Die ach so tolle feministische Blogosphäre.

Seitdem ich dieses Blog hier betreibe, gab es einige Hetz- und Einschüchterungskampagnen gegen meine Person. Initiiert von Udo Vetter, Malte Welding, Katrin Rönicke, Marco Herack (@mh120480), Don Alphonso, um mal bekanntere Namen zu nennen, die vielen ein Begriff sein dürften, die täglich im Netz unterwegs sind. Seit einiger Zeit ist es so, dass jedes Mal (und wirklich jedes Mal), wenn ich einen Blogeintrag oder Text veröffentliche, sei es hier, bei der Mädchenmannschaft oder anderswo, mein Geschriebenes bewertet und verzerrt wird. Wahlweise entscheiden sich diese und andere Leute dann dazu, meine gesamte Persönlichkeit vor ihrem lefzenden Publikum auszubreiten, auf einmal spielt meine Sexualität eine Rolle oder mit welchem Geschlecht ich mich arrangiere, wie ich lebe, was mir lieb und teuer ist. Alles wird begafft, bewertet, kommentiert, ins Lächerliche gezogen – gerne großzügig öffentlich. Manchmal bekomme ich grenzüberschreitende Mails, manchmal wird meine Attraktivität bewertet, manchmal fallen Worte wie Sekte, Gestapo, totalitär oder faschistoid, manchmal geben sich diese und andere Leute andere Nicknames und versuchen hier zu kommentieren. Leider so ungeschickt, dass ich anhand der Inhalte der Kommentare sehe, dass sie nur von bestimmten Personen bzw. deren sozialen Umfeldern kommen können.

Die erste öffentliche Hetzkampagne gegen mich hatte ich 2008, als ich noch für den Tagesspiegel arbeitete und PI News auf einen meiner Artikel aufmerksam wurde. Meine Adresse wurde veröffentlicht, mein Blog, Fotos, mein Privatleben usw. Alles, was sich bis dato über Google über mich finden ließ. Ich bekam Mails und Kommentare, die sexistisch, frauenfeindlich, homophob waren, es wurde mir mit körperlicher und sexualisierter Gewalt gedroht. Ich musste mein Blog für eine Woche lang offline nehmen, wir schalteten den Hausanwalt ein, kontaktierten Google, dass die Einträge von PI News nicht mehr auffindbar sein sollten, wenn mein Klarname bei Google eingegeben wird. Das hat alles nichts gebracht. Ich kam zu dem Entschluss, dass das Einzige, was in diesem Fall hilft, ist: Nicht aufzugeben. Sich nicht einschüchtern zu lassen, weitermachen. Also nahm ich das Blog wieder online, veröffentlichte weiterhin Kommentare, Texte, Artikel unter Klarnamen, gab meinem Blog ein Impressum, in dem meine Adresse steht.

Als ich anfing, mich vermehrt mit feministischen Perspektiven in meinen Texten auseinanderzusetzen, ging es weiter mit diesen Anfeindungen und Drohungen. Dieses Mal waren die Maskulisten am Zug. Später kamen Piraten dazu. Es war nicht mehr nur das Blog und mein Mailpostfach, das unter Beschuss stand, auch über Facebook und Twitter gingen die gewaltvollen Kommentierungen los. Bis heute halten die Versuche an, mich bloßzustellen und zu diffamieren. Nur sind es heute nicht mehr nur Piraten und Maskus, sondern eben auch in der Mehrzahl(!) Menschen, die sich für liberal, aufgeklärt und tolerant halten. Oder eben auch für feministisch.

Meine eigenen Perspektiven haben sich in den vergangenen vier Jahren verschoben, ich bin radikaler in meinen Ansichten geworden, habe meinen Fokus erweitert. Sicherlich tappe ich bei vielen Dingen im Dunkeln, muss dazulernen, bin auch mal für Kackscheiße und Ausschlüsse verantwortlich. Was bei all dem geblieben ist, dass die Anfeindungen, die ich bekomme, die gleichen sind: Radikale Lesbe, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und ein „Klima der Angst“ verbreitet. Valerie Solanas in einer anderen Zeit. Männerfeindin durch und durch. Emanze. Faschistin. Zugehörig zu einer imaginären Sekte, die Definitionshoheit besitzt und das Leben von anderen empfindlich einschränken kann.

