Argumentationsgrundlage.

aus einer diskussion um das kuchendings in schweden ist folgende antwort meinerseits entstanden, die sehr lang wurde, viele grundsätzliche punkte enthält und daher auch inhaltlich für das blog interessant ist. ich habe die antwort deshalb aus der diskussion herausgelöst und hier veröffentlicht, weil einiges davon in fast jeder diskussion um machtverhältnisse auftaucht.

ich poste hier einen link, der vier zitate und links zu weiteren texten von women of color enthält, die diese kuchengeschichte sehr kritisch sehen. sie ordnen die angelegenheit als rassistisch und sexistisch ein, begründen ihre argumentation, hintergründe zum künstler usw usw. wem die argumente bis dato nicht bekannt waren, findet in den verlinkten texten genügend anhaltspunkte, sich das ganze mal aus einer rassismuskritischen und antisexistischen und feministischen perspektive anzuschauen.

was kunst darf/nicht darf, steht überhaupt nicht zur debatte, weil dürfen tut sie erstmal alles, siehe aktueller fall. jeder mensch _darf_ sich künstlerisch betätigen aus jeglicher motivation heraus mit jeglicher intention, es sei denn sowas wird von staatlicher seite aus politischen gründen unterbunden und per gewaltmonopol durchgesetzt. sowas nennt sich dann zensur. zensiert wird heutzutage an künstlerischen darstellungen zumindest in deutschland lediglich, was nicht mit der FDGO vereinbar ist und wo das recht auf meinungsfreiheit das auch nicht kompensieren kann. da in der BRD so einiges (auch menschenverachtendes) unter meinungsfreiheit und FDGO geführt wird, wird sehr wenig bis kaum etwas zensiert. das kann eine_r jetzt gut oder schlecht finden, ist aber nicht der punkt der diskussion.

kunst entsteht in einem gesellschaftlichen kontext, der u.a. von rassismus und sexismus durchzogen ist, daher lässt sie sich auch aus dieser perspektive heraus analysieren und ggf. kritisieren. zu anderen zeiten wurden solche darstellungen wie vorliegend massenhaft produziert, heute sind solche erzeugnisse zumindest mit einigen tabus belegt, sonst wäre ja die kritik daran nicht so groß. tabus, die daraus entstehen, dass zumindest bei einigen gruppen der konsens vorherrscht, dass rassistische und sexistische darstellungen rassismus und sexismus reproduzieren, daher gewaltvoll sind und machtverhältnisse aufrecht erhalten und ideologien propagieren, die die grundlage für unterdrückung und ausbeutung darstellen. wenn mensch damit kein problem hat (weil sie_er nicht davon persönlich betroffen ist, bspw.), hat sie_er auch kein problem mit solchen darstellungen. die einzelnen argumente, was an der darstellung, der präsentation kritisch ist und welche _wirkung_ das alles hat, wurde ja in den texten zur genüge beschrieben, deswegen wiederhole ich das jetzt nicht noch einmal.

du führst an, dass _dir_ das kunstwerk gefallen hat, _du_ die darstellung dem anlass entsprechend angemessen findest, lediglich den rahmen (also präsentation und reaktion der zuschauerinnen) nicht gut heißt. ok. insofern stimmst du ja den texten zu, dass solche darstellungen in weißen räumen nicht den gewünschten effekt (künstler wollte ja angeblich zum nachdenken über FGM und rassismus anregen) erzielen. nur: was _du_ vom kunstwerk hältst, entsteht auch nicht im luftleeren raum und ist genauso teil von machtverhältnissen. was _du_ vom kunstwerk hältst, ändert nichts an der kritik, denn deine meinung zum kunstwerk ist teil der kritik, die women of color vorbringen. da wir beide darin übereinstimmen, dass die präsentation und die reaktion unangemessen sind, müsste sich hier eigentlich die frage aufdrängen, warum so eine darstellung nicht ihren gewünschten effekt hat. das liegt – wie in den texten begründet – v.a. an der darstellung und an den räumen, in denen sie stattfand. warum so eine darstellung überhaupt erzeugt wird (durch den schwarzen künstler, der privilegiert genug ist, um stimmen von betroffenen frauen(!) einfach übergehen zu können) und in weiß dominierten räumen zu lob&lachern, statt zur kritik an der darstellung führt, steht auch in den texten.

