Deutschland, Verdrängungsland.

Wenn sich in der nächsten Woche die rassistischen Pogrome in Hoyerswerda zum 20. Mal jähren, ist das für mich als gebürtige Hoyerswerdaerin eine Woche wie jede andere. Ich habe 19 Jahre in dieser Stadt gelebt, bin dort zur Schule gegangen. Meine Eltern und meine Oma leben noch immer dort.

Hoyerswerda, bereits mehrfach porträtiert als die ostdeutsche Stadt mit dem größten Bevölkerungsschwund (von ehemals knapp 80.000 binnen 20 Jahren auf etwa 30.000), der höchsten Arbeitslosigkeit (ca. 25 Prozent) und einem Durchschnittsalter der dort lebenden Bevölkerung von über 50, ist für mich bei jedem Besuch Sinnbild meiner Vergangenheit. Meiner ostdeutschen „Identität“. Egal, wo in Ostdeutschland ich mich bewege, Hoyerswerda ist allgegenwärtig. Die Plattenbauten, die sozialen Schichten, die Vereinsamung und die kleinen Funken Kreativität.

Umgeben von reichlich Braunkohlegebieten war Hoyerswerda mal die Vorzeigestadt des ostdeutschen Realsozialismus. Schnell wachsend, florierend, systemtreu. Oma schuftete wie ihr Ehemann in der Kokserei Schwarze Pumpe 15km entfernt, mein Vater arbeitet noch immer in dem Kraftwerk und wartet die Pumpen. Meine gesamte Familie (allesamt anhältinisch-brandenburgisch-nordsächsisch-schlesisch) verdingte sich ihren Lebensunterhalt in solchen Primär- und Sekundärsektoren. Ein anderer Teil meiner Familie machte sich bei der NVA das Leben schön. Welche und in welchem Umfang wir Kontakte in die Systemriege pflegten, weiß ich nicht. Akten gibt es wohl die ein oder andere, aber die will niemand zu Gesicht bekommen.

Kurzum: Schlecht ging es uns objektiv betrachtet nicht. Die Inneneinsichten sehen etwas anders aus. Gebiete des Ostens, die nicht in Grenznähe lagen (wie Hoyerswerda) waren weitgehend uninteressant. Sie funktionierten. Mehr nicht. Die Leute standen in Lohn und Brot. Reich waren zwar die wenigsten, aber es reichte, einen Trabant, Mossi oder Lada zu fahren, einen Urlaubsplatz an der Ostsee zu ergattern und einen Schwarz-Weiß-Fernseher zu besitzen. Doch die Urlaubsplätze waren rar und teuer, die Autos auch, das Fernsehprogramm langweilig, Kulturangebote gab es viel zu wenige. Die Lausitzhalle in Hoyerswerda (ehemals Haus der Berg- und Energiearbeiter) trägt noch heute ein hübsches sozialistisches, übergroßes Arbeitermosaik.

Obwohl es den Leuten an wenig mangelte, mangelte es vielen an Sinn und Beschäftigung außerhalb der Erwerbsarbeit. In den 70er Jahren war Hoyerswerda laut der Schriftstellerin Brigitte Reimann die Stadt mit der höchsten Selbstmordrate in ganz Ostdeutschland. Auch nach der „Wende“ brachten sich viele um oder starben an den Spätfolgen übermäßigen Alkoholkonsums. Die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe, öffentliche Gelder wurden zusammengekürzt, regionale Firmen durch die Treuhand in den Bankrott geführt und die PDS-Regierung der Stadt hatte bei einer CDU-geführten (Sachsen ist ein evangelisch-konservatives Drecksloch, aber ganz schön) nichts zu melden.

Obwohl das Label „Blütestadt“ zu DDR-Zeiten ein sehr brüchiges, marodes und dekadentes Label war für diese rote Arbeitereinöde, die nichts zu bieten hatte außer Goldkrone in der Eckkneipe, sobald die Schicht im Schacht vorbei war, war es nach 1990 noch viel weniger passend. In diese Zeit fielen der Rechtsruck und die Pogrome. Angeheizt von der konservativ-nationalistischen Politik und Rhetorik der BRD seit Regierungsbeginn von Helmut Kohl, fühlten sich alle bestätigt und bestärkt in ihrem rassistischen Gedankengut. Asylanten und Vertragsarbeiter sollten endlich weg, um den Abschwung nicht weiter zu forcieren.

Wenn Kapitalismus und Rassismus zusammenfallen, hat das immer fatale Folgen, nicht nur Anfang der 90er Jahre. Rassistische Gastarbeiterpolitik, das Vorzeigemodell des Wirtschaftswunders der BRD in den 60er Jahren, Relikt der Kolonialzeit Deutschlands, gehört zu den dunkleren Kapiteln der Nachkriegsgeschichte. Unaufgearbeitet. Allgemeinwissen zum Thema: Null. Obwohl doch heute angeblich alle Deutschen mit den Folgen davon zu kämpfen haben. Integration und so. Wer hier wirklich mit den Folgen deutscher Politik, Verdrängungsarbeit und imperialistischer, weißer Überlegenheitsansprüche zu kämpfen hat, bleibt unbeleuchtet.

