Piraten: Last man standing.

Ines Kappert schrieb heute in der Taz eine Kritik an den Piraten. In der Taz sind in letzter Zeit so viele piratenkritische Artikel erschienen, dass mensch glauben könnte, sie mögen die Piraten nicht besonders. Das kann ja vielerlei Gründe haben, eingeschossen haben sich diverse Taz-Redakteur_innen auf die Piratenperspektiven zum Geschlechterverhältnis. Während in der Jungle World vor kurzem Kritiken an den Piratenbegriffen von Freiheit und Individualismus oder am Politikverständnis der Partei zu lesen war, wird die Taz nicht müde, jegliche Gender-Verlautbarung der Partei zu problematisieren.

Aktuell stößt sich Ines Kappert am fehlenden Machtbegriff, wenn bei den Piraten über Geschlecht geredet wird. Es ist natürlich möglich, Geschlecht fernab jeglicher Machtverhältnisse zu diskutieren (und ohne einen Begriff von Geschlecht als sozialer Kategorie). Da kommt mensch dann auf so wundervolle Sätze wie die der Berliner Piratenfraktion zum Thema Quote. Es ist natürlich auch möglich, die gesellschaftliche Verfasstheit von Geschlecht völlig ohne kritisch-historischen Kontext zu analysieren. Dann wären wir bei liberalfeministischen Forderungen nach Überwindung von doofen Stereotypen und Verhinderung von als Interaktion gefasster Diskriminierung, denn sonst ist ja alles Postfeminismus. Geht alles. Kämen wir ohne Quote aus, würden nicht anecken, bräuchten uns nicht mal politisch positionieren und wären raus aus dem Schneider. Endlich mehr Zeit, sich bei #Occupy(bittehierStadteinfügen) ’nen sonnigen Nachmittag auf der Wiese zu gönnen. Alles so schön bunt hier!

Ja, die Spätmoderne ist schon was feines, da muss sich um nichts mehr gesorgt werden, Politik ist nur noch Frage von De/Regulierung, was in der Debatte oft „Is mir egal“ oder „Lass uns da mal drüber reden“ bedeutet, aber nicht mehr das Fordern nach Umverteilung oder Umstürzungen. Revolution in alter Manier hat ausgedient, ist ideologisch (und daher schlecht, oder so), ja nicht mal mehr die Gretchenfrage „Sag mal, wie hältst du’s mit dem Gender?“ darf gestellt werden. Und dann kommen da diese „radikalen Linken“ und „Emanzen“ wie Ines Kappert und erdreisten sich doch ernsthaft zu kritisieren, dass die Piraten ein unpolitischer Haufen sind, die ihre eigene Forderung nach Transparenz der Mächtigen (zu denen sie nach dem Einzug in die Berliner Landesregierung selbst gehören – sehen wir von sozialen Zugehörigkeiten der Parteimitglieder mal ab) nicht mal konsequent zu Ende denken. Mehr noch ist die Kritik Schuld daran, dass die Piraten keine Frauen in der Partei haben, wie jüngst der Kegelclub der Piraten per Quasi-Pressemitteilung verlauten ließ.

So wie eben Antirassist_innen Schuld haben am Fortbestehen von Rassismus, weil sie ihn thematisieren. Oder Betroffene sexualisierter Gewalt rape culture fortschreiben, weil sie ihre „Kinkerlitzchen“ über „das Leid der wahren Opfer“ stellen. Sozusagen machen gesellschaftskritische Menschen aus Mücken ständig Elefanten. Und wenn Ines Kappert nicht die Piraten kritisieren würde, gäbe es bei den Piraten auch keine Probleme. Geschlecht ist nicht da, wenn nicht drüber gesprochen wird. DekonstruktivismusPostgender bedeutet zu schweigen, Vergewaltigungs“witze“ lustig zu finden, Machtverhältnisse und Privilegien auf Brüste oder Penisse oder wahlweise auch Chromosomensätze zu reduzieren (jaja, der fehlende Begriff von Geschlecht) oder sich mit antifeministischen und frauenfeindlichen Klischees ein paar Lacher ins Piratenboot zu holen. Die Welt ist so furchtbar logisch und einfach.

Und weil das so ist, bringt es auch überhaupt nichts die Piraten zu kritisieren, weil die Kritik auf jeden Fall kompliziert, ideologisch, links, radikal oder zu feministisch ist. Ministerin Schröder freut sich über ihre Schäfchen.

Ines Kappert hat unter ihrem Artikel aktuell 90 Kommentare. Mindestens 75% davon sind frauenfeindliche, sexistische, antifeministische oder kurz gesagt: logische Kommentare.

Disclosure: Der Begriff „Pirat“ gibt keine Auskunft über das Geschlecht der Angesprochenen, sondern nur über ihre Selbstbezeichnung.