‚cause the future is not what you see

Habt ihr euch jemals gefragt, wie viele Menschen ihr kennt? Welche Personen sich in eurem Leben angehäuft haben, seitdem ihr es bewusst wahrnehmt? Personen, denen ihr ehrlich „Hallo“ sagen würdet, liefen sie euch auf der Straße über den Weg? Personen, mit denen ihr (noch immer) einen Kaffee trinken gehen würdet? Eine Zigarette teilen?

„Wir sind viele“, sangen schon Tocotronic.

In 2010 habe ich einmal durchgezählt. Zwanzig Hände reichen. Vielleicht. Die Finger verteilen sich ungleich auf 19 Jahre Kindheit und Jugend, ein erstes und zweites Studium, Erwerbsarbeit, Projekte, verschiedene Freundschaften, Familien, Lieben, Städte.  Zu vielen habe ich keinen Kontakt mehr, lediglich alte und digitale Fotos erinnern an unser gelebtes Band. Mit anderen wiederum kann ich auf mehr als zehn Jahre emotionale Verbundenheit zurückblicken.

Lange Zeit dachte ich, das Leben bestünde nicht aus Phasen, sondern wäre selbst eine nicht enden wollende. Weshalb ich mir verwehrte, das hier und jetzt als etwas Besonderes und Einzigartiges zu sehen. Ich konnte nicht begreifen, was das alles bedeutet und suchte in Vergangenem nach Antworten, obwohl diese doch so oft direkt greifbar vor meinen Augen glitzerten. Sobald sich das Ende einer Phase ankündigte, machte ich einfach die Augen zu. Und so verstrich sie unberührt und kalt von so wenig Aufmerksamkeit. Im nächsten Abschnitt beweinte ich ihren Abschied bitterlich. In jedem Neu währte so lange ein Alt, das erst noch zurechtgefeilt und ins Neu eingepasst werden musste. Am Ende war es eine Vergangenheit, die sich überall ihre mittlerweile abgerundeten Ecken stieß. Denn mein Leben und ich hatten längst die Form gewechselt. Was von der Vergangenheit blieb, war nichts als Unschärfe. Glatt poliert. Kleine Hobelfetzen lagen darnieder. Wild durcheinander.

Dabei sind es doch wir, ich und die anderen. Die 200 Finger, die alle Formen in ihren Händen halten.

„We grow where there is room for us“, schrieb schon Miranda July.

Eine Erkenntnis, die lange gebraucht hat.

Ein Kommentar

  1. “We grow where there is room for us”, schrieb schon Miranda July

    „Wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort geboren wird“ – hätte sie (oder du?) dazu schreiben können, oder?

    LG,
    Lucia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.