Homo in Hoy-Woy oder: Der wichtigste Kinobesuch meines Lebens

Sommerferien. Die besten Ferien. Sechs Wochen ohne Schule, gefühlt unendlich viel Zeit ohne Hausaufgaben, Klassenarbeiten, Leistungsdruck und nervige Mitschüler:innen. Ich stehe am Schnur-Telefon im Flur und klingele meine Freundinnen durch. Ein Handy habe ich 2001 nicht. Meine Eltern sind noch arbeiten. Auch eine dieser tollen Eigenschaften von Ferien. Viele Stunden täglich ohne die kontrollierenden Alten im Nacken.

Am Ende gehe ich doch allein ins Kino. Niemand hat Zeit oder Lust mitzukommen. Dass ich Dinge, die man für gewöhnlich mit mehreren tut, trotzdem alleine mache, ist ungewöhnlich für mich. Meistens liege ich lesend auf meinem Bett (Stephen King), wenn draußen die Sonne scheint. Oder hänge vor meinem Jugendweihe-PC und auf Uboot.com in irgendwelchen Chats rum, schmücke mein Profil mit neuen Song-Zitaten, die meine Persönlichkeit repräsentieren (The Cure, Depeche Mode, Placebo, LOL). „Stubenhocker“, „Kellerkind“ sind die Begriffe, die mir meine Mutter deshalb ständig an den Kopf wirft. Ich bin am liebsten zu Hause und beschäftigte mich mit mir selbst. Wie man das halt so macht als Einzelkind.

Aber an diesem Nachmittag schwinge ich mich auf mein Fahrrad und radele bei schönstem Sommerwetter in die Altstadt. Im Kinosaal sitzen drei Leute. Die anderen Kellerkinder aus Hoyerswerda?

Die ersten Minuten laufen und ich bin gedanklich schon in die Szenerie des Films ausgewandert. Was ich auf der Leinwand sehe, erfüllt mich schlichtweg mit Glückseligkeit, einem Gefühl der „Fullness“, das ich bis dahin nur von den Wanderurlauben mit meinen Eltern kannte. Die Weiten, die Gipfel, die Unbarmherzigkeit und Schönheit der Natur, die Irrelevanz des Selbst. Transzendenz, wenn man so will.

Auf dem Weg zurück nach Hause transzendiere ich also vor mich hin. Szenen des Films, die vor meinem geistigen Auge flimmern, Herzrasen und dieses warme Gefühl, das meinen Körper durchströmt, sich unentwegt ausbreitet, als wäre ich unendlich. Wie die Hochplateaus in Norwegen. Dazu mischen sich Szenen meines eigenen Films, meines Lebens, Begegnungen mit Mädchen, die ich bewunderte, ja anhimmelte, mit denen ich unbedingt meine Gedanken und Gefühle, für die man noch keine adäquaten Worte finden muss, teilen konnte.

Ich habe solche Freundinnen nicht, merke ich. Ich liebe meine Freundinnen, so ist es nicht, aber diese Verbindung, nach der ich mich so sehr sehne, sie ist nicht da. Ich mein, die Pubertät setzt gerade ein (bei mir) oder ist in vollem Gange (bei anderen), das bedeutet kurz nach der Jahrtausendwende das Ende aller bestandenen Bechdel-Tests und queeren Potenziale in Mädchenfreundschaften. Meine Freundschaften mit Jungs werden ebenso schwer irritiert, denn die sind fortan nicht mehr Kumpels, mit denen man Fußball spielen oder Blödsinn quatschen konnte, sondern potentielle Sexualpartner. Irgs. Why?

Die toxische Heterosexualität zeigt sich bei Mädchen vor allem im Zwang zum Schminken und Rasieren, zu Push-Up-BHs und figurbetonten Klamotten. In Male Gaze inhalieren, in Gehetze und Gelästere über andere, die bei dem Spiel nicht mitmachen. Es wird früh trainiert für das Patriarchat. Ich interessiere mich dafür gar nicht, falle glücklicherweise aber nicht in kollektive Ungnade und finde temporär Verbündete bei den Jungs, die weiterhin lieber Fußball zocken oder sich gegenseitig befummeln, um ihre Sexualität zu erkunden als sich für irgendein Mädchen in eine Rolle zu drücken. Deren Anerkennung habe ich, weil ich nicht „zickig“ oder „tussig“ bin wie die anderen Mädchen aka. wir ähnliche Interessen teilen.

