Deutschland. Re/Visionen.

WM 2006. Deutschland - Italien. Fanmeile Berlin.

Es ist Weltmeisterschaft in Südafrika, es ist wieder Zeit für unreflektierte Deutschtümelei, impliziten Nationalismus, hegemonial abgesicherte Diskurshoheit über Rassismus, Nationalsozialismus und Exotismus (siehe Fußballkommentator_innen und -moderator_innen Müller-Hohenstein, Béla Réthy und Günter Netzer). Kritik ist nicht erlaubt oder vollkommen überzogen. Der/die gemeine Deutsche kämpft für sein/ihr Recht auf Selbstbestimmung sondergleichen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich kotzen könnte ob so viel Borniertheit und mangelnder Selbstreflektion.

Doch genug der Wut und zunächst ein kurzer biografischer Rückblick: Ich bin Deutsche, in Deutschland geboren, meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ebenso. Soweit mir bekannt ist, habe ich also keinen Migrationshintergrund und gehöre somit ganz selbstverständlich zur weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft. Meine Urgroßeltern stützten das Nazi-Regime durch Kriegseinsätze oder Rumsitzen, meine Oma nähte in der Schule Hakenkreuze auf Flaggen oder schmiss sich während russischer Luftangriffe in Schützengräben. Später war mein Opa in der NVA, genoss viele Privilegien, mit der Stasi hatten wir allerdings wenig am Hut (soweit mir bekannt ist). Als die Mauer fiel, war ich vier Jahre alt.

Meine Kindheit war toll, ich wuchs in einer homogenen Kleinstadt auf, wohnte zwei Blöcke neben DEM Asylheim, dass 1992 von Neonazis mit Molotow-Cocktails beschmissen wurde, unter dem Beifall der Bewohner_innen Hoyerswerdas fuhr die Polizei irgendwann die Gastarbeiter_innen aus der Stadt. Ich wunderte mich lediglich, warum ich nicht raus durfte zum Spielen. Bis ich 19 war, verbrachte ich also mein Leben in Hoyerswerda, genoss das Dasein in der unteren Mittelschicht ebenso wie meine Freund_innen. Ich kannte weder People of Colour, noch Homosexuelle oder behinderte Menschen. Ich würde mich im Nachhinein als unsozial und hedonistisch beschreiben, ich hatte ja niemanden, der mich mal zur Seite nahm.

Als ich mit 17 das FDJ-Hemd meiner Mutter aus dem Schrank zog und es durch die Stadt spazieren fuhr, lächelten mich alle an. Als Mutti von der Arbeit kam, ermahnte sie mich gleich, dass das verboten sei. Verfassungsfeindliche Organisation. Ich war völlig von den Socken. Die DDR kannte ich bis dato nur als romantisierten Teil deutscher Geschichte. Meinem Opa gefiel das gar nicht, dass die FDJ so schlimm sein sollte wie die HJ. Geht ja gar nicht. Irgendwie. Dasselbe meinte auch ein späterer Kommilitone, als wir uns im Seminar Öffentlichkeitsarbeit Werbefilme beider „Organisationen“ anschauten und irgendwie keine Unterschiede feststellen konnten.

Bis heute weiß ich so gut wie nichts über das Leben im Realsozialismus, erstaune immer wieder bei Meldungen über Zwangsadoptionen, Repressionen oder die Todesstrafe, reflektiere in regelmäßigen Abständen mit Freunden über „damals“ und warum es trotzdem völlig dämlich ist, von Unrechtsstaat zu sprechen. Meine Eltern hüllen sich in Schweigen, loben das sozialstaatliche und die vielen Kindergärten, wollen dennoch nicht zurück, weil es ihnen heute besser geht. Meine Großeltern nörgeln über niedrige Renten und damit haben sie zumindest für Ostrenter in vielen Teilen Recht. Allerdings nicht, die, die schon zu Ostzeiten Rente bezogen, in der NVA tätig waren oder im Bergbau. Die müssen sogar Steuern zahlen auf ihre Rente und darüber regen sich diese dann wieder auf. Der Mensch ist nie zufrieden.

In der Schule lernte ich wenig über die DDR, eine kleine Chronik bekam ich vorgesetzt, beim Mauerfall war dann Abitur-Prüfung. Hitler konnte ich irgendwann im Schlaf, schrieb eine Hausarbeit über Sprache im Nationalsozialismus, schaute mir die Guido-Knopp-Reihe an, um seine Körpersprache zu deuten und interpretierte eine Goebbels-Rede zur Bücherverbrennung. Wir lasen Einschätzungen von Historikern über Kriegsschuld. Ich fand gut, dass es einige gab, die auch den anderen ehemaligen Imperialmächten eine Mitschuld durch Appeasement-Politik zusprachen. Bis heute kann ich nicht sagen, warum ich das gut fand, wahrscheinlich war mir das andere zu eintönig. Apropos Imperialismus: Wir mussten auswendig lernen, wer welche Gebiete besetzte, Deutschlands Rolle dabei wurde eher so ein bisschen relativiert. Ich wusste wenig über Kolonialismus und Rassismus, Sklaverei musste mein Englisch-Leistungskurs mit „Onkel Toms Hütte“ übernehmen. Oder so. Bis heute erinnere ich mich nicht mehr, warum die Biolehrerin uns eurasische und nigride Homo sapiens zeigte. Darwin wurde auch schon mal kritischer rezipiert.

Auf einem Schulausflug nach England, begrüßten uns die einheimischen Jugendlichen mit Hitlergruß, wiederum andere bezeichneten uns als Nazis und wiederum ganz andere stolzierten mit SS-Outfits durch die Straßen. Fasching war wohl nicht. In Dubai musste ich mir von Einheimischen Hitler-Honig um den Mund schmieren lassen. BMW, Mercedes und Hitler. Das ist deutsch. Das ist toll. Juden sind eh doof. Sagen konnte ich dazu nichts. Das wäre unhöflich gewesen und außerdem: Frau, Dubai, klingelt’s?

