Alice Schwarzer und der Personenkult

Heute wird Alice Schwarzer 70 Jahre alt und die Scheindebatten in Deutschland um „den Feminismus“ halten an. Während Schwarzer hier und da gelobt, hier und da kritisiert wird, gibt es auch noch Stimmen, die sagen: Kritikwürdig, ja. Aber trotzdem…

Ich sage: nein.

Alice Schwarzer wird gern instrumentalisiert: Als Führungsfigur der zweiten Frauenbewegung, als feministische Pionierin, als Vertreterin des Feminismus in Deutschland. Sie muss herhalten, wenn es um verkürzte Kritik am Feminismus geht. Alice Schwarzer ist eine lebende Projektionsfläche. Leider die einzige in Deutschland, wenn es um Feminismus geht.

Alice Schwarzer lässt sich gerne instrumentalisieren. Sie genießt die Aufmerksamkeit, die sie hat als Person mit streitbaren und polarisierenden Perspektiven. Sie schreibt für die BILD-Zeitung und profiliert sich auf dem Rücken von Betroffenen sexualisierter Gewalt in der „Mutterschutz“-Vertretung von Sandra Maischberger, wenn sie King Orgasmus seine gewaltverherrlichenden Texte vorliest und skandalisiert, während Betroffene als Vertreterinnen aller Betroffenen daneben sitzen und sich Gewalt aussetzen müssen, die für Schwarzer offenbar noch im Rahmen des Erträglichen liegen.

In der Heinrich-Böll-Stiftung verteufelt sie die „Wellness-Feministinnen“ von heute, denen es nur noch um die Karriere geht und die sich von feministischen Traditionen abgrenzen. In der EMMA spielt sie Platzhirschin und lässt kaum Platz für Perspektiven, die nicht ihre eigenen sind.

Im Grunde tun ihr die Medien gar nicht unrecht mit ständigen Scheindebatten, denn Alice Schwarzer führt sie selbst seit langem.

Ihre Kritik an den „Alphamädchen“ ist lächerlich. Lächerlich, weil sie als Feministin, die immer dafür plädiert hat, dass Frauen an der Macht von Männern teilhaben sollen, genau diese Alphamädchen mindestens diskursiv mitkonstruiert hat. Frauen sollen alles dürfen können, was Männern nie verwehrt wurde. Da kann es auch schon mal passieren, dass es auf einmal nicht mehr problematisch ist, Frauen in die Bundeswehr zu schicken und an nationalistischen und neokolonialistischen Bestrebungen mitzuwirken.

Miriam Gebhardt konstruiert in ihrem aktuellen Buch Alice Schwarzer als einzige (wahrnehmbare) Feministin in Deutschland. Das ist verkürzt, undifferenziert und ahistorisch, aber auch nicht so sehr, als täte sie damit Alice Schwarzer unrecht, die für sich immer die Sprecherinnenrolle des deutschsprachigen Feminismus beansprucht hat. Es waren und sind nicht nur die Medien, die Schwarzer zur Führungsfigur stilisieren, es ist Schwarzer selbst, die sich nicht dagegen wehrt und die vielfältige feministische Strömungen selbst durch ihr Handeln, Sprechen, und Schreiben unsichtbar macht. Manchmal sogar gewaltvoll unterdrückt, wenn sie kopftuchtragende Muslima als Opfergruppe verobjektiviert und antimuslimischen wie rassistischen Diskursen die Hand reicht.

Vor kurzem wurde mir während eines Vortrages wieder einmal vorgehalten, dass ich Alice Schwarzer nicht dankbar bin. Wieso auch? Sie vertritt ein Lebensmodell, das nicht meines ist. Politiken, die ich ablehne. Ihr Feminismus ist androzentrisch, heterosexistisch, sexarbeitsfeindlich, transphob und rassistisch. Die von ihr initiierte PorNo-Kampagne kann ich historisch einbetten, um sie nachzuvollziehen, muss mich aber nicht automatisch ihrer Position anschließen, wenn ich Machtgefälle und Frauenfeindlichkeit in der Pornoindustrie anprangern will. Abgesehen davon kann ich mir ebenso andere feministische Perspektiven auf Porno anlesen, um mich zu vergewissern, dass es mehr gibt als diese Binaritäten, die weder von Schwarzer noch vom Mainstream jemals als solche markiert und hinterfragt werden. Ohne mich anschlussfähig zu machen für den Diskurs der lust- und sexfeindlichen Emanze.

Wieso muss ich denn einen Personenkult befördern, der nicht viel mehr bringt, als Feminismen und ihre Vertreter_innen unsichtbar zu machen? Wo bleiben denn die Loblieder auf Gisela Notz, Gründerin der Courage, der radikalfeministischen Alternative zur EMMA? Wo lese ich Porträts der Camporganisatorinnen der antimilitaristische Widerstandscamps im Hunsrück? May Ayim, eine der Pionierin der Schwarzen Frauenbewegung in Deutschland? Warum nicht allen Personen danken, die mitgewirkt haben? Ein Projekt ohne Ende? Umständlich? Ein Fass ohne Boden? jaaa, genau.

Personenkult ist eben nur dann attraktiv, wenn die Perspektiven der bekulteten Person gerade noch im Vorstellungsbereich des (antifeministischen) Mainstreams liegen. Alice Schwarzer und der Personenkult. Eine Dialektik für sich. Die „politischen“ Feuilletons und „die Führungsfigur des Feminismus in Deutschland“. Sie brauchen sich, die konstruierten Feindbilder, die beliebig zu Verbündeten werden, wenn es um Scheindebatten und bestimmte politische Konflikte geht. Alles gegeneinander ausspielen. Instrumentalisiert werden hier lediglich wichtige politische Debatten. Auf dem Rücken vieler, die kein Sprachrohr haben und nicht wollen, dass Alice Schwarzer dieses Sprachrohr ist. Danke? Wofür genau?

Ich bin dankbar, dass es widerständige Aktivist_innen, Theoretiker_innen, Feminist_innen, feministische Bewegungen einen Teil dazu beigetragen haben, dass ich heute Freiheiten genieße, die andere vor mir nicht hatten. Ich bin dankbar, dass dieses Wissen, was diese Menschen produziert haben, ihr Handeln heute zum Teil archiviert und für mich zugänglich ist. Ich bin dankbar dafür, dass durch dieses Wissen nicht nur Geschichte erfahrbar, sondern auch die Gegenwart an_greifbar_er wird.

Übrigens: Valerie Solanas wäre letztes Jahr 75 geworden.

Update
Nadia und accalmie haben sehr lesenswerte Texte zu Alice Schwarzer veröffentlicht.