Gendercamp 2012 – Review zu Reproduktionsarbeit

Auch dieses Jahr war ich wieder auf dem Gendercamp. Ich habe noch nicht alles realisieren können, was dort passiert ist und ich selbst erfahren habe, für mich ergaben sich aber aus den vier Tagen etwa drei Themen, die ich für diskutierens- und bedenkenswert erachte. Ich werde daher meine Gedanken zum Gendercamp in mehrere Blogposts aufteilen.

I. Reproduktionsarbeit
II. Strukturen eines sich als politisch-emanzipatorisch verstehenden Events
III. Feministischer Aktivismus im Netz

Zunächst: Anders als im vergangenen Jahr empfand ich das Camp und seine Teilnehmer_innen dieses Jahr als wesentlich angenehmer. Das kann damit zusammenhängen, dass ich anders als 2011 keine großen Erwartungen mehr mit nach Hüll nahm, ich mich durch die Anwesenheit und die Arbeit des Awarenessteams sicherer fühlte und somit einen anderen Zugang zu neuen Menschen und deren Ideen entwickeln konnte. Die Redner_innenlisten gaben den Diskussionen während der Sessions einen anderen Drive, ich freute mich über fast jede Wortmeldung, war neugierig, was die Person beizutragen hatte, nahm das Gesprächsklima insgesamt sehr viel offener, wohlwollender und „ich will darüber nachdenken, was du gerade gesagt hast“ wahr. Das fand ich sehr schön. Ich habe selbst kaum Erfahrung mit Redner_innenlisten und bin in Diskussionen deshalb schnell überfordert, genervt und angespannt. Der Workshop gleich zu Beginn des Camps zu dominantem Redeverhalten ließ offenbar werden, dass die meisten von uns dominante Strategien des Kommunizierens anwenden und zwar so, dass sie eben keine Interventionen in Kackscheiße darstellen, sondern wirklich interessante und hörenswerte Stimmen verstummen lassen. Was auch dazu führen kann, dass sich Gespräche inhaltlich im Kreis drehen und keinen Input von außen mehr zulassen. Ich war froh, Hinweise zu bekommen, mein eigenes Redeverhalten zu überdenken, öfter mal nichts zu sagen, mich auf das Gesagte von anderen mehr einzulassen und so insgesamt mehr aus einem Gespräch mitzunehmen. Ich hatte (wahrscheinlich auch durch die Awarenessstrukturen drumherum und das Klima unter den Teilnehmer_innen insgesamt) keine Angst, nicht in Kackscheiße intervenieren zu können, weil das evtl. als dominant wahrgenommen werden könnte und ließ mich – weil angstfreier – mehr auf die Perspektiven anderer ein. Das hat Spaß gemacht, ich habe viel mitgenommen. Danke an alle Teilnehmer_innen und das Awarenessteam im Besonderen, das dieses Gesprächsklima ermöglicht hat! Leider haben nicht alle Teilnehmer_innen (und damit meine ich auch die Orga) dieses Angebot als Chance begriffen, das Camp für alle angenehm zu gestalten, das hat mich in Teilen wütend und traurig gemacht. Awareness-Raising als Einschränkung/Beschränkung wahrzunehmen – wohlgemerkt auf einer Veranstaltung mit emanzipatorischem und queer-/feministischem Anspruch – empfand ich als Derailing und Angriff auf eben jenen Anspruch.

I. Reproduktionsarbeit

Ein sehr bestimmender Aspekt auf dem Gendercamp in diesem Jahr waren Kinder. Zunächst, weil mehr Kinder anwesend waren, ebenso deren Bezugspersonen/Betreuer_innen/Eltern. Dass Kinder auch in den Sessions waren, war an der einen oder anderen Stelle etwas anstrengend, weil sie laut waren und ihren eigenen Willen hatten. In der Regel bin ich davon schnell genervt, habe aber an mir festgestellt, dass ich Kinder lediglich als störend empfinde, wenn ich gerade von ganz anderen Dingen angepisst bin und eher die Stille suche und es eigentlich keine Frage der Lautstärke ist/sein sollte, wenn mich Menschen stören, sondern konkretes kackscheißiges Verhalten. Das kann ja laut, leise, subtil, offensichtlich, habitusorientiert, durch Körpersprache kommuniziert oder am Duktus liegen. Ich fände es spannend, wenn Kinder auf politischen Veranstaltungen mehr integriert werden könnten, als Teilnehmende wahrgenommen werden, deren Perspektiven auf bestimmte Themen auch interessant wären. Das gestaltet sich sicher schwieriger, wenn die Kinder noch sehr klein sind und sich kaum verbal artikulieren können, aber Perspektiven von Kindern auf die Welt, ihre Unbekümmertheit und ihr Durchsetzungswillen provozieren tatsächlich eine gewisse Faszination bei mir. Gerade auch, weil das Geschlechterverhältnis an Kindern permanent ausprobiert/ihnen aufgedrückt wird, würde mich interessieren, was sie eigentlich zu diesen Normierungen und Anrufungen zu sagen haben. Wie Kinder Stereotype verhandeln (ließe sich noch auf andere Kategorien außer Geschlecht erweitern), wie Kinder aufnehmen und verarbeiten, wenn Eltern sie möglichst normfrei erziehen wollen, wie sie mit dem Umstand umgehen, dass sie Projektions- und Verhandlungsfläche gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Wie sie sich selbst als handelnd, gestaltend und eigen denkend wahrnehmen.

