Geschlecht sichtbar machen – aber wie?

Wenn heutzutage über Geschlecht gesprochen wird, sind nur wenige daran interessiert. Einerseits, weil es auf viel Unverständnis stößt, da Gleichberechtigung heute in den meisten Lebenszusammenhängen nach Eigenangabe freiwillig und selbstverständlich gelebt wird, andererseits, weil die Gesetzeslage auf den ersten Blick eindeutig erscheint: Der alte Geschlechterkampf ist vorüber, die großen Themen ausgefochten und gesetzlich verankert. Viele können ihre Geschlechterrolle ausfüllen, es gibt viele Modelle, an denen sich orientiert werden kann.

Auch wenn mit der formalen Gleichberechtigung von Mann und Frau vieles in modernem Gewand auftritt, ist Geschlecht nach wie vor eine sehr wirkmächtige Kategorie, die auf verschiedenen Ebenen zu Tage tritt. Mal mehr, mal weniger explizit. Die Wirkmächtigkeit bezieht sich darauf, inwiefern verschiedenene Geschlechtermodelle gelebt, ausprobiert werden können, wie sich Beziehungen gestalten, ja eigentlich – inwieweit sich Geschlecht auf das eigene Leben auswirkt oder eher in den Hintergrund tritt.

Wer sich mit Geschlecht (auch politisch) auseinandersetzen will, braucht dazu einen ziemlich großen Wissensvorrat. Leider ist der kaum zugänglich, weil in den Wissenschaften verhaftet und um mit diesem umgehen zu können, benötigt es außerdem größere kontextuelle Bezüge, die auch nicht mit dem Lesen von 1,2 Büchern zum Thema abgehakt sind. Es ist – wie so oft – kompliziert, das Funktionieren von Gesellschaft (nicht nur) unter Geschlechterperspektive zu verstehen und einzuordnen. Hinzu kommt, dass eine Fülle an Alltagswissen über Geschlecht kursiert, das tief verankert ist, mit dem wir sozialisiert wurden, das uns einen Orientierungsrahmen bietet. Sich kritisch mit Geschlecht zu beschäftigen, bedeutet: Diesen Orientierungsrahmen (zeitweise) zu verwerfen, alte Wertvorstellungen zu überdenken, sich selbst und andere zu kritisieren. Das braucht Zeit, Willen, Kraft. Ohnmachtsanfälle, Schuldgefühle und Abwehrhaltungen sind da schon mal vorprogrammiert.

Deshalb ein paar kurze Vorschläge, unter welchen Gesichtspunkten Geschlecht sichtbar gemacht und analysiert werden kann:

Zunächst ist es dabei wichtig, den Begriff als solchen zu konkretisieren: Was ist mit Geschlecht gemeint? Das biologische Geschlecht (sex), das soziale Geschlecht (gender), ist Identität gemeint oder eher ein gesellschaftliches Verhältnis? Wenn ich im folgenden von Geschlecht spreche, meine ich sex und gender. Will ich beide trennen, mache ggf. ich das deutlich.

Mein Begriff von Geschlecht entlehnt sich Teilen der Gender Studies und beruht darauf, zunächst alles, was mit Geschlecht in Verbindung gebracht werden kann, als sozial und kulturell konstruiert und geprägt zu betrachten. Das heißt, ich gehe nicht von einem Körper aus, der in Mann/Frau aufgrund „biologischer“ Merkmale eingeteilt werden kann. Mann/Frau sind für mich keine „natürlichen“ Gegebenheiten, sondern werden durch Normen, Symbole, Wissensvorräte, kulturelle, politische, soziale Praxen, durch gesellschaftliche Strukturen hergestellt und durch eben diese auch gestützt und reproduziert. Dieses Verständnis von der Konstruktion von Geschlecht halte ich für sehr wichtig, da nur so Geschlecht in irgendeiner Form an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt und analysiert werden kann.

Wenn Geschlecht (und das bestehende Geschlechterverhältnis) als vorbestimmt und gegeben akzeptiert würde, wäre diese Analyse nicht notwendig, da eben beides schicksalshaft und unveränderbar wäre. Unter diesem Aspekt wäre lediglich danach zu fragen, ob die vermeintlich natürliche Geschlechterdifferenz einen Unterschied macht, inwiefern sie also Individuen in ihrer Entfaltung einschränkt oder nicht. Ich bezweifle allerdings, dass dies mit diesem naturalistischen und essentialistischen Verständnis von Geschlecht möglich ist, da Strukturen sich aus der Natürlichkeit heraus ergeben würden und „einfach so“ wären. Dieses Verständnis von Geschlecht teilt in Mann/Frau ein, lässt sie sich sexuell lediglich aufeinander beziehen, gibt klare Rollen vor, die nicht verändert werden können. Es ist kein auf Entscheidungsfreiheit angelegtes Konzept von Geschlecht, sondern ein deterministisches, das zugleich andere Formen von Geschlecht, sexuellem Begehren und Lebensentwürfen ablehnt.

