Was das autonom handelnde Subjekt mit Rassismus zu tun hat

Als Weißer Mensch in einer rassistischen Gesellschaft sozialisiert zu werden bedeutet unter anderem, ganz selbstverständlich den Status als einmaliges und unverwechselbares Subjekt zu beanspruchen. Das Konzept des Subjekts als ein vernunftbegabtes und autonom urteils- und handlungsfähiges Individuum geht zurück auf die Aufklärung, die das ‚Subjekt’ als Weiß und männlich entwarf und diesem ‚typisierte Objekte’, die rassisch Geanderten, die sog. NichtWeißen, gegenüber stellte, welche der Vater des deutschen Rassedenkens, Immanuel Kant, ebenso ausführlich wie gewaltvoll klassifizierte (Wollrad 1999, 261-266). Somit ist nicht nur der Anspruch, als Individuum gesehen und behandelt zu werden, historisch unmittelbar mit Weißsein (und Mannsein) verknüpft, sondern ebenso das vermeintliche Naturrecht, „Andere“ zu objektivieren, als Kollektiv zu markieren und abzuwerten.

aus: Eske Wollrad (2007) – Getilgtes Wissen. Überschriebene Spuren. Weiße Subjektivierungen und antirassistische Bildungsarbeit, in Tagungsdokumentation des Fachgesprächs zur „Normalität und Alltäglichkeit des Rassismus“, 39-55 [PDF]

Von bornierten und reflektierten Hinterteilen

In diesen ganzen Debatten um Emanzipation und Herrschaftskritik kommt immer wieder die Frage auf: wie wird mensch das? Wie geht das? Anhand einer kleinen biografischen Erzählung ein Vorschlag. Ich mach die Kommentare wieder auf, weil ich einen Austausch mit euch ermöglichen will, was eure Anknüpfungspunkte für Feminismus, Antirassismus, Antisexismus, Kapitalismuskritik usw. waren. Was euch politisiert hat, wie ihr euch weiter entwickelt habt, usw. Please feel free to share…

Als ich vor etwa zwei Jahren schon etwas länger in feministischen Auseinandersetzungen um Intersektionalität eingelesen war, wurde mir klar: Rassismus ist genauso wichtig sich anzuschauen, das hängt alles irgendwie zusammen mit Klassismus, Sexismus, Bodism, Ableism und dem ganzen Quark, der uns immer wieder das Leben schwer macht. Rassismus ist scheiße und muss bekämpft werden, ich wühlte mich durch Texte und erarbeitete mir genau diesen Stand. Heute weiß ich, das ist der zweite Schritt vor dem ersten.

In dieser Phase meiner Aneignung herrschaftskritischen Wissens postete eine Freundin von mir, nennen wir sie im Folgenden P., ein Interview mit Noah Sow auf Facebook. Beim Lesen dachte ich so: „Meine Fresse, arroganter Mist, der arme Interviewer“ – Typisches Abwehrverhalten gegen die Weigerung immer allen alles erklären zu müssen. Gegen diese konsumistische Erwartungshaltung. Unbedarft und naiv (und ignorant) rotzte ich P. gleich als erste Kommentatorin genau diesen Satz unter den verlinkten Beitrag. Es dauerte keine zwei Minuten und der nächste Kommentator reagierte mit: „White Supremacy!!“ P. versuchte zu schlichten, doch es half nix, im Minutentakt prasselten die Kommentare ein, was ich mir denn anmaße und überhaupt und sowieso, andere versuchten zu erklären, was jetzt gerade vor sich ging, ich stellte keine Fragen, sondern wertete und mutmaßte fröhlich vor mich hin, geschockt ob der sehr direkten Reaktionen auf meinen „harmlosen“ Kommentar. Was die anderen versuchten mir deutlich zu machen (oder mit Rants mein herrschaftliches Denken zu sanktionieren), las ich zwar, verstand ich auch, aber…

