schreiben lernen. erster teil.

ich kenne viele menschen, die von sich behaupten, ihnen fiele das schreiben schwer. es werden meistens dinge aufgezählt, die fehlen würden zu einem flüssigen und selbstbehauptenden schreiben: worte, themen, stil, etc. doch schreiben ist ein werkzeug, keine gabe. schreiben kann erlernt werden. stile, worte, themen, all das sind keine hindernisse.

hindernisse sind das orientieren an bestimmten stilen, worten und themen. einen druck beim schreiben zu verspüren (bspw. um bestimmten ansprüchen oder erwartungshaltungen entsprechen zu wollen), ist ein hindernis. fehlendes interesse am schreibprozess und an der inhaltlichen auseinandersetzung sind hindernisse.

schreiben zu können, worte zu formulieren, die sich verständlich machen können, sich selbst über schriftsprache zu verständigen ist ein privileg einerseits und empowerment andererseits. ich halte schreiben für ein unglaublich stärkendes und sinnstiftendes mittel des austausches (auch mit sich selbst). schreiben setzt denkprozesse in gang und eröffnet handlungsmöglichkeiten.

nur wie hemmungen vor dem schreiben abbauen? wie „reinkommen“ in dieses schreiben?

folgende schritte und vorgehen können helfen, hemmungen, vermeintliche hindernisse und die verständliche angst, sich über schriftsprache zu artikulieren abzubauen. ich werde in nächster zeit immer mal wieder tipps und kleine brücken aufschreiben, um mein schreibwissen weiterzugeben.

tipp 1: schreiben – so (un)wichtig wie der gang zur toilette.

viele menschen haben hemmungen zu schreiben, weil sie glauben, schreiben bzw. fertige texte seien ein extra. eine zusätzliche tätigkeit, für die es „können“ erfordere, mindestens aber den status eines hobbys besitzen müsse.

schreiben ist gesellschaftlich bedingt mit wertungen belegt. das beherrschen von schriftsprache und damit einhergehend auch der sichere umgang mit schreibstilen sowie die wortung der eigenen gedanken wird in weißen, westlich-europäischen kontexten einem „kulturellen“ bzw. „kulturproduzierenden“ vorgang zugerechnet. artikulation durch schriftsprache wird über andere sprachformen wie sprache durch den körper, gesprochene sprache oder vermeintliches „nicht-sprechen“ gestellt. auch die form der schriftsprache wird noch einmal ausdifferenziert und entsprechend mit hierarchisierungen versehen. kritik an bestimmten formen des schriftsprachlichen ausdrucks, die häufig „anti-intellektuell“ genannt werden (von wem?) machen daher an vielen stellen sinn, kritisieren die hierarchisierung zwischen verschiedenen formen des sprachlichen ausdrucks, weisen allerdings nicht den begründungszusammenhang zurück. die unterscheidung zwischen schriftsprache, gesprochener sprache, körpersprache usw. es wird lediglich eine bestimmte form der schriftsprache kritisiert, häufig die, die sich durch „akademischen wortschatz“ den meisten menschen verschließt. auch schriftsprachliche formen der prosa und lyrik werden selten kritisiert oder als „kunst“ in den denkraum der nicht-kritik oder nicht-interessanz verbannt. schriftsprachliche äußerungen werden als manifestation von gedanken wahrgenommen, körperliche ausdrucksweisen gelten als flüchtig und nicht von dauer.

möp. alles käse. schreiben ist eine form der sprach_handlung. nicht mehr und nicht weniger. schreiben zu können ist in den häufigsten fällen an ableisierungen geknüpft. nicht nur: „fühle ich mich im stande einen text zu verfassen?“, sondern auch: „kann ich überhaupt schreiben?“ und wenn ja: „wie?“ oder: „womit?“

schreiben zu können ist in erster linie ein privileg von ableisierten. weiter geht es dann mit dem „lesen“ und „verstehen“ können dieser schriftsprache. schriftsprache produziert ausschlüsse (auch) über ableisierungen. kein grund also, schriftsprache über andere formen der sprach_handlungen zu stellen, sie zu idealisieren oder für sich selbst nicht als ausdruck in betracht zu ziehen, weil sie vermeintlich „intellektuellen“, „künstler_innen“ etc. vorbehalten wäre.

deshalb halte ich es für wichtig, insofern eine_r schreiben kann, schreiben seinen „kulturellen“ weißen westlich-europäischen be_wertungen zu entziehen bzw. sich davon nicht einschüchtern zu lassen. ein erster schritt in diese richtung kann sein, schreiben in den eigenen alltag zu integrieren. schreiben ist genauso (un)wichtig wie ein toilettengang oder tägliche besorgungen, reproduktionsarbeit und ähnliche tätigkeiten, handlungen, die häufig nicht mit „intellektualität“, „kunst“ oder „kultur“ in verbindung gebracht werden.

nimm dir vor, jeden tag mindestens 1x etwas aufzuschreiben. du kannst entweder einen dir bekannten vorgang beschreiben (wie backe ich einen kuchen, der mir schmeckt?) oder was du am tag/in den letzten tagen erlebt hast, welche gedanken dich beschäftigen, was dich angeregt hat, was dich traurig gemacht hat, was dir freude bereitet hat. das thema ist völlig egal, du suchst aus, jeden tag neu. worauf du schreibst, ist dabei auch egal, hauptsache du sammelst deine schriftsprachlichen äußerungen an ein- und demselben ort. das kann ein ordner im notebook/pc sein, ein einzelnes dokument, ein notizbuch oder eine ablage, wo du deine beschriebenen zettel ablegst. am besten für das tägliche schreiben eignet sich ein tagebuch. wenn du damit fertig bist, schreib ein datum, gerne auch die uhrzeit auf das dokument, den abschnitt, den zettel.

