Lichtenhagen. Kontinuität rassistischer Gewalt und weißer Überlegenheit.

Vergangenes Wochenende jährten sich die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen bereits zum 20. Mal. Anlässlich der Pogrome auf ein Asylheim und eine Wohnunterkunft von Vietnames_innen 1992 gab es in der Stadt am Samstag eine große Demonstration unter Zusammenarbeit antirassistischer und antifaschistischer Bündnisse. Am Sonntag hielt Bundespräsident Gauck im Rahmen einer zivilgesellschaftlichen Gedenkfeier eine Rede. Auch eine deutsche Eiche wurde vor dem Sonnenblumenhaus gepflanzt. Kopf auf Tischkante.

Nachdem im September 2011 bereits die Aktionswoche anlässlich der Pogrome in Hoyerswerda von Seiten der Stadt boykottiert und wieder mal rechte Gewalt mit antirassistischer und antifaschistischer Gegenwehr gleichgesetzt wurde, wundert mich das, was dieses Jahr in Lichtenhagen passiert ist, überhaupt nicht. Um ein paar Eindrücke zu gewinnen, wie die Gedenkfeier mit Gauck ablief, sei dieser Artikel mitsamt Videos des Kombinat Fortschritt empfohlen.

Bis heute halten sich diverse Mythen um die Ursachen und Verantwortlichkeiten in Sachen Lichtenhagen, aber auch zu den rassistischen Ausschreitungen und Gewaltorgien Anfang der 1990er Jahre in Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Wittenberge und Mannheim. Videos und Berichterstattungen kann mensch fast gar nicht verlinken ohne vorgehende, eindringliche Inhaltswarnung bezüglich rassistischer Beschimpfungen, offen rassistischem wie nationalistischem Gedankengut und Einteilungen von Menschen nach einer Verwertungs- und Konsumlogik. Das Bündnis „Rassismus Tötet“ hat auf Youtube eine stetig wachsende Sammlung an älteren und aktuellen Fernsehberichten und Dokumentationen bereit gestellt, die wachrütteln und ins Gedächtnis rufen. Besonders zu empfehlen sind die Dokumentationen „Wer Gewalt sät“ und „The Truth lies in Rostock“ über die Ereignisse, Versäumnisse und die Analyse einer durch und durch rassistischen Gesellschaft.

Beim Schauen dieser Dokus fällt auf, dass sie, obwohl zum Teil älter als 15 Jahre nichts an Aktualität eingebüßt haben. Rassismus ist nach wie vor Normalität, Alltag. Selbst die hiesige Presse hält es für einen Akt der Notwendigkeit, heute, 20 Jahre nach Lichtenhagen in einer Art und Weise über die Pogrome zu sprechen, als läge keine Zeit dazwischen. Als hätte es Zeit für Aufarbeitung nicht gegeben. Denn offenbar ist es nach wie vor wichtiger, Deutschlands Ansehen in der Welt nicht zu beschädigen, als sich einzugestehen, dass Rassismus und der damit verbundene weiße Überlegenheitsanspruch nach wie vor wirkmächtig ist. Im Alltag, in Gesetzen, in den Medien, in Institutionen, in der Realpolitik, in Diskursen.

Während in der Analyse des ökonomisch motivierten Nationalismus in Deutschland es noch geschafft wird, rassistische und völkische Ideologien zu enttarnen und zu kritisieren, ist es immer wieder bemerkenswert, wie sehr der Nationalstaat in den Vordergrund der Analyse gerückt wird. Das führt nicht selten dazu, dass Mechanismen von Rassismus verdeckt werden bzw. Rassismus nur wieder als Behelfsinstrument von Nationalismus auftaucht. Dass Deutschland und Deutschsein bzw. die Zugehörigkeit zu einem „deutschen Kollektiv“ nicht nur über Staat, Nation und Volkstum, sondern auch über rassistische Ideologien, denen ein weißer Überlegensheitsanspruch zu Grunde liegt, analysiert und kritisiert werden muss, versteht sich mittlerweile von selbst, dachte ich. Zumindest, so weit mein Kenntnisstand in der Sache um die Gastarbeiter- und Zuwanderungspolitik nach 1945 reicht.

Letztlich verschwimmt, welche Ursachen und Entstehungsgeschichten zu Pogromen wie in Lichtenhagen beigetragen haben. Schnell ist mensch dabei, der Politik und der Staatsmacht die Verantwortlichkeit zuzuschieben, die der Bevölkerung rassistische Flöhe ins Ohr setzt. Die Mächtigen sind also Schuld an den Gewalttaten, weil sie Hetzjagden betreiben und nicht eingreifen. Da wird mal so mir nichts dir nichts der breiten Masse eine Autoritätsgläubigkeit unterstellt und ihnen damit die Leistung zu selbstständigen (rassistischen) Denken abgesprochen, Macht einzig und allein beim Staat verortet und herrschaftsaffirmierend gedacht und kritisiert. Und am Ende bleibt die Frage offen: Wer hat denn nun die Mollis und Steine geschmissen?

Ich denke, diese Analyse geht schlicht nicht weit genug. Solange eine Mehrheit weißer Deutscher vom hiesigen Asyl- und Integrationsregime profitiert und auch ein Sarrazin meine soziale Position stützt und nicht gefährdet, sollte die Kritik auch white supremacy und die historische Kontinuität von Rassismus mit all den Wirkmechanismen in verschiedenste gesellschaftliche Bereiche berücksichtigen. Das muss selbstverständlich auch über Staat, Institutionen, Realpolitik und nationalökonomische Verwertungsinteressen, über Patriotismus und Nationalismus passieren, aber nicht ausschließlich. Denn Rassismus funktioniert auch ohne all das. Weiße Überlegenheit braucht keine Grenzen, keine staatliche Regulierung, kein Kapital. Die Äußerungen weißdeutscher Rostocker*innen, Mannheimer*innen, Hoyerswerdaer*innen in damaligen Fernsehberichten belegen das. Von „Ungeziefer“ war da die Rede, von Nicht-Menschen, von „Nur ein toter N. ist ein guter N.“, „die klauen, machen alles kaputt, unzivilisiert, wie Tiere.“ Das ist rassistisches Denken in schrankenfrei. Rassismus in Reinform. Damals wie heute.

Die Dokumentation „Das Hoyerswerda Syndrom“, die 1996 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, ist von Betroffenen rassistischer Gewalt konzipiert und zum Großteil produziert worden. Die Kritiken, die da nicht nur an Staat, Medien, an weißdeutscher Bevölkerung und Erinnerungspolitik oder sondern auch an antirassistischen (Nicht-)Interventionen und an fehlender Solidarität weißdeutscher Linker und Antifas formuliert werden, sollte alle zum Nach- und Weiterdenken und schließlich zum Handeln anregen.