Das N-Wort

”Ich erinnere mich daran, dass (mein Freund) eine Klavierlehrerin hatte und ich ihn nach seiner Stunde abholte, und diese Klavierlehrerin hatte ein kleines Mädchen. Das kleine Mädchen fing an zu reden: ”Die schöne N, und wie toll die N aussieht! Und die schönen Augen, die die N hat! Die schöne Haut, die diese N hat… ich will auch N sein!” (…) ich hörte immer wieder nur dieses eine Wort: N, N, N, wieder und wieder…”

[…]

Natürlich könnte man festellen, dass das junge weiße Mädchen, ein Kind, weder rassistisch noch brutal ist, da sie ja nur neugerig ist und keine schlechten Absichten hat. Jedoch müssen wir uns fragen: Warum wird die Erfahrung der Schwarzen Frau als irrelevant oder peripher betrachtet und das weiße Mädchen verbleibt im Zentrum des Interesses? Ist das eine Strategie, um die Schwarze Perspektive und Erfahrung als bedeutungslos darzustellen? Oder ist es gar eine Form der Legitimierung von Rassismus? Sollten wir uns nicht fragen, warum es leichter erscheint mit dem abfällig redenden weißen Mädchen zu sympathisieren, als mit der Schwarzen Frau, welche gedemütigt wurde? Wir sollten auch fragen, ob jene, die das kleine Mädchen verteidigen, auf subtile Weise nicht eigentlich sich selbst verteidigen, denn ist nicht das, was die Kinder sagen, Teil der Ansichten ihrer Eltern?

Zitat aus dem Essay „Das N-Wort“ von Grada Kilomba, erschienen in Plantation Memories – Episodes of Everyday Racism

Anmerkung: Im oberen Zitat schreibt Kilomba das N-Wort aus. Ich habe es im Nachhinein auf seinen Anfangsbuchstaben reduziert.


Wer wissen will, wie Rassismus und die Diskussionen darüber funktionieren, sollte Kilomba lesen. Wer nicht wissen will, wie Rassismus und die Diskussionen darüber funktionieren (geschweige denn eine diskriminierungsfreie Moderationskultur), sollte Spreeblick lesen.

7 Kommentare

  1. Ich will wissen, wie Rassismus funktioniert. Weil ich grundsätzlich gerne wissen mag, wie Dinge funktionieren und noch lieber, was Menschen so meinen, wenn sie Dinge sagen, lese ich aber auch so Diskussionen wie die von Spreeblick. Und weil zum Lernen dazugehört, dass man ein ehrliches Interesse an verschiedenen Perspektiven hat, scheue ich mich nicht, jenseits ideologischer Vorbehalte mal nachzusehen, was es überhaupt an Meinungen so gibt. Auf die Gefahr hin, frustriert mit dem Kopf zu schütteln. Und mir dann meine eigene Meinung zu bilden.

    Jedenfalls bin ich froh, mal wieder meiner Neugier und einem unverhofften Link gefolgt zu sein. Kannste mal sehen, was man so alles findet in diesem Internetz. Viel Zustimmung zum Beispiel. Aber auch ein Bekenntnis: Aus dem, was ich von Kilomba nach kurzer Lektüre mitbekomme, kann ich sicherlich etwas über eine Opferperspektive des Rassismus lernen. Aber mit Bestimmtheit nicht dessen Phänomenologie als Ganzes erschließen.

  2. Oh, ich glaube, es ist zu einfach, Kilombas Texte auf die Darstellung der Opferperspektive zu reduzieren. Kilombas Texte zeichnen ein umfassendes Bild davon wie Rassismus von damals bis heute funktioniert – bei Tätern und Opfern.

    Insofern stellen ihre Ausführungen ein viel umfassenderes und kenntnisreicheres Basiswissen zum Rassismus dar, als Spreeblick mit seinen Texten und Diskussionen, die zum Teil dasselbe transportieren, was angeblich diskutiert/kritisiert wird. Da wird keine andere Ansicht diskutiert, da wird Unwissen reproduziert und rassistische und diskriminierende Äußerungen werden nicht erkannt und/oder unkommentiert stehengelassen.

