Die eigene politische Korrektheit oder:
Über den Umgang mit Differenz

Foto: neillanwarne (CC)

Obwohl sogenannte political correctness als Begriff keineswegs nur positiv konnotiert ist, und ich deswegen lieber „politische Korrektheit“ benutze, finde ich es wichtig, das eigene Handeln so pc wie möglich zu gestalten. Wer darauf achtet, pc zu sein, zeigt seinem sozialen Umfeld, dass er/sie in erster Linie Respekt hat. Respekt vor  jahrhundertelanger und immernoch währender Ungleichbehandlung und Diskriminierung. pc ist keineswegs zu verwechseln mit: „Es ist mir egal, was andere tun, ich akzeptiere alles, weil ich tolerant bin“. pc sein, pc zu handeln heißt: Der Wille zur Entwicklung von interkultureller Kompetenz, zur Anerkennung und Wertschätzung von Unterschieden. Wer pc handelt, verurteilt Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art, egal wo und in welchem Kontext sie passieren.

Dennoch, wir sind „auch nur Menschen“. Mensch-Sein heißt nämlich u.a.: Wir gestalten unser Mensch-Sein in Beziehung zu unserem Umfeld. Mensch-Sein und Identitäten als soziale Praxis. Und genauso wie ich glaube, dass „man“ Geschlecht nicht NICHT machen kann (doing gender), glaube ich, dass das auch mit Differenzen so ist (doing difference). Die Ansätze von individual-konstruktivistischen Theorien. Doch soweit will ich gar nicht gehen. Will nur sagen, wir konstruieren Differenzen, wo wir sie mit unserem Auge erfassen können, wir konstruieren Differenzen zu Dingen, denen wir uns aus bestimmten Gründen nicht zugehörig fühlen und wir konstruieren Differenzen aus eigenen Stereotypen, mit denen wir sozialisiert wurden. Doing difference ist also in erster Linie nicht mehr als eine soziale Praxis zur eigenen Identitätsbildung. Das bin ich. Und das bin ich nicht. Das bist du, weil du nicht ich bist. Natürlich ist Differenzbildung und die Kategorien, die wir benutzen um eine Differenz herzustellen, auch Ausschluss. Mit dem, was wir glauben zu sein und was wir in anderen sehen, wie sie sein könnten, ziehen wir eine Linie. Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Draußen und drinnen.

Diesen Ausschlussprozess können wir sehen als das, was er ist – Die Konstitution eigener Identität – oder wir können mehr daraus machen: nämlich unsere Identität vergleichen und werten zu anderen. Erst mit dieser Wertung und der damit einhergehenden Hierarchisierung wird die Differenz zu einem negativ wirkenden Ausschluss. Dann akzeptieren wir im besten Fall zwar die Differenz (die nicht einmal real existieren muss), aber sehen sie nicht als Teil von uns. Ich bin NICHT so gehört schließlich auch zu Ich BIN so. Alles, was wir demnach meinen, nicht zu sein, gehört zu den anderen. Alles, was wir demnach meinen, dass es zu den anderen gehört, steht hierarchisch unter dem, was wir sind (oder meinen, dass wir es sind).

Dieses Othering macht aus einer Differenz ein Vorurteil, wir erlauben uns Urteile über das, was andere ausmacht oder von dem wir glauben, dass sie es ausmacht, obwohl wir es von unserem Sein extrahiert haben. Wir erlauben uns ein Urteil über andere. Wir erlauben uns ein Urteil über das, von dem wir glauben, dass wir es nicht (mehr) kennen. Anmaßend, nicht?

Doch bis es zur Diskriminierung bzw. Ungleichbehandlung kommt, fehlt ein entscheidender Schritt. Vom Gedanke zur Tat. Wir setzen also dieses Vorurteil um in eine Handlung, die andere ausschließt, aber nicht, weil sie vermeintlich anders sind, sondern weil wir denken, dass dieses Andere, nicht nur nicht zu uns gehören kann (!), sondern weil es dieses Andere weniger Wert hat. Ihr ahnt vielleicht, worauf ich hinaus will. Ganz recht: Eine Diskriminierung einer Person oder Gruppe, von der wir glauben sie sei homogen zusammengesetzt, ist letztlich nicht mehr als eine Abwertung und Einschränkung der eigenen Individualität.

Wir ermöglichen dem, was wir uns nicht zu eigen machen, keine gleichwertige Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Im schlimmsten Fall führt diese Praxis zu ungleichen Verteilungen von Ressourcen, Privilegien und Chancen sowie Unterdrückung und Gewalt. Eine Situation, wie sie in jedem Land dieser Welt Wirklichkeit ist.