Mit meinem Umzug nach Berlin vor drei Jahren wurde ich eine multikulturelle Stadt geschmissen, die bis heute kaum Platz lässt für Xenophobie (umso erschreckender, falls es doch der Fall ist), ich musste mir meine latente Ausländerfeindlichkeit abgewöhnen, ich musste mir mein Unbehagen gegen Schwarze abgewöhnen, ich musste lernen, dass die Welt nicht einfach funktioniert und ziemlich verwirrend sein kann. Ich musste Fremdheitsgefühle erleben, die ich bis dato nicht kannte, meine Identität, Herkunft, sozialer Status, meine privilegierte Stellung in der Gesellschaft hat Berlin radikal in Frage gestellt. Bis heute habe ich nichts von meiner privilegierten Stellung verloren, ich bin immernoch weiß und immernoch deutsch. Mein sozialer Stand ist soweit akzeptabel, dass ich mir ein bezahltes Studium und einen regelmäßigen Kaufrausch leisten kann. Das einzige, was sich verändert hat: dass ich diesen Text hier so schreiben kann, wie ich ihn gerade schreibe.

Die WM 2006 war eine Zeit, in der wir in den Halbzeitpausen für die anstehende Matheprüfung lernten, die deutsche Flagge am Fensterbrett hissten, im Autokorso mitfuhren, Nazis uns ihr Bier entgegen streckten (nach dem Argentinien-Sieg) oder uns gern die Fresse poliert hätten (nach dem Sieg gegen die polnische Mannschaft). Ich bebte während den deutschen Spielen, der Adrenalinausstoß war unglaublich und als Jens Lehmann den entscheidenden Elfer im Viertelfinale gegen Argentinien hielt, rissen wir fast die Lampe von der Decke. Das Halbfinale verbrachte ich auf der Fanmeile in Berlin. Ich hielt mich noch nie unter Massen von Menschen auf, schon gar nicht in schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren. Die WM 2006 hat mich bewegt, noch Wochen später entdeckte ich lächelnde Gesichter in der U-Bahn und blieb regungslos vor der unscheinbaren Outdoor-Fotogalerie im Regierungsviertel stehen.

Bis zur aktuellen WM in Südafrika bin ich dieses Gefühl und dieses Erlebnis immer wieder im Kopf durchgegangen. Weil ich wissen wollte, was es ist, was diese Euphorie auslösen kann, was dieses Gemeinschaftsgefühl bewirkt. Immer habe ich nach etwas gesucht, was nicht national konnotiert wäre…ergebnislos. Ich musste mir eingestehen, dass diese Euphorie keinen weiteren Grund hatte außer das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer. Zusammengehörigkeit definiert über Nationalfarben, Nationalität, mein Deutschsein. Ich kam zu dem Schluss, dass die Suche nach Inhalten vermeintlicher deutscher Leitkultur im Fußball und im Nationalismus mündet und war enttäuscht.

Trotzdem beschäftigt mich weiterhin, warum es vielen Deutschen offenbar ein auf der Seele brennendes Bedürfnis ist Farbe zu bekennen in diesen Tagen, warum dieses halb verdurstete Suchen nach einem letzten Fleck Gemeinschaft nun bei der WM 2010 endlich gestillt wird, warum sich Gemeinschaftsgefühl überhaupt über Nationalität definiert und warum so viele Deutsche pekiert sind, wenn ihnen dieser Wunsch „auch noch zur WM“ verwehrt werden soll durch die politisch Korrekten.
Meine Euphorie hält sich dieses Mal sehr in Grenzen, die Flaggen finde ich beinahe bedrohlich, ich sehe nur noch besoffene und grölende Vollpfosten und genau so viele spießige Fans, die sich verschämt die Farben auf die linke und rechte Wange gemalt haben, weil mehr muss nicht ja nicht sein. Weniger ist manchmal mehr, würde ich sagen. Ich habe neuerdings Angst, wenn ich abends nach Hause laufe (leider zu Recht, wie die letzten Tage bewiesen), Freund_innen von mir reden von einem veränderten lantent fremdenfeindlichen und rassistischen Klima, auch sie fühlen sich bedroht. Ja, es ist in der Tat ein Angstklima, natürlich nicht bei der Mehrheitsgesellschaft, denn die guckt ja gemeinschaftlich Fußball. Es lässt sich nicht genau fassen, aber in weißen Deutschen ohne Migrationserfahrung schlummert wohl etwas, das spätestens alle zwei bis vier Jahre zum Leben erweckt wird. Wahrhaben oder einordnen wollen das die wenigsten, nicht mal die, die ich sonst für kritisch gehalten habe.

Dabei muss ich anhand der bereits skizzierten biografischen Fetzen eingestehen, dass ich das durchaus nachvollziehen kann. Es gibt Menschen in meinem Bekanntenkreis, die wollen sich „nicht mehr entschuldigen müssen“ für den Holocaust, die Israel kritisieren wollen, ohne als antisemitisch zu gelten, die nicht mehr über Hitler reden wollen, Begriffe so verwenden, wie es ihnen beliebt, weil sie ja die Guten sind. Tolerant sind. Nichts gegen Andere haben. Nur witzig sein. Das wollen sie alle. Ich halte diese Einstellung für legitim, ich halte Nationalfarben für legitim, ich halte den Genuss von Privilegien für legitim – mit sonderlicher Reflektiertheit, politischer Sensibilisierung und kritischer Denke hat das aber nichts zu tun.