Warum ich Kinder unter dem Punkt Reproarbeit zusammenfasse, hat zwei Gründe: Zum einen, dass Kinder selten als Akteur_innen wahrgenommen werden, wenn es um Reproduktion geht, sondern nur als jene, an denen eben diese Arbeit vollzogen wird. Für mich haben Kinder auf diesem Camp aber ebenfalls diese Arbeit ausgeführt, zumindest fühlte ich mich bisweilen, wenn ich mich mit ihnen beschäftigt habe, sehr wohl, sehr entspannt, ausgeglichen.

Zum anderen, weil in meinen Augen die Betreuungsarbeit zu Beginn nicht sehr gut organisiert war, was zu einigen Konflikten führte (Wer betreut die Kinder wann? Wie könnte die Betreuungsarbeit für Eltern und Bezugspersonen angenehmer & stressfreier gestaltet werden?). Die Anwesenheit von Kindern wird meist unverhandelt gelassen. Das bisschen Reproarbeit, nech? Ich finde es wichtig, dass nicht einfach stillschweigend davon ausgegangen wird, die Eltern und Bezugspersonen (und hier auch wieder — in der Mehrzahl Frauen) machen das eh unter sich aus oder regeln das. Unter Berücksichtigung des Geschlechterverhältnisses in dieser Gesellschaft fände ich es gut, auch mehr männlich Sozialisierte in die Reproverantwortung zu nehmen und stärker zu thematisieren, dass Kinder anwesend sind und nicht sich selbst und ihren Bezugspersonen überlassen werden. Ich denke, dass das Aufgabe eines Orgateams ist, diese Dinge anzusprechen und dahingehend eine Struktur bereitzustellen.

Aber es gibt da noch einen dritten Punkt, der mir wichtig ist. Ähnlich, wie Melanie schreibt, sollte es für alle(!) nachvollziehbar sein, wenn Menschen sich mit Kindern unwohl fühlen, und zwar, weil ihnen der Elternstatus, das Recht auf Familie abgesprochen wird oder schlicht körperlich nicht in der Lage sind/sein dürfen, Kinder zu bekommen oder zu erziehen/zu betreuen. Ich selbst bin Betroffene eines Systems, das mir den Familienstatus zumindest sehr erschwert, mich aus dem heteronormativen Setting „Vater-Mutter-Kind(er)“ ausschließt und mir kaum Möglichkeiten gewährt, Erziehungsarbeit zu übernehmen. Ich bin sehr oft traurig deswegen und mache mir schon seit Jahren Gedanken darüber, wann und vor allem wie ich als Mutter/Erziehende auftreten kann und will. Sich mit Kindern unwohl fühlen, heißt daher nicht, Kinder abzulehnen, sondern kritisch auf den eigenen sozialen Status zu blicken. Viele entscheiden sich beispielsweise gegen „eigene“ Kinder oder Erziehungsarbeit, weil sie die permanente Anrufung als Mutter satt haben, bei anderen löst die Anwesenheit von Kindern Wut, Trauer und Verletztheit aus. Auch die Reaktualisierung eigener Gewalterfahrungen in der Kindheit/Jugend ist durch die Anwesenheit von Kindern denkbar. Da Kinder all diese Erfahrungen, Erlebnisse und Gedanken von Erwachsenen zu Kindern weder komplett erfassen oder mitbedenken, geschweige denn darauf reagieren können, sehe ich hier vor allem Eltern/Erziehende/Bezugspersonen in der Pflicht dahingehend Sensibilität zu entwickeln. Mich nervt es, wenn Menschen mit Kindern sich als HeteroKleinfamilie inszenieren müssen vor anderen. Die eigene Performance darf im Zusammenhang mit Privilegien als (körperlich) unversehrter CisMensch und in einer heterosexuellen, monogamen Beziehung lebend ruhig überdacht werden. Dann von jenen noch unterstellt zu bekommen, eine selbst sei kinderfeindlich, das Thema Kinder sei tabuisiert oder die Anwesenheit von Kindern werde von denen ohne Kinder als heterosexistisch interpretiert, da war für mich echt Ende im Gelände. Hier zeigte sich ganz offensichtlich die wenig queer-sensible bzw. heteronormative Struktur des Camps und ja, diese Vorwürfe und Umkehrungen sind nichts anderes als heterosexistische und transphobe Kackscheiße und ja, sie sind diskriminierend. Dieses Camp ist kein Ort, der außerhalb von Gesellschaft steht, insofern spiegeln sich in diesem Ort die gleichen Mechanismen, die auch außerhalb dessen Gesellschaft gewaltvoll strukturieren. Ergänzung 1: Dass gerade unter diesem Aspekt, Kinder als „problematisch für andere“ von einigen Erziehenden konstruiert wurden, empfand ich als Unverschämtheit. Die eigentlichen Konflikte wurden auf die Kinder übertragen, Kinder wurden instrumentalisiert zur Konfliktumkehrung und Verschiebung von eigener Verantwortlichkeit.

