Aneignung und Subversion.

Ich habe schon seit langer Zeit diese Textfetzen im Kopf. Eigentlich wollte ich etwas zu politischen Selbstbezeichnungen schreiben. Und warum ich nicht der Meinung bin, dass die jede_r für sich selbst benutzen sollte, wie es ihm_ihr beliebt. Heute gab mir eine Diskussion bei Luise Pusch (Triggerwarnung, transphobe Kackscheiße und tumbes Queerbashing) und ein wütender Einwurf zu denken, ob ich den Text überhaupt schreiben kann, ohne andere zu verletzen. Ich müsste, damit der Text verständlich ist, zunächst mal weiter ausholen und dann würde ich möglicherweise Dinge schreiben, die auf einen ziemlich privilegierten Standpunkt meinerseits schließen lassen, was wiederum meine Dominanz unterstreicht, mich in diesem Kontext überhaupt äußern zu können. Allerdings will dieser Text, den ich im Kopf habe, genau das aufbrechen oder zumindest transparent machen und selbstkritisch sein.

Ich habe mir überlegt, dass ich den Text deshalb für Diskussionen öffnen werde. Allerdings nicht für jene Leute, die Solidarität mit Identität gleichsetzen oder Herrschaftshierarchien aufbauen wollen. Und für alle, die kein herrschaftskritisches Grundverständnis besitzen, ist sowieso an der Eingangstür Schluss. Ich würde mich über eine konstruktive, kritische Diskussion sehr freuen, über eure Gedanken zum Thema, das für mich sehr biografisch besetzt ist, viele Verletzungen mit sich trägt, aber auch viel Wut darüber, dass ich es (noch) nicht besser hinbekomme. Vielleicht könnten wir das Ganze auch in die Breite ziehen und ihr schreibt eigene Blogeinträge… Okay, los geht’s.

Für die meisten Menschen, die noch recht neu in der Geschlechterthematik und im Feminismus sind, ist eines der Aufreger schlechthin, dass es verschiedene Rollenmodelle für Männer und Frauen gibt. Es wird gemeinhin anerkannt, dass diese Rollenzuweisungen einengend sind und Frauen wie Männer an der freien Entfaltung ihrer selbst hindert. Dann ploppen so Beiträge hoch bei Twitter, Facebook, in Diskussionen oder Blogs, wie ungerecht doch dieses „Blau-Rosa“-Schema sei und mensch dies abschaffen oder zumindest pluralisieren müsste. Was dann folgt, sind herzzereißende Bekenntnisse zum Feminismus. Feministin hier, Feminist da. Ein Himmel voller Fäuste. Zeitgleich wird dieses neue Denken dann auf das ganz persönliche Umfeld übertragen und stolz von Missionierungsansätzen berichtet. Der Sohn darf nun mit Rock zur Schule, die Tochter wird im Fußballverein angemeldet oder ein Technikbausatz für sie gekauft. Geheiratet wird ohne Übernahme des Nachnamens des Ehegatten, Kindererziehung geschieht paritätisch und Werbung ist eh total sexistisch. Weiter geht es dann mit der Kritik an männerdominierten Räumen im Kontext Erwerbsarbeit und Karriere, gläsernen Decken, ungleicher Bezahlung, usw. Schuld an diesen Ungerechtigkeiten haben Geschlechterstereotype, die in Rollenmodellen münden, die sich wiederum institutionalisiert haben. FeministIn ist also, wer weiß, was Stereotype sind.

Als Lesbe habe ich mit dieser Sicht auf Geschlecht so meine Probleme, sind meine Lebensrealität und meine Erfahrungen gar nicht mitgedacht. Ich weiß aus meiner Kindheit, dass ich mich schon sehr früh gegen Kleider und Röcke gewehrt habe, die ich dank Mutters Strenge trotzdem sehr lange tragen musste. Ich sah stets aus wie ein Junge, der in Röcke und Kleider gesteckt wurde. Nicht weil ich wie ein Junge aussah, sondern weil die Röcke und Kleider mich zu einem machten.

