Wo ist eigentlich dieser Elfenbeinturm und in welchem Zimmer wohne ich?

Wenn ich in letzter Zeit über Klassismus lese, fällt mir auf, dass es auf einmal gar nicht mehr um die Verbindung mit anderen Analyse-Kategorien gesellschaftlicher Strukturierung und Ungleichheit geht. Gender, race, Körper, manchmal auch Klasse. Auch Machtverhältnisse scheinen auf Klassismus zusammengeschrumpft zu sein. Ich stelle fest, dass Klassismus häufig aus einer weißen, abled und studierten Position heraus kritisiert wird und sich häufig akademisches Wissen und Vokabular im Mittelpunkt der Kritik stehen. Oder das Bürgertum. Jedenfalls steht alles im Mittelpunkt der Kritik, was mit Wohlstand und Elitarismus assoziiert wird. Ich denke dann so, hmm… Was wird hier von welcher Position aus kritisiert und zu welchem Zweck? Oft lese ich Kritik und gewinne den Eindruck, es ginge nur um die Kritik der Kritik willen und ich habe dann die Frage im Kopf, wie in diese Kritik politisches Handeln eingeschrieben ist oder auch nicht. Es wird Sprache kritisiert, die unverständlich ist, aber es wird nicht eingeordnet, was das für Sprache ist und wo sie herkommt, wie sie sich einbettet in ein bestimmtes Herrschaftswissen (oder eben auch in Widerstandswissen), wie dieses Wissen und diese Sprache zustande kam. Ich frage mich dann weiter, wenn ich Kritik an klassistischen Wissensproduktionen oder Vokabular lese, wo da irgendwie die eigene Position bleibt, aus der kritisiert wird oder die Anbindung an Kontexte, das Situieren des eigenen Wissens, des eigenen Wissenserwerbs, der Blick auf Machtverhältnisse. Und ja, am Ende fehlt mir dann auch eine kritische Selbstreflexion dessen, was sich politische Praxis nennt. Oder ob es wirklich sein muss, dass auf einmal wieder alle Menschen und Positionen gleich gedacht und behandelt werden in der Kritik. Warum sich auf einmal in die Kritik eines Machtverhältnis ein fieser liberalistischer Grundgedanke einschleicht und jeder Hinweis auf die Gefahr der Gleichsetzung von sozialen Positioniertheiten mit „Spiel keine oppression olympics!“ vom Tisch gefegt wird.

Wo ist eigentlich dieser Elfenbeinturm und in welchem Zimmer wohne ich? weiterlesen

Derailing für Rassist_innen und white privilege denying du_dettes

bingo, bingo, bingo. immer das gleiche muster bei menschen, die nicht von rassismus betroffen sind.

1. definieren, was rassismus ist/nicht ist
2. definieren, wie antirassistische arbeit auszusehen hat
3. definitionsmacht leugnen
4. sich persönlich angegriffen fühlen
5. anderen unterstellen, sich persönlich angegriffen zu fühlen, emotionalität bei anderen kritisieren.
6. sich selbst für sachlich und objektiv halten.

[Hitler-/NS-/Holocaust- Vergleiche bringen – Jokerkarte]

7. eigene „antirassistische“ „arbeit“ hervorheben (danach wahlweise wiederholung der punkte 1-3, wahrscheinlich zur „argumentationsführung“)
8. Unterdrücker_innen/Gewaltausübende/Diskriminierende mit denen auf eine Stufe stellen, die Widerstand zeigen/leisten
9. sich selbst als unabhängig vom thema/nicht-rassist_in begreifen (rassismus sei also somit nur ein problem von siehe 8.) außerdem: siehe 6.
10. Perspektiven von Betroffenen leugnen
11. sich als Opfer inszenieren
12. Diskussion um die eigene „Rassismusfähigkeit“ kreisen lassen
13. siehe 1-12, danach selbstbestimmte wiederholungen zur eigenversicherung in un/regelmäßigen abständen

Wow, du hast es weit geschafft. Viele deiner Vorgänger_innen kamen nicht mal bis zur Hälfte. Gratulation für soviel Durchhaltevermögen! Die Empörungsindustrie verleiht dir hiermit den Preis für die beste Beweisführung, dass Rassismus nach wie vor existent und wirkmächtig ist.