Weiße Mehrheitsdeutsche sind traumatisiert, deutsche Geschichte ist nicht mehr und nicht weniger als zerrissen, besonders in Anbetracht der vergangenen zwei Jahrhunderte. Die Kriege sind ein Katzensprung her, Kolonialrassismus wurde nie aufgearbeitet, die DDR-Geschichte wird es wohl nie sein, bis ich sterbe. Der Diskurs über Deutschsein, Deutschfühlen und Deutschland ist noch immer bestimmt von großer Schuld und Schuldzuweisung, von defizitärem Humanismus. Ich fühle mich schlecht, wenn ich im Informationszentrum des Holocaust-Mahnmals in die Gesichter kopfschüttelnder Touristen blicke. Doch um Schuld und Defizite geht es nicht. Und auch nicht um Verbote und Maulkörbe. Ein „innerer Reichsparteitag“ ist nur deshalb ein Politikum, weil es Menschen gibt, die diese Worte völlig unreflektiert vor Millionen von Menschen äußern, Kritiker_innen eine Distanzierung von der NS-Zeit verlangen und Kritiker_innenkritiker_innen für sich eine Diskurshoheit über Nationalismus, NS-Zeit, Faschismus beanspruchen.

Verantwortungsbewusstes Handeln statt Schuldzuweisungen, weder Gut/Böse, sondern reflexives und reflektiertes Wissen über die eigene Geschichte, ein Nationalbewusstsein schaffen. Heißt: Sich bewusst zu werden über die Gesellschaft, über die Systeme, über Vorgänge, Praxen und Diskurse,  Repräsentationen, Kategorien und Identitäten, Symbole und Artefakte, die Deutschland bestimmen und bestimmt haben, sich eine eigene kritische und selbstkritische Meinung zu Thema Deutsch zu bilden, sensibel und bewusst damit umgehen, mit diesem angeborenen oder erworbenen Deutschsein. Nur dann ist imho die Schuld ad acta gelegt und die Verantwortung an ihre Stelle getreten. Und nur dann, können die, die sich gerade irgendwie angesprochen fühlen,  deutsche Geschichte als einen Teil ihrer Identität annehmen, statt wegzustoßen und zu verdrängen, aus der Opferrolle heraustreten und sich selbstbewusst innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen bewegen, ohne dafür zu Recht kritisiert zu werden.

26 Kommentare

  1. Schöner Text. Ich hab leider trotzdem nicht kapiert, was du willst.

    Du willst, dass die Leute aufhören Flaggen, zu schwenken? Nein, das willst du ja nicht, steht da ja. Du willst, dass die Leute kritisch sind mit ihrem Deutschsein. Dann dürfen sie auch Flaggen schwenken? Woran würdest du das erkennen, wenn sie das wären? Und woran erkennst du, dass sie es jetzt nicht sind? Jedenfalls ein paar oder viele oder die meisten? Daran, dass sie Flaggen schwenken? Ah!
    GOTO Anfang.

  2. Versteh mich nicht falsch. Ich habe ein ähnlich schummeriges Gefühl wie Du bei der Flaggensache und ich gehöre nicht zu den Flaggenleuten. Aber ich würde das dann einfach so schreiben und nicht mich nicht über meine Mitmenschen zu stellen und so zu tun, als könnte ich ihre Gedanken (oder Nichtgedanken) beurteilen.

  3. @mspro

    ich versteh deine argumentation gut. ich aburteile auch nicht alle, die sich gerade irgendwie zur WM verhalten oder nicht-verhalten. meine wahrnehmung ist die, dass aber eben doch sehr viele deutsche unreflektiert mit dem eigenen deutschsein umgehen und daraus beißreflexe entstehen siehe „innerer reichsparteitag“.

    wir wollen nicht mit nationalisten und nazis gleichgesetzt werden? gerne. dann aber bitte ohne diskursive verweise auf diese zeit qua sprache ohne kritische selbstreflektion.

    erkennen kann ich das schlussendlich natürlich nicht von vornherein. logisch. der text da oben spiegelt lediglich meine gedanken und wünsche zum thema. ein annäherungsversuch, warum etwas so ist und eine handlungsempfehlung. über die evaluation habe ich mir keine gedanken gemacht :)

    edit: natürlich sind pauschalisierungen immer doof, aber wer versucht die gedanken und die kritik anderer ohne argumente und reflexion schlicht wegzuwischen wie niggemeier dies tut, der hat doch eher eine verschobene wahrnehmung seiner person in der gesellschaft, als die, die diesen spruch sehr kritikwürdig finden. ich bin nämlich auch erschrocken, als das im TV hörte. das wort reichsparteitag ist einfach belastet. darüber kann ich nicht hinweg gehen, als sei das alles erfunden. deswegen gehört der spruch nicht verboten, aber die ängste, die damit verbunden sind, ernst genommen.

  4. Die Reichsparteitagssache ist eine Sache für sich. Ich persönlich kannte den Ausspruch schon lange und habe ihn immer auch so interpretiert, wie es Malte Welding beschrieben hat: nämlich als ironische und eher satirische Bezugnahme auf die Naziattitüde, nicht als affirmative.

    Irgendwo hab ich bei jemandem gelesen, dass er ziemlich schockiert war, als er ihn jetzt das erste Mal hörte. Ich glaube, mir würde es vielleicht ähnlich gehen, wenn meine erste Konfrontation damit ausgerechnet im deutschen Fernsehen stattfinden würde.

    Ich kann also schon verstehen, dass sich Leute pikiert fühlen. Aber wie es FXNeumann immer so schön sagt: „there is no right not to be offended.“

  5. @mspro

    in welchen zusammenhängen hast du ihn denn verwendet?

    mir geht es nicht per se um das wort, sondern um den kontext, in den es eingebunden ist. wörter, redewendungen und praxen finden nicht in luftleeren räumen statt.

    und wenn ein fußballevent zu einem nationenevent ausgeschlachtet wird (was schon immer so war), miroslav klose polnischen hintergrund hat, dann ist es schon merkwürdig, dass dieser spruch in diesem zusammenhang das einzige ist, was müller-hohenstein eingefallen ist, um kloses erleichterung auszudrücken. von daher sehe ich das nicht als eine andere sache.