    Von Phänomenologie in dem Zusammenhang zu sprechen, halte ich für etwas zu kurz gegriffen, spielt sich Rassismus auf viel mehr Ebenen ab.

  3. Da haben wir dann wohl doch eine echte Meinungsverschiedenheit, was unsere Bewertung von Kilombas Texten angeht. Umfassend sind sie sicher nicht. Vor allem entgeht ihr (und dir, wenn du dich dem verschließt) der Erkenntnisgewinn der anderen Binnenperspektive auf den Rassismus:

    Wenn du die Beweggründe und Weltsicht hinter den verschiedenen Spreeblickkommentaren nicht im Hinblick auf deren Ernsthaftigkeit des Argumentes „X kann doch kein Rassismus sein“ respektierst, kannst du die Mechanismen nicht nachvollziehen, die Alltagsrassismus so tief in der Gesellschaft verankern.

    Ich hatte zu diesem sperrigen Thema bereits versucht, die psychologische Notwendigkeit von Diskriminierung und daraus resultierenden strukturellen Benachteiligungen für willkürlich abgegrenzte Bevölkerungsgruppen aus dem wissenschaftlichen Diskurs in eine Alltagssprache zu übersetzen. Rassistische Diskriminierung gibt es auch ohne Kolonialdiskurs.

    Eine Nachfrage sei gestattet: Welche Ebene konkret entgeht einer Phänomenologie des Rassismus?

  4. Findest du, dass Kilomba eine Binnenperspektive hat? Ich finde, sie denkt beides gleichzeitig: weiß und schwarz. Dazu ist sie als schwarze Frau sowieso verdammt. Ob sie will oder nicht.

    Ich respektiere die Ernsthaftigkeit der nicht enden wollenden Naturalisierung, Hierarchisierung und Verharmlosung von Rassismen und Rassifizierung. Habe auch nie etwas anderes behauptet. Die Mechanismen, die dazu führen, arbeitet jedoch nicht Spreeblick heraus, im Gegenteil. Die Mechanismen, die dazu führen, arbeiten andere heraus. z.B. auch Kilomba.

    Den Satz mit der psychologischen Notwendigkeit verstehe ich nicht. Kannst du nochmal erläutern, wie psychologische Notwendigkeit und Diskriminierung zusammenhängen?

    Ebenso musst du mir erklären, wie Rassismus ohne kolonialen Diskurs funktioniert bzw. NICHT auf ihn implizit oder explizit zurückgreift.

    Zur Phänomenologie: so wie ich den Begriff verstehe, fehlen bei ihm die Ebenen Struktur und Identität.

    Zu deinem verlinkten Text: Der passt mir in der Gänze nicht, weil er viele Mechanismen leugnet, weil er Begrifflichkeiten nicht hinterfragt bzw. Begriffe in falsche Kontexte setzt (Psychologie? Natur?), weil er alles durcheinanderwuddelt, was dir zu dem Thema eingefallen ist. Und weil er rassistische Sprache gebraucht. By the way gibt es fruchtbare Anti-Rassismusbewegungen mit ähnlicher Durchschlagskraft wie der des Feminismus, nur in der Wahrnehmung tritt diese Bewegung anders in die Köpfe oder eben auch nicht. Und jetzt überleg dir mal, wieso :)

    Ich kann dir wärmstens diesen Text empfehlen, den ich gerade fertig gelesen habe: http://www.tu-harburg.de/agentec/winker/pdf/Intersektionalitaet_Mehrebenen.pdf

    Sorry, dass es für eine explizite Auseinandersetzung nicht reicht, aber ich möchte mir nicht anmaßen, schon so fit in diesen Themen zu sein. Ich weiß nur, was mir mein derzeitiger Kenntnisstand durch wissenschaftliche Literatur sagt und der beißt sich ganz eindeutig mit deinen Ansichten.

