Check (5)

Hallo, ich lebe noch. Das hat mich interessiert:

– im Tagesspiegel gibt es heute eine Diskussion um das Homosexuellen-Denkmal in Berlin. Demnächst sollen nicht mehr küssende Männer, sondern küssende Frauen zu sehen sein. Es regt sich Widerstand gegen dieses Vorhaben, weil lesbische Opfer der NS-Zeit offenbar nicht belegbar seien. Belässt man es bei reinen, nackten Todeszahlen, wird deutlich: mehr Schwule mussten um ihre körperliche Unversehrtheit unter Hitler fürchten als Lesben. Doch ein Gedenken an homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus sollte nicht so pragmatisch vorgehen, wenn es bei der Wahrheit bleiben will.

Noch perfider wirkt diese Gegenwehr, wenn man bedenkt, dass Lesben bis heute häufig nicht als solche wahrgenommen werden, weil die Sexualität von Frauen über den Geschlechtsakt mit Männern definiert wird. Frauen wird häufig keine eigene Sexualität zugestanden und damit auch keine selbstermächtige Form einer sexuellen Identität. Männliche Definitionsmacht und Sexismus at it’s best. Letztlich ist damit auch nicht den schwulen Opfern geholfen und die Diskussion führt dazu, dass Opfer von Diskriminierung und Gewalt gegeneinander aufgerechnet und ausgespielt werden.

Ich habe ein paar Texte zusammengesucht, die belegen, dass die historische Wissenschaft noch einige Lücken zu füllen hat und dass Lesben ebenso wie Schwule von den Nazis als „verfolgungs- und vernichtungswert“ eingestuft wurden.

Anke Metzing: „Lesben wurden ermordet und ihre Identität wurde von einem Staat vernichtet, in dem weibliche Sexualität mit der Gebärmaschine Mutter gleichgesetzt und autonome weibliche Sexualität geleugnet wurde.“

Chantal Louis: „Eine weitverbreitete Strategie: Viele homosexuelle Frauen gehen jetzt Scheinehen, sogenannte ‚Josefsehen‘ ein – manchmal mit homosexuellen Freunden, aber auch mit heterosexuellen Männern, die nichts von der ‚Vergangenheit‘ ihrer Gattin wissen und selbstverständlich die Erfüllung ‚ehelicher Pflichten‘ erwarten.“

Cora Mohr/Doris Seekamp: „Auch in der antifaschistischen Literatur wird das Widerstehen und der Widerstand lesbischer Frauen gegen den Nationalsozialismus nicht erwähnt. Das bedeutet nicht, dass es dies nicht gegeben hat, sondern allenfalls, dass dieser weibliche Lebensentwurf nicht akzeptiert und aus diesem Grund nicht benannt wurde. […] Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde in der damaligen rechtlichen Definition von Homosexualität diese auf sexuelle Akte reduziert bei gleichzeitiger Asexualisierung von Frauen.“

Claudia Schoppmann: „Dadurch, dass lesbische Frauen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit als „sozial ungefährlicher“ als homosexuelle Männer bewertet wurden und eine Disziplinierung ohne systematische strafrechtliche Verfolgung möglich schien, gibt es, wie bereits angedeutet, kaum NS-Quellen über sie bzw. über das diesbezügliche Vorgehen des Regimes.“ (Claudia Schoppmann gehört neben Ilse Kokula zu den wenigen deutschsprachigen ForscherInnen, die sich diesem Thema ausführlich widmen).

Gudrun Hauer: „Die Einstellung der wissenschaftlichen wie politischen Untersuchungsoptik auf den Ort Konzentrationsoder Vernichtungslager vernachlässigt jedoch zum einen die anderen Kategorien erfaßbarer und durch die historische Forschung nachvollziehbarer und vor allem beweisbarer Verfolgungsmuster, zum anderen können durch sie nicht mehr folgende Fragen gestellt, geschweige denn untersucht werden: Könnte so etwas wie ein ’normales lesbisches Leben‘ während der NS-Zeit überhaupt möglich gewesen sein?“

Nicht zuletzt ist dieses Denkmal nicht nur ein Mahnmal, sondern soll „stellvertretend ein Zeichen gegen anhaltende Diskriminierung von Schwulen und Lesben setzen„. Vielen Dank an Sylvia, Svea und NurGedanken für die Hinweise.

Weiter gehts.

– Im Freitag schrieb Benjamin Laufer vor einer Woche über den schweren Stand der Gender Studies in Deutschland. Ein Grund mehr, sich der akademischen Laufbahn zu widmen ;-) Auch an der FU Berlin, wo ich Gender & Diversity studiere, ist von Exzellenzinitiative wenig zu spüren. Hier und da wird gemunkelt, dass sich die Unis gern mit solchen Studiengängen schmücken, um im internationalen Vergleich vor Peinlichkeiten bewahrt zu bleiben, aber das war’s dann auch schon, es werden keine bis kaum Gelder zur Verfügung gestellt, Professuren gestrichen, ProfessorInnen nicht ernst genommen oder an den Rand gedrängt. (via ihdl)

Außerdem kann man sich jetzt wieder für das WS 10/11 bewerben. Hurtig, hurtig.

– schon etwas länger her, aber wer sich für eine queerfeministische Genderanalyse des aktuellen LadyGaga-Videos interessiert, der sei zum Genderblog geführt.

– Zum Abschluss etwas Weihrauch: http://maedchenmannschaft.net/der-richtige-sender-im-digitalen-grundrauschen/

3 Kommentare

  1. Im dritten Satz ist dir etwas durcheinander geraten: „Es regt sich Widerstand gegen dieses Vorhaben, weil es lesbische Opfer der NS-Zeit offenbar nicht belegt seien. “

    Im übrigen sollten sich in dem Mahnmal-Film unbedingt auch Lesben küssen.

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