Ich musste ernsthaft darüber diskutieren, dass ich zum Abiball kein Kleid tragen will. Ich war permanenter Zurichtung meiner Eltern ausgesetzt, ich hatte ein Mädchen nach ihren Vorstellungen zu sein. „Wie du läufst…“ – „Sitz gerade“ – „Das ziehst du nicht an!“ – „Warum gehst du nicht raus und machst, was die anderen in deinem Alter tun?“ Ich flüchtete oft in Musik, Filme oder ins Internet. Das waren meine ersten Berührungspunkte mit anderen Vorstellungen von Liebe, Sexualität, Männlichkeiten, Weiblichkeiten. Ich fand anziehend, was nicht der Norm entsprach. Ich hatte keine Sprache dafür, keinen Begriff, keine Erklärung, dachte nicht weiter darüber nach, weil das meine Normalität war.

Als sich meine Schulzeit dem Ende neigte, war ich an dem Punkt, mich endlich für mich selbst zu interessieren. Ich wurde ein bisschen eitel, dachte öfter über Mädchen nach, verliebte mich unglücklich und setzte mich damit auseinander. Mein erster Freund zog mich dann komplett ins leichtsinnige Leben, ich genoss alles und musste mich nicht rechtfertigen. In der Schule fingen allmählich die Leute an zu tuscheln. Am letzten Schultag bekam ich vor einer Gruppe von 20, 30 Leuten die Frage gestellt, ob ich lesbisch sei. Ich negierte und antwortete, ich sei bi. Vielleicht würde ich nach „objektiven“ Kriterien als „bi“ gelten, weil ich schon gerne einen Schwanz gelutscht habe, eine glückliche Hetenbeziehung führte und es auch wieder tun würde (also nur das mit dem Schwänze lutschen), aber ich sehe das anders.

Weil wir in einer heteronormativen Welt leben, würde ich mit der Selbstbezeichnung Bi leichter durch’s Leben kommen, aber ich denke, dass ich einfach andere Erfahrungen gemacht habe als Bisexuelle. Mal abgesehen davon, dass ich den Begriff für mich nicht passend finde. Ich habe mich da nie zugehörig gefühlt und dementsprechend nichts dafür getan, eine bisexuelle Identität auszubilden oder mich der bisexuellen Sozialisation hinzugeben. Ergo wäre es ziemlich anmaßend, mir nun Bi an die Stirn zu heften nach meinen sieben Jahren als Lesbe.

Als ich meinen ersten Freund für meine erste Freundin verließ und meine Eltern mit der frohen Botschaft vertraut machte, war da nichts als eisige Stille, die ein paar Jahre anhielt. In den ersten Momenten meines Coming Outs wurde mir auf einmal sehr deutlich bewusst, was 19 Jahre zuvor passiert war. Der Versuch, aus mir ein Mädchen zu machen, war vollends vergebens – in den Augen meiner Eltern. Ich weiß nicht, ob sie heute noch enttäuscht darüber sind, in den vielen Jahren, die seit meinem Coming Out vergangen sind, ließen sie mich das jedoch immer wieder spüren. Ich wurde von ihnen als Frau verworfen. Ich passte nicht in ihr Weltbild, ich füllte mein mir qua Geburt zugewiesenes Geschlecht und die Rolle nicht aus. Wenn ich an den Wochenenden während meines ersten Studiums weinend nach Hause fuhr, weil die Familie meiner ersten Freundin der homophobeste Scheißhaufen unter der Sonne ist, erntete ich von meinen Eltern keine Solidarität, kein In-den-Arm-nehmen, sondern ein verächtliches Grinsen oder Schweigen.

Diese Form der Ablehnung, die Ignoranz gegenüber meinen inneren Kämpfen mit meiner Sexualität, mit dem, wen ich begehrte, meinem Geschlecht, führte dazu, dass ich mit Anfang 20 alles in Frage stellte. Ich verwarf für mich kurzzeitig selbst die Kategorie Frau, versuchte auf eine ziemlich lächerliche Art Butch zu sein, manchmal hatte ich gar kein Geschlecht, wollte nicht wie eine Frau aussehen, wollte nicht mit männlich konnotierten Adjektiven belegt werden, wollte keine Form von Männlichkeit für andere sichtbar werden lassen. Es war zum Heulen. Eine Freundin, der es ähnlich erging wie mir – und wir ähneln uns bis heute – fing gerade mit ihrem Studium in Soziale Arbeit an und brachte mich auf den Trichter, mir das mit dem Geschlecht mal genauer anzusehen.

