Männerkongress 2010

Ich werde mich gleich mit der Berichterstattung (oder einem Teil davon) zum Männerkongress 2010, der vergangenes Wochenende in Düsseldorf stattfand, auseinander setzen, wesentliche Punkte aufdröseln und hinterfragen. Damit wir uns aber im hoffentlich im selben Kontext bewegen, werde ich vorher noch kurz den Rahmen aufzeigen.

Worüber reden wir?

Der Männerkongress 2010 ist eine zweitätige Tagung, in der es per definitionem darum gehen soll, ob „Neue Männer“ „sein müssen“ und über den „männlichen Umgang mit Gefühlen“. Ein Auszug aus dem Flyer:

An dieser Begründung, warum so eine Tagung also wichtig ist, fehlt es an Ursachen. An keiner Stelle wird benannt, wer oder was für die Entwertung des Mannes verantwortlich zeichnet, sondern lediglich wodurch diese Entwertungen reproduziert werden: durch Medien.

Wer macht den Kongress?

Dr. Matthias Franz, Professor am Institut für Psychosomatische Medizin an der Heine-Uni. Es könnte also sein, dass Themen aus biologisch-medizinischer und/oder psychologischer Perspektive beleuchtet werden. Ein wenig mehr Hintergrund zum Kongress erläutert Franz selbst.

Wer redet auf dem Kongress worüber?

Bis auf einen war mir keiner der Namen geläufig: Gerhard Amendt. Viele von uns erinnern sich vielleicht noch an das erst kürzlich erschienende Interview auf WELT Online, in dem er propagiert, dass Frauenhäuser Ort des Männerhasses sind und diese abgeschafft gehören. Also Orte abgeschafft gehören, die für viele Frauen der letzte Schutz vor prügelnden oder vergewaltigenden Partnern oder Ehemännern sind. Auf der Seite des Kongresses können einige Abstracts der Vorträge heruntergeladen werden. Bis auf den von Hurrelmann finde ich die Inhaltsangeben der Vorträge…nun ja…bemerkenswert.

Ok. Rahmen geschaffen? Los gehts. Ich habe mir folgende drei Artikel rausgesucht:

„Geschlechter-Forschung: Frau muss man sein“ – SpOn, 21.02.

„Wann ist ein Mann ein Mann?“ – DerWesten, 19.02.

„Das schwache Geschlecht“ – WELT Online, 22.02.

Die Auswahl ist nicht so willkürlich, wie sie vielleicht erscheinen mag. Der Kongress fand in der Mainstreampresse sehr wenig Anklang. Zumindest die Beiträge zum Kongress selbst. Um beim umfassenden Rahmen zu bleiben. Alle drei Autoren sind Männer. Klingt logisch, geht ja auch um sie. Beim Namen googlen stieß ich, was den journalistischen Background betrifft, auf keine genderspezifischen Inhalte. Ich gehe also davon aus, dass die drei Herren Autoren entweder dorthin geschickt wurden von ihrer Redaktion oder aus einer persönlichen Motivation heraus diesen Kongress besuchten. Spekulationen frei!

Ich werde nachfolgend die Grundaussagen der drei Artikel herausstellen und hinterfragen, falls mir etwas unklar ist oder merkwürdig erscheint oder: ich sie für erwähnenswert halte.

1. Der Mann ist das (neue) schwache Geschlecht

siehe Punkt 17. Punkt 4 und Punkt 6 gelten übrigens schon länger und sind nicht neu.

2. Die Frau ist das starke Geschlecht

siehe Punkt 17.

3. Der Mann fällt aus seiner Rolle.

Gut so. Tradierte Rollenmuster sind eh von gestern.

4. Der Mann hat eine geringere Lebenserwartung

siehe Punkt 6

5. Der Mann begeht häufiger Suizid

6. Der Mann geht seltener zum Arzt

Tradierte Rollenmuster galore.

7. Der Mann ist ein Bildungsverlierer

siehe Punkt 17.

8. Der Mann wird häufiger arbeitslos

und häufiger eingestellt.

9. Der Mann ist das kranke Geschlecht

siehe Punkt 6

10. Der Mann hat häufiger Identitätsprobleme

siehe Punkt 3.

11. Der Mann hat mehr Unfälle

?

12. Der Mann hat mehr Herzinfarkte

siehe Punkt 6, Leistungsgesellschaft galore

13. Traditionelle männliche Rollen und Verhaltensmuster sind überflüssig geworden. oder schädlich.

Zweites: jawohl. Erstes: Ein Blick in die Realität würde helfen.

14. Frauen bestimmen über die Erziehung von Männern (Baby, Kleinkind, Junge)

Richtig. Weil Frauen mit der Kindererziehung häufig alleingelassen werden.

