Typen und Antisexismus, Teil I

Ich bin wahrscheinlich nicht die_der Einzige, die_der seit einiger Zeit ein bisschen Däumchen dreht, wenn es um antisexistische Praxis von „Männern“ geht. Ich beobachte, dass es da im Netz einige gibt, die gern dazu arbeiten wollen, aber nicht wissen wie, Ängste haben oder sich schlicht ohnmächtig und hilflos fühlen. Andere wiederum begeben sich stattdessen in die safen queer_feministischen Bubbles, wo sie mit ein bisschen Antisexismus potentiell Beifall ernten können und das bisschen Politarbeit auch nicht weh tut.

Angesichts des ganzen Sexismus (auch im Netz) und der permanenten Konfrontation von Betroffenen damit, kann ich dazu leider nur sagen: Schade, dass ihr nicht zu Potte kommt! Schade, dass ihr viel zu selten Verbündete seid, schade, dass ihr euch nicht die Finger schmutzig machen wollt und selten Verantwortung übernehmt.

Ich habe mich im Rahmen des ganzen Gender Studies Gedöns viel mit kritischer Männlichkeitsforschung beschäftigt, aber auch mit antisexistischer Praxis. Die Texte, die ich dazu gelesen habe, sind unglaublich gewinnbringend, zum Teil ohne viel akademisches Geschwurbel bzw. verständlich auch ohne auf bestimmte theoretische Grundlagen zurückgreifen zu müssen. Als Betroffene von Sexismus haben mir diese Texte vor allem gebracht, dass ich eigene Sexismen durchblicke und nun weiß, wie ich sie nicht reproduziere, außerdem, dass ich verstehe, warum so viele Typen sich weigern konsequent antisexistisch zu handeln. Oder Hilflosigkeit inszenieren, oder sich ohnmächtig fühlen.

In meiner eigenen politischen Praxis bin ich auf die Mitarbeit von Typen nicht angewiesen, Erfahrungen sagen mir: Das bedeutet nur Stress. Zusätzlicher Stress zu den Aushandelungsprozessen, die sich in Gruppen und Kollektiven auch ohne Mitarbeit von Typen ergeben und der zu beackern schon zu viele Ressourcen verschlingt. Dass aber antisexistische Arbeit auch von ihnen notwendig ist, möchte ich nicht absprechen. Nur: Was soll der Inhalt sein? Und wie gestaltet sich die Praxis?

Seit Adrians Aufruf ist bereits einige Zeit vergangen, bisher getan hat sich wenig. Auf dem Gendercamp in diesem Jahr gab es eine Session dazu, wie ich im Protokoll nachlesen kann, wurde nicht viel mehr besprochen, als das, was Adrian selbst schon aufschrieb, in den Kommentaren unter dem Blogpost geäußert wurde oder was Feminist_innen dazu bereits zusammengetragen haben. Ja, well…

Ein sexistisches System zeichnet sich dadurch aus, dass zunächst die Kategorie Geschlecht strukturgebend für dieses System ist. Dieses System wird nicht dadurch konterkariert, die strukturgebende Kategorie von vornherein abzuschaffen oder aufzulösen (nein, auch das haben dekonstruktivistische Perspektiven nie gefordert), sondern zu verstehen, wie Geschlecht strukturiert. Momentan ist ein System, in dem Geschlecht keine Rolle spielt, unvorstellbar. Ich gehe davon aus, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Die Kategorie Geschlecht zu verwerfen, würde bedeuten, eine Utopie zu wollen. An dem Wollen ist an sich nichts auszusetzen, allerdings bringt der Fokus auf die Utopie fast zwangsweise mit sich, große Schritte machen zu wollen, ungeduldig zu sein, viele Dinge zu vernachlässigen und sich wieder in Postgender-Haltung oder Revolutionsromantik zu verlieren, was unter’m Strich auch bedeuten würde: Sexismus nicht vollends zu begreifen, die strukturierende und performative Wirkung von Geschlecht aus den Augen zu verlieren und ja – ein sexistisches System aufrecht zu erhalten.

Sexismus passiert im Hier und Jetzt. Gerade und in fünf Sekunden auch noch. Sexismus ist Alltag. Für alle. Und genau da finde ich es spannend anzusetzen. Bei sich. Im eigenen Alltag, im eigenen Denken und Handeln. Sich darüber auszutauschen, was diese Reflexionsprozesse und Praktiken bei mir selbst auslösen und hervorbringen, wie ich mich und meine Umwelt anders und verantwortungsbewusst gestalten kann. Mich mit anderen über diese Dinge auszutauschen, an neuen Wegen zu arbeiten, gemeinsam und allein.