Was letztlich zu diesem Übersprung führt, also zur Diskriminierung führt, dafür habe ich noch keine befriedigenden Antworten gefunden, glaube aber, dass die Motivation zur Tat in einem selbst liegt. In nicht geäußerten Bedürfnissen und Wünschen, in Emotionen wie Wut, Neid, Hass, Trauer, Verzweiflung, Freude, Selbstsucht; diese Emotionen zu haben, ist letztlich nichts Verwerfliches, doch wir schließen die negativen von ihnen ebenfalls aus. Und wenn wir sie doch haben, sind wir so erschrocken darüber, dass wir auch SO sind, dass wir die Ursache dafür bei den anderen suchen. Dass die anderen sie ausgelöst haben, dass diese negativen Emotionen eigentlich zu ihnen gehören und wir als temporärer Wirt dafür herhalten müssen.

In meinem Studium lerne ich u.a. so etwas zu erkennen, in Selbstreflektion, in kritischer Auseinandersetzung mit meiner Umwelt, mit Politiken, Praxen und Strukturen. Ich lerne, was LOS ist, was GEHT und was es BRAUCHT. In nur einem Semester lernte ich jedoch hauptsächlich mich selbst besser kennen. Am Ende des Studiums könnte dabei herausspringen, dass ich reflektierter bin. Am Ende des Studiums kann nicht dabei herausspringen, dass ich ein besserer Mensch bin. Ich lerne aber, wie es ist zu sagen und zu erkennen „dein Schön ist mein Schön, dein Schlimm ist mein Schlimm“ (frei nach Tocotronic), bei all diesen Differenzen. Ich lerne vielleicht, wie es ist, diese Differenzen wieder zu dekonstruieren, zu mir zurückzuführen und mich selbst damit zu bereichern.

Und weil ich „auch nur ein Mensch“ bin, möchte ich nicht ausschließlich daran gemessen werden, inwiefern wir uns im Umgang mit Differenz und doing difference unterscheiden.

Ich habe in den vergangenen Tagen über Rentner geschimpft und dafür Kritik geerntet. Ich habe über eine alte Wessi-Katholikin geschimpft und dafür Kritik geerntet. In beiden Fällen habe ich also nicht auf meine eigene politische Korrektheit geachtet. In beiden Fällen hatten die Kritiker vielleicht nicht ganz unrecht. In beiden Fällen aber wurde ich kritisiert, weil ich doch dieses Dings da studiere und es besser wissen müsste. Ich bin nicht dieses Dings. Ich bin anders.

15 Kommentare

  1. Ich habe in der letzten Zeit mal wieder festgestellt, das Sprache einfach der Schlüssel um dem „Anderen“ korrekt zu begegnen. Ob es nun um Leute aus dem Ausland, den Checker vom Bahnhofvorplatz oder die Omi geht.
    Vielleicht musst du einfach mal dein Ohr für Christensprech ein wenig trainieren. :-)

  2. Gefällt mir sehr gut dieser Post. Ich denke, es ist vor allem Angst, dass das eigene Identitätskonstrukt zerbrechen könnte, wenn man das andere nicht genug abwertet. Was ja durchaus auch ein gesunder Reflex ist, gerade dann wenn man nämlich selbst diskrminiert wird.
    Menschen aber die diesen grundsätzlichen Deal „ich bin ok und Du bist ok“ nicht kapieren, die sind einfach auch ein bißchen doof, so rein intelektuell ;-)

  3. @Martin: Danke für das Lob.

    Interessanter Punkt, den du da ansprichst: „Ich denke, es ist vor allem Angst, dass das eigene Identitätskonstrukt zerbrechen könnte, wenn man das andere nicht genug abwertet.“
    Kann mir aber nicht so ganz vorstellen, dass es nur die Angst vor der Trivialität und Austauschbarkeit der eigenen Identität ist, die Diskriminierung und letztlich gesellschaftliche Ausschlussprozesse hervorruft.

    Was meinst du damit, dass das gerade bei Diskriminierten ein verständlicher Reflex ist? Also quasi selbst zu diskriminieren? Das versteh ich nicht ganz.

  4. Naja, wenn man z.B. als Hartz4-Empfänger von Westerwelle als was auch immer beschimpft, finde ich ich es durchaus gesund zu sagen: „Du kannst mich mal“. Wenn man angegriffen wird, hat man auch das Recht sich zu verteidigen. Ok, das muss dann noch keine Diskriminierung sein.
    Ich denke gerade dann wenn ein ungleiches Machtverhältnis herrscht, muss man forsch sein. Kein Mensch sollte sich der Ohnmacht ausliefern.

