Repliken auf antirassistisches Wissen. Eine Replik.

Deniz Utlu, Mitautor des Buches „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache„, hat seinen darin enthaltenen Beitrag über „Migrationshintergrund“ gekürzt im Freitag veröffentlicht. Er weist darauf hin, wie sehr dieses Wort in Semantik und Verwendung Rassismus reproduziert und Rassifizierung befördert. Zur Genealogie des Begriffes empfehle ich unkommentiert noch einmal den Wikipedia-Eintrag dazu.

Nun erschien heute im Freitag eine Replik auf Utlus Beitrag. Eine sehr bezeichnende Replik, auf die ich an dieser Stelle etwas genauer eingehen will.

Beginnen wir beim Autor selbst: Michael Angele, weißer Mehrheitsdeutscher (wäre dies nicht zutreffend, hätte Angele evtl. nicht diesen Text geschrieben und/oder auf seinen „Migrationshintergrund“ hingewiesen, später mehr), Kulturredaktion Der Freitag, cis-männlich, ich schätze 35-45 Jahre alt.

Der Text beginnt mit der Überschrift „Cem Özdemir und der Migrationshintergrund“. Cem Özdemir ist Bundesvorsitzender der Grünen, hat einen nicht-deutsch klingenden Namen und wird in eine Zeile gepackt mit dem Wort, das Utlu aus oben genannten Gründen für problematisch hält. Nuff said.

Im Text ist kein Verweis auf den Text von Utlu, umgekehrt aber in Utlus Text ein Verweis auf den von Angele. Nun könnte mensch hier Nachlässigkeit unterstellen, ich glaube nicht an Zufälle, das tut aber nichts zur Sache. Fest steht, dass mensch nach Utlus Originaltext selbst suchen muss und hier nicht gleichwertig zwei Beiträge zu einem Thema nebeneinander stehen.

Angele beginnt seinen Text mit einer Zustimmung zu Utlus Hauptaussage, endet dann mit dem Satz, „Migrationshintergrund“ sei ein Werkzeug der politischen Korrektheit. Wir wissen alle, wie dieser Begriff besetzt ist und welche Milleus ihn verwenden um Antidiskriminierungsarbeit (in welcher Form auch immer) zu diskreditieren. Meistens wird er auch verwendet, um sich darüber zu beschweren, nicht mehr diskriminieren zu dürfen.

Weiter geht es dann mit einem ausführlichen Bashing der mittlerweile epistemischen Begriffscollage „Konstrukt des Anderen“.

Heerscharen von sich progressiv dünkenden Studenten der Soziologie, Philosophie, Ethnologie usf. wurden damit verblendet. Ich kann es nicht mehr hören. Einerseits ist es eine Binse, dass „der Andere“ ein Konstrukt ist, also schlicht von selbst nicht vorkommt, andererseits ist der Begriff bestens geeignet, dumm zu machen. Erfahrungen auszublenden, Wahrnehmungen zu leugnen, Differenzen zu unterschlagen.

Dieses Zitat ist aus mehreren Gründen sehr interessant: Angele besetzt diesen Begriff mit durchgehend negativen Konnotationen, obwohl er ganz offensichtlich nicht weiß, woher er stammt, in welchen Zusammenhängen „die Anderen“ und „Konstruktionen“ verwendet werden. Menschen, die die abendländische Philosophie kritisieren, das Weltmachtstreben des globalen Westens oder Rassismus kritisieren, wollen also „dumm machen“, sind „verblendet“, werfen mit „Binsenweisheiten“ um sich. Angele meint also, das Wissen kritischer Wissen(schaft)sfelder sei bereits in den Alltag gedrungen, Utlu würde „uns“ nichts neues erzählen. Ha, jeden Tag treffe ich lauter Antirassist_innen an. Ist das nicht toll?

Mit dem letzten Satz hat Angele sogar recht, allerdings hat er den Zusatz: „des weißen Subjekts“ vergessen. Wer_welche mit der epistemischen Begriffscollage „Konstruktion des Anderen“ keine negativen Eigenschaften verbindet und sich in bestimmten kritischen Wissensfeldern verortet, weist die universal gesetzte weiße Sicht auf die Dinge (die nicht erst mit der Aufklärung hegemonial wurde) zunächst von sich und kehrt den Blick um. Ich möchte hierbei nochmal an die soziale Positionierung von Angele erinnern.