  6. Da ich kritisches Fahnenschwenken nicht von nationaldummem Fahnenschwenken unterscheiden kann, erlaube ich mir, Fahnenschwenken insgesamt dumm und oft bedrohlich zu finden. Mag ja sein, daß demonstrative Gruppenzugehörigkeit dem Menschen eingebaut ist, aber ich fühle mich nicht verpflichtet, auf Pavianniveau zu denken und zu leben.

    Ich habe kein Problem damit, „deutsch“ zu sein – es ist die Sprache und Kultur, die ich aufgesogen habe. Irgendwelche Schuldgefühle habe ich mir nicht einreden lassen, ich glaube weder an Sippenhaft noch Erbsünde. Ich halte aber eine gewisse Verpflichtung zum Selberdenken und zum Lernen für richtig, ebenso zum verantwortlichen Verhalten möglichst überall. Meine Maßstäbe haben nichts mit „deutsch“ zu tun, sie gelten für alle Menschen, oder gar für alle Lebewesen. Irgendein Nationalbewußtsein brauche ich nicht, genausowenig wie eine Religion oder Ideologie.

    Dummheit und Gewalt blühen auch außerhalb der Fußballsaison jeden Tag in dieser Stadt und anderswo. Machen kann ich nur was gegen die Dummheit. Gegen das andere hülfe wegziehen – nur, wohin?

  7. so wie ich es im moment gerade wieder erlebe kannst du deutschland durch jedes beliebige land ersetzen. und du hast mit jedem einzelnen wort recht.

    aus bei einem(meiner meinung nach) wenn man israel kritisiert, kritisiert man eine regierung die näher am terrorismus ist als die regierung des iran. dies hat dann mit antisemitischen äußerung nichts zu tun, da auch andere semitische volksgruppen unter der regierung israeels leiden.

  8. Ich glaube, dass die meisten Menschen in diesem Land ihr Deutschsein dann rauskramen, wenn es darum geht sich, wie bei der WM, international zu präsentieren. Sie machen sich keine Gedanken, was „deutsch sein“ bedeutet, für sie persönlich, sondern es ist ein Fakt und wenn alle anderen begeistert die Fahne schwenken, warum dann nicht mitmachen? Die restliche Zeit aber machen sie sich darüber keine Gedanken.

    Da zähle ich mich zu, offen gesagt. Ich habe mir über meine Herkunft diesbezüglich kaum Gedanken gemacht. Ich bin halt hier geboren, spreche die Sprache, finde sie schön und singe gerne unsere Hymne mit, weil sie mir gefällt. Im Gegenzug hasse ich es, wenn meine Generation sich immer noch ducken muss und mit den Themen der Vergangenheit nicht unbefangen umgehen kann, weil unsere Eltern und vor allem Großeltern direkt betroffen sind oder waren. (Oder weil in der Gesellschaft genrell noch kein Aufarbeitungsprozess, der über salbungsvolle Worte und kopfschüttelnde Touristen hinaus geht.) Das hat aber nichts mit meinem Deutschsein zu tun, als mehr mit dem generellen Unverständnis, sich für Dinge rechtfertigen zu müssen, die weit vor meiner Zeit waren…

  9. „Aber ich würde das dann einfach so schreiben und nicht mich nicht über meine Mitmenschen zu stellen und so zu tun, als könnte ich ihre Gedanken (oder Nichtgedanken) beurteilen.“

    Ich finde nicht dass lantzschi sich mit ihrem Artikel „über“ irgendjemanden stellt! Sondern im Gegenteil! Ich finde es gehört schon eine ordentliche Portion Mut dazu, zuzugeben dass man selbst mal anders dachte, selbst mal rassistische Gedanken hatte und nun versucht das zu verarbeiten und sich weiterzuentwickeln, indem man die eigenen Gedanken und die Handlungen anderer kritisch betrachtet. Das zeigt eine große Fähigkeit zur Selbstkritik (welche sie ja mit diesem Text auch fordert, eben ohne pauschal über Einzelpersonen zu urteilen) und ist kein Zeichen für Arroganz oder sonstiges.

  10. Ein Grund, warum ich diese Sorte Fans ablehne und warum sie mir Angst machen und unangenehm sind ist, dass sie es nicht als nötig ansehen, die Nationalisten in ihren Reihen zu verbannen. Ein anderer vielleicht, dass ich alt genug bin, um wenigstens noch einen Menschen näher kennenlernen zu dürfen, der immer noch angsterfüllt zusammenzuckte, wenn einE deutscheR im Siegestaumel ‚bedrohlich‘ grölte, wie er mal sagte. Außerdem neige ich bei bis zum exess betriebenem public viewsaufing eher zum fremdschämen…
    Ich freue mich aber auch generell gerne etwas weniger prollig.

  11. Ich sehe die „innere Reichsparteitag“-Sache auch sehr kritisch. Wohl nicht von ungefähr werden farblose Moderatoren, die kaum polarisieren oder mit scharfer Zunge zu Werke gehen für solche Events eingesetzt. Bei einem so breiten Publikum aller Altersklassen sind derlei Zweideutigkeiten einfach zu unterlassen. Ein 12-Jähriger kann diese Redewendung sicher nicht adäquat einordnen, wenn es schon viele Erwachsene unter 60 nicht können.
    „Sich nicht mehr entschuldigen müssen”, ist natürlich dumm. Schon allein deshalb, weil mich noch nie jemand dazu aufgefordert hat das zu tun. Weder in Israel noch sonst wo.