  5. Kurzer Nachtrag: Für viele geht es nicht unbedingt um die Austauschbarkeit eines Identitätskonstrukts, sondern ihr einziges zu verlieren. Wenn Du 20 bist und in New York lebst, kannst Du jeden Tag ein anderer sein, mach das mal mit 50 auf dem Dorf. Das wird kompliziert. ;-)

  6. Hi,
    das ist ein prima Artikel. Er gefällt mir, weil er mich zum nachdenken gebracht hat. In den letzten Tagen hab ich mal wieder öfters darüber nachgedacht, wie meine Position zu politischer Korrektheit, wie du es nennst entstanden ist. Ich lehne sie nämlich ab, ohne den positiven Hintergrundgedanken abzulehnen. Ich glaube dass ist ähnlich zu deinem Ansatz. Jetzt hab ich einen Grund meine Gedanken mal wieder zusammenzufassen und ihr (Bloggerin und Leser_innen) bekommt sie ab:

    Während meines Studiums habe ich das Arbeitsmittel der Sprachkritik sehr zu schätzen gelernt. Um aber Sprachkritik von political correctness abzugrenzen war es notwendig, diese zunächst als das zu entlarven, was sie hauptsächlich geworden ist: „der (non-) pc Vorwurf ist zu einem Machtinstrument geworden, um politische Gegner mundtot zu machen“, hab ich gelesen. Kann sein, dachte ich, aber mein Problem geht noch weiter: warum überhaupt sollte ich gerade politisch korrekt sein?
    Ich bin politisch lieber radikal und kritisch als korrekt.
    Da ich keinen neuen Begriff gefunden habe, der mir besser gefällt, hab ich auf das zurückgegriffen, was ich von vor dem populärwerden des pc-Begriffs kannte: Ich habe Respekt, weil ich an die gleiche Würde jedes Menschen glaube.
    Der Begriff „political correctness“ bzw. seine Bedeutung unterscheidet nicht zwischen „Toleranz“, „Akzeptanz“ und „Respekt“. Ich aber sehr wohl. Etwas, das ich tolerieren muss, muss ich noch lange nicht respektieren. Die ethische Grundlage für Toleranz ist die „unantastbarkeit“ der Würde für egal wen. Ich muss sie allen Menschen zugestehen. Das lateinische „tolerare“ lässt sich mit erdulden/ertragen übersetzen. Also muss ich auch die Würde der abstoßensten Menschen, die ich mir vorstellen kann bedingungslos tolerieren. Aber ich muss ihnen keinen Respekt entgegenbringen. Im Gegenteil.
    Um meine eigene Würde zu erhalten und um mehr als nur Toleranz z.B. für meine Genderindividualität zu erfahren (es wäre ja schrecklich, würde sie nur „ertragen“ statt respektiert) muss ich mich an einer Ethik messen lassen, die gesellschaftliche Normen hervorbringt. Wenn diese Normen dazu führen, dass ich mich oder andere diskriminiert sehe muss ich die Normen bzw. die dahinterstehende Ethik kritisieren können.
    Ob ich das jetzt von meiner eigenen Leistung meine eigenen noch vorhandenen Vorurteile zu abstrahieren, abhängig machen soll? Nein, glaube ich nicht.
    Ich erkaufe mir keine Erlaubnis zur Kritik durch individuelle Leistung.
    Es ist zwar wichtig für meine eigene Abstraktionsfähigkeit, die eigene gesellschaftlich zugeschriebene Rolle aufzubrechen und zu hinterfragen, aber das muss ich nicht zwangsläufig um in der sozialen Praxis gegen Vorurteile zu wirken. Dazu kann auch Denken im Sinne der kritischen Theorie führen.
    Letztendlich hast du an diesem Punkt recht, glaube ich. Aber ich fürchte, der traumhafte Zustand an dem ein Individuum sich so weit von gesellschaftlicher Zuschreibung losgelöst hat, keine individuellen Vorurteile mehr zu reproduzieren, ist schlichtweg nicht zu erreichen.