Am nächsten Tag unterhielt ich mich mit P. über das, was passiert war und wollte wieder intervenieren, das Wort behalten, mich rechtfertigen „Ich hab doch nur…“. Sie beendete das Gespräch mit: „Es geht darum, dass ihr weißen einfach mal zuhört“. Dann sprach sie, über ihre Arbeit, über ihre Erfahrungen und ich hörte zu. Dieses Mal wirklich. Meine Sichtweisen spielten keine Rolle. Das war eine ziemlich einschneidende Erfahrung für mich, denn sonst war das mit dem Zuhören immer gekoppelt an Menschen, denen ich zuzuhören hatte, weil sie sich Definitionsmacht über meine Erfahrungen als lesbische Frau erlaubten.

Oft wird angenommen, der Unterschied zwischen Unterdrücker_in und Unterdrückter_m verlaufe entlang einer Wissensachse. Part A weiß es einfach noch nicht besser und ihm_ihr müsse das nötige Wissen eingeflößt werden und dann klappt das schon mit dem Antirassismus. So einfach ist das jedoch nicht.

Herrschaftskritik ist in erster Linie keine Sache von Wissensvorsprung, sondern von Bewusstsein. Und dieses kommt mit Interesse, Interesse am Anderen, am Unbekannten, am Nichtselbstverständlichen, an anderen Wertvorstellungen und Welterklärungen. Das Bewusstsein besteht darin, dieses Interesse gekoppelt zu wissen an sich selbst. Was macht das alles mit mir? Wie hängt das mit mir zusammen? Warum interessiere ich mich für das, aber nicht für jenes? Was passiert mit meinem Selbstverständlichen, wenn ich anfange, dem Interesse nachzugehen?

Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was es heißt, unterdrückt, marginalisiert und ausgeschlossen zu sein, ist der Schlüssel zu herrschaftskritischem Denken. Ich muss dafür nicht selbst unterdrückt sein oder kann in anderer Form unterdrückt sein (bspw. durch Sexismus). Für dieses Bewusstsein muss ich nicht studieren. Ich muss keine Gesellschaftstheorien lesen. Ich muss zuhören können, ich muss mich selbst zurücknehmen und das Andere neben mir akzeptieren und wertschätzen können. Dem Interesse nachzugehen, heißt auf andere Marginalisierte zuzugehen, doch sie nicht zu überfallen mit meinen Auffassungen.

Was noch viel wichtiger ist: Ich muss lernen, loszulassen. Von Altbekanntem, von meinen Stützpfeilern, mich auf Unsicherheiten, die diese Prozesse mit sich bringen, einzulassen. Ansonsten bleibt da nur Abwehr, Verweigerung, Schuldgefühl, Narzissmus, Borniertheit. Und das selbstverständliche Annehmen von: Erklär’s mir, aber, ob du Recht hast, bestimme ich. Ich muss einsehen, dass ich für all das selbst verantwortlich bin, niemand sonst. Keine_r hat das Recht, von anderen zu verlangen, der_die Lehrer_in zu spielen. Weil, wie eingangs gesagt, es nicht nur darum geht, Wissenslücken zu füllen.

Fehler passieren, gerade am Anfang und immer wieder mittendrin. Sie hören nie auf. Ich muss damit umgehen können und nur ich. Niemand sonst.

P. war immer kritisch mit mir, verzog das Gesicht, wenn ich Mist erzählte, sagte mir ins Gesicht, wenn aus einem Dialog mein Monolog wurde. Was maßte ich mir schon an, ihr zu erzählen, was Rassismus sei? Das weiß sie doch wohl am besten. Ich wollte mich doch nur austauschen… Oder nicht?

