Slutwalks und Solidarität

Du gehst auf die Straße. In Solidarität. Vermeintlich. Denn im Grunde demonstrierst du für dich. Eigentlich.

„Männer werden auch Opfer von Gewalt.“ – „Ich gehe für Männerrechte auf die Straße.“

Wofür nochmal oder wogegen?

Für dein Recht dir im Chefsessel den Arsch breitzusitzen? Für dein Recht auf der Straße zu glotzen, zu belästigen, andere als öffentliches Gut zu betrachten? Für dein Recht auf beschissene Witze über „Weiberärsche, dicke Titten und die Fotzen, die sich zieren?“ Für dein Recht, dich zu allem äußern zu dürfen, stets gehört zu werden? Für dein Recht, in allen Bereichen als Experte zu gelten? Für dein Recht auf bare Münze? Was sind denn Männerrechte? Dass du dich nachts frei bewegen kannst, ohne einen Griff zwischen die Beine fürchten zu müssen? Dass du nie auf dein Getränk achten musst? Kennst du das, mit den Augen ausgezogen zu werden? Hat sich vor dir schon mal jemand einen runtergeholt und dabei ein ekelhaftes Grinsen aufgesetzt? Hat dich dein Chef schon mal gefragt, ob du planst schwanger zu werden oder wie es mit Kindern aussieht? Weißt du, zu welchem Zeitpunkt Brad Pitt keine „Jungfrau“ mehr war?

Männerrecht ist, nicht hinterfragt zu werden. In deinem Sein. In deiner Position. Allzeit bereit, immer bereit. Deine Triebe als Legitimation für dein Verhalten. Kommt dir nicht komisch vor, was die anderen da so quatschen, wenn sie dein Handeln versuchen zu rechtfertigen? Ich dachte immer, Männer seien die rationaleren Wesen von uns beiden!?

Ständig muss ich mir deine Weltformeln reinziehen. Erklärst mir meinen Feminismus, lässt dir aber von anderen nichts sagen. Möchtest unmarkiert bleiben, nicht fremddefiniert sein, nicht pauschal mit Urteilen belegt. Gehörst ja nicht zu denen. Verletzt bist du dann. Willkommen in meiner Welt.

Vielleicht sollten wir uns zusammenschließen. Gibt da ja auch so coole, unterstützende Theorien. Vielleicht machen Weiblichkeit und Männlichkeit auch gar keinen Sinn. weg damit. Solidarisch gegen dieses Heterodingsda und Zwangszweierlei. Dichotomien my ass. Ja, da sind wir uns einig. Gemeinsam feminismusst es sich auch viel besser.

Queer, hab ich gelernt, ist das neue schwarz. Viel inklusiver. Macht. Sinn. Frauen. Wer braucht die denn? Lassen sich eh nicht kategorisieren die Menschen. Ausschlüsse waren gestern. Ach du auch? Naja, sieh an. Schick, wie wir zwei hier so rumqueeren und vor uns hinqueeren und alles durchqueeren. So viele nette Leute.

Auf dem Nachhauseweg holt sich ein Typ neben mir einen runter. In der Bahn werde ich angestarrt, ich vergewissere mich, ob ich mir nicht doch zwischenzeitlich diese Sexyness übergezogen habe. Stilettos vielleicht? – Nö. Alles wie immer. Ich steige aus und: Pfeifen. Immer dieses Pfeifen. „Lesben!!! geil!!!“ – Ja denk ich mir auch manchmal. Sag ich aber nicht so laut.

Paradox – ich kann mich noch nicht mal selbst ausreichend bezeichnen und bekomme von anderen ständig Identitätsmarker auf den Hintern geklebt. Bin ich laut, heißt es Mannsweib, Emanze, Butch, Schlampe, Fotze, Bitch. Bin ich leise, bin ich Wichsobjekt von und zu Jedermann. Ganz vornehm eigentlich und irgendwie postmodern. Dieses zwischen den Identitäten hin und her wechseln.

Wollen wir mal tauschen?

Kompensation suchen. Theorien auffressen. Alles erklären können. Mit Weltformeln jonglieren, um deine endlich in den Müll werfen. Und dabei immer differenzieren. Ganz wichtig. Nicht dieses Universalismusding fortsetzen. Fortwährend reflektieren. Sich, andere, sich Anderem und anderen öffnen, sich Neuem zugänglich machen. Beine breit für die Unangreifbarkeit.

Boah, wie anstrengend auf Dauer. Bloß nicht nach draußen gehen. Keine Frischluft. Die ist verpestet mit all dem -Ismus. Atmen wir die gleiche Luft?

Diese Wut immer, diese unglaubliche Wut. Da sitzt eine hinter ihren Büchern und denkt sich das Hirn blutig. Wie könnte, wenn man wollte? Und ginge dies nicht noch irgendwie anders? Du musst das und jenes bedenken. Ja muss ich. Ding Dong! Ach, da war ja noch was. Die Realität. Vielleicht ein Gläschen gefällig? Im Abgang: Beigeschmack.

Und dann steh ich da. Mitten auf der Straße. Nackt. Und werde angestarrt. Immer dieses Starren. Und die Bücher gleiten mir aus den Händen. Macht. Keinen Sinn. Du bist nicht ich. Niemals. Das kannst du queeren, wie du willst.

Ein Mann ist ein Mann ist ein Mann. Was du sein willst und was du bist, sind zwei unterschiedliche Dinge. Du bist die Struktur, von der du profitierst. Du bist die Schublade, in die du geworfen wirst. Das kannst du queeren, wie du willst.

Absicht? Nein.

Will nur sagen: Deine Solidarität hilft mir nicht. Hilft mir nicht bei Blicken, Worten, Taten. Hilft mir nicht aus Strukturen auszubrechen, hilft mir nicht die richtigen Worte zu finden, denn Widerrede und Dominanz sind allgegenwärtig. Auch deine.

Was vielleicht hilft: Sich mal kurz sein lassen. Um die Zeit finden, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ruhe, etwas mehr Gelassenheit, Wut in Kraft umwandeln. Sich mit sich selbst beschäftigen. Mit den eigenen Dominanzen, Privilegien, Bildern, die uns umgeben, Rollen, die uns vorgelebt und Schranken, die uns auferlegt werden. Wir können nicht für andere sprechen, auch wenn wir das „über“ schon längst vergessen haben. Der Solidarität wegen.

Männer sind auch nur Menschen.

Geh‘ nicht für Menschen auf die Straße. Die gibt es nicht. Das kannst du queeren wie du willst.

Was ich jetzt tun gedenke? Meine Bücher rauskramen und mich in Widersprüchen, Differenzen und Differenziertem verlieren. Mich in Widersprüche, Differenzen und Differenziertes verlieben. Draußen hält man es ja kaum aus.

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