    „Es lässt sich nicht genau fassen, aber in weißen Deutschen ohne Migrationserfahrung schlummert wohl etwas, das spätestens alle zwei bis vier Jahre zum Leben erweckt wird.“ Das finde ich unnötig theatralisch. Zunächst einmal: Unter den Feiernden mit Deutschlandflaggen sieht man eindeutig eine Menge Menschen mit Migrationshintergrund. Ich bin auch kein Fahnenschwenker und Vuvuzelabläßer, aber die WMs haben, meiner Ansicht nach, mehr Eventcharakter alla Karneval als dass sie als Anlass für Deutschtümelei gesehen werden. Die WM 2006 war ein friedliches Fest und vor allem ein Miteinander, beim dem größere Auseinandersetzungen ausgeblieben sind. Auch die deutsche Nationalmannschaft, mit ihren vielen Spielern mit Migrationshintergrund, spielgelt das bunte Deutschland des Jahres 2010 wider. Ohne, dass damit jemand ein Problem hätte. Für einen aufkeimenden Nationalismus gibt es momentan so gar keine Anhaltspunkte. Viel der Kritik geht auf Beißreflexe gegenüber der Unterschicht zurück. Weil man nicht sagen kann, dass diese RTL-Gucker mit ihren Tröten und mobilen Bierfässern einem gehörig auf den Sack gehen, rationalisiert man die eigenen Hassgefühle und glaubt einen wiedererstarkten Nationalismus zu erkennen. Das glaube ich nicht. Und das meine ich gar nicht mal auf lantzschi bezogen, es klingt aber in einigen Kommentaren hier an.

  12. @bruno_bambino

    deine ausführungen sind nicht minder konstruiert und spekuliert als meine. solange dieses nationalgedöns (und nichts weiter ist eine fußball-wm) menschen dazu bringt, sich bedroht zu fühlen, angst zu haben und bedrohung zu erfahren, ist das nichts, was ich mit einem karneval in verbindung bringen würde.

    zumal ich mich nicht an „deutschland, deutschland“-gesänge auf einem karneval erinnern kann.

    zur friedfertigkeit der WM 2006 empfehle ich diesen artikel hier:
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/studie-zur-fussballweltmeisterschaft-fussballtaumel-und-fremdenfeindlichkeit-1.893255

    natürlich sind nicht alle _so_, aber wer fußball-WM und fahnenschwenkerei einfach gar nicht überschwenglichem patriotismus, nationalhudelei und deutschtümelei in verbindung bringt, der lebt wohl entweder im luftleeren räumen oder verschließt die augen oder: fühlt sich aus der eigenen privilegierten position heraus einfach nicht in irgendeiner art angesprochen von dem, was da passiert.

  13. mehr fußballschauende menschen = mehr idioten die nationalistische tendenzen zeigen. ich als fußballfan seit 20 jahren (und auch damals schon mit trikot und fahne) finde es fehl am platz, kollektiv borniertheit und mangelnde selbstreflektion zu unterstellen. ein großteil der deutschen fans sieht die wm als sportwettkampf und feiert friedlich MIT fans anderer nationen. pöbelnde und betrunkende gibt es jedes wochende in der disco und im urlaub am strand.
    natürlich gibt es seit 2006 viele „mitläufer“ und ich bin generell der meinung, dass die weltmeisterschaft zu sehr gehyped wird.
    ja, fußball-wm ist (gesunder) patriotismus, nationalhudelei und deutschtümelei ABER nicht ausschliesslich! und es darauf zu beschränken bzw. als alleinstellungsmerkmal aufzuführen ist für meine begriffe zu engstirnig.
    ich sehe das also so wie ninette und bruno_bambino.
    @Thomas_Düsseldorf: „diese Sorte Fans“ sind auch nur eine teilmenge in einer großen masse. in meinem bekanntenkreis sind viele menschen mit migrationshintergrund, ich selbst habe einen farbigen adoptiv-bruder und jegliches aufkeimen von nationalistischen/rassistischen tendenzen bei einer öffentlichen veranstaltung (public-viewing etc.) wird von allen couragiert unterbunden. mag sein, dass wir da eine ausnahme bilden (ich weiss leider, dass es so ist), aber diese verallgemeinerungen sind mir zuwieder.

  14. Ich hatte per Twitter ja noch einen Kommentar angekündigt. Aus Zeitmangel mach ich es mir mal leicht und setze mein Okay unter das, was mspro und slowtiger geschrieben haben. Bei der nächsten Gelegenheit dann auch mal eigene Worte, sorry.

  15. Ja, @ Simon, vielleicht sind sie eine teilmenge, die schlechten fans. Aber dann frage ich mich wo die öffentlichen Distanzierungen der Massen bleiben. Und die Ächtung der unreflektierten Idioten. Ich weigere mich z.b. Fußball an orten zu gucken wo die auch sind und hab trotzdem viel Spaß. Einen guten grund für die teilhabe an nationaltaumel hat bissher niemand genannt. Dagegen sprechen viele.

  16. was ich hier in der Diskussion beobachte und auch schon davor: mensch will sich nicht mit Idioten in einen Topf werfen lassen. Mmh. Warum eigentlich nicht? Was ist _an denen_ so anders/falsch/verachtenswert?

    Ich finde es schade, dass Positionierung hier ausschließlich über Abgrenzung funktioniert, statt die eigenen Standpunkte zu reflektieren. Was ist an mir selbst vielleicht national, deutsch(tümelnd) oder patriotisch? Warum bringe ich Nationalflaggen mit Sport in Verbindung? Warum bestehe ich auf die Weiterführung dieses Brauchs? Und woher kommt eigentlich diese verdammte Nazi-keule?

  17. Toller Text! Vor allem deshalb, weil es mal weiter geht als das schlichte: „Wie schön, dass wir auch feiern können“ oder die simple Ablehnung der WM wegen der Farben. Und weil er so eine gewisse Ratlosigkeit zeigt, die ich von mir selbst auch so gut kenne.

    Ich habe gestern das erste Mal in meinem Leben ein Kleidungsstück getragen, das schwarz-rot-goldene Farben hatte. (Nach dem Ergebnis werde ich das wohl auch nie wieder tun ;-) ) Irgendwie wollte ich nach jahrelanger Ablehnung des Spuks auch mal wissen, ob sich das irgendwie anders anfühlt. Tut es nicht. Ich fühle mich nicht mehr dazu gehörig als sonst auch. Das ist übrigens auch ein ziemliches Privileg: Wie geht es denn Menschen, die schwarz-rot-gold tragen müssen, damit sie für Unterstützer_innen der deutschen Mannschaft gehalten werden?

