Der Gaze Effekt und Feminismus.

Wenn namhafte Masku-Trolle und Peter Scholl-Latour im Netz zum Angriff gegen überbordene Political Correctness blasen, weil es Menschen gibt, die gewisse Spielregeln nicht akzeptieren, dann ist der Zeitpunkt gekommen, darüber nachzudenken, was hier eigentlich passiert.

Eine Klientel, die sich sonst überhaupt nicht für Gesellschaftskritik zu interessieren schien oder lieber mit ihrem Ego kokettierte, hat mittlerweile einen exzellenten Fetisch entwickelt, weil politische Inhalte stets das Potenzial haben zu triggern. Nur die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind unterschiedlich: Während ein paar der Fetischisten sich selbst bilden, das Gespräch suchen, ihre alltägliche Praxis bewusst verändern, wühlen die anderen in der Mottenkiste, um den Zustand der geistigen Restauration nicht zu gefährden. Diese Tatsache ist an sich nichts neues, aktualisiert aber ein Phänomen, das sich Gaze Effekt nennt.

In kurzen Worten benennt der Gaze Effekt den Umstand, dass sich Dominante und Subalterne wechselseitig aufeinander beziehen, in Abhängigkeit stehen, sich permanent beobachten. Und dass diese gegenseitige Beobachtung zu einer Selbstregierungspraxis wird. Ähnlich dem „was könnten die anderen über mich denken, wenn ich irgendwie spreche oder handele, und wie kann ich mich dazu verhalten?“, bezieht sich Gaze auf eine (oder mehrere) Herrschaftsinstrumente.

Wenn das Normale das Andere konstruiert und dem eigenen unterordnet, will es natürlich weiterhin Verfügungsmacht über das Andere haben, sich Gewissheit verschaffen, dass das, was da als Abweichung herunterdefiniert wurde, auch an dem Platz verbleibt, den es zugewiesen bekommen hat. Wenn sich das Andere dem Normalen gegenüber widerständig zeigt, muss es gewaltförmig zurückgestoßen werden, sonst könnte es die vermeintlich sichere Positionen gefährden. Es ist ein Kreislauf, in dem sich Dominante und Subalterne befinden, auf die das Subalterne in den meisten Fällen vier Optionen zur Wahl hat.

1. Gleichgültigkeit/Resignation
2. Assimilation mit der Hoffnung auf eine linear verlaufende Transformation
3. Differenz mit dem Potenzial zur Radikalisierung, was allerdings zunächst die Akzeptanz einer subalternen Positionen voraussetzt
4. Verwerfung/Dekonstruktion des von den Dominanten vorgegebenen Rahmens

Das Wollstonecraft-Dilemma besagt, dass sich aus den Punkten 2. und 3. keine Lösungen ergeben, weil das Problem als solches die Konstruktion des Anderen und ihre von den Dominanten immer wieder hergestellte gewaltförmige Unterordnung ist. Die Akzeptanz der Spielregeln aktualisiert die machtvolle Position der Dominanten, deren Beobachtungen sich das Subalterne stets ausgesetzt sieht. Heißt: Assimilierst du dich, führst du dennoch ein Randdasein. Setzt du dich in Differenz dazu, wirst du nie in die Position kommen, teilzuhaben. Mary Wollstonecraft gehört zu den europäischen Koryphäen der bürgerlichen Frauenbewegung.

Die postkoloniale Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak führt diese deterministische Grundannahme noch weiter und beantwortet die Frage nach „Can the subaltern speak?“ mit einem klaren Nein. Sie schlägt vor, den Bezugsrahmen für die politische Praxis zu verlassen (Punkt 4) und Allianzen zu bilden, nicht nur innerhalb der eigenen subalternen Peer-Group, sondern mit anderen Subalternen und nennt das „strategischen Essentialismus“. Zusammen käme mensch aus dem ewigen Kreislauf der Anderskonstruktion und Gaze-Effekte heraus, wäre auch aus quantitativen Überlegungen dem Normalen/Dominantem ein_e starke_r Gegner_in. Dass diese Zusammenschlüsse viel Zeit benötigen, weil auch das Subalterne nicht frei von Herrschaft ist, die einzelnen Gruppen unterschiedliche Ziele haben, ist selbstredend. Bis heute steht bspw. die Black Feminism Bewegung dem weißen, oft an westlichen Grundwerten orientiertem Feminismus sehr skeptisch gegenüber. An den westlichen Grundwerten ist an sich nichts Falsches, nur, dass sie eben für Weiße andere Dinge bedeuten als für Schwarze, Migrant_innen oder PoC, da wir in einem rassistischen System leben. Sich frei zu fühlen und sich alle Menschen als gleich vorzustellen (wenn auch nur als Ideal), ist ein zuweilen naiver und stets auf Privilegien basierender Standpunkt, der niemals verwirklicht ist/für alle gilt bzw. nur auf Kosten der Subalterne.

