Noch viel zu wenig beachtet: Klassismus

Klassismus, Classism, Sozialchauvinismus, Wohlstandschauvinismus, Sozialimperialismus, etc. sind Begriffe, die auf ein Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis hinweisen, Machtverteilungen aufzeigen, die mit sozialer Herkunft, Status, Stand, Klassenzugehörigkeit, soziale Position innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, Ökonomie und weiteren Dingen zu tun haben. Wie das in den kritischen Wissenschaftsfeldern so ist, wo noch immer über die Bedeutung von Begriffen wie Dominanz, Hegemonie, Macht und Herrschaft gestritten und keine Einigkeit erzielt wird (ich hänge da auch an vielen Stellen), ist es auch in diesem Bereich nach wie vor nicht eingängig, ob von Klasse oder Schicht gesprochen werden soll, an einigen Stellen findet sich auch Milieu. Je nach theoretischer Herkunft und Zielsetzung des Wissenschaftsfeldes finden unterschiedliche Herangehensweisen an diese Riesenthematik statt. Ein gutes Einführungsbuch haben Andreas Kemper und Heike Weinbach geschrieben. Kemper betreibt ebenfalls das Blog The Dishwasher – Das Magazin für studierende Arbeiterkinder.

Zum ersten Mal wirklich in Berührung gekommen mit der Thematik bin ich über das immer viel zitierte angeblich anarchistisch organisierte Internet gekommen, wo alle mitmachen können. Abgesehen von anderen Hindernissen, die ein „alle“ ad absurdum führen, wurde mir da bewusst, dass weder „alle“ die Hardware dafür besitzen geschweige denn sich einen DSL-Anschluss leisten können (oder mobiles Internet auf einem mobilen Endgerät) oder die nicht die Möglichkeit haben, an Diskursen teilzunehmen, weil sie viel mehr als bspw. ich in Produktions- und Reproduktionsarbeit eingebunden sind. Nach wie vor findet darüber keine Diskussion in den netzpolitischen Kreisen statt, zumindest keine die über Freies W-Lan für alle hinausgeht. Produktionsbedingungen und Privilegien im Zusammenhang mit Technik werden kaum thematisiert. Als ich in diesem Jahr zusammen mit Helga und Magda von der Mädchenmannschaft einen Vortrag zu Cyberfeminismus auf der re:publica hielt, sprachen wir diese globalen Produktionsbedingungen an, die Achse zwischen Nord-Süd, doch die Diskussion wechselte schnell die Richtung hin zu „Aber guck doch mal die nordafrikanischen Revolutionen, die hamm doch auch alle Internet“ oder „Die verdienen in den Fabriken von Apple doch trotzdem mehr als woanders“. Natürlich gab es auch Bewusstsein für die Thematik, aber irgendwie war das alles diffus, Expert_innen und Nicht-Expert_innen sprangen hin und her. Vielleicht ist die re:publica als Techie/Geek/iPhone-Privilegienbubble mit ihren horrenden Eintrittspreisen auch gerade _nicht_ der Ort, wo sowas überhaupt vernünftig diskutiert werden kann.

Da ich selbst kein Crack auf dem Gebiet „Kritik an der global organisierten kapitalistischen Ausbeutung“ bin (wahrscheinlich aufgrund meiner eigenen sozialen Position auch nicht zwangsweise muss), ist für mich ein einfacherer Einstieg in die Thematik die Beschäftigung mit den eigenen Privilegien in diesem Zusammenhang und das Klein-Klein des täglichen Alltagsbullshits. Der oben verlinkte Blog von Kemper bringt schon viel Erhellendes mit sich, auf Straßen aus Zucker, ein linkes Magazin, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet, kann mensch auch viel Interessantes und Erklärbär_innenmäßiges zum Thema finden.

Noch ein weiteres sehr empfehlenswertes Blog ist Class Matters von ClaraRosa. ClaraRosa ist ein_e sogenannte_r Poverty Class Academic, die_der sich viel mit linkem Aktivismus, Wissenshierarchien, Konsumkritik, DIY-Problematiken und Privilegien beschäftigt. Das Tolle an den hier verlinkten Seiten ist der Fakt, dass sie keine wissenschaftliche Lektüre voraussetzen. Also auch das Privileg mitdenken, Zeit und andere Ressourcen aufbringen zu können, sich die dicken Wälzer um Politische Ökonomie und das Kapitalverhältnis reinzuziehen und in der Gänze durchdringen zu können.

Besonders fabelhaft ist das Audiostück, das ClaraRosa zusammen mit Margret Steenblock konzipiert und eingesprochen hat zu Klassismus und Privilegien.