Licht am Ende des Tunnels. Auf meine Eltern konnte ich nicht setzen, die verloren sich in tiefer Trauer über ihr verworfenes Subjekt, aber ich war frisch verliebt. Wieder eine Frau, dieses Mal eine, die dem „weiblichen Schönheitsideal“ gefährlich nahe kommt. Nicht nur in meinen Augen leider. Ich erfuhr das erste Mal, was Heterosexismus ist und wie sich Femme-Feindlichkeit und Biphobie in Lesbenkontexten äußert, wo sonst auch „Männerlesben“ als unzumutbar galten. Ich durfte also nicht nur Arbeit an mir, sondern auch an meiner Freundin leisten, die – vorher noch keine nicht-heterosexuelle Beziehung geführt – über so viel Ablehnung und Zuschreibung schockiert war. Uff.

Ich hatte nach wie vor keine Worte, keine Begriffe, keine Definitionen und Erklärungen für all das, was Geschlecht so auslösen kann, ich musste mir behelfen, indem ich mich verstärkt auf „lesbisch sein“ bezog und den Begriff Frau weiter zurückdrängte. Meiner Freundin redete ich daraufhin regelmäßig einen Keks an die Backe, sich endlich zu ihrem Lesbisch-Sein zu bekennen, sich mit mir solidarisch zu zeigen und weder die Vorurteile innerhalb von Lesbenkontexten weiter zu befeuern, noch Schwänze in die Höhe schnellen zu lassen.

Bis heute hat sie diese Selbstbezeichnung nie für sich gebraucht, auch weil sie später von Heteros als Lesbe permanent fremdmarkiert wurde, weil sie mit mir zusammen war.

Mittlerweile habe ich mein Lesbisch-Sein weiter internalisiert und zunehmend politisiert. Wenn ich als Frau adressiert werde, schmeichelt mir das nur bedingt, ich kann mit dem Begriff für mich nichts anfangen. Meine Identität bleibt von meinem biologischen Geschlecht unberührt. Allerdings ist das nicht ausreichend, um mich als Trans* zu begreifen, auch dafür fehlen mir die Erfahrungen als Transgender, meine zwischenzeitlichen inneren Kämpfe lösten in mir nicht das Gefühl aus, mich identitätskritisch auf mein biologisches Geschlecht oder meine Weiblichkeit zu beziehen. Ich denke, ich werde in keine Situation kommen, in der das der Fall sein wird, ich möchte auch nicht darüber nachdenken. Nicht nur, weil ich keinen solchen Anrufungen und Zuschreibungen (mehr) ausgesetzt bin, Stichwort Cis-Privileg, sondern auch, weil sich diese Frage mir nie gestellt hat, Stichwort Cis-Privileg. Ich lasse Trans* da, wo es gut aufgehoben ist, nämlich bei denen, die es betrifft.

Ähnlich ergeht es mir mit Butch und Femme oder gender-/queeren Identitätskonzepten. Das alles sind keine fancy Begriffe oder Modeerscheinungen, sondern dahinter stehen Menschen mit ernsten Absichten, die es ernstzunehmen gilt. Weil ich das tun möchte, belasse ich es bei Lesbe. Das heißt nicht, dass ich damit nicht konfrontiert werden möchte, ganz im Gegenteil. Ich bin auf vielen Gebieten unwissend, möchte zuhören und dazu lernen, es wäre dem eher hinderlich, wenn ich mich qua Privilegien dazu setze und selbst spreche, obwohl mir die Erfahrungen und Hintergründe fehlen. Was ich mitnehmen kann, sind unglaublich viel Wissen und tolle Menschen, mit denen oder deren Kämpfen ich mich jederzeit solidarisch zeige, wenn ich es gerade nicht wieder selbst vermassel, weil ich meine Privilegien auskosten/auskotzen muss.

Die Frau kommt nur in meiner feministischen Politik vor und als Bezeichnung für alle, die so bezeichnet werden möchten. Klar, ich wurde als Frau sozialisiert und die Subjektivierungsversuche waren auch nicht ohne, so dass ich mich immer direkt angesprochen fühle, wenn es um Sexismus und Frauenfeindlichkeit geht, aber das muss ja identitätspolitisch erstmal nichts heißen.