Nehmen wir uns die Punkte 2-4 vor, hat der Gaze-Effekt sehr unterschiedliche Auswirkungen auf Dominante und Subalterne. Während die Gruppe, die sich eher dem 2. Punkt verschrieben hat, ständig – um es plump zu sagen – „mit dem Feind schläft“, die Hände nicht wegschlägt, die ihr entgegen gestreckt werden, kaum Konflikte erzeugt, weil die vorgegebenen Spielregeln befolgt werden, erzeugt die Gruppe, die den 3. Weg wählt, permanent Konflikte. Sie benennt den Gaze als herrschaftlich, unterdrückend, ausbeuterisch, nicht gewollt und muss daher mit einer größeren Gegenwehr rechnen, mit gewaltvolleren Versuchen der Unterordnung. Die Politischen aus Gruppe 4 bleiben ewig unverstanden, da sie sich in gar keiner Weise auf das beziehen, was vorgegeben ist, eine andere Sprache sprechen, sozusagen. Sie sind keineswegs unkritisch, sehen nur den Ausweg nicht in der ewigen Rückkoppelung. Wer Lust auf ein kleines Gedankenspiel hat, kann mal versuchen, die Positionen der einzelnen Gruppen zum Porno herauszuarbeiten.

Der Gaze der Dominanz ist allgegenwärtig. Gruppe 2 sieht nach unten, Gruppe 3 sieht hin, Gruppe 4 dreht den Kopf zur Seite. Natürlich soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Grenzen der Gruppen immer fluid sind, die Gruppen in sich nicht homogen. Je nach Kontext werden unterschiedliche Politikweisen gewählt.

Interessant wird es mit dem Gaze-Effekt dann, wenn aus der Internalisierung des bspw. male gaze nicht nur eine Selbstregierungspraxis wird, sondern auch ein Abgrenzungsverhalten gegenüber anderen Subalternen. Quasi herrschaftliche Instrumente übernommen werden, um nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Eine Solidarisierung mit den Unterdrücker_innen, im Feminismus wunderbar zu beobachten.

Da dreht sich so vieles um die Frage: Pro-Männer oder männerfeindlich? Männer, die sich feministisch äußern, werden für Selbstverständlichkeiten abgefeiert und Male Bonding funktioniert auch wunderbar mit Frauen. Ich finde die Frage allein schon merkwürdig, da es überhaupt nicht zur Debatte stehen sollte, ob das Dominante mit der widerständigen Politik einverstanden ist, denn in der Natur der Sache liegt es, dass sich keine_r freiwillig die Butter vom Brot nehmen lassen wird, wenn sie einmal draufgeschmiert ist. Ich verstehe gar nicht, wie mensch feindlich sein kann, wenn er_sie für sich einfach nur das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben einfordert, ohne Unterdrückung fortzuschreiben.

Beliebte Strategie gegen Widerstand ist auch die Umkehrung der Dominanz und Zuschreibung auf das Andere. Da ist dann auf einmal von Sexismus gegen Männer die Rede. Schon werden alle Machtverhältnisse plattgewalzt und das vermeintliche Unterdrückungsmoment den Unterdrückten aufgebürdet und mit der Aufgabe betraut, dieses abzuschaffen. Kurzum: Es gibt keinen Sexismus, der sich gegen HetenCisMänner richtet. Es gibt Heterosexismus, Homophobie, Transphobie, Sexismus als Aktualisierungsinstrument des patriarchalen Gewaltverhältnisses, aber keinen Sexismus, unter dem Hetencismänner zu leiden hätten. Es gibt Rollenmuster, die allen Geschlechtern aufgedrängt werden, die Zwang bedeuten, aber Herrschaft funktioniert nicht nur auf individueller Ebene. Das ist auch etwas systemisches, eine Struktur, von der Gruppen profitieren und andere unterdrückt werden. Ein Unterwäschemodel kann halbnackt sein, der konstruierte Nerd bei Frauen abblitzen, aber daraus ergibt sich für Hetencismänner kein struktureller Nachteil. Wenn dem so wäre, würden rape culture und gläsernde Decken längst der Vergangenheit angehören.

Was sind das überhaupt für Auffassungen von Männlichkeit, die dann als gewaltförmig bedroht angesehen werden, wenn sie „schwach“ oder „entblößt“ erscheinen oder nicht durch Frauen komplettiert und hofiert werden?! Auch das ist Gaze Effekt – sich die widerständigen Blicke anzueignen, jederzeit umdeuten zu können, um immer wieder das hegemoniale Bild zu festigen (oder von Feministinnen festigen zu lassen).

Ich weiß nicht, ob Feminismus die Hetencismänner braucht, um erfolgreich zu sein. Denn an wessen Maßstäben wird schon Erfolg gemessen? Außerdem beinhalten die Punkte 3 und 4 einfach andere spannende Perspektiven, die es sich lohnt, mal anzuschauen, auszuhalten, auszuprobieren. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir anfangen, unseren Horizont zu erweitern.

Radikal_Tanzbar by respectmyfist