Rassismus und die Kolonialisierung des Anderen

Während sich Rassismus für die meisten in Deutschland lebenden People of Color, Migrant_innen, Afrodeutschen und Schwarzen als alltäglich erlebte Realität darstellt, wird Rassismus durch Mitglieder der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft bagatellisiert oder geleugnet (vgl. Terkessidis 2004, Mecheril 2007, Jäger/Jäger 2007, Kilomba 2008, Sow 2009). Hier zeigt sich die Definitionsmacht einer weißen Dominanzkultur, die Rassismus und dessen Wirkmächtigkeit nach dem Ende des Nationalsozialismus tabuisiert hat.

Rassismus lässt sich als ein System von Diskursen und Praxen begreifen, das historisch entwickelte und aktuelle Machtverhältnisse legitimiert und reproduziert (vgl. Rommelspacher 2009). Dabei werden vermeintliche soziale und kulturelle Differenzen naturalisiert und somit soziale Beziehungen zwischen Menschen als unveränderliche und vererbbare verstanden. Menschen werden dafür in jeweils homogenen Gruppen zusammengefasst (meist anhand der Kriterien von Hautfarbe und Herkunft), homogenisiert und der dominanten Mehrheit als grundsätzlich verschieden und unvereinbar gegenübergestellt und untergeordnet. Bei Rassismus handelt es sich also nicht um individuelle Vorurteile, die sich aus dem Umgang mit dem vermeintlich Fremdem zum Schutz des eigenen Selbstbildes ergeben (vgl. Rommelspacher 2002, Ha 2009), sondern um die Legitimation von gesellschaftlichen Hierarchien, die auf der Diskriminierung der so konstruierten Gruppen basieren. In diesem Sinn markiert Rassismus immer ein gesellschaftliches Verhältnis.

Eine Besonderheit des heutigen Rassismus in Deutschland besteht darin, dass sich der ehemals biologistische „Rasse“-Begriff hin zu einer Kulturalisierung verschoben hat (vgl. Sinflou 2007). Dabei wird mit „kulturellen“ Konstruktionen operiert, die ebenso essenzialisierend einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden. Nach wie vor werden bestimmte Gruppen hauptsächlich nach Hautfarbe und Herkunft gebildet, nur die Gruppenkonstruktion wird mit einer kulturalistischen Argumentation gerechtfertigt. Damit verschleiert sich der tabuisierte und sanktionsfähige „Rasse“begriff zu einer intellektualisierten Form, die an Mehrheitsdiskurse anknüpfen kann.

Rassismus ist mittlerweile individuell den Abgrenzungsbedürfnissen und Überfremdungsängsten der Mehrheitsgesellschaft anpassungsfähig, weil diese Abgrenzung als eine natürliche Abwehrreaktion gegen das vermeintlich Fremde inszeniert werden kann. Dadurch wird der Boden für restriktive Sondergesetze bereitet, die den Zuzug nach Deutschland nach Deutschland erschweren, die Zugriffsmöglichkeiten des Staates auf Migrant_innen und Flüchtlinge erweitern oder gar eine Rückkehrforderung möglich machen (vgl. Ha 2007d und 2009). Um diese Form des Rassismus weiter zu verschlüsseln, werden Migrations-geschichten aus der Kolonialzeit geleugnet und ignoriert oder koloniale Muster reaktiviert (vgl. Ha 2003, 2005 und 2007c).

Weiterhin wesentlich für Rassismus hierzulande ist, dass er durch die Interdependenz von Aneignung und Ablehnung gekennzeichnet ist (vgl. Ha 2009). Rassifizierte Subjekte müssen ihre nationalökonomische Nützlichkeit unter Beweis stellen, die mit exotistischen Erwartungen der weißdeutschen Dominanzkultur verknüpft ist (vgl. ebd.). Die gesellschaftliche Akzeptanz von Migrant_innen wird also von Chancen und Vorurteilen für Deutschland abhängig gemacht. Migrant_innen können daher nicht selbst über ihre Anerkennungskriterien und Zugangsbedingungen bestimmen.

Literatur aus dem Text:

Ha, Kien Nghi (2003): Die kolonialen Muster deutscher Arbeitsmigrationspolitik; In: Encarnación Gutiérrez Rodriguez & Hito Steyerl (Hg.): Spricht die Subalterne deutsch? Postkoloniale Kritik und Migration, Münster: Unrast, S. 56-107.
Ha, Kien Nghi (2005): Macht(t)raum(a) Berlin – Deutschland als Kolonialgesellschaft, in: Maureen Maisha Eggers et al. (Hg.): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster: Unrast, 105-117.

Ha, Kien Nghi (2007c): Koloniale Arbeitsmigrationspolitik im Imperial Germany, in: Kien Nghi Ha et al. (Hg.):, re/visionen, Münster: Unrast, 65–73.
Ha, Kien Nghi (2007d): Deutsche Integrationspolitik als koloniale Praxis, in: Kien Nghi Ha et al. (Hg.): re/visionen , Münster: Unrast, 113–128.

Jäger, Siegfried/Jäger, Margarete (2007): „Wir hatten einen Schwarzen…“ Konstanz und Konjunkturen des alltäglichen Rassismus seit Beginn der 90er Jahre, in: dieselben: Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer Diskursanalyse, Wiesbaden: VS Verlag, 161-182.

Kilomba, Grada (2008): Plantation Memories. Stories of Everyday Racism, Münster: Unrast.

Mecheril, Paul (2007): Normalität des Rassismus, in: Tagungsdokumentation des Fachgesprächs zur „Normalität und Alltäglichkeit des Rassismus“, IDA-NRW, Düsseldorf, 3-14, http://www.ida-nrw.de/html/Tagungsdoku_Alltagsrassismus.pdf, Zugriff am 11.03.2011.

Rommelspacher, Birgit (2002): Anerkennung und Ausgrenzung. Deutschland als multikulturelle Gesellschaft, Frankfurt/Main: Campus.
Rommelspacher, Birgit (2009): Was ist eigentlich Rassismus?, in: Claus Melter & Paul Mecheril (Hg.): Rassismuskritik, Band 1: Rassismustheorie und -forschung, Schwalbach: Wochenschau, 25-38.

Sow, Noah (2009): Deutschland Schwarz Weiss. Der alltägliche Rassismus, München: Goldmann.
Terkessidis, Mark (2004): Die Banalität des Rassismus, Bielefeld: Transcript.

Zinflou, Sascha (2007): Entwurfsmuster des deutschen Rassismus, in: Kien Nghi Ha et al. (Hg.): re/visionen, Münster: Unrast, 55–64.

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