Bei den feministischen Erstversuchen ganz oben frage ich mich immer, ob das Zurschaustellen einer wie auch immer gearteten kritischen Geschlechterpolitik am eigenen Kind wirklich mit Verstehen einhergeht, was es bedeutet nicht Cis und hetero gleichzeitig zu sein. Oder jemals die zweigeschlechtliche Binärlogik und deren Wirkungsweisen hinterfragt zu haben (oder beliebig übergehen zu können). Ob nicht doch der Wunsch besteht, auf das Kind soweit Einfluss zu üben, dass es sich trotz allem Genderbender noch innerhalb der Geschlechternormen und heterosexuellen Matrix befinden sollte. Wirklich progressiv und radikal sind Klamottentausch, Krawatte, Lippenstift, Moustache und lackierte Fingernägel in der heutigen Zeit schließlich nicht mehr. Ob konsensualer, selbstbestimmter, geiler Sex und glückliche paritätische Paarbildung und andere Beziehungsformen wirklich feministische Praxen sind, ergibt sich auch nicht aus ihrem Dasein allein. Stereotype sind flexibel und jederzeit veränderbar, ohne Veränderungen zu bewirken. Stereotype waren nie mein Problem.

Ist das Haben-Wollen von Verwehrtem feministisch? Klar geht es um Rückeroberung von Definitionsmacht und Räumen, um Selbstbestimmung.

Doch wie ist es um die produktive, emanzipative Kraft der eigenen Position und Positionierung bestellt? Es ist auch eine Frage der Authentizität. Nur: Wer ist die Instanz, die darüber bestimmt? „Da gewinnen eh immer die Normalen„.

Aneignung ist noch keine Subversion.

18 Kommentare

  1. Danke für den Text! Ich finde biografische Zugänge zum Feminismus sehr wertvoll, weil sie zeigen, dass es dabei nicht um irgendeine politische Ideologie geht, sondern um eine persönlich-politische Auseinandersetzung mit der Tatsache, als Frau geboren zu sein (das heißt als solche identifiziert zu werden, was für mich irgendwie dasselbe ist).
    Die Art und Weise wie diese Identifizierung, die immer von Erwartungshaltungen, Ansprüchen usw. begleitet ist, abläuft, ist eben biografisch sehr unterschiedlich. Sowohl was diese Erwartungshaltungen selbst betrifft (in verschiedenen kulturellen und sozialen Kontexten gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was von Mädchen erwartet wird und was eine „gute Frau“ zu tun hat), aber eben auch, wie und in welchem Ausmaß diese Ansprüche mit dem jeweils eigenen Begehren zusammenpassen oder eben über kreuz gehen, wie du es ja so anschaulich beschreibst.
    Entsprechend unterschiedlich und persönlich (aber nicht individuell!) sind die Auseinandersetzungen damit.
    Ich habe ja gestern getwittert „Die meisten Theorien kranken daran, dass sie Menschen entweder als Individuen oder als Gruppen ansehen, aber nie in Beziehungen“ nachdem ich den Text von momorulez gelesen habe, den du hier ja auch verlinkst (und bevor ich deinen Text hier gelesen habe). Du hast zurückgefragt, was daraus folgt.
    Daraus folgt mmn eine politische feministische Praxis, nämlich den konkreten persönlichen Beziehungen eine wichtigere Rolle in der Reflektion darüber, was Feminismus ist, einzuräumen.
    Du erinnerst dich zum Beispiel: „Eine Freundin, der es ähnlich erging wie mir – und wir ähneln uns bis heute – fing gerade mit ihrem Studium in Soziale Arbeit an und brachte mich auf den Trichter, mir das mit dem Geschlecht mal genauer anzusehen.“ Genau das ist es, was ich meine. Alleine kann sich keine gegen die gesellschaftlichen Zuschreibungen wehren, die daraus folgen, dass sie als Frau identifiziert wird. Aber sie kann es auch nicht, wenn sie das Frausein als „Identität“ auffasst. Sie kann es aber, wenn sie in der Beziehung zu anderen (eine andere reicht) neue Maßstäbe findet, und zwar solche, die sich mit ihrem persönlichen Begehren treffen.
    Daher gefällt mir auch dein Satz: „Wenn ich als Frau adressiert werde, schmeichelt mir das nur bedingt, ich kann mit dem Begriff für mich nichts anfangen. Meine Identität bleibt von meinem biologischen Geschlecht unberührt.“ Genau so ist das. Das Frausein hat mit Identität nichts zu tun, es bezeichnet lediglich eine Position innerhalb eines sozialen Gefüges. Wäre ich allein auf der Welt, wäre ich keine Frau, ich wäre nur Ich. Die Zuweisung des „Frauseins“ (wie jedes Geschlechts oder auch allgemeiner jedes sozialen Attributes) geht immer an dem vorbei, was eine für sich selber ist. „Frau“ bin ich immer nur in einer Beziehung zu anderen.
    Und genau auf dieser Ebene ist dann eben auch der Hebel einer „Politik der Beziehungen“. In der Beziehung zu anderen kann ich mein eigenes Begehren erkennen und aus dem Sog der Normierungen befreien (natürlich nicht absolut, aber doch situationsbezogen, was auch nicht unwichtig ist). Ich kann in Beziehungen andere Maßstäbe finden als die, die anderswo gelten, ich kann mein Begehren befreien, durch Vorbilder, Austausch, neue Horizonte und Ideen. Auf diese Weise entstehen neue „Instanzen“, um in deinem Bild zu bleiben. Dadurch verändern sich die Beteiligten und damit verändert sich auch die Welt, weil du danach anders handelst, anders redest usw. Und genau dann gewinnen die „Normalen“ nicht mehr.