Mit den Jahren musste ich mich zwingen, dass ich mir diese Anfeindungen und Gewaltandrohungen, dieses lächerlich-machen meines Lebens, meiner Perspektiven, diese Hegemonieversuche der anderen nicht zu sehr zu Herzen nehme. Nicht in eine Opferhaltung zu verfallen, auch wenn ich es mir mittlerweile leisten könnte. Immer wieder diese kleinen Nischen des Empowerments zu suchen, Rückzugsräume, Diskussionsräume, in denen sich Menschen aufhalten, denen Machtverhältnisse auch ziemlich auf die Nerven gehen. Ich musste mich zwingen, all das Lob zu sehen, dass ich und andere tolle Menschen in diesem Internet bekommen für unsere Arbeit, aus jeder Kritik noch etwas Konstruktives zu ziehen, damit es weitergeht – auch mit mir und meinen politischen Praxen. Nicht stehen zu bleiben und das Handtuch zu werfen. Nicht die eigenen Abwehrreflexe zu groß werden zu lassen, damit Menschen nicht vor den Kopf gestoßen werden, die mit denen, die Hetzkampagnen gegen (radikalere) Feminist_innen lieben, nichts zu tun haben (wollen). Das fällt mir nicht immer leicht, manchmal verzweifele ich daran auch. Aber dann gibt es diese tollen Menschen und diesen Zuspruch und den Anspruch an sich selbst, die Verzweiflung nur als kurze Verschnaufpause zu sehen. Weil ich es mir eigentlich ziemlich oft leisten kann, nicht zu verzweifeln.

Die Ereignisse rund um den Geburtstag der Mädchenmannschaft markieren einen erneuten Punkt in meinem politischen Dasein. Mir wurden eigene Fehlstellen vor Augen geführt, ich habe Menschen beschissenen Situationen ausgesetzt, die meine Freund_innen und politischen Verbündeten sind. Ich bin nicht eingeschritten, wo es nötig gewesen wäre, ich habe viele Dinge gar nicht auf dem Schirm gehabt. Das ist scheiße und dafür übernehme ich Verantwortung. Ich habe mich in der letzten Zeit mit eigenen Texten zurückgehalten, weil interne Prozesse höhere Priorität hatten, auch weil mich die Ereignisse und mein eigenes Verhalten dazu haben an vielen Dingen zweifeln lassen. Außerdem wollte ich die Gelegenheit nutzen, einen Schritt zurückzutreten, zu reflektieren und das alles in den Prozess einbringen zu können. Die letzten Wochen waren nicht minder ruhig, sie waren nur weniger öffentlich. Eigentlich hätte mir das gut tun sollen, die Zeit zu haben, ohne dass meine Person unnötig im Mittelpunkt irgendwelcher Leute steht, die sich mit Machtverhältnissen und ihren Auswirkungen schlicht nicht konstruktiv beschäftigen wollen.

Leider ist das Gegenteil eingetreten und jeder Schritt, nicht nur von mir, wurde und wird weiterhin auf’s Schärfste beobachtet, auch von einigen Personen, die ich oben benannt habe. Mein Name fällt nun noch häufiger als sonst in irgendwelchen Kommentarspalten, auf Twitter oder in anderen Blogtexten. Das dicke Fell muss nochmal aufgeflauscht werden.

Was mich derzeit besonders ärgert, ist die Tatsache, dass das, was vor wenigen Wochen noch Anlass zur Kritik war, nun offenbar droht, unterzugehen. Die Kritik an rassistischen Strukturen und weißen Dominanzen innerhalb feministischer Kontexte. Stattdessen werden wieder einmal persönliche Befindlichkeiten ausgebreitet, es lüstet nach Sensationsgier und Daily-soap-reifen Verwertungen von wichtigen politischen Prozessen, die – so meine ich – das erste Mal überhaupt in der feministischen Blogosphäre eben durch die Mädchenmannschaft einen größeren Raum bekommen. Das ist schmerzhaft, das ist unangenehm, das macht keinen Spaß, das macht keine_n Held_in aus dir. Aber so soll das auch. Ich kann damit leben. Ich kann auch mit den Anfeindungen leben, die von Leuten kommen, die nicht an diesem Prozess teilhaben wollen oder ihn nicht für nötig erachten. Womit ich mich nicht arrangieren kann: Dass Rönicke, Herack, Welding und ihre Gesinnungsgenoss_innen Gewalt ausüben. Gegen Freund_innen und politische Verbündete. Dass viele, von denen ich mehr erwartet hätte, das unwidersprochen passieren lassen und dadurch mittragen. Und was das eigentlich über die ach so tolle feministische Blogosphäre aussagt.