Sexismus heißt, eine Welt ohne Geschlecht nicht vorstellen zu können, Menschen permanent über ihre Performance zu vergeschlechtlichen und mit Erwartungen und Zuschreibungen zu belegen. Sexismus heißt, auf- und abzuwerten, Schubladen aufzumachen, zu bedienen, zu profitieren, betroffen zu sein, marginalisiert zu werden, Privilegien zugesprochen bekommen, diese nicht ablegen zu können, Gewalt zu erfahren, sich einordnen zu müssen in zwei bipolar und hierarchisch geordnete Geschlechter, die in ihrem Begehren stets aufeinander bezogen werden. Sexismus heißt, Sexismus nicht bekämpfen zu wollen, unsichtbar zu machen, anderen Machtverhältnissen unterzuordnen.

Sexismus heißt, Sexismus bei anderen zu suchen, aber nie bei sich selbst. FLT*-Räume nicht zu akzeptieren, zu akzeptieren und als Profiteur eines sexistischen Systems zu beweinen, dass wenige Schutzräume keinen Eintritt gewähren. Sexismus heißt, es für selbstverständlich zu halten, in jedem Raum willkommen zu sein, sich willkommen zu fühlen, ungefährdet zu sein. Sexismus heißt, sich für individuell und anderen gleich zu halten. Sexismus heißt, die eigene soziale Positioniertheit zurückzuweisen. Sexismus heißt noch viele andere Dinge.

Sexismus hält ein von Geschlecht strukturiertes System aufrecht. Wer Sexismus kritisiert (auch in der Praxis dagegen handelt), handelt queer_feministisch. Das heißt nicht, dass alle gleich sind, die antisexistisch unterwegs sind.

In der Literatur, die keine strukturellen Machtverhältnisse berücksichtigt, wird davon ausgegangen, dass alle Menschen von Sexismus betroffen sind. Insofern keine Person, egal wie sich selbst geschlechtlich verortet, positioniert oder gelesen/eingeordnet wird, von Sexismen profitiert. Ich halte diese Grundannahme für falsch bzw. Sexismus reproduzierend, weil sie die Funktionsweisen von Sexismus vernachlässigt.

Strukturell gesehen ist völlig klar, dass Menschen von einem sexistischen System profitieren, andere wiederum nicht, sondern ausgebeutet, unterdrückt, verworfen. Ich kann als Typ homophobe, heterosexistische und sexistische Sprüche gedrückt bekommen, ich bin als Typ homophoben, heterosexistischen und sexistischen Anrufungen und Rollenmustern unterworfen, aber diese Rollenmuster bauen nach wie vor auf Hierarchisierungen auf. Ein starker Mann braucht sein Negativ um zu funktionieren – die schwache Frau. Mit jeder Anrufung, dass Männer gefälligst stark und unnachgiebig zu sein haben, weil ihnen sonst die Legitimation abgesprochen wird, ein Mann zu sein, geht einher, dass Frauen nur Legitimität erfahren, wenn sie in der Negativ-Rolle, die ihnen zugewiesen wurde, verbleiben. Eine Rolle, die stets durch Abwertung und Entmachtung gekennzeichnet ist und den Rollenentwürfen für Männer untergeordnet bleibt. Frauen „profitieren“ also nicht von Sexismen gegen Typen. Umgekehrt allerdings schon.

Ein sexistisches System gliedert seine Angehörigen in Ordnungen. Zunächst wird ihnen ein Geschlecht zugewiesen, danach werden sie geordnet. Sozusagen sind alle Menschen Teil eines sexistischen Systems, allerdings verschieden positioniert. Ein sexistisches System verhindert, dass die Angehörigen sich frei von Gewalt, Übergriffen und Zuschreibungen, geschlechtlich verorten können und ihre Begehrensform, ihre Sexualität individuell bestimmen und verhandeln können. Ein sexistisches System schränkt ein, auch Typen.

Nur, wer sind jetzt eigentlich diese Typen? Wer sind die Profiteure von Sexismus? Von Sexismus profitieren alle, die ihn reproduzieren. Heteras, die sexistisch handeln, profitieren, weil sie Legitimität und Integrität erfahren. Ihre Position – die der Hetera – bleibt allerdings weiterhin strukturell gleich. Frauenfeindliche Sprüche haben schließlich noch keine aus ihrer sozialen Position katapultiert.

Profitieren von Sexismus heißt, innerhalb der Struktur weiter oben zu stehen als andere, homophobe, sexistische und heterosexistische wie transphobe Sprüche entweder nicht hören zu müssen oder diese nicht als Einschränkung und Gewalt gegenüber der eigenen Person zu erfahren, nicht in Identitätskonflikte zu geraten. Keine Solidarität mit Betroffenen zu bekunden, Definitionsmacht zu besitzen darüber, was sexistisch ist.