    Im Sinne deines Plädoyers für Selbstreflexion:
    Wieso finde ich die WM toll?
    In erster Linie wirklich wegen des Sports. Deshalb finde ich es auch sehr bedauerlich, wie die WM bisher läuft. Fußballerisch ist das bisher alles andere als gut.
    Warum jubele ich für die deutsche Mannschaft?
    Ich könnte jetzt sagen: Sie haben gegen Australien wirklich schön gespielt. Stimmt auch und machte das Jubeln einfacher, aber das wäre eine recht billige Ausrede.
    Wie gesagt: Ich liebe Fußball, aber auch das Gefühl mit den Leuten um mich herum für eine Mannschaft jubeln (oder trauern) zu können. Mir persönlich ist die Bundesliga wichtiger und ich lebe da sowohl meinen Lokalpatriotismus als auch meine Fußball-Begeisterung aus. Da ich seit Jahren in anderen Städten wohne als mein favorisierter Verein, stoße ich in meiner direkten Umgebung damit eher auf Unverständnis oder Bedauern. Da finde ich es hin- und wieder halt auch angenehm für die Mannschaft zu sein, für die der Rest der Stadt auch ist. (Wobei ich das während des normalen Ligabetriebs wirklich nicht vermisse!) 2006 bereitete mir das noch sehr viel Unbehagen, weil da die ganze Nationalidentitätsfrage für mich (und ja auch für die Medien) noch viel wichtiger war. Wieso ich das inzwischen relaxter sehe? Sicher auch deshalb, weil ich inzwischen der Meinung bin, dass die folgende Gedankenkette auch irgendwie kulturimperialistisch ist: Wir Deutschen sind verpflichtet, dass wir mehr über Nationalismus reflektieren. Dabei kommen wir zu der Erkenntnis, dass Nationalismus generell falsch ist. Deshalb muss diese deutsche Annahme möglichst von allen anderen Nationen auch übernommen werden.
    Die Forderung, dass alle ihre Vergangenheit so aufarbeiten, wie wir Deutsche es tun, erinnert doch schon irgendwie an „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen.“
    Trotzdem kann ich nicht aus meiner deutsch-sozialisierten Haut und sehe es als großes Versäumnis, wenn andere Nationen die schwarzen Flecken in ihrer Geschichte eher verschweigen. Genauso wie ich das geringe Ausmaß der seriösen Beschäftigung mit der deutschen Kolonialgeschichte und der DDR für höchst bedenklich halte. (Bei zweiterem habe ich noch mehr Hoffnung, dass sich da langsam was bewegt.)

    bruno_bambino schreibt:
    „Viel der Kritik geht auf Beißreflexe gegenüber der Unterschicht zurück. Weil man nicht sagen kann, dass diese RTL-Gucker mit ihren Tröten und mobilen Bierfässern einem gehörig auf den Sack gehen, rationalisiert man die eigenen Hassgefühle und glaubt einen wiedererstarkten Nationalismus zu erkennen.“
    Den Eindruck habe ich auch häufig!
    Andersrum funktioniert das aber auch: Wie viele Mittelschichtler_innen finden es toll, sich als Fußballfan zu bekennen, weil es so proletarisch und damit als Gegenstück zum eigenen spießigen Leben erscheint?
    Auch eine Motivation, die ich bei mir hin- und wieder entdecke.
    Bei meiner Chefin beobachte ich diese Fußball-Ablehnung, weil a) nationalistisch und b) proletarisch häufig noch mit Variante c) feministisch: „Ich sehe es garnicht ein, dass ein Männerthema als Gesprächsthema so viel Raum bekommt.“
    Auch das ist übrigens eine Motivation, die sich bei mir gelegentlich umkehrt: Manchmal habe ich einfach das Bedürfnis, den Männer zu zeigen, dass auch Frauen was von Fußball verstehen und „richtige“ Fans sein können.

    Ja, das alles ist noch nicht der Grund dafür, wieso ich für die Deutschen sein muss. Die Frage wäre ja: Für wen sonst?
    Für mich funktioniert Fußball-Fan sein halt eben nicht so, dass man sich die Mannschaften anguckt und dann nach irgendwelchen Kritierien entscheidet, für welche Mannschaft man jetzt ist. Fuball ist ja keine Musik.
    Die Mechanismen von Identität, die ich im Hinblick auf Fußballkultur beschrieben haben, funktionieren eben halt auch nur dann, wenn sie sich auf die vorherrschende Fußballkultur (=Unterstützung der deutschen Mannschaft) beziehen.

  18. In der deutschen Nationalmannschaft spielen jetzt schon mehrere Spieler mit Migrationshintergrund. Klose, Podolski, Özil, Cacau, Khedira, Gomez. Wenn dann noch Boateng und Aogo auflaufen oder Tacsi, dann sind die Migranten in der Überzahl.
    Was dann?

    Ist es dann immer noch „bedrohlich“ deutsche Fahnen zu schwenken?

    Oder sollte man dann unbedingt deutsche Fahnen schwenken?

    Hören dann alle, denen latenter Rassismus unterstellt wird, auf, deutsche Fahnen zu schwenken?

    Oder sind sie dann nicht mehr latent rassistisch, wenn sie dem dunkelhäutigen Cacau zujubeln oder dem deutschen Staatsbürger türkischer Herkunft Mezut Özil?

    Auf Antworten bin ich gespannt.
    Viele Grüße
    Hisham

    PS: Nazis schwenken sowieso keine deutschen Fahnen, da sie die Bundesrepublik Deutschland aus mehreren Gründen komplett ablehnen.