Kurze Gedanken zu Jane Elliotts Antirassismustrainings

Als Martin Luther King erschossen wurde, hat sich die damals als Lehrerin arbeitende, weiße US-Amerikanerin Jane Elliott an einem Experiment versucht: Sie teilte ihre Schulklasse in Braun- und Blauäugige ein. Die Braunäugigen waren aufgerufen, die Blauäugigen schlecht zu behandeln. Ihnen zu unterstellen, sie wären ungebildet, ignorant, böse. Die Kinder spielten das Spiel mit und merkten schnell: Die Wirkungsweisen von Rassismus sind so banal wie um-sich-greifend. Jede_r kann rassistisch handeln.

Das „Augen-Experiment“ hat internationale Bekanntheit erlangt und Jane Elliott arbeitet nach wie vor als Antirassismus-Trainerin. Mit unterschiedlichem Erfolg. Was einerseits an dem Kontext liegt, in dem sie als Dozentin die Trainings durchführt und an ihrer Art und Weise dies zu tun.

Ich habe mir vor ein paar Tagen zwei Filme mit ihr angesehen. Eine Filmreihe mit dem Titel „How racist are you?“, die mensch sich unter folgendem Link in fünf Teilen anschauen kann. (Triggerwarnung für Rassismus-Denials und rassistische Äußerungen der Teilnehmer_innen)
Der andere Film hieß „The angry eye“:

Die Filme unterscheiden sich. Im ersten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Erwachsenen aus Großbritannien. Das Experiment misslingt, kaum eine_r der weißen Teilnehmer_innen lässt sich auch nur ansatzweise auf einen Erkenntnisprozess ein. Zumindest zeigen das die Szenen. Im zweiten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Schüler_innen aus den USA. Das Experiment ist erfolgreich.[ref]In „The Angry Eye“ weist eine weiße Probandin darauf hin, dass sie das Gefühl hat, im Training werde Rassismus als „schlimmer“ bewertet als Sexismus und Homophobie. Sie fühle sich deswegen unwohl und in ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen zurückgewiesen. Elliott reagiert auf dieses Unbehagen, indem sie die weiße Frau und einen Schwarzen Teilnehmer nach vorn holt und erklärt, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungswelten haben, die wir erst einmal akzeptieren müssen, ohne sie abzuerkennen. Die Oppression Olympics werden leider nicht thematisiert bzw. aufgelöst, stattdessen arbeitet Elliott mit stark verkürzten Differenz(feministischen)-Ansätzen. Sie geht nicht auf Intersektionalitätsaspekte ein und definiert Geschlecht lediglich in Gebärmutter(nicht)/Penisvorhandensein. Es wird also kein Machtverhältnis thematisiert, das kontextabhängig unterschiedliche Wirkungen hat und die ProbandInnen stets verschieden positioniert, sondern Elliott erklärt: Alle sind grundverschieden. Essentialismus galore!

Was allerdings dem „geschulten“ Auge klar wird: Dies ist ein Awarenesstraining für Rassismus. Kein „Lasst uns über all unsere Diskriminierungserfahrungen sprechen. Diese Gefühle, die die weiße (meiner Zuschreibung zufolge nicht heterosexuell begehrende) Probandin macht, hatte ich auch schon öfter. Oppression Olympics sind scheiße, aber hier gilt es zu unterscheiden, ob das nur meine Wahrnehmung ist, weil ich auch mal sagen will, wie diskriminiert ich bin und das Gefühl habe, das nicht zu „dürfen“, oder ob mein_e Gegenüber_in tatsächlich vorhat, Macht- und Unterdrückungsverhältnisse zu hierarchisieren, indem sie es konkret so benennt. Das ist nicht immer eindeutig zu trennen, aber ich denke, das ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir Diskriminierung auf der Interaktionsebene betrachten.[/ref]