    Neben der Differenzierung eines „Ichs“ spielt m.E. auch der Wunsch des einzelnen nach einem schützenden „Wir“ bei der Differenzierung eine wichtige Rolle. Dieses individuumprägende „wir“ nicht zu hinterfragen, sondern mit einem Weltbild (das-ist-eben-so-argumente) zu versehen schützt davor, aus dem „wir“ herauszufallen und macht das Leben wunderbar einfach. Vorrausgesetzt das Individuum kommt damit klar, seine Identität dem „wir“ unterzuordnen bzw. den Regeln des „wir“ anzupassen. Der Schutz des Individuums als Teil der Gruppe…
    Als „konservativ“ bezeichnete Gesellschaftsentwürfe eignen sich anscheinend hier hervorragend…
    Martins These mit der Angst als ausschlaggebendem Gefühl kann ich mich daher sehr gut anschließen. Angst vor neuem, fremden, vor Veränderung. Angst die „Wir“-Identität aufzuweichen und dadurch die bestätigung der eigenen Identität abzuwerten.

    Der zynische Hinweis meines ehemaligen Profs Rainer Rotermund zum Thema Menschenwürde war: „Wenn es tatsächlich so wäre, dass alle Menschen unumstößlich die gleiche Würde hätten, dann gäbe es keine Gesetze, in denen darauf hingewiesen werden müsste.“
    Aber davon träumen und daran arbeiten können wir ja. Und das du das aus der „Ich“-Identiätsperspektive tust, hat mir richtig Spaß gemacht beim lesen.

    Ich denke, weder die kritisch-rationale noch die individuelle Ebene lassen sich bei der Betrachtung von Diskriminierung trennen.
    Und wer hat das schon ewig erkannt? Tadaa: „Radikal zu sein heißt, die Probleme von der Wurzel her zu betrachten. [[Jetzt der nächste Satz den immer alle vergessen, der aber soo zentral wichtig ist]] Die Wurzel des Menschen ist aber der Mensch selbst.“ (Karl Marx in Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie im Vorwort)

    Viele Grüße und viel Spaß bei Tocotronic heute abend, falls du es schaffen solltest, Thomas

  7. Ist politische Korrektheit immer automatisch mit Höflichkeit verbunden?

    Mein Problem ist, dass ich dem Konzept von politischer Korrektheit skeptisch gegenüber stehe, ob es nicht doch relativistische Züge hat – aber gleichzeitig sind alle, die für sich stolz beanspruchen, politisch unkorrekt zu sein, immer nur sexistisch / rassistisch / usw. und nicht einfach nur direkt, ehrlich, kritisch.

  8. Hey.

    Ich finde, Du hast einen wesentlichen Punkt nicht angesprochen. Und das ist das moralische hohe Ross, mit dem oft vom Standpunlt der politischen Korrektheit aus argumentiert wird. PC ist sowohl eine Frage des Respekts *ALS AUCH* nicht selten ein Mittel zur Diskurssteuerung, zur Herstellung von terminologischem und oft auch moralischem Othering. Diese Frage erinnert mich eigentlich immer an Stephan Remmlers Song „Mein Freund ist Neger“, weil der eigentlich alles sagt. Der Respekt ist im Respekt und die Sprache, die man wählt ist nur eine Möglichkeit diesen auszudrücken. Ist es notwendigerweise respektvoller von meinem Freund dem Afro-Deutschen zu reden anstelle von meinem Freund dem Neger? Vielleicht in Anführungsstrichen? Wegen der Geschichte des Begriffs? Das Problem ist, daß PC Respekt schwerer macht, als es sein müßte, weil die Einbeziehung von askriptiven Merkmalen einen Menschen eben als Teil einer Gruppe und nicht als Mensch erscheinen läßt. Mein Freund ist mein Freund unabhängig von seiner Hautfarbe und ihm als Person Respekt entgegen zu bringen, bedeutet eben auch, ihm NICHT aufgrund einer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit das größere stück Pizza zu lassen, wenn ich das bei jemand anderem nicht zu würde. Aus meiner Sicht erfordert politisch korrektes Verhalten allzu oft das Gegenteil von Respekt. Es erfordert die Anwendung von gruppenbasierten Zuschreibungen und eine sich auf die ebenfalls angenommenen relative Position zur zugeschriebenen Gruppe beziehendes kompensierendes Verhalten, das so – aus meiner Sicht – wirklichen Respekt der anderen Person gegenüber unmöglich macht.

  9. @jj: und das zweite mal frage ich mich, ob du meinen text überhaupt gelesen hast oder ob du diese kommentarfunktion hier nicht nur nutzt, um uns allen mitzuteilen, dass du rassistische sprache, die bei menschen traumata auslösen und sie in ihrer würde verletzten und ihr recht auf selbstbezeichnung negiert, nicht schlimm findest. na dann wünsche ich dir einen erholsamen tag in der sonne. auf wiedersehen!