  19. @Hisham

    interessante Fragen, die du aber entsprechenden Fahnenschwenker_innen stellen solltest, nicht mir. Denn eine migrantische Mannschaft ist kein Indiz für eine tolerante Gesinnung der Fans.

  20. Was ist an mir selbst vielleicht national, deutsch(tümelnd) oder patriotisch?

    Das ist eine gute Frage, die ich mir bzw. sich mir erst richtig stellte, als ich dieses Land für eine Weile verlassen hatte. Davor – und das ist wohl einer der vielen ungefragt erhaltenen Vorteile der Tatsache, weiß und schon immer von deutscher Staatsangehörigkeit zu sein – war ich zwar schon Deutscher, aber das war irgendwie eine Selbstverständlichkeit. Die regionale bzw. lokale Ausprägung zählte da um einiges mehr. (In meinem Falle liegt diese übrigens ganz in der räumlichen Nähe der Hausherrin.) Im Ausland allerdings kam ich immer wieder in Situationen, die mich dazu zwangen, mein Verhältnis zu dem Land, aus dem ich nun einmal komme, irgendwie definieren zu müssen. Dies fällt (mir allein?) natürlich immer leichter in Abgrenzung zu anderen, vor allem, wenn sich diese schlecht benehmen oder betrunkenen sind (oder beides). Dabei ist es egal ob diese anderen nun Deutsche auf dem Altstädter Ring in Prag oder Schweden in einem Studentenwohnheim in Uppsala sind. Eine positive Definition des eigenen Deutschseins fällt ungleich schwerer. Dabei hat mir geholfen, an Dinge (das ist das einfachste und unverfänglichste) zu denken, die ich während der Zeit im Ausland vermisste. Das wird dann zwar oft banal, aber ich habe in Schweden schon einiges vermisst, was in Deutschland selbstverständlich (wenn auch vielleicht ungerechtfertigt) ist: eine Zeitungslandschaft mit mehr als zwei Optionen zum Beispiel; die Möglichkeit, Quark zu kaufen; überhaupt halbwegs faire Preise von Lebensmitteln; ein ordentliches Brot (jaja, ein Klischee); (Sommer-)Nächte, die dunkel genug sind, um zu schlafen… Mit der Zeit wurden dann die von den Interaktionspartnern als typisch deutsch angesehenen Eigenschaften auf Kompatibilität mit dem eigenen Ich abgeklopft und entsprechend angenommen bzw. verworfen. Bin ich ordentlich? Vielleicht. Pünktlich? Relativ gesehen, ja. Humorlos? Eigentlich (und hoffentlich) nicht. Und dieses Abchecken geschah immer schön im Vergleich zu den Einheimischen (bzw. anderen Gästen aus anderen Ländern), die ich so traf. Zuletzt erlaubte es mein Aufenthalt mir sogar, mich erneut und anders mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen – und das wieder durch den Kontrast zum Gastgeberland. Ganz abgesehen vom grundsätzlichen Problem einer Neutralität im Zweiten Weltkrieg (siehe auch die Schweiz) ist es doch so, dass Schweden von keinerlei Kriegshandlungen betroffen war. Als ich mit diesem Bewusstsein wieder nach Deutschland kam, habe ich die Gedenkstätte, neben der ich jahrelang studiert habe, die Innenstädte, in deren Bebauung sich die Einflugschneisen alliierter Bomberflotten wiederspiegeln und die Geschichten meiner Großeltern mit anderen Augen bzw. Ohren wahrgenommen…

    Fühle ich mich deshalb jetzt patriotischer, wenn ich an Deutschland denke, oder gar national? Den Eindruck habe ich nicht. Was den Fußball angeht, so halte ich dieses Mal (u.a.) zur deutschen Mannschaft, weil ich finde, dass darin kaum richtige Unsympathen mitspielen. Ich finde es gut, dass es eine Reihe von Spielern gibt, die vor zwanzig Jahren (siehe ) niemals in einer deutschen Mannschaft gegeben hätte. Nicht weil ich meine, das gut finden zu müssen, sondern weil es der Realität dieses Landes entspricht. Im Übrigen zeigen sich diese *migrantischen* Aspekte bei vielen anderen Länder auch – egal ob es sich um Schweden (Ibrahimovic… Larsson…), die Schweiz (Derdiyok… Fernandes…), Frankreich (you name the player…) oder die Niederlande handelt… Gemeinschaftsgefühl kann mir beim Gucken allerdings so oder so gestohlen bleiben – ich glaube, das ist eine posttraumatische Störung, die ich aus dem 1990er WM-Finale davongetragen habe, als nach dem verwandelten Elfmeter von Andreas Brehme der ganze Fernsehraum eines Kühlungsborner Ferienheims vor Freude explodierte und mich armen 11-jährigen dabei zu Tode erschreckte.

    Noch ein letztes Wort zu Nationalflaggen. Ich finde die ja alle super. Trotzdem schwenke ich nie eine oder bau sie an mein nicht vorhandenes Auto. Und Hymnen finde ich auch super. Und singe sie auch gern mit – wenn ich halbwegs weiß, was ich da singe (die Schweden über ihr schönes Land, die Polen über Marschall Dombrowski, die Niederländer über ihren Prinzen von *deutschem Blut*, der den spanischen König verehrt, die Israelis über ihre Hoffnung auf ein freies Land, die Amerikaner über die Flagge, die nach einer Nacht voller Granaten noch über Fort McHenry weht, die Kanadier über den starken und freien wahren Norden….) Trotzdem stehe ich dafür nicht vom Sofa auf oder höre auf abzuwaschen. Ich empfinde das alles für so etwas wie Folklore. Ein ähnlich ungezwungenes Verhältnis scheint in Deutschland allerdings nicht unüblich zu sein, so dass sich Kinder unbehelligt die deutsche Fahne als eine Art Supermann-Cape umbinden können und damit vom Fünf-Meter-Turm im Freibad hüpfen (wie letzten Freitag mit eigenen Augen gesehen) oder die vom Auto gefallenen Wimpel einfach auf der Straße liegen bleiben und dann pausenlos von den nachfolgenden Fahrzeugen überrollt werden. Ein solch toleranter Umgang mit sogenannten *nationalen Symbolen* wäre in anderen Ländern – die durchaus als liberal gelten – sicher nicht möglich. (Ohne das ich dieses oder jenes Verhalten gutheißen möchte…) Als bedrohlich empfinde ich das Geschwenke nicht, so lange ich nicht ebenfalls dazu gezwungen werde und dem ganzen auch noch aus dem Weg gehen kann…