  2. lantzschi:

    Dass Bisexualität irgendwie (Präferenz für) Cisgender implizieren würde kann ich so nicht nachvollziehen – vor allem nicht, wie es das mehr als Homosexualität (die sich ja ganz explizit auf ±1 Gender festlegt) tun soll.

    Die Aussage, mensch bezeichne sich ja als Bi nur, um die angebliche positive Diskriminierung gegenüber nicht-Heterosexuellen „abzugreifen“, ist im übrigen etwa gleich häufig wie die, mensch wolle ja die Vorteile des heteronormativen Mainstream nicht aufgeben …

    Dazu und zu der Bi-vs.-Pan-Debatte ist http://www.bisexualitaet.org/bisexualitaet-oder-pansexualitaet-18102011.html und die dort verlinkten Artikel m.E. ganz interessant.

  3. @Antje

    danke für deinen Kommentar. Interessant fand ich den Aspekt, wann „die Normalen nicht gewinnen“. Also in meinem ganz persönlichen Umfeld von Freund_innen tun sie das nicht. Da habe ich mir durch Beziehungen einen Rahmen geschaffen, in der sie keine Definitionsmacht haben. Allerdings, wenn ich in Beziehung zu anderen trete, die ich nicht, flüchtig oder nur über das Netz kenne, dann ist das etwas anders gelagert, aber je nach Kontext und „Analysemittel“ verschieden. Ich glaube qua meiner Theoriekenntnis an die Macht von Sprache, Begriffen und Kategorien zur Erklärung von Welt, an unterschiedlich gelagerte, hierarchisierte Sprechpositionen, ich denke, dass es „die Normalen“ da wesentlich leichter haben, zu definieren, zu sprechen, Worlding zu betreiben, als ich dem etwas entgegen setzen könnte. Weil wir alle hinreichend mit unterschiedlichen Privilegien ausgestattet sind, die wir auch nur zu einem Bruchteil sehen, geschweige denn aufbrechen oder ablegen könnten, wird es uns sehr schwer gemacht, aus einer dominanten Position herauszutreten oder zu lernen, was es heißt „nicht normal“ zu sein, um damit sensibler umzugehen oder wenn nötig, einfach mal den Mund zu halten oder nicht mit Selbstverständlichkeiten zu jonglieren.

    Es ist immer einfach, sich permanent auf den sicher geglaubten Boden, auf dem wir stehen zu beziehen (ha, diese Beziehungen), statt das loszulassen und zu gucken, was passiert. Es wäre schmerzhaft, unsicher, vielleicht sogar traumatisierend. Insofern ist das Normale auch immer der einfachere Weg. Die Frage ist, wie ich dazu komme, mich für die Abweichung zu entscheiden. Du schreibst, dass das über persönliche Beziehungen geschieht, ich sehe das ähnlich, auch wenn ich an dieser Stelle einen wachen und neugierigen Geist ins Spiel bringen möchte.