Dann fährt Angele fort mit einem Beispiel aus seinem Leben. Individualisierte Argumentationen sind immer sehr en vogue, wenn versucht wird, kritisches Wissen als nichtig hinzustellen. Außerdem: Erfahrungen von weißen Männern um die 40 sind sowieso total wichtig und allgemeingültig (Hatte ich schon das hegemoniale weiße Subjekt (das meistens männlich war/ist) erwähnt?). Eine Fußballmannschaft, die aus „Ur-Deutschen“ (Zitat Angele) und den Anderen besteht:

Es gibt zwei große Blöcke: Ur-Deutsche und Türken, daneben Polen, Albaner, Slowaken, Schweizer. Man müsste natürlich zu jedem dieser Bezeichnungen Anführungszeichen setzten, denn der eine Türke hat einen deutschen Pass und der andere ist eigentlich ein Kurde. Usf. Aber bitte, machen wir es nicht zu kompliziert an dieser Stelle.

Immer so kompliziert alle richtig zu benennen. Ich leide förmlich mit. Dichotomien-Bingo und Negierung von Selbstbezeichnungen ist deshalb so charming und selbstverständlich, weil Angele als Mitglied einer rassifizierenden und rassistischen Mehrheitsgesellschaft nie gezwungen wurde „das Andere“ korrekt zu benennen, geschweige denn sich Wissen darüber anzueignen. Sanktionierung von simplifizierenden Darstellungen fand nie statt. Die Definitionsmacht liegt bei ihm/seiner sozialen Gruppe.

Der nächste Teil beschäftigt sich weiter mit den Beobachtungen Angeles, wie Türken und „Ur-Deutsche“ Fußball spielen. Was „Ur-Deutsch“ ist, erfahren wir übrigens nicht. Nur, dass die Türken irgendwie so und so spielen und dass Cem Özdemir ein grottiger Kicker ist. In diesem Zitat offenbart sich Angeles gesamte Unkenntnis der Thematik und das Universal-Setzen seiner eigenen Beobachtungen:

Unabhängig davon, ob man diese Auffälligkeit nun den Genen meiner Mitspieler oder ihrer Sozialisation zuschreibt, ist das kein „Konstrukt“ (oder doch nur in einem sehr, sehr allgemeinen und somit unnützen Sinn). Es ist eine Tatsache.

Biologismus und Sozialisationstheorien sind ein bisschen langweilig. Davon mal ganz abgesehen, hat Angele überhaupt nicht verstanden was mit „Konstruktion des Anderen“ gemeint ist (ich wiederhole mich). Zu dem, was Angele als „Tatsachen“ definiert sage ich mal so viel: Er kommt nicht auf die Idee, dass sein Blick verzerrt ist, von Ungleichheiten, die unseren Alltag durchziehen, die wir uns antrainiert haben, von rassistischem Wissen, das uns eingeschrieben ist und erst diese Beobachtungen ermöglicht. Er ist halt ein weißer Mann, Mitte 40 (ohne Migrationshintergrund, denn den gibt es für weiße Mehrheitsdeutsche natürlich nicht.), er muss das auch nicht wissen.

Was will uns Angele also mit seinem Text sagen? Dass er es okay findet, Rassifizierungen durch Sprache voranzutreiben, statt diese Dichotomie zwischen dem unsichtbaren Wir und dem rassifizierten Anderen zu kritisieren und nach seiner Auflösung zu streben. Dass Deniz Utlu ein „pseudosoziologischer Keulenschwinger“ ist, der ihm und seiner Gruppe der weißen Mehrheitsdeutschen das Leben schwer machen will. Angele kann aufatmen. Er hat dazu beigetragen, dass das noch ein bisschen dauert.

Ergänzung: Da ich bei soviel Borniertheit und Demonstration weißer Überlegenheit gern mal polemisch werde – Angeles Text ist eine Beleidigung. Weil er es nicht schafft, sich argumentativ auf der gleichen Ebene wie Utlu zu bewegen, geschweige denn den Ursprungstext nachvollziehen will. Die Zustimmung eingangs ist lediglich ein rhetorischer Kniff für diplomatische Wertschätzung, ein Pappmaché, das verbergen soll, was danach kommt: Mit Alltagswissen und uninformierter Kritik auf  die Destillation eines Wissensvorrats zu antworten, mit denen sich Menschen wie Angele nicht beschäftigen müssen.

2 Gedanken zu „Repliken auf antirassistisches Wissen. Eine Replik.“

  1. Ich fürchte, Du läufst in ein offenes Messer. Dem Herrn Angele dürfte als gelerntem Komparatisten (zumal der Zeit um 1990) das Konzept des „Anderen“ wohl vertraut sein. Aus ihm spricht einfach der Überdruss des alten Sacks, der einmal mehr mitbekommt, wie Topoi des Wissenschaftsbetriebs von jeder neuen Generation von Proseminaristen als Offenbarung vorgetragen werden. Die Verwendung der Kategorie des Anderen löst einfach einen gewissen Schnarchreflex aus. Das kann man vielleicht als Ausdruck saturierter Borniertheit kritisieren, aber nicht durch Wiederholung der solcherart abgetanen Positionen aushebeln.

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