Lookism in herrschaftskritischen Szenekontexten

Leah hat einen wunderbaren Text über Lookismus geschrieben, der auch die Problematik anspricht, wo und wie sich das in queer-/feministischen linken Räumen wiederfindet. Da mein Kommentar länger geworden ist und ich nicht die Diskussion dort vereinnahmen will, habe ich das mal hierher gepackt.

„Danke für den Text, Leah!

Die Erfahrungen aus der Schulzeit kann ich in etwa weitergeben, Sanktionen wegen „nichtweiblicher“ Kleidung, Körperbehaarung und Gewicht ohne Ende. Das war auch erst im Studium so halbwegs vorbei, aber auch nur so halbwegs. Es zieht sich eigentlich durch’s gesamte Leben, warum sollten lookistische Normierungsversuche vor queer-/feministischen linken Szenen Halt machen? Sowas wurde uns ja antrainiert und wird im täglichen Leben so gut wie nie in Frage gestellt.

Ich finde auch, dass mensch in der Analyse von Mainstreamgesellschaft und diesen Räumen differenzieren muss, sonst ist mensch schnell bei dem Dogma: „Siehste, die sind genauso scheiße wie alle anderen“ und dann ist der Weg frei für Sanktionierung dieser Kontexte, die sowieso kaum diskursives Gegengewicht haben.

Woher diese Fem/me/initätsfeindlichkeit herrührt, hat Laura in ihrem Zine zusammengetragen, ich fand das echt bereichernd zu lesen. Auch in dem Interview, was du verlinkt hast, finden sich Verweise. Aus meinen ersten Jahren als Lesbe habe ich auch oft gehört, dass der „Butch-Style“ angeeignet wurde, um nicht mehr als Frau gelesen zu werden auf der Straße, um nicht betroffen von Alltagssexismus zu sein. Ich denke schon, dass hier eine historisch kontextualisierende Perspektive auf feministische/queere/-/feministische Kontexte Sinn macht, also die Frage zu stellen, woher kommt das alles? Wieso hat sich das bis heute fortgeführt?

Dass die Abwertung von Weiblichkeiten einem umgekehrten internalisierten heterosexistischen Blick folgt finde ich genauso wichtig zu adressieren wie die Tatsache, dass solche Kontexte auch überhaupt erstmal den Raum eröffneten für Frauen*, sich von den Weiblichkeitsnormen und Abwertungen des eigenen Genders durch den CisHetero-Mainstream zu emanzipieren. Mit der Öffnung für Trans*personen kamen neue Dynamiken hinzu. Ich finde wichtig, dass das einbezogen und anerkannt wird. Schwierig wird es lediglich da, wo den Normen, die mensch ablehnt, einfach gegenteilige entgegensetzt und etabliert werden. So funktioniert Divide-et-Impera.

Etwas anders erlebe ich den Lookismus in linken Räumen, die sich nicht dezidiert als queer-/feministisch begreifen, dort wo hoher Männerüberschuss herrscht, diese „Antifa-Kontexte“. Verkürzte Konsum- und Kapitalismuskritik trifft dort auf Abwertung von Weiblichkeiten, die als „bürgerlich, stylisch, mainstream“ gelesen werden, gleichzeitig herrscht aber ein Mackertum und ein Sexismus vor, teilweise unerträglich. Die Frauen*, die dort verkehren, spielen das Spiel teilweise mit, indem sie sich mackerhaftes Verhalten aneignen, in Kleidung sich den Typen anpassen und Frauen abwerten, die eben nicht den Codes entsprechen. Da fällt schnell mal das Wort „Tussi“ und homophobe Sprüche erlebe ich auch en masse, während obendrüber „Antisexismus, Antifaschismus, gegen Homophobie, Antisemitismus, etc etc etc“ prangt.

Diese ganze Kackscheiße führt dazu, dass ich mich immer einem Kontext entsprechend kleide, manchmal stelle ich sogar fest, dass ich die Klamotten gar nicht besitze, um mich permanent sanktionsfrei in solchen Räumen bewegen zu können, selbst, wenn ich es wollte. Ich finde es zum Kotzen, dass ich mich selbst regulieren muss, um dort anerkannt sein. Regierungstechniken des Selbst: Lookism wird zu meinem Problem, individualisiert, nicht mehr geschlossen adressierbar – auch weil es nach wie vor nicht common sense ist, Herrschaft in ihrer Verquickung und Komplexität zu kritisieren. Ich frage mich seit geraumer Zeit, warum diese Räume ihre eigenen Ausschlüsse nicht bemerken… Suche noch nach einer Antwort. Vielleicht können wir das mal initiieren. Ich möchte nicht auf die Vorstöße der Femme Mafia, feminine Queers, Trans*frauen und queer Femmes drauf springen, das wäre mir zu viel Aneignung, ich verstehe das nicht so ganz als meinen eigenen Kampf, auch wenn ich mit den Leuten solidarisch bin.

Was meinst du?“