Ich begriff irgendwann, dass sie nicht meine Lehrerin ist, sondern die Hand an meinem Kopf mit der Nasenspitze in der Suppe. Den Teller musste ich allein auslöffeln. Ich las mich durch Blogs, klickte auf Links und bestellte irgendwann ein paar Bücher zum Thema. Darunter auch das von Noah Sow. Schon auf den ersten Seiten entlarvte sie mich als Rassistin. Ich lachte hysterisch, später auch Tränen, manchmal war ich ganz entsetzt, ich verschlang das Buch in Stunden.

So ein Bewusstsein entwickelt sich langsam und ist auch dann noch am Entwickeln, wenn mensch sich bereits Wissen angeeignet hat. Ich verfolgte Diskussionen unter Antira-Blogs, scannte Argumentationsführungen. Das Gute ist, das ist alles für lau. Das Netz ist voll von diesen Bewusstseins- und Wissenskatalysatoren, dass es schon fast zur Obszession wird, sich mit Texten vollzustopfen. Nur selten quillt es zu den Ohren raus.

Diese Unsicherheit hört nie auf, ich hab gelernt, mich damit wohl zu fühlen. Erst ziemlich spät traute ich mich, mit Rassismuskritik zu argumentieren, mensch will ja auf Augenhöhe diskutieren und das Argument nach vielen Seiten abgeklopft wissen. Bis heute passiert es mir, dass ich Menschen auf der Straße vor meinem geistigen Auge fremdmarkiere, mit Stereotypen belege, mich unwohl fühle, wenn die Mehrzahl der Menschen um mich herum nicht weiß sind. Entweder aus Angst vor konstruierter Gefahr oder aus Angst, etwas falsch zu machen. Das ist mein Problem. Diesem Gefühl versuche ich nicht nachzugeben, sondern gleich ’nen Schalter umzulegen, das sichtbar zu machen und wenn möglich, erstmal im Innern zu dekonstruieren. Ohne Schuldgefühle, denn die sind da überhaupt nicht förderlich. Meistens klappt das.

Herrschaftskritik bedeutet ungewohntes Terrain zu betreten, auf waberndem Boden zu laufen, keinen Halt zu finden. Herrschaftskritik bedeutet, sich von sicher geglaubten Wahrheiten zu emanzipieren, ganz selbstständig, ohne Beifall dafür zu erwarten. Herrschaftskritik bedeutet herrschaftskritisch zu sein. Auch mit sich selbst. Jederzeit.

Dass ich P. hatte, die den Impuls setzte, war gut für mich. Für Herrschaftskritik braucht es aber keine P., irgendwann wird sich dein bornierter Arsch schon in eine Diskussion oder in einen Raum setzen, der er nicht gewachsen ist, in dem er keinen Stuhl findet und dann liegt es an dir, daraus was zu machen. Oder eben nicht. Aus Zweitem wird auch kein Nachteil erwachsen. Einfach, weil das Unbewusstsein ja überall und jederzeit sein kann.

Der Gaze Effekt und Feminismus.

Wenn namhafte Masku-Trolle und Peter Scholl-Latour im Netz zum Angriff gegen überbordene Political Correctness blasen, weil es Menschen gibt, die gewisse Spielregeln nicht akzeptieren, dann ist der Zeitpunkt gekommen, darüber nachzudenken, was hier eigentlich passiert.

Eine Klientel, die sich sonst überhaupt nicht für Gesellschaftskritik zu interessieren schien oder lieber mit ihrem Ego kokettierte, hat mittlerweile einen exzellenten Fetisch entwickelt, weil politische Inhalte stets das Potenzial haben zu triggern. Nur die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind unterschiedlich: Während ein paar der Fetischisten sich selbst bilden, das Gespräch suchen, ihre alltägliche Praxis bewusst verändern, wühlen die anderen in der Mottenkiste, um den Zustand der geistigen Restauration nicht zu gefährden. Diese Tatsache ist an sich nichts neues, aktualisiert aber ein Phänomen, das sich Gaze Effekt nennt.