15. Dem Mann fehlt die Vaterfigur als Rollenbild

was ist mit Jungen, bei denen die Mutter die Familie verlässt oder stirbt? Was ist mit schwulen Paaren, die Kinder haben? Was ist mit alleinerziehenden Müttern und lesbischen Paaren?

16. Männer sollen angeregt werden, „weibliche“ Berufe zu ergreifen (überlegt wird u.a. eine Quotenregelung für diese Berufssparten für Männer) Bisher seien diese aber wegen schlechter Bezahlung zu unattraktiv.

Solange nur Frauen diese Berufe ausüben, brauchen wir natürlich keine bessere Bezahlung.

17. Männer stellen, nachdem Erziehung und Bildung abgeschlossen sind, die berufliche Spitze der Gesellschaft.

Definitiv. Punkt 1?

18. Jungen werden schon früh zur Selbstständigkeit erzogen. Mädchen nicht.

Punkt 1? Punkt 31?

19. Jungen haben Kastrationsängste durch weibliche Erziehung.

Psychoanalyse und daraus resultierender Frauenhass lassen grüßen.

20. Jungen die in einem weiblich dominierten Familien-Umfeld aufwachsen, leiden häufiger an Hyperaktivität.

Also tragen alleinerziehende Mütter und lesbische Paare die Verantwortung dafür? Interessant.

21. „Wenn Mädchen sich behaupten, wird das als positiv bewertet. Jungen, die sich auf die Mädchenwelt einlassen, müssen sich den Vorwurf gefallen lassen: Du bist doch ein Mädchen!“ (Franz)

Interessante Bemerkung, wenn wir uns den ersten Absatz des WELT-Artikels zu Gemüte führen: „Es ist gegen 12 Uhr mittags, als Professor Matthias Franz, der an der Uniklinik Düsseldorf psychosomatische Medizin lehrt, ein Stück Papier hervorzieht und eine Heldentat verkündet: Der Schauspieler Ingo Naujoks steigt aus seiner Rolle im „Tatort“ aus. Beifall brandet im Roy-Lichtenstein-Hörsaal der Düsseldorfer Universität auf. Naujoks, fast acht Jahre lang als Babysitter und Frühstücksmacher in der Softie-Rolle, emanzipiert sich, will nicht länger im Schatten der starken, spröden Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) stehen. Für die Männer hier im Raum – der Anteil liegt bei circa 70 Prozent – ist das Balsam. Da lässt sich einer mal nicht mehr entwürdigen. Da ist einer Mann und spielt mit den Muskeln.“

22. „Nur zusammen sind Mann und Frau unschlagbar.“ (Franz)

siehe Punkt 21.

23. Frauen kritisieren, dass der Mann sich in eine weibliche Rolle zurückzieht.

Achso? Ist mir neu. Sind das nicht eher die Männer? Und siehe Punkt 21.

24. Frauen haben Männer überholt.

siehe Punkt 17.

25. Frauen gelten als konzentrierter.

Ja, weil Jungs die Hyperaktiven und Gewaltvollen sind. Nicht.

26. Frauen reichen öfter als die Männer die Scheidung ein.

Zum Glück können sich neben Männern auch Frauen mittlerweile aktiv für eine Trennung entscheiden.

27. „Junge Frauen wollen heute Karriere und Familie. Junge Männer dagegen hängen zu 60 Prozent an dem traditionellen Männerbild.“ (Hurrelmann)

Definitiv. Frauen wollen aber nicht nur das. Und zwischen Wünschen und Realität besteht häufig ein sehr großer Unterschied.

28. Männer sollen sich nicht nur in Männerbereichen („Mathematik“), sondern auch in Frauenbereichen („Sprachen“) engagieren. (Hurrelmann)

Ehrenwert. Aber lassen wir doch mal diese Biologismen beiseite.

29. „Negative Bilder des Maskulinen sind in den Medien weit verbreitet, auch hat man sich fast schon daran gewöhnt, auf Kosten der Männer zu lachen.“ (Hollstein)

Versuchen wir mal den Spieß umzudrehen und ersätzen Maskulinen und Männer mit Femininen und Frauen.

30. Mädchen werden besser gefördert, viele Jungs reagieren mit Frust, Verweigerung und Gewalt.

Jungen zu pathologisieren ist im besten Falle naiv.

31. „Frauen kommen mit dieser strukturellen Ungewissheit der Lebensplanung besser zurecht“ (Hurrelmann)

Ja, weil sie müssen. Es betrifft sie häufiger.

