To whites it should concern

Heute las ich mit Erschrecken die Erfahrungen der antirassistischen Aktivistin und Autorin Noah Sow zu Ihrer geplanten „antirassistischen“ Veranstaltung in Fulda.

Ich bin entsetzt darüber, dass Sie die Dreistigkeit besitzen, eine PoC in einen weißen Raum einzuladen, in dem sie es sich neben kolonialrassistischen „Raumverschöner_innen“ gemütlich machen und ein (wahrscheinlich) mehrheitlich weißes Publikum darüber aufklären soll, was Rassismus ist. Das bodenlose Fass könnte nicht größer sein, wird leider aber noch übertroffen von den gewaltvollen wie übergriffigen Reaktionen und der Supremacy-Haltung, denen sich Noah Sow bei Betreten des Raumes in Gegenwart einer der weißen Organisator_innen ausgesetzt sah.

Rassismus ist kein Problem von Menschen, die tagtäglich mit den Wirkungen und Folgen von Rassismus umgehen müssen, sondern ein Problem von weißen. Es ist also Ihr Problem, wenn Sie sich ganz offensichtlich weder mit der Autorin oder ihrer Arbeit im Vorfeld befasst haben, geschweige denn wissen, wie mensch antirassistische „Festivals“ ausrichtet und kein Wissen über Schwarze, PoC, Kolonialverbrechen oder White Supremacy besitzen. Wissen, das Ihnen jederzeit und überall zur Verfügung steht. Sie haben Aufklärungsarbeit über Rassismus zu leisten und zwar dringend. Fangen Sie am besten zunächst bei sich an. Ich bin Ihnen als weiße gern dabei behilflich, wir unterstützen uns ja so gerne, nicht wahr?

PoC: People of Color. Politische Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrungen.

PoC an der Uni: Ja, es gibt sie tatsächlich, trotz rassistischer Strukturen, an deren Erhalt die weißdeutsche Dominanzgesellschaft (zu der Sie auch zählen) ganz wesentlichen Anteil hat. Vielleicht fangen Sie mal an, diese Tatsache zu akzeptieren und sehen zu, dass Sie sich um antirassistische Arbeit bemühen und ihren PoC-Student_innen schutz- bzw. gewaltfreie Räume zur Verfügung zu stellen. Nein, Ihr „Festival“ ist keine antirassistische Arbeit.

Why won’t you educate me? How can I learn? >> z.B., in dem Sie sich erstmal ganz in Ruhe, mit Zurückhaltung und Lernwillen die antirassistischen Textproduktionen von Noah Sow zu Gemüte führen. Ich kann ihr Buch „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus“ und den Braunen Mob empfehlen. Desweiteren ist es hilfreich, sich über die gewaltvolle Kolonialvergangenheit, den Anteil der heutigen BRD und Rassismus im Allgemeinen zu informieren. „Spricht die Subalterne Deutsch“, „Afrika und die deutsche Sprache“ und „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – Koloniale (K)Erben im Wissensarchiv Deutsche Sprache“ sind da wirklich ausgezeichnete Lektüren.
Auch, wenn ich mich wiederholen muss: Nein, es ist nicht die Aufgabe von PoC und Schwarzen das für Sie zu übernehmen. Schon der weiße und rassistische Aufklärer Kant sagte: „Versuche, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – Vielleicht schaffen Sie es ja, was er nicht schaffte und setzen diesen Satz in die Tat um.
Abwehrhaltungen, Wut, Verleugnungs- und Vermeidungsimpulse, Ohnmachtsgefühle über soviel Unwissen und rassistische Eigenproduktion und das dringende Bedürfnis, das anderen aufzuladen? Dann ist das das richtige Stück Text für Sie.

Ihr Café ist ein Ort, wo Kolonialrassismus als „Dekoration“ verharmlost wird. Schwarze und PoC sind nicht für Ihr Wohlbefinden da und haben das Recht darauf, jeden Raum genauso in Würde betreten zu können wie Sie das jeden Tag selbstverständlich tun, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Ich möchte keine Rechtfertigungsantworten auf diese Mail und keine Entschuldigungen (bei einer weißen müssen Sie sich für Ihren Rassismus nicht entschuldigen, der tut mir nix und mit der Wut im Bauch über soviel Arroganz Ihrerseits kann ich schon umgehen). Richten Sie doch bitte Ihre Entschuldigungen an Noah Sow für Ihr Unvermögen sich Allgemeinwissen anzueignen und sie in diese gewaltvolle Situation gebracht zu haben. Außerdem sollte es selbstverständlich sein, dass Sie der Autorin Fahrt- und Übernachtungskosten erstatten. Wäre ja noch schöner, sie müsste für diese Scheiße selbst aufkommen.

Bitte beachten Sie, dass dieser Briefwechsel von mir öffentlich geführt wird.

Ich hoffe auf lehrreiche Stunden und Verbesserung des rassistischen Normalzustandes in Fulda,

Nadine Lantzsch