In kurzen Worten benennt der Gaze Effekt den Umstand, dass sich Dominante und Subalterne wechselseitig aufeinander beziehen, in Abhängigkeit stehen, sich permanent beobachten. Und dass diese gegenseitige Beobachtung zu einer Selbstregierungspraxis wird. Ähnlich dem „was könnten die anderen über mich denken, wenn ich irgendwie spreche oder handele, und wie kann ich mich dazu verhalten?“, bezieht sich Gaze auf eine (oder mehrere) Herrschaftsinstrumente.

Wenn das Normale das Andere konstruiert und dem eigenen unterordnet, will es natürlich weiterhin Verfügungsmacht über das Andere haben, sich Gewissheit verschaffen, dass das, was da als Abweichung herunterdefiniert wurde, auch an dem Platz verbleibt, den es zugewiesen bekommen hat. Wenn sich das Andere dem Normalen gegenüber widerständig zeigt, muss es gewaltförmig zurückgestoßen werden, sonst könnte es die vermeintlich sichere Positionen gefährden. Es ist ein Kreislauf, in dem sich Dominante und Subalterne befinden, auf die das Subalterne in den meisten Fällen vier Optionen zur Wahl hat.

1. Gleichgültigkeit/Resignation
2. Assimilation mit der Hoffnung auf eine linear verlaufende Transformation
3. Differenz mit dem Potenzial zur Radikalisierung, was allerdings zunächst die Akzeptanz einer subalternen Positionen voraussetzt
4. Verwerfung/Dekonstruktion des von den Dominanten vorgegebenen Rahmens

Das Wollstonecraft-Dilemma besagt, dass sich aus den Punkten 2. und 3. keine Lösungen ergeben, weil das Problem als solches die Konstruktion des Anderen und ihre von den Dominanten immer wieder hergestellte gewaltförmige Unterordnung ist. Die Akzeptanz der Spielregeln aktualisiert die machtvolle Position der Dominanten, deren Beobachtungen sich das Subalterne stets ausgesetzt sieht. Heißt: Assimilierst du dich, führst du dennoch ein Randdasein. Setzt du dich in Differenz dazu, wirst du nie in die Position kommen, teilzuhaben. Mary Wollstonecraft gehört zu den europäischen Koryphäen der bürgerlichen Frauenbewegung.

Die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak führt diese deterministische Grundannahme noch weiter und beantwortet die Frage nach „Can the subaltern speak?“ mit einem klaren Nein. Sie schlägt vor, den Bezugsrahmen für die politische Praxis zu verlassen (Punkt 4) und Allianzen zu bilden, nicht nur innerhalb der eigenen subalternen Peer-Group, sondern mit anderen Subalternen und nennt das „strategischen Essentialismus“. Zusammen käme mensch aus dem ewigen Kreislauf der Anderskonstruktion und Gaze-Effekte heraus, wäre auch aus quantitativen Überlegungen dem Normalen/Dominantem ein_e starke_r Gegner_in. Dass diese Zusammenschlüsse viel Zeit benötigen, weil auch das Subalterne nicht frei von Herrschaft ist, die einzelnen Gruppen unterschiedliche Ziele haben, ist selbstredend. Bis heute steht bspw. die Black Feminism Bewegung dem weißen, oft an westlichen Grundwerten orientiertem Feminismus sehr skeptisch gegenüber. An den westlichen Grundwerten ist an sich nichts Falsches, nur, dass sie eben für Weiße andere Dinge bedeuten als für Schwarze, Migrant_innen oder PoC, da wir in einem rassistischen System leben. Sich frei zu fühlen und sich alle Menschen als gleich vorzustellen (wenn auch nur als Ideal), ist ein zuweilen naiver und stets auf Privilegien basierender Standpunkt, der niemals verwirklicht ist/für alle gilt bzw. nur auf Kosten der Subalterne.

