Deutsche „Qualitätsmedien“ und rassismuskritische Berichterstattung

Die rassistische Inszenierung von „Ich bin nicht Rappaport“ am Schlosspark-Theater in Berlin schafft es nun auch besprechend in die Medien. Wie eigentlich zu erwarten war, werden die Kritiker_innen nur kurz zitiert, das ganze dann als „Rassismus-Vorwurf“ interpretiert oder Kritik im Konjunktiv formuliert. So als wäre Rassismus Interpretationssache und debattierbar. Viel Raum hingegen bekommen die lächerlichen Rechtfertigungen von Dieter Hallervorden, Theaterleitung, Regisseur, usw. Ein weiteres rhetorisches Mittel in der Berichterstattung ist die Ausblendung rassistischer Kontinuität nicht nur im deutschen Kulturbetrieb, indem Kritik an rassistischen Inszenierungen nicht in einen größeren Kontext eingebettet wird. Die Darstellung der Kritik wird verkürzt auf: „Damals im 19. Jh. gab es diese Minstrel-Darstellungen, dazwischen nix und heute wieder mal eine, die aber… naja… nicht rassistisch ist“ Was an sich schon faktisch falsch ist und außerdem verkennt, dass es nicht nur die Minstrel-Darstellungen sind, sondern ebenfalls rassistische Strukturen und Kontinuitäten, Rassismus sozusagen Historizität aufweist, sich u.a. in der Einstellungspraxis an deutschen Kulturbetrieben niederschlägt. Dass mensch das Journalist_in nicht weiß, geschenkt. Denn auch im Journalismus sitzen mehrheitlich weiße, die schreiben. Rassismuskritisches Wissen in der BRD existiert zwar, aber es wird ignoriert und negiert. Rassismus“kritik“ in Deutschland heißt: Nazis doof finden, sich für den Holocaust zu schämen, Antisemitismus mit „Hitler fand Juden doof, nicht wir heute“ zurückweisen, Antisemitismus für (den „einzigen“) Rassismus halten und Rassismus als historische Gewordenheit und Kontinuität zu leugnen. Kaum ein_e Journalist_in macht sich die Mühe, die vielfachen Lernangebote in Anspruch zu nehmen, die eigene Sprachwahl kritisch zu prüfen oder sich Kritik wirklich durchzulesen.

Deutlich wird: Weiße besitzen die Definitionsmacht über Rassismus. Weiße wollen nicht über Rassismus sprechen, sie wollen rassistisch sein, egal, was Betroffene dazu meinen. Ob in Polizeimeldungen die Herkunft der Täter_innen unverhohlen zum Hauptfakt erklärt wird, egal ob der Pressekodex sagt, dass diese nur in der Berichterstattung auftauchen darf, wenn sie für die Tat von Relevanz ist (was in den allermeisten Fällen nicht der Fall ist), ob für rassistische Übergriffe noch immer die Worte „fremdenfeindlich“ und „ausländerfeindlich“ benutzt werden, weil mensch es sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass Menschen in diesem Land leben (seit Jahrzehnten oder schon immer), die weder „fremd“ noch „Ausländer“ sind (Ausländer_innen sind formal solche ohne deutsche Staatsbürgerschaft), wenn jeder rassistische Übergriff immer zugleich als rechtsextrem gelabelt wird, als seien die einzigen Rassist_innen in diesem Land Nazis… Wenn für Schwarze, Afrodeutsche, People of Color (oder Deutsche, hey… es gibt sie tatsächlich) die Bezeichnungen: „Afrikaner“, „Schwarzafrikaner“, „Farbiger“, „Dunkelhäutiger“ benutzt werden, ohne sich die Mühe zu machen, die Herkunft der Person oder schlicht die Person ohne rassistische Markierungspraxis vorzustellen… wenn die weiße Norm stets unmarkiert bleibt (weiße Deutsche, Weiße_r, weißer Deutscher mit/ohne Migrationshintergrund), obwohl sie bei rassistischen Übergriffen ein wesentlicher Fakt ist… Wenn immernoch davon ausgegangen wird, dass es sich bei weiß und Schwarz um Hautfarben-Farben handelt und nicht um Bezeichnungen, die einerseits gesellschaftliche Ordnungsmuster sind und andererseits politisch korrekte Begriffe für die jeweilige Gruppe. Wenn Antirassismus als „Gutmenschentum“ diffamiert wird. Protest gegen Rassismus oder white supremacy als unprofessionell, nicht journalistisch arbeitend, zu emotional, nicht objektiv abgeschmetttert wird. (Ich spreche aus eigener Erfahrung. Unter anderem ein Grund, warum ich nicht mehr als Redakteurin in deutschen „Qualitätsmedien“ tätig bin). Wenn Rassismus ein Schimpfwort oder ein „böses“ Wort ist, ein Vorwurf, eine Meinung und kein gesellschaftlicher Fakt.

Ich ärgere mich über all das, weil sich Journalismus häufig als vierte Gewalt im Staat begreift, als meinungsbildend, als gesellschaftsabbildend, als kritisch. Bis auf letzteres trifft auch all das zu. Denn der Staat handelt rassistisch, die Gesellschaft handelt rassistisch und ist rassistisch strukturiert, die herrschende Meinung sagt: Es gibt keinen Rassismus in diesem Land. Nur rassismuskritisch, da hört es bei den meisten dann auf.

Wenn es hart auf hart kommt, wird Rassismuskritik in Beleidigung und Hetze von weißen gegen weiße Antiras umgewandelt, Schwarze Aktivist_innen und deren Stimmen kommen dann nicht mehr vor. Es könnte alles nicht zynischer sein.

Infos für Journalist_innen (auch zum aktuellen Fall):
http://www.derbraunemob.de/deutsch/index.htm – rassismuskritische Media Watch Organisation
https://www.facebook.com/SchlussMitBlackface – Kritik&Abbildung der derzeitigen Berichterstattung
http://riotmango.de/rassismus-ist-kein-kuenstlerisches-stilmittel/ – Zusammenfassung der aktuellen Debatte mit hilfreichen Links
http://maedchenmannschaft.net/unglaublich-aber-auch-2012-sind-rassistische-traditionen-noch-rassistisch/ -Ebenfalls Zusammenfassung der Debatte mit hilfreichen Links

Organisierung für Aktivist_innen:
https://www.facebook.com/groups/207108692717136/ – Dort findet ihr auch die Mailadresse für eine Mailingliste, die Sharon Dodua Otoo initiiert hat.