weiße, nicht immer zweigender konform (sein wollende/eingelesene) Lesbe keine Erfahrungen, die ich schlicht als die heterosexistischen/homophoben Erfahrungen bzw. Beziehungsgewalterfahrungen verallgemeinern könnte. Denn auch Queer/Gender/Begehren/Sexualität ist weiß, ableisiert, normschön und schlank (und klassenbezogen privilegiert). Und nicht immer führen wir mit Menschen Beziehungen, die die gleiche soziale Position teilen. Und nicht immer führen wir Beziehungen, die allein unter typen- oder hetenkritischen Gesichtspunkten allein zu analysieren wären. Gewaltbeziehungsanalysen sind für mich komplexer geworden mit der Zeit. Meine Sicht auf meine Beziehungen ist es und manchmal führt das dazu, dass ich kaum mehr eine klare Haltung zu dem entwickeln kann, was mir in Beziehungen wichtig ist und warum, was ich als Gewalt wahrnehme, wahrgenommen habe, wo eigentlich die Grenzen liegen zwischen verschiedenen Beziehungsformen, was ich möchte, mit wem. Wie eine Kritik aussehen kann, die verschiedene Lebensrealitäten mitdenkt und wie ich über eigene Gewaltbetroffenheit schreiben kann, ohne Aussagen zu treffen, die doch wieder ein eingeschränktes Bild über Beziehungen und darin stattfindende als gut und als schlecht bewertete Handlungen zeichnen. Weil eben auch das mit Diskriminierung verknüpft ist, was in Beziehungen als gutes und schlechtes Verhalten bewertet wird.

Ein anderer Grund ist, warum ich seit Jahren lediglich in meinem Kopf Texte überlege ist, dass ich dieses Anderssein nicht schon wieder in einem öffentlichen Raum (in diesem Fall Internet) erleben will. Outing-Situationen werden mich mein ganzes Leben lang begleiten, mindestens immer dann, wenn ich einen Raum betrete, in dem sich Personen aufhalten, die ich nicht kenne, auf der Straße oder genereller gesagt: In allen Kontexten, in denen Heterosexualität Selbstverständlichkeit ist. Ich spüre solche Situationen mittlerweile intuitiv und merke, wie ich Entscheidungen treffen muss. Immer wieder: Wie kann ich in dieser ganz konkreten Situation sein als Mensch? Was muss ich von mir zurückhalten? Wie ich muss ich verhalten, damit ich mich noch halbwegs wohl fühle? Ich weiß, dass auch das ein Privileg ist in vielen Situationen, noch halbwegs die Entscheidungsmacht darüber zu haben, was von meiner Identität in ein diffuses (hetiges) Draußen gelangt. Eigentlich könnte ich mich bestärkt fühlen, diese Entscheidungsmacht in vielen Situationen zu haben. Selbst zu bestimmen, welche Aspekte von mir jetzt gerade eine Rolle spielen sollen und welche nicht. Ich fühle diese Selbstbestimmung allerdings nicht. Ich fühle mich im Gegenteil eher fremdbestimmt, weil ich nicht einfach sein kann. Ohne mir Gedanken über all diese Dinge machen zu müssen. Ganz zu schweigen, von den für mich als Zumutung und Zurichtung empfundenen heterosexualisierten Anrufungen und Selbstverständlichkeiten, die Heten ständig ins Außen kommunizieren und praktizieren müssen.