Nehmen wir uns die Punkte 2-4 vor, hat der Gaze-Effekt sehr unterschiedliche Auswirkungen auf Dominante und Subalterne. Während die Gruppe, die sich eher dem 2. Punkt verschrieben hat, ständig – um es plump zu sagen – „mit dem Feind schläft“, die Hände nicht wegschlägt, die ihr entgegen gestreckt werden, kaum Konflikte erzeugt, weil die vorgegebenen Spielregeln befolgt werden, erzeugt die Gruppe, die den 3. Weg wählt, permanent Konflikte. Sie benennt den Gaze als herrschaftlich, unterdrückend, ausbeuterisch, nicht gewollt und muss daher mit einer größeren Gegenwehr rechnen, mit gewaltvolleren Versuchen der Unterordnung. Die Politischen aus Gruppe 4 bleiben ewig unverstanden, da sie sich in gar keiner Weise auf das beziehen, was vorgegeben ist, eine andere Sprache sprechen, sozusagen. Sie sind keineswegs unkritisch, sehen nur den Ausweg nicht in der ewigen Rückkoppelung. Wer Lust auf ein kleines Gedankenspiel hat, kann mal versuchen, die Positionen der einzelnen Gruppen zum Porno herauszuarbeiten.

Der Gaze der Dominanz ist allgegenwärtig. Gruppe 2 sieht nach unten, Gruppe 3 sieht hin, Gruppe 4 dreht den Kopf zur Seite. Natürlich soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Grenzen der Gruppen immer fluid sind, die Gruppen in sich nicht homogen. Je nach Kontext werden unterschiedliche Politikweisen gewählt.

Interessant wird es mit dem Gaze-Effekt dann, wenn aus der Internalisierung des bspw. male gaze nicht nur eine Selbstregierungspraxis wird, sondern auch ein Abgrenzungsverhalten gegenüber anderen Subalternen. Quasi herrschaftliche Instrumente übernommen werden, um nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Eine Solidarisierung mit den Unterdrücker_innen, im Feminismus wunderbar zu beobachten.

Da dreht sich so vieles um die Frage: Pro-Männer oder männerfeindlich? Männer, die sich feministisch äußern, werden für Selbstverständlichkeiten abgefeiert und Male Bonding funktioniert auch wunderbar mit Frauen. Ich finde die Frage allein schon merkwürdig, da es überhaupt nicht zur Debatte stehen sollte, ob das Dominante mit der widerständigen Politik einverstanden ist, denn in der Natur der Sache liegt es, dass sich keine_r freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen wird, wenn sie einmal draufgeschmiert ist. Ich verstehe gar nicht, wie mensch feindlich sein kann, wenn er_sie für sich einfach nur das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben einfordert, ohne Unterdrückung fortzuschreiben.

Beliebte Strategie gegen Widerstand ist auch die Umkehrung der Dominanz und Zuschreibung auf das Andere. Da ist dann auf einmal von Sexismus gegen Männer die Rede. Schon werden alle Machtverhältnisse plattgewalzt und das vermeintliche Unterdrückungsmoment den Unterdrückten aufgebürdet und mit der Aufgabe betraut, dieses abzuschaffen. Kurzum: Es gibt keinen Sexismus, der sich gegen HetenCisMänner richtet. Es gibt Heterosexismus, Homophobie, Transphobie, Sexismus als Aktualisierungsinstrument des patriarchalen Gewaltverhältnisses, aber keinen Sexismus, unter dem Hetencismänner zu leiden hätten. Es gibt Rollenmuster, die allen Geschlechtern aufgedrängt werden, die Zwang bedeuten, aber Herrschaft funktioniert nicht nur auf individueller Ebene. Das ist auch etwas systemisches, eine Struktur, von der Gruppen profitieren und andere unterdrückt werden. Ein Unterwäschemodel kann halbnackt sein, der konstruierte Nerd bei Frauen abblitzen, aber daraus ergibt sich für Hetencismänner kein struktureller Nachteil. Wenn dem so wäre, würden rape culture und gläsernde Decken längst der Vergangenheit angehören.