    So, jetzt habe ich aber viel geschrieben. War aber auch ein guter Beitrag, dass er mich so aus der Lurkerreserver lockte…

  21. So. Jetzt hab ich mal zwei Spiele mit deutscher Beteiligung gewartet um aus meiner eigenen Perspekive auf deine Fragen zu antworten: Ich werde qua Stempel von Außen zur Gruppe weißer deutscher Heteromänner gezählt. Da kann ich mich nicht von distanzieren. Natürlich habe ich die weiß-mitteleuropäsch-heteronormen Sozialisationserfahrungen wie wir fast alle mitgemacht. Aber seit über zwanzig Jahren arbeite ich dagegen an, mich dem Stempel zu ergeben und einfach ein Teil der Masse zu sein, die Vorurteile schweigend hinnimmt und reproduziert. Klappt nicht immer, aber ich will das einfach nicht.
    Warum sollte ich also etwas an mir zulassen, was deutschtümelnd, patriotisch oder gar nationalistisch ist? Ich hab schon genug mit meinen Vorurteilen zu kämpfen über die ich immer wieder stolpere.
    Ich habe einfach kein Nationalgefühl, soweit ich weiß. Das ist auch kein Nachteil. Aber ich muss mich oft dafür rechtfertigen, wenn ich das Spiel nicht mitspiele. Deswegen hab ich die Frage nach dem Nationaltaumel wieder umgedreht:
    Bei den gravierenden Nachteilen einer solchen Haltung, was hätte ich davon?
    Ich finde nichts das wirklich dafürspricht.

    Ich bin ehrlich gesagt ein bisschen erschrocken, dass Du von der „verdammten Nazi-Keule“ sprichst. Das ist reaktionäre Rethorik der ersten Stunde.
    „Der schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ hat Brecht gesagt.
    Und damit hat er recht. Diskriminierung kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Sie entsteht nicht im extremen politischen Spektrum. Patriotisches Rumgetaumel, nationalistische Tendenzen, die wirken da doch eher fruchtbarkeitsfördernd für den Schoß.
    Auch wenn die meisten Leute sagen genau das nicht erreichen zu wollen. Es passiert. Darum finde ich das nationalgehabe zur Fußball WM abstoßend.

    Der nationaltaumelnde „Brauch“, wie Du das nennst lebt nicht einfach nur weiter, sondern hat sich extrem verstärkt und verändert in den letzten Jahren. Stichwort Konsumgesellschaft.
    Zu denjenigen dauerhaften, wirklich fußballverrückten Fans, die schon immer zu Deutschlandspielen gereist sind, die auch damals schon etwa mit nem Rummeniggenationaltrikot rumgelaufen sind, gesellen sich mehr und mehr Pseudofans. Fantaumel wird zum konsumierbaren Event, weil „man endlich wieder darf“, oder weil es dazugehört und „man“ dazugehören will.
    Den Vorwurf des Klassismus, habe ich deswegen besonders intensiv an mir überprüft. Mein Bildungsideal ist da eher ein anderes, als das der/des humanistisch gebildeten Mittelschichtler_in. Ohne Schulabschluss, mit jahrelanger Erfahrung als Azubi und Arbeiter habe ich jetzt einen Hochschulabschluß als Sozialpädagoge. Ich arbeite für/mit jungen Twens fast ohne Perspektive in dieser Gesellschaft. Deren „echtes“ Fansein, falls vorhanden empfinde ich bei weitem nicht so schlimm wie das anbiedernde „sich unter die zu mischen um auch mal ungestraft rumprollen zu dürfen“ der Mittelschicht.

    Obwohl ich so lange drüber nachgedacht habe, fällt es mir immer noch schwer ganz genau den Grund meiner ablehnenden Haltung darzustellen. Ich will das nicht, niemand muss das tun, ich erkenne kein Argument was dafürspricht damit anzufangen. Habe auch hier keins entdeckt. Aber ich kenne Argumente um damit aufzuhören. Und die wurden bis jetzt nur mit egozentrischen Spaßbeführwortungen beantwortet. Spaß geht auch ohne das. Ich laufe auch nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Public Viewing Gruppen. Aber ich verlange, dass ich davon verschont bleibe. Und wenn mir jemensch zu Nahe tritt mit seinem Nationaltaumel, dann reagiere ich auch schon mal abseits des Internets gutmenschig, besserwisserisch oder hochnäsig. „Wenn mir etwas eine Freude ist, dann Lache ich. Grölen ist machistisches Machtgehabe.“ Das war der letzte belehrende Satz, zu dem ich mich hab hinreißen lassen. Irgendwie peinlich…

    Viele Grüße, Thomas

  22. seht ihr das wirklich so als nationale/patriotische bewegung?

    ich bin da auch kein fan von den schwarz/rot/gold oder in meinem fall orange happening was aber andere ursachen hat. aber sehe ich das allein so das hier leute nach eine gruppenidentität suchen? Hier wird sich unter nationalfarben versammelt, ander versammeln sich wiederum unter einem kreuz usw usw. hier wird sich „nur“ unter einem austauschbaren symbol getroffen mit dem man anderen seine zugehörigkeit zeigt.

    zeugt das nicht einfach nur davon das jeder mensch irgendwo dazu(soziale gruppe etc) gehören will?

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