#aufschrei – oder: Solidarität ist ein Prinzip, das von oben nach unten funktioniert.

noch immer bekomme ich nicht ganz auf die reihe, welche wellen die #aufschrei aktion schlägt. ich glaube, das letzte mal, als mainstream-medien so groß und breit über sexismus berichtet haben, waren die slutwalks 2011 im gange. auch da brauchte es wie jetzt einen großen aufhänger – bekannte typen. an dem fakt ist erstmal nichts auszusetzen, ist doch gesellschaft androzentristisch und heterosexistisch strukturiert. ich frage mich allerdings, was das für queer_feministische interventionen bedeutet oder bedeuten kann und warum die debatte sich immernoch darum dreht, ob sexismus existiert und nicht näher beleuchtet, wie genau sexismus funktioniert. das von malestream-medien keine tiefergehende analyse zu erwarten ist, ist geschenkt, doch was können queer_feministische interventionen dahingehend leisten und wer trägt welche verantwortung in diesem diskurs und in diesen interventionen?

gestern habe ich mir die jauch-sendung zum thema angesehen und war amüsiert bis überrascht. einerseits hatte ich nicht erwartet, dass sich koch-mehrin und schwarzer so gut schlagen. @marthadear, die als initiatorin der #aufschrei-kampagne vorgestellt wurde, hatte es unglaublich schwer, sich durchzusetzen und an vielen stellen musste ich grinsen, weil ihr gesichtsausdruck bände sprach. wer konnte es ihr verdenken? ich habe respekt vor femi_nistinnen, die es mit den medien auf sich nehmen, wo der rahmen gesteckt ist und wo für viele leute, die jahrelang in dem feld aktiv sind, klar ist, was am ende dabei herausspringt – eigentlich nichts. die sendung bot allerlei unterhaltungspotenzial bezüglich des eklatanten unwissens von karasek, bruhns und jauch. osterkorn nahm immerhin seine redakteurin in schutz, sagte ein paar kluge sachen, die ich von einem typen in seiner position nicht erwarten würde, mansplainte hier und da und ließ es sich nicht nehmen, rassistische diskurse zu bedienen. @marthadear ist 31 jahre alt, wurde ständig bei ihrem vornamen genannt, während die anderen herr und frau sowieso angesprochen wurden, bekam in der bauchbinde nicht den status zugesprochen, den schwarzer erhielt, nämlich sich nicht nur als feministin zu bezeichnen, sondern auch eine zu sein. hier wurde klar, welche rolle anne wizorek zugedacht wurde, sie hatte eine von diesen jungen frauen zu sein, die sich aufregen, aber nicht weiter agency (handlungsmacht) besitzen oder sich in eine geschichtliche widerstandstradition stellen, in der auch schwarzer steht. als feministin wurde sie nicht ernst genommen und war die stellvertreterin für tausende menschen, die sich tag ein tag aus mit sexismus kritisch auseinandersetzen. ich halte es da mit einer twitter-userin, die nach der sendung schrieb, dass es eine gute taktik des patriarchats sei, strukturen auf einzelpersonen zu verharmlosen. schwierige rolle für wizorek, an dem, was sie sagte und wie sie es sagte, wurde für mich sehr deutlich, dass ein souveräner umgang mit medien und seinen vertret_erinnen kaum möglich ist. mit souverän meine ich an dieser stelle, dass das gesagte nicht untergeht, reinhaut wie eine bombe (und nicht nur für mich als geübte und kennerin vieler feministischer standpunkte, sondern für den großteil der zuschau_erinnen) und vielleicht einige menschen sensibilisieren kann.

radio und tv sind dahingehend meines erachtens nach verlorene felder, weil ein_er so gut wie kaum bestimmen kann, was gesendet wird, wie geschnitten wird, wer noch befragt wird, kaum reaktionszeit für fragen bleibt, wenn die fragen überhaupt im vorfeld bekannt sind.

schriftliche interviews und stellungnahmen oder auch das lancieren von eigenen inhalten finde ich da wesentlich gewinnbringender und hier zeigte sich im kontext der #aufschrei-kampagne, dass einige chancen verpasst wurden. wenn eines der ziele von #aufschrei war, auch jene menschen ins boot zu holen, die keine verbindungspunkte zu feminismus besitzen, keine anlaufstellen haben oder kennen, an die sie sich als betroffene wenden können, dann hätte ich von erfahrenen aktivist_innen eigentlich erwartet, diese ebenfalls in den berichten und befragungen unterzubringen. das bloße tweeten von sexistischen diskriminierungserfahrungen (und die wiedergabe davon in zahlreichen artikeln) von aktiv_istinnen reicht nicht. wir als aktiv_istinnen beschäftigen uns doch täglich mit solchen dingen, haben uns schon etliche male über sexismus und interventionsmöglichkeiten ausgetauscht?! warum kam da nicht mehr? warum wurde nicht versucht, menschen, die sich gerade erst ihrer diskriminierungserfahrungen bewusst werden, an die hand zu nehmen? möglichkeiten der intervention, der beratung, des supports, des empowerments aufzuzeigen? kampagnen, aktionen, die bevorstehen? für besonders tatenlustige: die selbstorganisation von spontanen demos, kundgebungen, lesungen, veranstaltungen, treffen? hätte hier nicht die chance bestanden, als fem_inistinnen eine vorreit_erinnenrolle einzunehmen? ist das zu viel verlangt? möglich. aber von anderen ist dahingehend leider nichts zu erwarten, deswegen müssen „wir“ das machen bzw. alle feminist_innen, die gerade die kraft aufbringen können. und ich sah, dass kräfte da sind. „wir“ wissen doch, was sexismus ist und wie er funktioniert, wie belästigungen aussehen, übergriffe, gewalt, haben all das schon erlebt und uns luft gemacht, gestalten unseren alltag politisch-interventionistisch. oder doch nicht?