Was sind das überhaupt für Auffassungen von Männlichkeit, die dann als gewaltförmig bedroht angesehen werden, wenn sie „schwach“ oder „entblößt“ erscheinen oder nicht durch Frauen komplettiert und hofiert werden?! Auch das ist Gaze Effekt – sich die widerständigen Blicke anzueignen, jederzeit umdeuten zu können, um immer wieder das hegemoniale Bild zu festigen (oder von Feministinnen festigen zu lassen).

Ich weiß nicht, ob Feminismus die Hetencismänner braucht, um erfolgreich zu sein. Denn an wessen Maßstäben wird schon Erfolg gemessen? Außerdem beinhalten die Punkte 3 und 4 einfach andere spannende Perspektiven, die es sich lohnt, mal anzuschauen, auszuhalten, auszuprobieren. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir anfangen, unseren Horizont zu erweitern.

Radikal_Tanzbar by respectmyfist

To whites it should concern

Heute las ich mit Erschrecken die Erfahrungen der antirassistischen Aktivistin und Autorin Noah Sow zu Ihrer geplanten „antirassistischen“ Veranstaltung in Fulda.

Ich bin entsetzt darüber, dass Sie die Dreistigkeit besitzen, eine PoC in einen weißen Raum einzuladen, in dem sie es sich neben kolonialrassistischen „Raumverschöner_innen“ gemütlich machen und ein (wahrscheinlich) mehrheitlich weißes Publikum darüber aufklären soll, was Rassismus ist. Das bodenlose Fass könnte nicht größer sein, wird leider aber noch übertroffen von den gewaltvollen wie übergriffigen Reaktionen und der Supremacy-Haltung, denen sich Noah Sow bei Betreten des Raumes in Gegenwart einer der weißen Organisator_innen ausgesetzt sah.

Rassismus ist kein Problem von Menschen, die tagtäglich mit den Wirkungen und Folgen von Rassismus umgehen müssen, sondern ein Problem von weißen. Es ist also Ihr Problem, wenn Sie sich ganz offensichtlich weder mit der Autorin oder ihrer Arbeit im Vorfeld befasst haben, geschweige denn wissen, wie mensch antirassistische „Festivals“ ausrichtet und kein Wissen über Schwarze, PoC, Kolonialverbrechen oder White Supremacy besitzen. Wissen, das Ihnen jederzeit und überall zur Verfügung steht. Sie haben Aufklärungsarbeit über Rassismus zu leisten und zwar dringend. Fangen Sie am besten zunächst bei sich an. Ich bin Ihnen als weiße gern dabei behilflich, wir unterstützen uns ja so gerne, nicht wahr?

PoC: People of Color. Politische Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrungen.

PoC an der Uni: Ja, es gibt sie tatsächlich, trotz rassistischer Strukturen, an deren Erhalt die weißdeutsche Dominanzgesellschaft (zu der Sie auch zählen) ganz wesentlichen Anteil hat. Vielleicht fangen Sie mal an, diese Tatsache zu akzeptieren und sehen zu, dass Sie sich um antirassistische Arbeit bemühen und ihren PoC-Student_innen schutz- bzw. gewaltfreie Räume zur Verfügung zu stellen. Nein, Ihr „Festival“ ist keine antirassistische Arbeit.