lies dir dein geschriebenes noch einmal durch. solltest du bilder dazu in deinem kopf haben, versuche sie zu zeichnen. das kann völlig abstrakt sein, einzelne formen, striche oder detailreiche ausführungen, situationen, die du damit verbindest. versuche dabei farben zu visualisieren, gerüche, töne, materialien und wie sie sich anfühlen. solltest du das nicht zeichnen können, schreibe es in die zeichnungen. versuche worte für deine sinneseindrücke zu finden. du kannst deine zeichnungen entweder auf einem extra blatt papier festhalten oder direkt auf den bereits geschriebenen text zeichnen. ob einzelne worte danach noch lesbar sind, spielt (vorerst) keine rolle. wichtig ist, dass dein text und deine zeichnungen zusammengehören. markiere beides so, dass du dich später daran erinnern kannst, welche bilder du zu welchem text gezeichnet hast. wenn dir keine bilder zu deinem text einfallen, versuche zu beschreiben, warum nicht, achte besonders auf deine gefühle, die dich während der beschreibung durchdringen. schreibe alles auf. markiere beides so, dass du dich später daran erinnern kannst, welche beschreibungen zu welchem text gehören.

wenn du gar nicht weißt, worüber du deinen täglichen text verfassen willst, nimm dir ein leeres dokument, ein leeres blatt papier und schreibe auf, was du gerade denkst. setze den stift beim schreiben nicht ab. wenn dir nichts (mehr) einfällt, schreibe genau das auf. schreibe mindestens 5 minuten am stück oder bis eine seite voll ist, sollte es dir schwerer fallen. denk daran, den stift dabei nicht abzusetzen. solltest du durch dieses vorgehen in einen schreibprozess kommen, mach‘ einfach weiter, bis du glaubst, alles aufgeschrieben zu haben. und wieder: nicht den stift dabei absetzen! solltest du dazu bilder im kopf haben, siehe oben beschriebenes verfahren. solltest du keine bilder dazu im kopf haben, siehe oben beschriebenes verfahren.

die täglichen schreibübungen (mit den zeichnungen) sollten einen zeitumfang von einer stunde nicht überschreiten. je weniger zeit du benötigst, desto besser für deine tägliche motivation und desto weniger musst du deine zeit neu oder anders planen bzw. greifen die schreibübungen merklich in deinen gewohnten tagesablauf ein.

versuche das ganze einen monat lang. jeden tag. nimm dir nach einem monat deine notizen und ggf. bilder zur hand, lies dir alles noch einmal durch bzw. schau dir die bilder zu deinen texten an. sieh dir die daten und uhrzeiten zu deinen aufzeichnungen an und versuche deinen letzten monat im kopf zu rekonstruieren. gelingt es dir nur anhand deiner aufzeichnungen? hast du vielleicht gar nicht oder selten über deine erlebnisse geschrieben? hast du viel oder immer über deine erlebnisse in diesem zeitabschnitt geschrieben? überlagern zeichnungen worte/machen sie vielleicht sogar nicht mehr erkennbar? welche worte/sätze sind das? macht die uhrzeit einen unterschied in bezug auf länge der texte, die art der bebilderung, die inhalte? fallen dir dinge ein, die du nicht aufgeschrieben hast? warum sind die nicht niedergeschrieben oder gezeichnet? schreibe deine gedanken zu diesen und anderen fragen, die dir einfallen, auf.

keine lust mehr nach einem monat? nimm dir noch einen monat zeit, um dich auszuprobieren. für alle anderen: weitermachen :)

und was bringt das jetzt?

die täglichen schreibübungen und zeichnungen eignen sich gut, um worte und bilder für deine gedanken und tätigkeiten zu finden. du übst dich in verschiedenen formen des ausdrucks. du hast die möglichkeit bestimmte situationen, gedanken, tätigkeiten und ereignisse zu reflektieren und diese denkprozesse festzuhalten. du schreibst, was dir wichtig ist. durch die verbindung von schriftsprache und visualität bekommst du ein gefühl dafür, wie du dir die welt und deinen alltag denkst/vorstellst. du findest eigene formen des ausdrucks dafür. du produzierst jeden tag „text“. du siehst, dass „kreativität“ nichts mit können zu tun hat, sondern abhängig von konzentration, fokus und gefühl sein kann. du kannst sehen, was und wieviel du produziert hast, deine gedanken gewinnen an plastizität, ausdrucksstärke. du bekommst ein gefühl dafür, was und wieviel dir jeden tag durch den kopf geht. du hast die möglichkeit dir das alles noch einmal anzusehen und neu_anders zu durchdenken.

diese schreibübungen sollen dir helfen, hemmungen und ängste vor dem schreiben abzubauen und schreiben/zeichnen als (d)eine form der vielen ausdrucksmöglichkeiten kennenzulernen. da du dich beim schreiben nur an dir orientierst, musst du keine vergleiche mit anderen texten in bezug auf inhalt, stil, form und umfang machen.

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