    Doch wer stellt die persönliche Beziehung dar, der_die den_die Normale dazu bringt, über Dinge nachzudenken, die nicht selbstverständlich für eine_r sind? Zumal das mit Verletzungen verbunden sein kann, die nicht alle bereit sind, sich anzutun. Sind die „Nicht-Normalen“ denn immer diejenigen, die „Normale“ belehren oder zum Lernen bringen? Ich finde das ungerecht, habe aber auch noch keine Antwort darauf gefunden, wie es anders aussehen könnte. Ich mag den Begriff Aufklärung nicht, es macht so den Anschein, als bestehe Welt aus falschem und richtigen Bewusstsein, als wären wir mit Bekehrungsmissionen ausgestattet, die dann wie oben beschrieben doch nur wieder an Dominanz und Machtverhältnissen scheitern (müssen).

  4. @matthiasr

    jetzt unterstellst du mir aber etwas, was ich so nicht gesagt habe. Meine Definitionen von bi oder pan besitzen ja keine Allgemeingültigkeit, ich schrieb lediglich, was ich unter den Begriffen verstehe bzw. der Mainstream den Begriffen aufdrückt. Insofern hast du völlig recht, mit dem, was du schreibst.

    Nur ist bisexuell eben bestimmt konnotiert, da ändern auch die tollen (z.T. wissenschaftlichen) anti-heteronormativen Gegenstrategien nichts dran. Und deswegen käme ich nie auf den Gedanken, mich als bisexuell zu bezeichnen. Weder, weil ich die Definition von denen nachvollziehen kann, die bisexuell nicht als politisch begreifen (und dementsprechend eine ziemlich eintönige Begriffsverwendung pflegen) noch von denen, deren Sex-Gender-Begehren-Matrix der Norm entspricht (und dementsprechend eine ziemlich eintönige Begriffsverwendung pflegen).

    Zum anderen finde ich den Begriff Lesbe nicht aus der Begehrensform heraus für mich passend, da er ja auch meine (Selbst)positionierung in der heteronormativen Matrix für mich markiert, aus der ich widerständig sein kann. Ich finde, dass der Begriff Lesbe eine weitaus politischere (auch feministischere) Begriffsgeschichte und Bedeutung hat, ich hoffe, dass es mit bisexuell bald anders sein wird, auch wenn ich aus hier im Kommentar skizzierten Gründen skeptisch bin.

  5. Ich denke, ein wichtiger Punkt ist dabei das Interesse am/an der Anderen. Wenn ich in einer dominanten Position bin (weil innerhalb einer Beziehung die „Normalere“), dann kann ich das entweder ausnutzen, um die Oberhand zu behalten, oder ich kann zurücktreten und zuhören. Was bringt mich dazu, letzteres zu tun? Der Wunsch, etwas zu lernen. Von dieser Person, mit der ich es grade konkret zu tun habe. Von der ich vermute, dass sie mir etwas voraus hat, weil etwas an ihr mich fasziniert und interessiert. Die „Normalen“ schneiden sich ja selbst Erkenntnisgewinn ab, wenn sie ihre Dominanz ausspielen.
    Bin ich in einer Beziehung die „Unnormalere“, dann ist es gut zu wissen, dass ich auf die Entscheidung der anderen Person, ihre Dominanzposition zu verlassen, nicht viel Einfluss habe. Tut sie es nicht, bleiben mir zwei Optionen: Einen Konflikt aufmachen oder die Beziehung beenden. Moralische Appelle nutzen meistens nichts.
    Ja, es ist total ungerecht, dass die „Nicht-Normalen“ die „Normalen“ belehren müssen, aber ich glaube, da führt kein Weg dran vorbei, denn die Welt ist zunächst einmal so wie sie ist, und die Macht der „Normalen“ ist einfach eine Realität. Ich finde hier den Begriff der „Vermittlung“ hilfreich. Praktisch versuche ich in so einer Situation (wenn ich Lust habe, mich zu jemand in eine Beziehung zu setzen), zu erkennen, wo das Begehren der anderen ist, um daran anzuknüpfen. Experimentell. Ein Argument, das in einer Situation funktioniert, funktioniert in einer anderen nicht. Manchmal gelingt das, manchmal auch nicht.
    „Aufklärung“ ist das falsche Wort, weil auch die „Nicht-Normalen“ haben ja nicht nach einem objektiv-universellen Maßstab „recht“, sondern sie haben andere Erfahrungen und Erkenntnisse, die für die Situation (das allerdings objektiv!) wichtig sind. Wenn ich etwas vermitteln will, hilft es, selbst offen zu sein und die eigenen Positionen auch aufs Spiel zu setzen. Ich muss die Argumente der anderen Seite ernst nehmen (wenn ich das nicht tue, kommt nämlich keine Beziehung zustande und ich kann es auch gleich lassen, was manchmal auch die richtige Entscheidung ist).
    Was ich wichtig finde (weil es mir selber in solchen Situationen sehr hilft) ist, mir nicht selbst die Schuld zu geben, wenn eine Vermittlung nicht gelungen ist. Das passiert natürlich oft, denn es ist einfach ein schwieriger Prozess. Und wenn jemand von mir nichts wissen will, dann kann ich das nicht ändern, egal wie ich mir den Mund fusselig rede.