Oftmals werden Frauen, Lesben, Trans* und Intersexe als Betroffene eines von Geschlecht strukturierten Systems vorgestellt. Männer gelten als Profiteure. Die Schwierigkeit dabei ist, dass diese Begriffe hauptsächlich als Identitäten konzeptualisiert werden. Wer sich nicht als Mann definiert/identifiziert, ist eben auch betroffen. Da Selbstdefinitionen eben solche sind, haben sie unwidersprochen anerkannt zu werden. Jede Begründung, warum die Selbstdefinition nicht zu gelten habe, ist nichts weiter als transphober, queerphober Scheiß und ja, hält dieses System gut am Laufen.

Trotzdem sind nicht alle, die sich nicht als Mann identifizieren gleich und gleich betroffen. Weder situativ noch strukturell. Sozialisation, Anrufung, Einordnung und Strukturen bedingen, dass alle mit unterschiedlichen Privilegien ausgestattet werden, die es ihnen ermöglichen, das Teile-und-Herrsche-Prinzip, das Machtverhältnissen wie Sexismus innewohnt, zu bedienen und Solidarität zu verunmöglichen.

Identitäten müssen keine Aussagen über Privilegienköfferchen und Betroffenheitslage treffen, deswegen ist es wichtig, sich die Praxis der Einzelnen anzuschauen. Ein Mann ist nicht automatisch ein Macker, auch wenn er die Möglichkeiten dazu hat. Es kommt drauf an, wie er von diesen Möglichkeiten Gebrauch macht. Eine Lesbe ist nicht automatisch vollumfänglich antisexistisch, nur weil sie strukturell schlechter positioniert ist als der Typ, der neben ihr sitzt.

Eine antisexistische Praxis bedeutet auch, sich zunächst mit sich selbst auseinander zu setzen. Was heißt meine Identität in diesem System für mich und für andere? Und welcher Identität wird ein dominanter Subjektstatus zugestanden, von dem aus definiert, erkundet, erklärt, bestimmt und gemacht werden kann? Das kann auch Trans* be_treffen, obwohl das Zweigeschlechtersystem institutionalisierte Zurichtungen für Trans* mit sich führt, von denen Cis einfach nicht betroffen ist.

Die Prozesse der Selbstreflexion und des Verstehens sollten am Anfang jeder antisexistischen Praxis stehen, aber nicht nur da, sie gehören immer dazu, denn sie funktionieren als kritisches Korrektiv der eigenen Praxis.
Und dennoch muss ich zugestehen, verstehen, respektieren und verantwortungsbewusst damit umgehen können, wenn politische Gruppen, Kollektive und Bündnisse aufgrund der eigenen sozialen Positioniertheit erwarten, dass sich diejenigen, die strukturell von Sexismus mehr als andere profitieren, selbst um ihre Position kümmern, Ausschlüsse akzeptieren und eigenverantwortlich an ihrer eigenen Praxis arbeiten, sich zurücknehmen, weil sie in der dominanten Position sind.

In den Forschungsfeldern und aktivistischen Feldern, in denen kritisch auf das hegemoniale Subjekt geschaut wird, ist es üblich, dass strukturell Betroffene Definitionsmacht zugesprochen bekommen. Weil die Definitionsmacht des hegemonialen Subjekts immer und allumfassend Gültigkeit besitzt. Die Definitionsmacht an Betroffene zu übertragen ist ein Akt des Widerstandes und der Intervention.

Die Widersprüche und Komplexitäten, auch die eigene Ohnmachtserfahrung, die mit der Bearbeitung der eigenen dominanten Position einhergeht, ist zu bewältigen, ohne Betroffene dafür anzurufen oder in Anspruch zu nehmen. In Anspruch nehmen heißt im Fall von antisexistischen Männergruppen auch, dass nicht jeder neue Erkenntnisgewinn mit allen geteilt werden muss, ich will nicht damit konfrontiert werden, dass Männer „ihr Geschlecht erkennen“ – also einen selbstreflexiven Umgang mit ihrer sozialen Position finden. Nicht nur, weil es mich nicht interessiert, sondern in erster Linie, weil Sexismen auch innerhalb antisexistischer Positionen funktionieren: Männer, die sich feministisch engagieren, besitzen Integrität, Handlungsmacht, bekommen Zuspruch, Beifall, Aufmerksamkeit. Das ist gut für sie. Das sind Privilegien. Ob ich die habe oder nicht, kann ich mir nicht aussuchen. Ich kann sie allerdings im emanzipatorischen Sinne nutzen.

Konkretisierungen, Verbesserungen und Vorschläge für die politische Praxis in den nächsten Teilen