Zur Outing-Situation kommt hinzu, dass ich eigentlich nicht will, dass Heten so etwas von mir lesen. In Bezug auf Gewalt in Beziehungen haben mich Heten manchmal öfter ernst genommen als viele meiner queeren Peers, jedoch nicht, weil sie sensibilisierter wären. Häufig musste ich mir schon sagen lassen, wie gut ich es doch hätte, ohne Typen in meinem Leben und Lieben, teilweise sogar mit der Bemerkung, dann würde ich ja keine Gewalt erleben. Beschränktes hetiges Denken. Wenn ich dann von Gewalt berichte, die ich nicht nur von Typen erfahren habe, sind sie ganz schockiert, weil sie bis zu diesem Moment hofften, irgendwann auch den Weg ans „sichere Ufer“ finden zu können, wenn ihnen die Typen in ihrem Leben zu sehr auf den Geist gehen. Dann gibt es ja noch diese Sorte Heten, die sich ob all der um sie herum ausufernden Hetero-Kritik endlich bestätigt sehen, dass es anderswo auch nicht besser aussieht. Und die Nicht-Heten lieber erstmal vor der eigenen Haustür kehren sollten, bevor sie anfangen meine hetige pathologische Typen-Bezogenheit zu kritisieren. Oder es sind die voyeuristischen Heten, die es ein bisschen geil finden, von Gewalterfahrungen anderer mitzubekommen, weil sie ihre eigenen Gewalt-Beziehungen dann nicht reflektieren müssen oder so besser das eigene Erleben ins Außen verfrachten können. Instrumentalisierungsängste waren und sind sehr groß bei mir, auch dann, wenn ich Texte von anderen über Gewalt in Beziehungen lese, in denen hetero keine Rolle spielt.

Was mich außerdem nicht hat schreiben lassen: für wen wollte ich so einen Text eigentlich schreiben? Für die Heten, damit die auch mal kapieren, dass sie nicht die einzigen sind, die Gewalt in (romantischen Zweier-)Beziehungen erleben? Für Aktivistinnen, damit die auch mal kapieren, dass sexualisierte und Beziehungs-Gewalt kein reines Typen-Phänomen ist und ich die Schnauze voll habe von Texten über abusive und toxic relationships, in denen alles aus einer nicht benannten heterosexistischen Perspektive heraus analysiert wird, wo es nur Frauen und nur Frauen als von der Gesellschaft mindgefuckte Opfer gibt, die nichts weiter können als immer wieder Gewalt von Typen zu erleben? In denen das einzige kritisierende Framework für Gewalt in Beziehungen das Machtgefälle zwischen Mann und Frau ist? Ich könnte jedes Mal im Strahl kotzen, wenn solche eindimensionalen Texte durch’s queer_feministische Internet gereicht werden, als sei das Rad neu erfunden worden und bei jeder Verlinkunge auf Broschüren für Betroffene von Gewalt in lesbischen Beziehungen die abfällige Bemerkung fällt, dass darin Bisexualität und Trans* keine Erwähnung finden.

Oder soll mein antizipiertes Publikum eines sein, die nach Perspektiven von Menschen suchen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Soll ich darin dann konkrete Dinge schildern? Ist es aber dann nicht sinnvoll, wenn möglichst viele (egal ob Hete oder nicht), lesen können, wie genau diese Gewalt aussah? Wann ist Konfrontation sinnvoll? Und mit wem? Will ich überhaupt eine Auseinandersetzung, die meinen Kopf verlässt?

Eine andere Frage: Was macht die gesellschaftliche Tabuisierung von Beziehungsgewalt in nicht-hetero-Beziehungen mit mir und meinem Gewalt-Erleben? Insgesamt habe ich etwa 7 Jahre als Betroffene in gewaltvollen Beziehungen verbracht (wenn wir die Herkunftsfamilie mal weit außen vor lassen – obwohl zwischen beidem auch immer Zusammenhänge besteht). Bis vor drei Jahren konnte ich das nicht mal benennen. Ich hatte mangels Zugang zu Wissensarchiven keine Idee davon, wie diese Gewalt aussehen könnte, wenn sie nicht zwischen Heten oder von Typen ausgehend stattfindet. Ich hatte immer nur meine Gefühls- und Körperarchive, die namenlos in mir wohnten und mich ständig daran erinnerten, ähnlichen Situationen in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Ich habe bis heute kaum Austausch über meine Erfahrungen mit Menschen, die ähnliche gemacht haben. Ich merke häufig, wie unsensibel Leute sein können, die keine Idee davon haben, was häusliche Gewalt eigentlich für den Alltag von Betroffenen bedeutet und wie das spätere Wohn- und Lebensverhältnisse prägen kann oder den eigenen Bezug zu (ständiger) Nähe mit anderen Personen.