Rassismus und Kapitalismus: Die Anderen als Konjunkturpuffer. Das war der Katalysator für die rassistischen Übergriffe, die eine Woche lang in Hoyerswerda ungesühnt, unsanktioniert und bejubelt von Hoyerswerdaern ihren Lauf nehmen konnten. Doch, wollen wir dem Kapitalismus nicht zu viel Ehre zuteil werden lassen. Rassismus bahnt sich seinen Weg auch durch sozialistische bzw. nicht-kapitalistische Gesellschaften. Ich sprach von Katalysator. Ich sprach noch nicht von rassistischen Strukturen, Vorurteilen, Bildern, die lange, bevor Marx in die Windeln kackte, bereits virulent waren. Die sich bis heute durchziehen. Und von all dem Stumpfsinn, den das dröge rote System mit sich brachte. Übrigens kein schlechteres als das der BRD. Nur anders organisiert. Gleich sind beide in ihrem Konstruieren eines Post-Nazi-Deutschlands, das nach ’45 alles anders machen wollte. Und wieder wurde Einigkeit heraufbeschworen, die so für das Territorium, auf dem sich die deutschen Grenzen heute so langschlängeln, nie bestanden hat. Volkstum, Deutschtum, deutsche Nation, Reich – Konstrukte für die Einheit. Das Volk ohne Schuld, das Volk ohne Verantwortung, das Volk der Opfer.

Der Stumpfsinn und die Apathie, die wohl sein mussten nach den Nazis. Zu den Nürnberger Prozessen konnte man sich noch aufraffen, dann hieß es bald: Schluss mit der Fremdbestimmung und selbst wieder anpacken bei der gleichen Unterdrückung und Gewalt. Nur wie sich zu tarnen und zu rechtfertigen, das wussten nun auf einmal alle ziemlich gut.

Den Vertragsarbeiten im Osten ging es finanziell relativ gut. Das Valuta war immerhin so attraktiv, dass sich „deutsche“ Frauen privat prostituierten, um vielleicht doch an den ein oder anderen kleinen schwer erreichbaren Reichtum zu kommen. Die Vertragsarbeiter im Osten waren gut organisiert. Sie traten in Gruppen auf, lieferten sich Straßenkämpfe mit den „Einheimischen“, Treibjagden durch den Wald, Prügeleien, Selbstjustiz. Alle miteinander und alle gegeneinander. Die Bevölkerung war auf sich selbst angewiesen und sich selbst überlassen. Tauschhandel. Und wer in der Brigade nicht mitsoff (Alkohol gab es für alle Kohlekumpels für lau) und sich in der Pause an Gruppenorgien beteiligte, wurde gnadenlos gemobbt. Die Brigadeführer waren korrupte Schweine, die sich jedes Jahr eine Gehaltserhöhung gönnten. In der NVA sah es wohl nicht anders aus. Das sind jedenfalls Geschichten, die mir mein Vater erzählt.

Und dann ist es 1991 und die Verdrängung setzt erneut ein. Ich durfte eine Woche nicht raus zum Spielen, weil wir zwei Blöcke weiter wohnten. Meine Eltern behaupten bis heute, die Nazis seien von außerhalb mit Bussen in die Stadt gefahren worden. Es ist nur ein Teil der Wahrheit. Wissen wir doch spätestens durch Filmaufnamen, dass Bürger_innen mitwarfen, mitpöbelten – zusammen mit Nazis aus der näheren Umgebung und Hoyerswerda, während die Polizei danebenstand und alles beobachtete. Es war ja auch noch nie anders gewesen.

1991 war nichts Unvorhergesehenes, Hoyerswerda kein Einzelfall. Noch Jahre danach marschierten Nazis durch Hoyerswerda und Umgebung. Nazis finden alle doof. Aber in vielen Dingen sind wir uns doch einig. Zum Glück haben wir immer einen Ort zur Hand, in den wir alles hinein-externalisieren können. Nazi-Deutschland, Nazis, die da.

Zwei meiner Cousins waren lange in der rechten Szene unterwegs. Einer wurde verurteilt, weil er daneben stand und zusah, als seine Kumpels einen Obdachlosen tot prügelten, stark alkoholisiert. Sein jüngerer Halbbruder schaffte den Ausstieg ohne Menschenleben auf dem Gewissen zu haben. Hoyerswerda ist bis heute eine „national befreite Zone“. Alles verdrängt.

Initiative Pogrom91