was ist deine reaktion: du wiederholst, was eigentlich gegenstand der kritik ist und rechtfertigst das mit der intention des künstlers und kunstfreiheit im allgemeinen. das ist nicht illegitim, entfernt sich jedoch vom kontext, in dem die kritik stattfindet. weil ich noch einmal wiederhole, was kontext und argumente sind, hat zur folge, dass du dich belehrt und unverstanden fühlst, deine argumente weggewischt siehst und kritik an sexismus und rassismus als herrschaftswissen bezeichnest. letzteres ist schlichtweg falsch, denn gesellschaftlicher konsens ist: dass es kein problem darstellt mit rassistischen darstellungen und der unsichtbarmachung wie aneignung von stimmen von betroffenen geld zu verdienen, das ganze wird staatlich hofiert. herrschaftswissen ist hier also in erster linie rassistisches wissen (verleugnung von rassismus, unsichtbarkeit von weißsein, eurozentrismus, usw usw). dass ein typ mit der gewalt an frauen und völlig ekelhaften eigeninterpretationen dessen (nämlich der wiederholung der gewalt und nachäffung des schmerzes) geld verdient, ist aus feministischer perspektive mindestens fragwürdig, stellt aber ganz offensichtlich auch gesellschaftliche normalität dar.

die kritik an diesen normalzuständen einfach übergehen zu können und rechtfertigungen dafür zu finden (stichwort: argumente wegwischen), ist teil von herrschaftswissen, ist belehrend, aber auch seit jahrhunderten gängige praxis jener gruppen, die von herrschaft profitieren, ist auch grund, warum sich bspw. women of color nicht selten unverstanden fühlen mit ihrer kritik. der einzige unterschied, der jetzt besteht in deinem unverstanden- und belehrtwerdengefühl und deren: du kannst dich dessen entziehen, in dem du das haus verlässt oder diese diskussion hier wegklickst oder dir einfach aussuchen kannst, ob du dich mit rassismus auseinandersetzen möchtest oder nicht. ich kann das auch. das ist aber nicht mein anspruch, weil rassismus ein weißes problem ist, und daher auch meines. weswegen ich mir hier die zeit nehme, noch einmal meinen standpunkt zu verdeutlichen und die kritik stark zu machen. was allerdings nicht mein problem ist: deine emotionen, die bei dir hochkommen, weil dir eine sichtweise präsentiert wird, die deiner und meiner normalität widersprechen, deine definitionsmacht in sachen rassismus, die du als weiße europäerin nun einfach mal hast, in frage stellt. hier wäre es doch hilfreich, sich mit den eigenen abwehrmechanismen auseinanderzusetzen, um zur eigentlichen kritik überhaupt erst vordringen zu können.

mir geht es nicht darum, recht zu haben, weil das kann ich allein nicht entscheiden, das wird ja auf größerer diskursiver ebene verhandelt, was gelten kann und was delegitimiert wird – also eher verhandelt wird, wer recht _behält_ und nicht, wer recht hat. delegitimiert werden gesellschaftlich erstmal kritik an machtverhältnissen, weil es das herrschende system angreift, in dem wir leben. meine motivation besteht lediglich darin, meine gedanken mit anderen zu teilen, die bspw. rassismus und sexismus (egal in welcher form) kritikwürdig finden. dass ich daher nicht die verharmlosung dessen einfach so stehen lasse (weil die überall andernorts zu finden ist und sich dort menschen zusammenfinden können, die das ganz okay so finden), sollte also nachvollziehbar sein.