Es ist zugleich ein Konzept, das Machtverhältnisse, die sich aus Geschlecht und seiner Konstruiertheit ergeben, unsichtbar macht. Da ich das kritische Wissen um Geschlecht zugleich als emanzipatives Wissen mit Potenzial zu politischen Veränderungen begreife, schreibe ich diesen Text auch unter der Annahme, dass derzeit ungleiche Machtverhältnisse in Bezug auf Geschlecht vorherrschen, die es zu beseitigen gilt, weil sie Menschen einschränken, beherrschen, (gewaltförmig) bedrohen. Das ist nichts, was ich mir ausdenke, sondern was sichtbar wird, wenn wir Geschlecht und die damit in Verbindung stehenden Strukturen analysieren.

Wenn also der Begriff „Geschlecht“ geklärt ist, mit dem analysiert werden soll, sind vier verschiedene Ebenen möglich, auf welchen dies geschehen kann.

Makroebene: Meint die gesellschaftlichen Verhältnisse, also Produktionsverhältnisse (bspw. Kapitalismus), Formen der staatlichen Organisierung (bspw. Demokratie), Nationalstaaten als solche, Globalisierungsprozesse, etc.
Mesoebene: Meint Institutionen, also Unternehmen, Arbeitsgruppen, Organisationen, Vereine, öffentliche Einrichtungen, materielle Räume und Orte, etc.
Mikroebene: Meint Interaktionen in Gruppen, zwischen Individuen, das Selbst, etc.
Repräsentationsebene: Meint Diskurse, Ideologien, Werte, zirkulierendes Wissen, Normen, Kulturen, Symbole, Codes, Bilder, Texte, etc.

Auf all diesen Ebenen zeigt sich Geschlecht. Grundsätzlich interagieren diese Ebenen miteinander, überlagern sich, sind miteinander verwoben, beeinflussen sich gegenseitig. Es ist möglich diese Ebenen voneinander getrennt auf Geschlecht zu analysieren, sollte aber unter dem Wissen geschehen, dass die eine kaum ohne die andere kann und jeweils Auswirkungen auf anderen Ebenen hat. Die einzelnen Ausprägungen und Formen, die ich bei den Ebenen aufgelistet habe, beziehen sich auch wieder aufeinander. So ergibt sich ein komplexes, zum Teil widersprüchliches Gebilde von verschiedensten Dingen, die Auswirkungen auf Geschlecht haben (können) und Geschlecht sich wiederum auf diese auswirkt: Ebenen und die darin enthaltenen Formen produzieren gleichsam Geschlecht und Geschlecht wiederum produziert die Ebenen und darin enthaltenen Formen.

Es gibt mehrere Theorien aus verschiedenen Wissenschaftszweigen, unter denen das oben genannte betrachtet werden kann, das jetzt aber zu erklären, bräuchte einen eigenen Eintrag (oder mehrere). Auch wichtig ist hierbei, den historischen Kontext nicht zu vernachlässigen, in dem diese vier Ebenen sich bewegen: Also die Gewordenheiten der jeweiligen Ebenen und ihrer Formen mitzubetrachten, da nur so Kontinuitäten oder Veränderungen sichtbar gemacht werden können. Geschichte besteht nicht aus abgeschlossenen Kapiteln, sondern ist fluid, alles muss immer in Relation zu gesetzt und auf Anschlussfähigkeit an hin untersucht werden. Der moderne Fortschritts- und „It gets better“-Glaube (am besten von allein) ist in meinen Augen eine Verwässerung und Unsichtbarmachung von Machtverhältnissen, hemmt politisches und emanzipatives Potenzial, verunmöglicht teilweise sogar Kritik an Bestehendem mit dem Argument: „Früher war alles viel schlimmer“. Nein, heute ist es genauso, es zeigt sich nur anders.

Für alle, die sich informieren möchten, empfehle ich „Gender / Queer Studies“ von Nina Degele und „Feministische Theorien zur Einführung“ von Regina Becker-Schmidt und Gudrun Axeli-Knapp.

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