Angst

Ich habe Angst. Panische Angst.

Ich fahre mit der Straßenbahn. Schon vor dem Einstieg bin ich total nervös, genervt von den Menschen um mich herum. Ich dachte, ich hätte einfach zu viel Coffein zu mir genommen. Kurz bevor ich aussteigen muss, sackt mein Kreislauf in den Keller, mir wird schwindelig und meine Beine fühlen sich an wie Gummi. Mein Brustkorb fühlt sich zugeschnürt und zerdrückt an, mein Herz fängt an zu rasen, Angst steigt auf. Angst, umzufallen, bewusst los zu werden, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich steige aus, setze mich hin, versuche ruhig zu atmen. Nach ein paar Minuten geht es, so dass ich nach Hause laufen kann. Zum Glück ist jemand bei mir und kann mich begleiten. Ich fühle mich so ausgeknockt. Den Rest des Tages verbringe ich erschöpft vor dem Fernseher.

Wenige Tage später wache ich auf mit Kreislaufproblemen, wieder Nervosität, kann keine klaren Gedanken fassen, bei bestimmten Gesprächsthemen stellt sich sofort ein Unwohlsein ein, Herzrasen, ich lenke vom Thema ab. Ich will das Haus verlassen. Auf dem Weg zur U-Bahn wieder diese Angst. Als ich umsteigen will, kann ich es nicht. Ich sitze auf dem U-Bahnhof und bin unfähig in die einfahrende U-Bahn zu steigen. Die gleichen Symptome. Ich gehe nach oben. Raus. Laufe umher. Schwitzige Hände, Konzentrationsschwächen, Herzrasen, Schwindel und diese unglaubliche unbeschreibliche Angst. Ich weiß nicht, wovor. Ich habe das Gefühl, niemand kann mir helfen, von meiner Wohnung bin ich weit entfernt. Zurückfahren kann ich nicht, zu meinem eigentlichen Ziel auch nicht.

Ich laufe den gesamten Weg, den ich mit der U-Bahn hergefahren bin, zurück. Auf einen bestimmten Punkt kann ich mich nicht konzentrieren, dann wird die Angst größer. Mein Blick zuckt von einer Ecke des Sichtfeldes in die andere. Überall Menschen. Gleich kippe ich um, einfach so. Denke ich. Und laufe weiter, einfach weiter. Ich rufe eine Freundin an, sie soll mich ablenken. Es regnet, es ist mir egal. Jedes Warten an der Ampel wird zum Horror, ich laufe vor ihr hektisch hin und her. Endlich grün, endlich kann ich weiter laufen. Die Angst vor dem Kontrollverlust. Eine gefühlte Ewigkeit später kann ich den Schlüssel ins Schloss stecken und umdrehen. Wie befreiend. Gut geht es mir nicht, immerhin ist diese Angst weg.

Am nächsten Tag will ich zu einer Konferenz gehen. Ich fahre gemeinsam mit einer Freundin in der U-Bahn, ich muss mich dermaßen konzentrieren, nicht an die in mir hochsteigende Panik zu denken. Es fällt mir so schwer. Beklemmung. Den Rest der Strecke laufen wir. Bloß nicht stehenbleiben. Überall die vielen Menschen. Erst eine Stunde später habe ich nicht mehr das Gefühl, ich müsste laut schreien und ohne Ziel einfach losrennen.

Noch zu Hause denke ich mir, ich will jetzt nicht losgehen. Ich will nicht die Tür hinter mir zu machen müssen. Ich will einfach nur in meinem Zimmer bleiben. Als ich den S-Bahnhof betrete, wird mir übel, meine Hände sind feucht, mir ist einfach nur elend. Ich fange an zu weinen. Ich will mich nicht einschränken, will nicht zu Hause sitzen und traurig sein, dass ich kaum drei Schritte im öffentlichen Raum gehen kann, ohne Angst zu haben. Das Weinen hilft. Erleichterung. Ich steige ein. Immerhin ist nicht wie in der U-Bahn alles dunkel, wenn ich zum Fenster rausschaue.