32. Typisch männliche Tugenden werden als Stigma verurteilt. Schuld daran hat der Feminismus.

Nachholbedarf in Sachen Feminismus. Was sind denn typisch männliche und typisch weibliche Tugenden?

32. Harmonieatmosphäre in der Schule (ausgelöst durch eine höhere Anzahl Lehrerinnen) entspricht nicht den Grundbedürfnissen von Jungen.

Jungen wollen also stets Konflikte und gewaltvolle Auseinandersetzung?

33. 50 Prozent der Eigenschaften sind genetisch bestimmt und 50 Prozent durch die Umwelt.

Huch! Das war schon ein Kongress, wo es um selbstbestimmte Subjekte ging?!

34. Jungen sind anders als Mädchen.

Ja. Jungen haben einen Penis und Mädchen eine Vagina.

Der geneigten Leserschaft wird vielleicht aufgefallen sein, dass viele Aussagen in sich widersprüchlich, diesen alten Biologismen und Vorannahmen anhaften und stark heteronormativ geprägt sind. Leider auch ohne weitere Erklärung bleiben. Was schade ist. Denn die moderne Geschlechterforschung ist wesentlich weiter. Auch die Realität sieht häufig anders aus. Dass Defizite auf Männerseite bestehen (und auf Frauenseite), ist unbestritten, resultieren z.T. dadurch, dass Deutschland das Gender-Mainstreaming-Konzept nur unzureichend umsetzt, das darauf angelegt ist, Männer aktiv in die Gleichstellungspolitik einzubeziehen und mitzudenken sowie traditionelle Rollenmuster abzubauen bzw. die „Rollenmöglichkeiten“ zu erweitern. Diese sind nämlich Hauptursache für die Ungleichbehandlung der Geschlechter.

Unabhängig davon ist dieser Geschlechterblickwinkel sehr kategorisierend und einschränkend. Folgendes Spiel, liebe LeserInnen. Stellen Sie sich die Mädchen/Frauen, Jungen/Männer, die in den Artikeln und von benannten Wissenschaftlern angesprochen werden bildhaft vor. Welche Menschen sehen Sie? Welche Menschen könnten die Wissenschaftler meinen?

Richtig. Weiße deutsche heterosexuelle, ohne Migrationshintergrund, in Deutschland mit christlichen Werten sozialisiert, ohne Behinderung, geschlechtseindeutig. Fehlt da nicht wer? Kurzes Beispiel: In Deutschland leben über 20 Prozent BürgerInnen mit anderem ethnischen Hintergrund bzw. Schwarze. (Diese BürgerInnen müssen nicht zwangsweise MigrantInnen sein). Wo werden diese denn berücksichtigt? Ein Mensch besteht aus mehreren identitätsstiftenden Merkmalen mit spezifischen Bedürfnissen und strukturellen sowie individuellen Problemlagen. Eine Auffassung von Geschlechtersensibilität, wie sie diese werten Herren haben, lässt viele Menschen außen vor, negiert ihr Dasein oder stigmatisiert sie als potenziell verantwortlich für z.T. konstruierte Jungen- und Mädchenprobleme. Für viele Menschen ist ihr biologisches Geschlecht ungefähr so identitätsstiftend wie ihre Schuhgröße. Trotzdem wird ihnen von einer als homogen konstruierten Mehrheitsgesellschaft immer wieder eingetrichtert, Geschlecht und die damit verbundenen Vorannahmen seien DAS Identitätsmerkmal schlechthin. Von der Hierarchisierung der Geschlechter ganz zu schweigen. Wir hinterfragen das alles nicht mehr, weil es als normal gilt, dass Frauen so und Männer so sind. Stattdessen werden wir mit unseren inneren Kämpfen, Abgrenzungsverhalten, Widerständen in der Gesellschaft alleingelassen und andere für uns wichtige Merkmale dürfen kaum in Erscheinung treten, ohne als anders zu definiert zu werden. Reicht ja schließlich schon, dass Männer anders als Frauen sind.

Einen Männerkongress zu organisieren ist an sich eine feine Sache, weil z.B. das Bildungsproblem tatsächlich existent ist oder das medizinische. Nicht nur Männer haben damit zu kämpfen, aber warum nicht mal getrennt betrachten? Dann aber bitte schön auf dem aktuellen Forschungsstand und interdisziplinär diskutieren (Stichworte: Intersektionalität, Diversity), keine populärwissenschaftlichen biologistischen Beiträge mehr, keine Freud’schen Theorien oder angestaubte Mann-/Frau-Stigmatisierungen aus dem letzten Jahrhundert. Sonst muss ich mich weiterhin schämen, dass Geschlechterforschung auch Gender Studies heißt und ich womöglich mit Leuten wie Amendt in einen Topf geschmissen werde. Ach ja und 2010 haben wir mittlerweile auch.