wahrscheinlich „oder doch nicht“. denn wieder einmal wurde an #aufschrei offensichtlich, dass unter vielen femi_nistinnen die ansicht vorherrschend ist, dass sexismus lediglich frauen beträfe. also heteras. denn heterosexismus (homophobie) und cissexismus (transphobie) gehörten nicht zur empörung dazu. auch muss der kampf gegen sexismus leider nicht zwangsläufig bedeuten, sich konsequent gegen antifeministische äußerungen zu stellen. im zuge von #aufschrei musste ich vielfach hetero_cis_sexistische und antifeministische äußerungen lesen, auch von feminist_innen. den gefühlsäußerungen von typen und ihren ratschlägen wurde endlos viel aufmerksamkeit und beifall zuteil. warum? und warum immernoch?

sexismus ist ein machtverhältnis. frauen, lesben, trans* und inter* sind davon betroffen, werden sexistisch diskriminiert. typen nicht. typen sind in bezug auf sexismus privilegiert, die besitzen definitionshoheit über sexismus, feministischen widerstand, generell diskursmacht in sachen sexismus, profitieren von sexistischen strukturen, und und und.

nicht alle betroffenen von sexismus sind gleich. als lesbe erlebe ich all das an sexismus, was heteras auch erleben. und sehr viel darüber hinaus. ich fühle mich in öffentlichen räumen weder allein noch mit meiner partnerin sicher. der hinweis, dass heteras nur noch mit partner sicher in der öffentlichen sphäre unterwegs sind, ist zwar scheiße, weil übergriffige typen nur die finger von euch lassen, weil ihr als besitz des typens an eurer seite geltet, aber trotzdem noch gut. wenn ich mit meiner partnerin auf der straße, im netz usw.erkennbar als paar unterwegs bin, kriegen wir im doppelpack heterosexistische scheiße in form von sprüchen, zudringlichkeiten und physischer gewalt ab. ich bin sogar teilweise safer unterwegs, wenn ich allein bin. oder wir uns nicht als paar zu erkennen geben. wenn ich angst habe, kann ich nicht die hand meiner partnerin nehmen. ich kann nicht mal die hand meiner partnerin nehmen, auch wenn ich keine angst habe. einfach nur so. als zeichen der zuneigung. who’s open in public? so bescheuert es klingt, dein partner ist dein schutzraum. ein sexistisches privileg, leider aber ein privileg. gewalt, dominanz in beziehungen? sorry, kein hetera-exklusives problem. alles selbst schon erlebt. eines der riesen-themen der beratungsstellen für bisexuelle und lesbische frauen und trans*.

coming out als lesbe oder trans* am arbeitsplatz, (wahl)familie, freu_ndinnenkreis, soziales nahfeld? wirst du nie erleben, was das mit deinem leben macht. gut für dich. ich mache selten transphobe bzw. cissexistische erfahrungen, weil ich mich in dem, was mir als gender zugestanden wird, noch relativ wohl fühle und dieses wohlfühlen auch selten zu irritationen führt. ich komme an weniger stellen mit institutionen, gesetzen, räumen, menschen und strukturen in konflikt, schlicht, weil ich mich nicht trans* verorte. gut für mich. gut auch für jede hetera, die all diese erfahrungen niemals machen wird.

ich wünsche hetero_cis_sexismus generell keiner person. ich wünsche mir lediglich, dass das als sexismus anerkannt wird. und dass anerkannt wird, dass heteras nicht die einzige diskriminierte gruppe in einem sexistischen system sind und deshalb schon gar nicht über privilegierungen und ihre position nachdenken müssten, wenn sie antisexistisch bzw. feministisch aktiv sind. und wenn sie darüber schon nicht nachdenken und diesbezüglich kritisch handeln wollen, dann ist es bestimmt nicht zu viel verlangt, wenn sie sich mit kämpfen gegen hetero_cis_sexismus oder mit von hetero_cis_sexismus betroffenen personen solidarisch zeigen, indem sie diese personen und ihre anliegen unterstützen. alles andere reproduziert sexismus. das bedeutet leider an einigen stellen auch, dass antifeministische strohpuppen-diskussionen über „wer hat welches buch zuerst gelesen?“ oder das kritiklose abfeiern von typen weniger werden müssen, denn auch das ist in der konsequenz sexismus. (ja, das ganz einzustellen, ist leider zu viel verlangt).

kein typ braucht die solidarität von menschen, die von sexismus betroffen sind. die sollen erstmal sich selbst angucken. jeder typ, der durch queer_feministischen aktivismus anerkennung erfährt, gestärkt aus einer debatte geht oder sich in diesen kämpfen wohlfühlt, ist einer zuviel. kein typ sollte betroffenen ratschläge geben oder über queer_feministische bzw. antisexistische interventionen urteilen und dafür noch beifall von betroffenen bekommen. was ist deren mackerige einschätzung schon wert gegen ein ganzes leben gewalterfahrung?

solidarität ist ein prinzip, das von oben nach unten funktioniert. nicht umgekehrt.