Ich werde trotzdem in irgendwelche Beziehungen und sexuellen Handlungen reingequatscht und reingedrängt von allen Seiten, die Gruppendynamiken, sie kriegen am Ende doch alle. Mein Verhältnis zu anderen wird durch Zwangsheterosexualität zwar nachhaltig gestört, mein Verhältnis zu meinem Begehren lässt sich davon allerdings nicht beeindrucken, obwohl mir irgendwann klar ist, dass ich damit in der ostdeutschen Provinz keinen Blumentopf gewinnen werde. Ich suche mir noch stärker als bisher meine Erholung, meinen eigenen Raum bei mir selbst, meinem 56K-Modem und meinem Ebay-Konto. Ich bestelle mir von meinem schmalen Taschengeld jedes Tomb-Raider-Spiel, selbst aufgenommene VHS-Kassetten mit Angelina Jolie Filmen und Interviewschnippseln, Poster, Bücher. Ich hänge in einem Angelina-Jolie-Forum ab und klicke täglich hunderte Bilder durch. In meine Schulhefte und auf die Schulbänke kritzele ich ihr Unterarm-Tattoo, ein Zitat des queeren Schriftstellers Tennessee Williams: „A prayer for the wild at heart, kept in cages.“ Ich bin obsessed.

Irgendwie schafft es mein Hirn mein Begehren für AJ soweit loszulassen, dass es sich freier bewegen kann. Wen finde ich noch spannend und warum? Während meiner Entdeckungsreise durch die Popkultur geht es mir weniger um Repräsentation meiner Selbst (Ich bin Robert Smith, Dave Gahan und Brian Molko), sondern um Repräsentation meines Begehrens. Meine starken Gefühle brauchen ein Outlet. Meine Projektionen eine Fläche, auf der sie sich breit machen können. Ich bin unglücklich in meinem Real Life, weil dort niemand ist, mit dem ich all das teilen kann. Das Klima in Hoyerswerda ist nicht nur offen homophob und heterosexistisch. Etwas, das mich so fundamental in meinem Sein berührt, existiert schlichtweg nicht. Ich existiere nicht. Bin ich das einzige queere „Mädchen“ auf meiner Schule? Ich kann es natürlich nicht beantworten, weil who knows really, wenn das Klima so ist und die Sozialisation derart, dass queere Lebenswelten schlichtweg unvorstellbar sind. Zum Glück frage ich mich das nicht ständig, ich akzeptiere einfach, dass es sehr wahrscheinlich so ist. Ich kann mich mir ja selbst nicht wirklich vorstellen.

In meinem Zimmer hängt bald ein relevantes Poster: Kiss von Tanya Chalkin. Meine Mutter, die sowieso ständig ungefragt in mein Zimmer kommt und es mir verbietet, abzuschließen, reagiert angewidert und wütend. „Das findest du schön?“

Ja.

Ich lebe mein Begehren zunächst lange Zeit ohne das Wissen meines Umfeldes, das Poster ist sozusagen der erste eindeutige Hinweis für Außenstehende, dass ich nicht bin, was von mir erwartet wird. Zeitgleich eskalieren zu Hause die Streitereien um meine Outfits. In Baggypants, Sneaker und Sweatshirts fühle ich am wohlsten. Eines Tages finde ich meine heißgeliebte Dickies im Mülleimer. Meine Mutter. Diese Grenzüberschreitung ist so massiv und meine Scham so tief, dass ich nicht in der Lage bin, die Hose aus dem Müll zu ziehen. Ich füge mich in das, was von mir erwartet wird.

Drei Jahre nach dem wichtigsten Kinobesuch meines Lebens habe ich mir ein Level an Authentizität erarbeitet, mit dem ich cool bin. Ich gefalle mir in meinen Jeans- und Cord-Hosen mit oder ohne Schlag, Indie-Tretern Modell Hamburger Schule und meinen Bandshirts („Girly Fit“), meine langen Haare kann ich mit Begeisterung stundenlang vor dem Spiegel zu einer rockigen Mähne stylen (Haarspray und Schaumfestiger for life), habe meinen Make-Up-Frieden gemacht (Mascara only ist mein Go-To, Lidschatten und Eyeliner zusätzlich für Partys), schnalle mir hin und wieder den alten Wildleder-Schlips von Vati um den Hals, im Freundeskreis meines Boyfriends werde ich liebevoll Avril Lavigne genannt. Im Karussell der Zwangsheterosexualität habe ich mir einen Platz ergattert, der mir nicht ständig die Luft abschnürt. Ich fröne nach wie vor meinen Frauenfantasien, suche weiterhin vergeblich nach tiefen emotionalen Verbindungen zu anderen, finde trotzdem immer wieder schöne, bewegende und bedeutsame Momente. Ich weiß, dass in meinem Leben ganz grundsätzlich etwas fehlt, hänge auch deshalb oft depressiv in meinem Bett rum, wenn meine Mutter mich lässt, was sie selten tut. Mein Grundvertrauen in mich und mein Begehren gibt mir trotzdem Kraft. Niemand kann es mir wegnehmen und in meinem scheinbaren Einfügen habe ich mir meine autonomen Räume geschaffen, in die niemand Einblick hat und daher niemand bewerten und bestrafen kann. Irgendwann finde ich den Mut, mich zwei Freundinnen, die nicht zu meinem engsten Kreis gehören, anzuvertrauen, dass es in meinem Leben eben nicht nur Jungs gibt. Begeisterung. Anerkennung. Wow.