Why won’t you educate me? How can I learn? >> z.B., in dem Sie sich erstmal ganz in Ruhe, mit Zurückhaltung und Lernwillen die antirassistischen Textproduktionen von Noah Sow zu Gemüte führen. Ich kann ihr Buch „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus“ und den Braunen Mob empfehlen. Desweiteren ist es hilfreich, sich über die gewaltvolle Kolonialvergangenheit, den Anteil der heutigen BRD und Rassismus im Allgemeinen zu informieren. „Spricht die Subalterne Deutsch“, „Afrika und die deutsche Sprache“ und „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – Koloniale (K)Erben im Wissensarchiv Deutsche Sprache“ sind da wirklich ausgezeichnete Lektüren.
Auch, wenn ich mich wiederholen muss: Nein, es ist nicht die Aufgabe von PoC und Schwarzen das für Sie zu übernehmen. Schon der weiße und rassistische Aufklärer Kant sagte: „Versuche, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – Vielleicht schaffen Sie es ja, was er nicht schaffte und setzen diesen Satz in die Tat um.
Abwehrhaltungen, Wut, Verleugnungs- und Vermeidungsimpulse, Ohnmachtsgefühle über soviel Unwissen und rassistische Eigenproduktion und das dringende Bedürfnis, das anderen aufzuladen? Dann ist das das richtige Stück Text für Sie.

Ihr Café ist ein Ort, wo Kolonialrassismus als „Dekoration“ verharmlost wird. Schwarze und PoC sind nicht für Ihr Wohlbefinden da und haben das Recht darauf, jeden Raum genauso in Würde betreten zu können wie Sie das jeden Tag selbstverständlich tun, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Ich möchte keine Rechtfertigungsantworten auf diese Mail und keine Entschuldigungen (bei einer weißen müssen Sie sich für Ihren Rassismus nicht entschuldigen, der tut mir nix und mit der Wut im Bauch über soviel Arroganz Ihrerseits kann ich schon umgehen). Richten Sie doch bitte Ihre Entschuldigungen an Noah Sow für Ihr Unvermögen sich Allgemeinwissen anzueignen und sie in diese gewaltvolle Situation gebracht zu haben. Außerdem sollte es selbstverständlich sein, dass Sie der Autorin Fahrt- und Übernachtungskosten erstatten. Wäre ja noch schöner, sie müsste für diese Scheiße selbst aufkommen.

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von mir öffentlich geführt wird.

Ich hoffe auf lehrreiche Stunden und Verbesserung des rassistischen Normalzustandes in Fulda,

Nadine Lantzsch

Aneignung und Subversion.

Ich habe schon seit langer Zeit diese Textfetzen im Kopf. Eigentlich wollte ich etwas zu politischen Selbstbezeichnungen schreiben. Und warum ich nicht der Meinung bin, dass die jede_r für sich selbst benutzen sollte, wie es ihm_ihr beliebt. Heute gab mir eine Diskussion bei Luise Pusch (Triggerwarnung, transphobe Kackscheiße und tumbes Queerbashing) und ein wütender Einwurf zu denken, ob ich den Text überhaupt schreiben kann, ohne andere zu verletzen. Ich müsste, damit der Text verständlich ist, zunächst mal weiter ausholen und dann würde ich möglicherweise Dinge schreiben, die auf einen ziemlich privilegierten Standpunkt meinerseits schließen lassen, was wiederum meine Dominanz unterstreicht, mich in diesem Kontext überhaupt äußern zu können. Allerdings will dieser Text, den ich im Kopf habe, genau das aufbrechen oder zumindest transparent machen und selbstkritisch sein.

Ich habe mir überlegt, dass ich den Text deshalb für Diskussionen öffnen werde. Allerdings nicht für jene Leute, die Solidarität mit Identität gleichsetzen oder Herrschaftshierarchien aufbauen wollen. Und für alle, die kein herrschaftskritisches Grundverständnis besitzen, ist sowieso an der Eingangstür Schluss. Ich würde mich über eine konstruktive, kritische Diskussion sehr freuen, über eure Gedanken zum Thema, das für mich sehr biografisch besetzt ist, viele Verletzungen mit sich trägt, aber auch viel Wut darüber, dass ich es (noch) nicht besser hinbekomme. Vielleicht könnten wir das Ganze auch in die Breite ziehen und ihr schreibt eigene Blogeinträge… Okay, los geht’s.

Aneignung und Subversion. weiterlesen