Ich investiere neben der Aufarbeitung meiner Erlebnisse auch jede Menge Energie in die Analyse und Veränderung meines Verhaltens in Beziehungen und Freund_innenschaften. Es hat mich viel Überwindung und Anstrengung gekostet und tut es noch heute, meinen Status als Betroffene weiter zu denken als nur in der konkreten Gewaltsituation. Welche Rolle_n nehme ich ein in Beziehungen, die ich als liebevoll, sensibel und fürsorglich empfinde? Wo/Wann verspüre ich „ein Anrecht auf etwas haben“? Welche Erwartungen stelle ich an meine meine Freund_innen, Partner_innen? Was haben meine Beziehungsbedürfnisse und Handlungen mit meinen Gewalterfahrungen zu tun? Woher kommen bei mir Eifersucht, Enttäuschung, Scham, Verletzung, Schuld in Beziehungen? Wann entschuldige ich all das mit (Gedanken zu) meinen Gewalterfahrungen? Irgendwann musste ich einsehen, dass der Status „Betroffene“ auch bei mir nicht widerspruchsfrei ist.

Obwohl ich der These widerspreche, dass Gewaltdynamiken „immer zwei Seiten“ haben oder „von beiden“ ausgelöst_verstärkt werden, so ist doch meine innere Haltung zu der Thematik mittlerweile, dass Gewalterfahrungen das eigene Verhalten derart prägen können, dass mensch selbst nicht davor gefeit sein kann, selbst Gewalt auszuüben oder sich grenzüberschreitend zu verhalten. Eigentlich nichts neues, aber es braucht nach wie vor Energie, sich das a) einzugestehen, b) mit dem Wissen anders zu handeln als vielleicht gewohnt und c) nicht in solchen Situationen anzuwenden, die ich als mir gegenüber gewaltvoll einordne. Den dritten Punkt finde ich besonders schwierig. Nicht Gewalt zu entschuldigen oder zu verharmlosen, weil ich ja auch nicht immer cool mit allem umgehe, weil mein_e Gegenüber doch nur so reagiert, weil (bitte hier nachvollziehbaren Grund einsetzen, der irgendwas mit früher(tm) zu tun hat), weil ich nicht alles (Beziehungen, mich, die Gesellschaft) hinreichend kritisch reflektiert habe, weil ich Angst habe, weil mich Erinnerungen an Vergangenes nicht loslassen oder weil ich einfach nicht will und keine Begründung dafür brauche. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Wenn ich Handlungen als gewaltvoll wahrnehme, dann ist das so. Dann denk ich mir das auch nicht aus, weil ich mich aus der Verantwortung ziehen will. Dann gibt es dafür Gründe, die im Verhalten der anderen Person liegen und nicht in meinem Gedanken-Gefühls-Projektionen-Wirr-Warr, das ich nicht geordnet kriege (auch eine Folge von Beziehungsgewalt). Überhaupt diese Perspektive anzunehmen (Ich erlebe Gewalt) ist schon re_traumatisierend, verletzend, schlimm und ängstigend und traurig und wütend machend und verzweifelnd genug.