Mit beiden knutsche ich besoffen auf irgendwelchen Dorfpartys rum, in eine verknalle ich mich furchtbar. Der beste Kumpel meines Boyfriends und sie sind seit Jahren ein Paar. DocMartens, Lederjacke, zerrissene Jeans, eigenes Auto. Sie ist älter als ich, hat bereits den Absprung aus der Lausitz nach Berlin geschafft und ist nur ab und zu in der Gegend. MEINE TRAUMFRAU!!!

Nach einem durchzechten Wochenende mit ihr steht die nächste Zeche an: Abi Abschluss äääh Abrissparty in der Schule. Wir alle schmeißen uns in bescheuerte Klamotten, randalieren ein bisschen im Schulgebäude und reichen die Flaschen rum. Ich weiß nicht, warum ich mich plötzlich in einer großen Gruppe meines Jahrgangs wiederfinde. Ich rauche und saufe zusammen mit Leuten, die mir nichts bedeuten und die ich in einigen Monaten sowieso nie wieder sehen werde, also who cares? I don’t. Leider dreht sich Ober-Bitch vom Dienst um und brüllt mir vor 30 Leuten die Frage an den Kopf, ob ich lesbisch sei. Auf einmal ist Stille. Alle starren mich an. Mein Herz rutscht in die Hose, ich möchte bitte sofort aus dem Bällebad abgeholt werden, aber niemand kommt. Meine Freundinnen sind weit und breit nicht zu sehen. Zum Glück, die wissen nämlich auch nicht Bescheid. Grinsen, Kichern, Glucksen, irgendwelche homofeindlichen Worte. Noch bevor ich etwas rausstammeln kann, das definitiv kein enthusiastisches Ja wäre, nölt und grinst sie weiter: „Ich hab dich am Wochenende auf ner Party gesehen.“

SHIT.

„Ich bin bi, na und?“, erwidere ich schnippisch und ängstlich. Ich fühle mich wie eine Hochstaplerin, weil meine Präferenz nicht mein aktueller Boyfriend ist und eigentlich kein Typ, weder aktuell noch zukünftig. Ich weiß zu wenig über Bisexualität, Lesbischsein und überhaupt und sowieso. Ich weiß nur, Angelina ist bisexuell und ich liebe sie und alles ist besser, als jetzt in diese Runde zu brüllen: ICH BIN NE FUCKING LESBE DU DÄMLICHE DRECKSKUH! Wer hat schon den Mumm mit 18 in diesem homophoben Dreckskaff? I don’t.

Der Tag klingt aus mit zwei Freundinnen aus meinem Jahrgang, denen ich völlig wuschig von dem Vorfall berichte, die eine weiß ja schon, was los ist, sie ist eine der beiden Knutschfreundinnen. Die andere reagiert zu meiner absoluten Überraschung voll cool, berichtet von ihren eigenen kleinen Erlebnissen und ist überhaupt völlig entspannt mit dem Thema.

Die letzten Wochen bis zum offiziellen Schulende werden spießroutig, am nächsten Tag weiß es schon mein Leistungskurs, wenige Tage später der gesamte Jahrgang. Komische Blicke und Tuscheln hinter vorgehaltener Hand, offensive Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Demonstrativ lasse ich mich in dieser Zeit öfter von meinem Boyfriend auf seiner Cross-Maschine abholen. Er ist zu 10% im Bild, weil ich es als Partyflause abtue, so ganz schmeckt es ihm nicht, aber er wähnt sich in Sicherheit. Wir vögeln, ich habe Spaß, was soll schon schief gehen?

Im Früh-Herbst bin ich weg aus Hoyerswerda. Ziehe zum Studieren ins nächste Dreckskaff, nach Mittweida. Zwei Tage nach meinem Einzug ins Studi-Wohnheim läuft mir meine erste Freundin über den Weg. Sie lebte bis zu unserer Begegnung stockhetero. Sie wird kein Happy End dieser Geschichte. Sie ist gewalttätig, grenzüberschreitend und manipulativ. Doch lieber in so einer Beziehung als der Hass, der mir von meinen Eltern entgegenschlägt. Ich hatte mich inzwischen als Lesbe geoutet.