Seit mehreren Tagen habe ich Panikattacken. Ich weiß nicht, wieso. Ich kann nicht lokalisieren, worauf sie sich beziehen, wovor ich Angst habe und woher meine körperlichen Beschwerden kommen. Sobald ich mich in der Stadt bewege, legt irgendwer oder irgendwas einen Schalter um. Mittlerweile habe ich Angst vor der Angst. Ich muss mich zwingen, das Haus zu verlassen.

Manchmal geht es, aber angenehm ist es nie.

Aufgrund von depressiven Attacken habe ich vor zwei Jahren das letzte Mal eine Allgemeinmedizinerin konsultiert. Sie schrieb mich für zwei Wochen krank. „Wenn sich Ihre Beschwerden nicht verändern, kommen Sie wieder und ich gebe Ihnen Antidepressiva“. Na toll. Tabletten fressen ohne Diagnose. Ohne Überweisung zur Psychotherapie. Not, dachte ich mir und änderte selbstständig Teile meiner Lebenssituation. Weniger Aufgaben, mehr Ruhe. Soweit das möglich schien, so mitten im Studium. Ich habe mich im Laufe der Zeit ganz gut im Griff gehabt: Mehr darauf geachtet, worauf ich meine Energien konzentrieren will, fokussiert gearbeitet und studiert und doch immer etwas hilflos bei Dingen, auf die keine Lust hatte, aber erledigt werden mussten. Pflichtscheiße. Abschluss machen, irgendwie ein bisschen Geld verdienen mit feministischen Perspektiven, aber sorgenfrei leben kann ich bis heute nicht. Ich muss mich nach wie vor zu bürokratischen Akten zwingen, habe Angst mich nachts allein durch die Stadt zu bewegen, muss täglich damit umgehen, was so an Kackscheiße durch mein Leben fliegt. Ich stehe permanent unter Stress und Druck, fühle mich oft ohmächtig. Aber es geht mir halbwegs gut. Ich freue mich, dass ich mein Leben halbwegs unabhängig gestalten kann, bin umgezogen, treffe Freund_innen, unternehme viel und versuche mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht mit dem Internet zu tun haben. So als Entspannung, aber abschalten kann ich viel zu selten. Die Symptome von Depression habe ich überwunden, durch eigenen Willen, das ging irgendwie. Keine Ahnung, wieso. Und jetzt habe ich Panikattacken.

Mein Körper kann nicht mehr kompensieren, was ich täglich aushalten muss, womit ich mich täglich auseinandersetze – so als Vollzeitaktivistin. Ich hab das schon ganz gut analysiert, weiß aber gerade nicht, was ich (ver)ändern kann, damit das aufhört. Auf Therapie und den ganzen damit verbundenen Mist habe ich keine Lust. Ich habe lange genug geredet und geredet. Ich kann nicht mehr verarbeiten durch Reden. Ich kann nicht abschalten durch Reden.

Ich würde gern mit meinen Lieblingsmenschen für ein paar Monate die Stadt verlassen. Ohne Internet. Ohne Telefon. Ohne Termine, ohne Verpflichtungen.

Einigen meiner Freund_innen geht es ähnlich: Angststörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen. Auslöser: Machtverhältnisse und jene Menschen, die sie mit ihren Handlungen (unter)stützen. Permanente Zurichtungen, Übergriffe, Diskriminierung, Ausgrenzung, Gewalt und der tägliche Kampf dagegen. Vom Hinweis auf diskriminierungsfreie Sprache, von permanenten Erklärungen und Rechtfertigungen bis zu Versuchen der Unterstützung von Betroffenen auch auf Gefahr hin, selbst (wieder) betroffen zu werden.

Und dann machst du das Internet an und da wollen sie dir erzählen, was „richtige Probleme“ und „richtige Lösungen“ seien. Auch Feminist_innen. Eure Unsolidarität, Anfeindungen und Beißreflexe kotzen mich besonders an. Wahrscheinlich könnt ihr euch das leisten. Anerkennungsökonomie auf Kosten von anderen.

STFU.

Update: Die Glasglocke hat ein paar Ergänzungen.