Parteiausschluss.

Ach, der Angele schon wieder.

Ich hatte mich ja einst schon über seine Borniertheit beschwert, die offenbar dann zum Vorschein kommt, wenn andere darauf aufmerksam machen, dass es sowas wie wirkmächtige gesellschaftliche Ungleichheiten gibt. Nun darf mensch im Freitag seine neueste Einlassung zur Piratenpartei bewundern. White Trash nennt er das gute Stück und weist darauf hin, dass bei den Piraten nur weiße Männer drin hocken – ganz wie bei der NPD. WTF? werden sich da einige fragen und den Vergleich mit allen Parteien fordern. Da sieht es nämlich nicht viel besser aus.

Wie Antje Schrupp erst kürzlich wieder zurecht angemerkt hat, ist Parteienpolitik ein durch und durch gegendertes (ergänzend: rassifiziertes, heteronormatives) Feld, nämlich insofern, dass dort nach wie vor nach dem „euromale white hetero“ Standard gearbeitet wird. Die Parteien haben sich zwar im Laufe ihres Bestehens für Frauen (und andere Normabweichler_innen) geöffnet – weil’s ja anders kaum zu vertreten wäre, wie so ein Männerverein ein ganzes Land repräsentieren sollte – doch die Grundprobleme, nämlich die Normen und Kulturen in diesen Parteien, sind die gleichen.

Nun wäre ich sicherlich in der Pflicht, mal auf die Programme zu schauen. Ich kenne die nicht en detail, eher so im Überblick, was zumindest reicht, um eine Einschätzung zu geben: Die Themen sprechen unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen an (oder eben auch nicht). Leider wählt mensch neben attraktiveren Dingen auch immer die Katze im Sack. Emanzipative Politik ist auf Parteienebene immer an Bedingungen geknüpft, die mensch dann doch nicht unbedingt mitkaufen würde, aber ja muss, wenn mensch sich dafür interessiert, eine Partei zu wählen. Eine dezidiert queer/feministische, herrschaftskritische und antirassistische Programmatik findet sich in keiner Partei. Nicht mal in den Nischen der Kleinsten. Meist dienen solche Themen als Feigenblätter, um sich für bestimmte Zielgruppen attraktiv zu machen.

Denn wäre dem nicht so, würden das keine Feigenblätter und leisen Töne sein, ja dann würden die Parteien ja ganz anders aussehen, hinsichtlich ihrer Normen und Strukturen. Klar, gehören Grüne und Linke zu den progressiveren, aber die müssen sich nun auch nicht auf die Schulter klopfen. Parteienpolitik ist was für weiße Männer mit ausreichend Bildungsniveau. Parteienpolitik ist ein privilegiertes Feld. Parteienpolitik funktioniert wie ein Unternehmen. Die gleichen Strukturen, Werte und Normen, die sich an einer weiß-männlichen Erwerbs- und Lebensbiografie ausrichten. Wer rein möchte, darf natürlich rein, aber hat sich unter diesen Standard zu assimilieren, denn gleich sind wir ja alle und diskriminiert wird sicherlich „keiner“. Und wer nicht rein will, der_die ist eben politikverdrossen. Ganz einfache Rechnung.

Und wer sich über den Status Quo beschwert, der muss eben erstmal rein in die weiß-männliche Grotte und selbst was verändern, weil diskriminierende Strukturen eben von einzelnen Individuen, die ganz unten in der Hierarchie stehen, verändert werden müssen und nicht von der gesamten Organisation mit all ihren Mitgliedern. Mensch muss sich auffressen und all seiner politischen Kraft berauben lassen, kann da unten mal ein bisschen vor sich hin Diversity machen, während der Rest weiter in aller Seelenruhe mit soziopolitischen Scheuklappen arbeitet.

Und wenn du erst mal dem Tokenism-Effekt zum Opfer gefallen bist so als Frau/Migrant_in/Normabweichler_in, darfst du neben all deiner niedlichen Strukturmurkelei auch gleich noch die Themen bearbeiten, auf die sonst niemand Lust hat (weil Privilegien eben bedeuten, dass mensch sich Themen zur Bearbeitung aussuchen kann, die „er“ für wichtig hält) und die so wunderbar zu deiner angedichteten „Kultur“ als Frau/Migrant_in/Normabweichler_in passen. Weil Feminismus und Antirassismus doch bitte die bearbeiten sollen, die es direkt betrifft, nicht jene, die davon profitieren. Die Ergebnisse deiner Arbeit kann sich dann die ganze Partei als Gesamtleistung anheften, weil gleich sind wir ja alle und diskriminiert wird sicherlich „keiner“. Da achten wir schon drauf, dass es die „euromale white hetero“ Standardangehörigen ja nicht schlechter haben.

So verfährt auch Michael Angele, wenn er sich das Wissen, das ihm laut eigener Aussage zu borniert erscheint, mal selbst zu eigen macht, um sich mit Hilfe einer Partei gleich mal ein bisschen progressiv zu fühlen. Progressiv bedeutet in vielen Fällen leider nicht „mit Wissen glänzen“, denn sonst würde er nicht behaupten, „wie homogen unsere ach so toleranten, so liberalen ‚künstlerisch-kulturellen Milieus‘ sind“ (zu denen er sich wahrscheinlich auch selbst rechnet, wenn er nicht gerade ‚progressive‘ Artikel für den Freitag schreibt).

Denn Herr Angele, so viel Differenzierungsarbeit muss schon sein, es sind die ‚künstlerisch-kulturellen Milieus‘, zu denen sicherlich keine einzige Partei gehört, in denen Menschen, die nicht zur Norm passen (wollen), noch die meisten Entfaltungsmöglichkeiten haben. Aber wenn mensch nur in starren „euromale white hetero“ Standard-Institutionen denkt, kommt mensch da auch nicht drauf. Ich empfehle die kulturwissenschaftlichen Einlassungen von People of Color zu diesem Thema. Fangen wir mit Hito Steyerl an.

Vielleicht wäre es eh sinnvoll, sich mal eingängig mit denen zu beschäftigen, die angeblich überall mitmachen dürfen. Vielleicht würde mensch dann endlich bemerken, wie kleinteilig, selbstreferenziell und homogen die eigene Politik, das eigene Denken ist. Wenn dem nicht wieder die Privilegien einen Riegel vorschieben.

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