  5. Hab schon in den Text reingelesen – und möchte davor warnen, dass „die Forschung“ nicht existiert, sondern verschiedene Diskursräume innerhalb der Forschung, die teilweise trotz „gleicher“ Anliegen und Disziplin voneinander keine Notiz nehmen. Speziell im Feminismus, der als Wissenschaft von seinem politisch motivierten Lagerdenken ohnehin schon geplagt ist:

    (Descarries, Francine (2003): The Hegemony of the English Language in the Academy: The Damaging Impact of the Sociocultural and Linguistic Barriers on the Development of Feminist Sociological Knowledge, Theories and Strategies. Current Sociology. Vol. 51 No.6 pp. 625-636)

    Mein Text soll gerade aufzeigen, wie viele Einflüsse im Rassismus durcheinander laufen. Da machen es sich manche Wissenschaftler im Gender-Bereich schon verdammt leicht, wenn sie geradezu autistisch selbstreferenziell eben nicht offen kursierende Hypothesen diskutieren, sondern sich auf einige wenige beschränken.

    Diskriminierung (ich habe in meinem Artikel bewusst den Begriff uminterpretiert – schau mal im Englischen „discriminate against“ vs „discriminate between“) beruht auf der psychologisch notwendigen Kategorisierung von Dingen. Der Mensch kategorisiert jedes Datum seiner Umwelt, er strukturiert so ein Modell der Welt in seinem Gehirn. Kategorisierung ist ein Mechanismus, der völlig unbewusst abläuft und absolut notwendig für abstraktes denken, dem erlernen von Sprache und dem Erkennen von Gegenständen ist. Kategorisierung bedeutet Unterscheidung. Schwarz. Weiß. Das ist psychologische Realität. Erst die semantische Aufladung der Begriffe mit Werturteilen schafft das Problem.

    Die Mechanismen arbeitet Spreeblick nicht heraus, aber wenn du die dort auf dem Präsentierteller liegenden Untersuchungsgegenstände ignorierst, statt sie zu sezieren, kommst du aus der Selbstreferenz bereits existierender Diskurse nicht heraus. Die Transferleistung muss natürlich erst noch vom Beobachter erbracht werden.

  6. dann solltest du wirklich nicht nur reinlesen, sondern auch weiterlesen, bevor du dein statement abgibst, denn den beiden damen aus dem text ist sehr wohl bewusst, dass es DIE forschung nicht gibt und wo das problem von gender und queer studies liegt. oder ich hätte dazuschreiben sollen, in welchen forschungskontext der text eingebettet ist.

    das problem, was du ansprichst, nämlich dem der theoretischen reduktion von mechanismen, macht der intersektionalitätstext deutlich. hierzu von mir also keine ausführungen.

    psychologisch UND soziologisch. es muss beides zusammengedacht werde. dass du den begriff diskriminierung uminterpretiert hast, ändert nichts an der tatsache, dass er im deutschen sprachgebrauch eine völlig andere konnotation aufweist (demnach unbrauchbar als wertfreier begriff der „unterscheidung“) und nicht jeder diskriminierender mensch (ganz gleich welche konnotation) ein rassist ist.

    nochmal: ich ignoriere nichts. ich habe lediglich gesagt, dass spreeblick kein „wissenswertes“ wissen zu rassismus vermittelt, sondern im gegenteil rassismus tradiert. bitte nicht meine ausführungen im mund umdrehen. eine von dir unterstellte transferleistung findet by the way leider in den seltensten fällen statt.

  7. Habe den Text nun konzentrierter gelesen (hätte auch vorher schon deinem Einwand zugestimmt, dass sich der Text mit einem Problem der gender studies beschäftigt) und stehe weiter zu meiner Aussage. Zwanghaft das letzte Wort zu behalten liegt mir fern, deswegen verbleibe ich an dieser Stelle lieber mit bestem Dank für die gebotenen Ansichten und hoffe, an anderer Stelle später einmal anknüpfen zu können.

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