Dass das Thema Kinder so prominent auf dem Camp verhandelt wurde, lag auch daran, wer für sich in Anspruch nehmen kann, Dinge zu thematisieren und wer die eigenen Probleme als permanent verhandelbar betrachten kann und wer nicht. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Vorerst helfen vielleicht Adrians Gedanken und Hinweise zu Kindern und Kollektivität

Ergänzung 2:Ich möchte noch einen Gedanken teilen, der von einer nicht-teilnehmenden Person zu meinen Erlebnissen rund um das Thema Kinder & Eltern auf dem Camp kam, den ich für mich als horizonterweiternd wahrnahm: Da Kinder häufig mit „Zukunft“ in Verbindung gebracht werden und Reproduktion von Gesellschaft auch über „Kinder bekommen“, „sich vermehren/reproduzieren“ verhandelt wird, wäre es gut konservative bis rechtskonservative/nationalistische/völkische/biologistische/eugenische Diskurse mit hineinzudenken, wenn es um Kinder, Elternschaft und Erziehungsarbeit geht. Nicht selten passiert es, dass Eltern einen Anspruch geltend machen, der lauten könnte: „Hey wir setzen Kinder in die Welt, wir tragen zur Zukunft des Staates bei, wir erhalten den Volkskörper, jetzt seid uns bitte dankbar dafür und/oder übernehmt auch Reproduktionsarbeit“.

Dass Reproduktionsarbeit aber nicht nur heißt, Kinder zu betreuen oder generell Kindererziehung und Hausarbeit, sondern auch Sorgearbeit bedeutet, das hätte ich auf politischen Veranstaltungen gerne stärker herausgearbeitet. Gerade wenn ein Großteil der Teilnehmer_innen „draußen“ mit gewaltvollen Strukturen konfrontiert ist und so eine Veranstaltung auch die Möglichkeit bietet, Reproduktion des Selbst als Wiederherstellung der eigenen Kräfte und Ressourcen leisten zu können. In der Praxis hieße dies: mehr Pausen, mehr Möglichkeiten für informelle Gespräche, Handarbeit (die DIY- und Craftingangebote wurden rege und mit Begeisterung genutzt), Ansprechpersonen für Konflikte, mehr Räume des Kuschelns nicht nur auf körperlicher Ebene, sondern als einen Raum der Nähe. Ich bin da, ich verstehe dich/will dich verstehen, ich sorge mich um dich, ich sorge für dich, ich sorge auch für mich selbst. Es gab konkret einen Rückzugsraum, in meinen Augen mindestens einer zu wenig. Immerhin brachte die Logistik des Landes mit sich, dass viele die umgrenzen Felder, Wiesen und Wege für ausführliche Spaziergänge und Ruhephasen genutzt haben. Reproduktionsarbeit hieße aber in der Praxis auch, nicht nur das Awarenessteam in die Verantwortung dafür zu nehmen, sondern auch selbstverantwortlich Reproarbeit zu leisten. Ich weiß, dass viele das nicht können oder wollen, aber solange eine Sensibilität für verantwortungsvollen Umgang miteinander da ist, sollten sich einige reproduktionsverringernde Dynamiken vielleicht gar nicht erst einschleichen können.