55 Kommentare

  1. @lantzschi
    Subtile Beleidigungen waren an keiner Stelle beabsichtigt. Falls sich jemand durch die beiden Posts angegriffen fühlt, entschuldige ich mich hiermit dafür.
    Pauschalaussagen wurde als Antwort auch Pauschalaussagen verwendet. (bzw. sollen zeigen, dass ich die beantwortete Aussage für eine Pauschalaussage halte)
    Klischees verwende ich als Verdeutlichung dessen, was ich als Beispiel meine. Das könnte man verklausuliert sprachlich korrekt ausdrücken – dazu bin ich zugegebenermaßen zu faul. Außerdem möchte ich, dass man über die von mir verwendeten Klischees nachdenkt, woher sie kommen etc.. Hinter einem Klischee steckt meist mehr als nur ein Vorurteil, jeder Mensch verwendet sie, auch jemand, der sie eigentlich vermeiden möchte. Das ist aus den Posts nicht deutlich geworden, daher ist die Kritik an der Verwendung naürlich nur berechtigt.

    Beißreflexe – Jein. Ich bin kein „Maskulist“ oder wie man das nennt. Ich provoziere gerne mit generalisierenden Aussagen, ohne damit trollen zu wollen – ähnlich der Sache mit den Klischees. Im Zweifelsfall vergesst diese Aussagen einfach (dürfte vermutlich schon geschehen sein – besser so)

    @A.B.
    Erstmal mein Mitleid, dass du sowas hören musst.
    Ich weiß äußerst gut, wie es sich anfühlt, der letzte in der Nahrungskette zu sein, ich weiß wie es sich anfühlt, regelmäßig verprügelt zu werden (weil man der „Klassenstreber“ war, indem man zu gute Noten hatte und Einzelgängertyp ist).
    Meine beste Freundin ist Bi und war lange Zeit als „Lesbe“ unterwegs (eher androgyn, aber noch als weiblich zu erkennen ;) ) – gelegentlich hört man von ihr auch von Pöbeleien etc seitens besoffener Jugendlicher, aber eben nicht von den Menschen, die einen im Alltag umgeben. Im Gegenteil, oftmals wird ihr gut zugesprochen von wildfremden, stinknormal aussehenden Leuten – was entsprechende Verwirrung ihrerseits hervorruft…
    Ich persönlich sehe in meinem Alltag eher Diskriminierungen seitens diverser Subkulturen, gegen Obdachlose etc., in oftmals unangenehm starker Form, aber eben keine offensichtlichen gegen Frauen (womit die gemeint wären, die Du erwähnt hast). Was auf keinen Fall heißen soll, dass es keine nichtoffensichtlichen gibt.

  2. Hey Y, du brauchst dir echt keine Sorgen um mich zu machen… man kann sich als „letzte in der Nahrungskette“ selbst leid tun, man kann sich am Mob aufreiben, oder man kann sich von solchen Leuten fernhalten.
    Viele können sich das aber nicht leisten, zB weil sie nunmal ihren Abschluss in MB machen wollen u Ä.

    Im Leben muss man immer wieder mit Arschlöchern klarkommen, das weisst du selbst, wie du schreibst. (Das betrachte ich als sportliche Herausforderung, ich bin denen dann nicht böse, ich staune nur ob ihrer Beschränktheit, das funktioniert sehr gut für mich, und wegen mir würden die sich sowieso nicht ändern.)

    Warum aber nicht das naheliegendste tun und gleich von sich auf Andere schliessen?
    In diesem Fall wäre das viel fruchtbarer, als „Pauschalaussagen mit Pauschalaussagen“ zu beantworten.

    Wenn du etwas schreibst, bedeutet das, dass das deine persönliche Meinung darstellt. Wenn du es ironisch meinst, oder wenn du eine Position ad absurdum weiterspinnen willst, musst du das kenntlich machen. Hinterher relativieren sieht nicht gut aus.

  3. jo, merk ich mir für die Zukunft. Ich hab mit dem Thema gerade erst angefangen, hatte bisher nicht viel Zugang dazu und will das jetzt mal ändern. Daher bitte nicht wundern, wenn meine Kommentare teilweise etwas unbeholfen rüberkommen, Diskussionskulturen unterscheiden si h nunmal themenabhängig, und Feministen diskutieren offenbar anders als Computermenschen ;)

  4. @all: Das ist ein Blog, in dem es u.a. um Gleichberechtigung geht. Diffamierungen von Männern werden dabei genauso wenig geduldet. Bitte mal die eigenen Emotionen ein wenig runterschrauben und konstruktiv diskutieren. Danke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.