    @patrick: welche relativistischen züge hat PC deiner meinung nach? das ist mir zu unkonkret. menschen, die auf pc pfeifen, weil sie meinungsfreiheit als vorwand nehmen, die rechte anderer menschen und gruppen zu negieren, die sind ehrlich ja. sie geben zu, dass sie rassisten und sexisten sind. ehrliche und direkte menschen, würden nicht mal daran denken, dass sie jetzt politisch unkorrekt sind, weil sie einen menschen nicht kritisieren, weil und obwohl er homo ist, sondern einen homosexuellen menschen kritisieren. da liegt der unterschied.

  10. @thomas: danke für deinen beitrag, ich glaube nur, du ziehst dich an der verzerrten wahrnehmung des begriffes der PC hoch. PC hat seine bedeutungsprägung nämlich durch Neocons in den USA bekommen, die Homosexuellen vorwarfen, politisch korrekt zu sein und nur deshalb ihre Menschenrechte geltend machen würden. Sie haben also den Begriff instrumentalisiert, um anderen Gruppen weder Respekt noch Toleranz noch Würde entgegenzubringen.

    Wer also gegen den Begriff schießt, will sich nicht am eigentlichen Problem orientieren. Denn das ist auch: Menschen haben ein Recht auf Selbstdefinition mit eigener Sprache (Duktus, Habitus, Äußeres) und das ganz unabhängig ihrer „festen“ Merkmale wie Ethnie, Behinderung, Alter, Geschlecht usw. Menschen, die politisch unkorrekt sind und sich damit brüsten, lehnen diese Selbstdefinition per se ab und produzieren ihre ganzen Stereotypen nicht mehr auf den Menschen, sondern auf den Merkmalsträger. Sie reproduzieren damit z.B. rassistische Sprache (siehe Kommentator jj) und tragen weiterhin zur Entwürdigung von Menschen bei.

  11. „Wer also gegen den Begriff schießt, will sich nicht am eigentlichen Problem orientieren.“ – da gebe ich dir uneingeschränkt recht. nur: wer den begriff hochhält, tut nichts anderes. „political corectness“ oder meinethalben auch ‚politisch korrekt‘ ist nämlich ein ziemlich obskurer, leerer signifikant, der nicht selten dazu dient einen anderen sachverhalt zu maskieren, egal ob man sich auf ihn beruft oder ihn torpediert. das wird übrigens schon auf sprachimmanenter ebene deutlich: politisch korrekt ist ein eigentümliches oxymoron, wenn man ‚politisch‘ als attribut der praxis im konflikt versteht. hinter korrekt verbirgt sich nämlich das gegenteil: die anerkennung meines gegenüber unabhängig von seiner position in der auseinandersetzung. da ist der begriff der ‚höflichkeit‘ fast ehrlicher: der gibt sich zumindest offen unpolitisch und verweist ethymologisch auch noch auf seinen exklusiven charakter.
    meine befürchtung (und die ist, wenn ich jj überhaupt verstanden habe, das gegenteil von seiner/ihrer) ist, dass der vermeintlich konfliktlos-ehrerbietende sprachduktus der political correctness auch dazu dienen kann, zugrunde liegende macht- und ausschlussverhältnisse zu verschleiern. natürlich befreit es keinen immigranten (und keine immigrantin), wenn sie ‚ausländer‘ genannt wird und sie/er dadurch sprachlich aus der gemeinschaft der ‚inländer‘ ausgeschlossen wird. ihre legale/alltägliche/exzessive rassistische ungleichbehandlung kann aber auch mit leichtigkeit unsichtbar gemacht werden, wenn ich sie als „mitbürger ausländischer herkunft“ tituliere. und eine zum beispiel eine quote einzuführen, wird ja auch nicht ohne grund von den größten rassisten/sexisten/sozialdarwinisten gerne mit dem argument abgeschmettert, dass sie „individuen“ und nicht frauen/männer, inländer/ausländer, akademikerkinder/nichtakademikerkiner einstellen. das spannungsverhältnis bleibt dasselbe wie schon bei den menschenrechten: in einer welt in welcher der mensch ein ausgebeutetes und erniedrigtes wesen ist, können die menschenrechte eben nur allzu leicht als phantasmatischer schirm genutzt werden, hinter dem der eigentliche skandal zum sekundären problem wird. deshalb müssen weder die rechte noch der respekt aufgegeben werden, aber sie als endpunkt der politischen praxis zu sehen, führt in die sackgasse. wenn also ‚politisch korrekt‘ dann bitteschön mit einer klärung anbei: welches „politisch“ denn? denn auch wenn es traumatisiert und entwürdigt: rassisten muss man rassisten nennen, auch wenn sie sich selbst nicht so definieren.

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