Beziehungen jeglicher Art sind für mich eine Form der Wahlfamilie oder ein dem öffentlichen Raum halbwegs entzogener Kontext. Zumindest wollen wir das so gestalten (in meiner Wahrnehmung). In Beziehungen habe ich immer Schutz vor Homophobie/Heterosexismus gesucht, Peers, Menschen, die sind wie ich. Menschen, die mir nicht das Gefühl geben, ich sei „anders“. Meine Mitmenschen und ich sind daran interessiert Beziehungen zu haben, die uns stärken, die Sinn erzeugen. Für mich persönlich ist das Gefühl einer starken Zuwendung zu anderen, was auch Verliebtsein, Körperlichkeit, Sexualität und Ängste, Personen nicht mehr in dem Maße im eigenen Leben zu wissen beinhalten kann, sehr vorantreibend. Manchmal sogar der Hauptgrund, mich gegen ein selbstbestimmtes Lebensende zu entscheiden.

Ich merke an mir, wie meine eigenen ersten Beziehungserfahrungen und Diskriminierungen was mit meinem Beziehungsverhalten machen. Ich merke, wie ich Begehrlichkeiten und Ansprüche entwickele, auch im Umgang miteinander. Ich merke, wie ich manchmal in emotionale Abhängigkeiten zu anderen gerate und enttäuscht darüber bin oder gar verletzt, wenn es meinen Gegenüber nicht so geht. Ich merke wie ich bestimmte Formen des Commitments und der Loyalität einfordere, so wie ich es für andere zu geben bereit bin. Ich merke, wie destruktiv Beziehungen sein können, wie sie manchmal eine Form der Selbstverletzung ohne Gegenstände sind. Wie meine eigenen Befindlichkeiten in diesen Momenten andere verletzen, unter Druck setzen können, wenn ich erwarte, dass andere jedes meiner Bedürfnisse mitdenken, vorausahnen, darauf eingehen, erfüllen sollen, wenn ich offen meine Bedürfnisse kommuniziere. Weil verdammt nochmal ich ein Recht auf meine Bedürfnisse und Wünsche habe, weil sie ja irgendwie mit mir und meinem Leben zu tun haben. Ich will endlich auch mal Ansprüche stellen dürfen.

Wirklich? Warum?

Wie kann ich meine Bedürfnisse unabhängiger von anderen leben, ohne mich einsam und alleingelassen damit zu fühlen? Wie kann ich Gefühle aussprechen, ohne damit andere unter Druck zu setzen? Wie kann ich Wünsche benennen, ohne Angst vor ihnen zu haben, weil sie eventuell Beziehungen verändern könnten?

Ich merke, dass es leichter wird sich mit eigenen Erfahrungen in Beziehungen zu bewegen, wenn ich mich öfter aus dem Fokus nehme bzw. andere mehr in den Fokus rücke. Auch gegen meinen inneren Trotz, dass ich darauf doch ein Recht habe, weil soundso und Sozialisation und bla. Auch gegen meine Ängste (und Gewissheiten), dass ich von anderen nicht immer oder nie bekomme, was ich möchte. Auch gegen meine Persönlichkeit, die mir nach solchen Entscheidungen jedes Mal mit hämischem Grinsen die wärmende Decke des Selbstmitleids hinhält, die ich dann dankbar um mich werfe.

Doch lieber so, als anderen Entscheidungen zuzumuten oder von ihnen einzufordern, die für sie eine klare Grenzüberschreitung bedeuten. Denn ich weiß, wie sich so etwas anfühlen kann.

Verlaufen Beziehungen eigentlich nicht immer asymmetrisch? Kommt es nicht immer wieder zu Situationen, in denen Wünsche nicht erfüllt werden können, in denen Gefühle unterschiedlich sind, Wahrnehmungen nicht zueinander passen? Verlaufen Beziehungen immer asymmetrisch, weil Menschen unterschiedliche Erfahrungen machen und unterschiedliche Nicht_Umgänge damit wählen, weil Menschen unterschiedlich er_leben?
Wie gehen wir damit um, ohne uns und andere zu verletzen? An welchen Punkten begegnen wir uns? An welchen Punkten ist es nicht möglich?

Dieser Text hat keinen roten Faden und mir schwirren noch so viel mehr Gedanken durch den Kopf, doch scheiß auf klare Linien.