  6. Ok. Mein Fehler.

    Dennoch bleibt da noch der Begriff monosexuell. Und der ist in meinen Augen machtrelativierender, positivistischer Käse. auch null politisch besetzt und um diese Begriffe geht’s ja hier.

    Außerdem: ich denke nicht, dass Poly/offen der Weisheit letzter Schluss für das Ende der Heteronormativität ist, denn das eine hängt nicht zwangsläufig mit dem anderen zusammen. Ich wäre vorsichtig, ein Beziehunsmodell per se emanzipativ zu nennen, das irgendwie kein Geschlecht, kein Gender, kein Begehren kennt und somit Machtverhältnisse per definition ausblendet. Wer kann sich es sich leisten so zu leben (nicht nur materiell gesehen) und ist das Leben dieser Beziehungsform herrschaftskritisch nur allein der Beziehungsform wegen? Wohl kaum. Auf die Menschen in dieser kommt es an. Und warum wollen sie so leben? (Neutrale Frage)

    Bestimmt habe ich einen anderen Diskriminierungsbegriff, aber solange obiges nicht geklärt ist, können Polybeziehungen nicht „diskriminiert“ werden, sicher institutionell benachteiligt. Wenn die gesetzliche Besserstellung der Ehe/Kleinfamilie nicht wäre, sähe das aber auch schon wieder anders aus.

    Aber vielleicht können wir uns auch wieder mehr zum eigentlichen Thema bewegen, ansonsten bin ich vorerst raus aus der Diskussion.

  7. Nur mal als Hinweis:

    Es gibt noch andere Identitäten als die sexuelle. Eure Sicht scheint da etwas ungut zu fokussieren.

  8. Zu dem Satz, Du würdest es als Anmaßung empfinden, Dich bisexuell zu bezeichnen. Das bedeutet, dass es Anmaßungen gibt? Was wäre dann aus Deiner Sicht eine Anmaßung , den Begriff „Lesbe“ zu verwenden? Und noch eine Frage, beinhaltet „Lesbe“ das Konzept ‚Ich verliebe mich in den Menschen‘?

  9. @needed

    Ich verstehe nicht, was du meinst. Kannst du da nochmal spezifizieren, bitte? Auch, was du mit „Eure Sicht“ meinst?

    @7352411

    Ich verstehe deine Fragen nicht. Worauf möchtest du hinaus?

  10. @lantzschi

    Du und die anwesenden Diskutanten scheinen sich und andere primär über Sexualität zu definieren und zu identifizieren. Das Geschlecht scheint in unmittelbarer Abhängigkeit von der sexuellen Orientierung zu stehen. Aber so ist es ja nicht: Schwule Männer sind Männer, asexuelle Männer sind auch Männer, impotente Männer sind solche und für Frauen gilt selbstverständlich das selbe. Das Geschlecht ist ja nicht, wie man sich kleidet oder was man tut. Sonst müsste ein Mann, der Hausarbeit macht, um seine Identität und um sein Geschlecht fürchten. Das Geschlecht ist nur ein Aspekt von vielen, der den Menschen ausmacht.

  11. @needed

    Dein Kommentar zeigt, dass du den Text nicht verstanden hast. Was ja erstmal nicht weiter tragisch wäre, würdest du Fragen stellen. Stattdessen langweilst du mich und Mitlesende hier mit deinem Mansplaining. Und über das Einhalten von Selbstbezeichnungen (meine und die der Mitdiskutierenden) wäre ich hocherfreut. (Und nein, wenn sie sich nicht selbst markieren, sind sie nicht automatisch Männer) Danke.

  12. Worauf ich raus will, naja. Macht das Sinn, wenn ich alle möglichen Sachen hinein interpretiere, auf die Gefahr hin, dass Du dann beleidigt bist, weil ich was rein lese, was Du so nicht geschrieben hast oder Du nicht meinst, dass Deine Formulierung diesen Schluss zu lässt? Ich versuche Texte (so positiv wie möglich) auszulegen, wenn mir das nicht gelingt, frage ich erst mal nach.

    Sich etwas anzumaßen ist etwas Negatives, jemand nimmt sich etwas, was ihm nicht gehört, in Deinem Fall nimmst du es freiwillig nicht. Du schreibst, nicht jeder sollte jeden Begriff für sich verwenden, Du teilst in rechtmäßig und nicht rechtmäßig ein, und per Ausschlussverfahren erklärst Du ja schon, was nicht rechtmäßig wäre– Sex mit verschiedenen (oder nur zwei) biologischen Geschlechtern haben können/ wollen reicht nicht aus für diese „Anmaßung“, es braucht noch etwas Anderes.

    Für mich macht es einen Unterschied einen Begriff nicht zu verwenden, aus „Respekt“ vor Anderen, mit der Begründung, dass das deren Selbstbezeichnung ist oder den Begriff nicht zu verwenden, weil er nicht für einen passt. Das wirkt auf mich so vordergründig entgegenkommend, dabei ist es ja einfach nur ein Wort, mit dem Du Dich sowieso nicht identifizieren kannst. Also hat das nichts mit Respekt zu tun, Du erkennst das nicht als „gehört zu mir, ist wie ich“, die Lesben scheinbar schon.

    Das, was Du als „objektiv bisexuell“ bezeichnest ist doch das (oder besser: auch was), was die Schwierigkeiten auslöst: Das „Schwänze lutschen“ kollidiert mit dem Selbstverständnis – offen ausgesprochen oder nicht – von Teilen der lesbischen community:

    > Du beschwerst dich über Anbiederungen von Feministinnen an Männer und schreibst vom Schwänze lutschen. Ist das nicht die lesbische Form vom Anbiedern? <

    Sowas in der Art.

    Ich meine, wenn Du so bemüht bist, niemandem zu nahe zu treten… damit, dass Du „objektiv bisexuell“ wärst aber „Lesbe“ wählst, trittst Du Teilen der sich so bezeichnenden Menschen zu nahe. Heißt, du lebst – frei nach Levi-Strauss – kritisch nach innen, konformistisch nach außen. Die Lesben müssen Deine Selbstpositionierung akzeptieren, da gibt es von Deiner Seite keinen Respekt, Du würdest Dir von dort nicht die Selbstbezeichnung streitig machen lassen oder doch? Deshalb wollte ich wissen, was würde Dir zu nahe treten, gibt es das? Eine sich als Lesbe bezeichnende Person, bei der Du findest, die sollte das Wort für sich nicht verwenden, weil sie was macht oder was ist, was da für Dich nicht rein passt?

  13. Danke für die Erklärung. Nun ja, ich kann doch keine_r vorschreiben, wie er_sie sich zu bezeichnen hat oder möchte. Selbst wenn, würde das ja auch gar nichts an der oben beschriebenen Problematik ändern.

    Ich schrieb den Text daher absichtlich aus meiner Perspektive, so wie ich mit Selbstbezeichnungen umgehe und warum. Weil ich für mich möchte, dass der politische Widerstandsgehalt, der in den Begriffen steckt, erhalten bleibt. Aber dazu gibt es andere Perspektiven, bspw. die von kiturak, die ich auch bedenkenswert finde.

    Den anderen Teil deines Kommentars habe ich nicht verstanden und habe ob deinem etwas merkwürdigen Fokus auch glaube ich keine Lust darauf einzugehen.

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