Doch warum? Ich erkläre mir das so, dass in den USA aus der Historie heraus ein Grundwissen darüber herrscht, was Rassismus ist, wie und wo er sich institutionalisiert hat. Über Rassismus wird in den USA offener gesprochen. Rassismus ist kein Tabu. Was sich als Tabu herausstellt, ist die Thematisierung von weißen Privilegien und inwiefern das auch etwas mit mir selbst (als weiße Person) zu tun hat. Das ist jetzt grob vereinfacht, aber allein der Fakt, dass es dort große soziale Bewegungen gegeben hat, die bspw. in Europa weitestgehend ausblieben, macht schon einen Unterschied. Das heißt nicht, dass dort in postrace-Verhältnissen gelebt und gehandelt wird, im Gegenteil, allerdings wird Rassismus in den USA nicht grundsätzlich negiert.

Im Gegensatz dazu zeigen sich die Proband_innen aus UK in fast ausschließlicher Verteidigungshaltung. Die Übungen werden vielfach von weißen boykottiert und verfehlen so ihre Wirkung. Ein PoC erklärt, dass er seine „biracial“ Tochter niemals von der Schule abholt, weil sie in einer vollkommen weißen Schule „zum Glück“ noch als „weiß genug“ gelesen wird und er nicht möchte, dass sie Schwarz „wird“. Eine weiße Lehrerin(!) erklärt darauf hin, dass ihr Mann auch nicht in seinen legeren Klamotten zur Arbeit geht oder seine Tochter von der Schule abholt m( So geht es eigentlich die ganze Zeit. Die weißen Proband_innen halten sich für reflektiert genug zu erkennen, was Rassismus ist und behaupten, sie würden immer und überall intervenieren, wenn ihnen Rassismus auffällt. Rassismus hat mit ihnen persönlich nichts zu tun. Eine Derailing-Strategie jagt die nächste. Sie fühlen sich angegriffen, verletzt, ungerecht behandelt, von Elliott selbst, von den PoC im Raum.

Ich hatte mir beim Schauen des Films gedacht, dass die weißen zugänglicher wären, auch weil Elliott als weiße Autorität in Erscheinung tritt und es eigentlich hätte zu Bonding-Effekten kommen können. „Aaah, wenn es mir eine weiße erklärt, dann muss sie ja recht haben“. Was Elliott jedoch macht: Sie verhindert das, weil sie weiße Verteidigungshaltung kaum zulässt und stets am Sanktionieren ist, wenn es zu Privilege Denying und White Whining kommt. Mir imponiert dieser straighte Umgang sehr, ist er doch konsequente Solidarisierung mit Betroffenen. Er kann allerdings auch Rassismus verstärkend wirken. Nicht weil Elliott so handelt, wie sie es tut, sondern weil die weißen denken, ihnen würde kein Raum gewährt: Zum Lernen und zur Artikulation.

Wenn offenbar nicht einmal ein Grundbewusstsein darüber vorherrscht, was Rassismus ist und wie er sich äußern kann, dann ist es schwierig, weiße Proband_innen mit dieser Taktik etwas „beizubringen“ bzw. sie zum Lernen zu animieren. Ich gehe mal davon aus, dass das Experiment hierzulande ähnliche Effekte hätte. Es ist nicht Elliotts Aufgabe, Rassismus so zu vermitteln, damit auch der_die letzte weiße es endlich kapiert, schon gar nicht, wenn Betroffene im Raum sind, denn offensichtlich funktioniert ihr Experiment auch in anderen Kontexten. Aber es wird schwieriger, wenn wir uns in Kontexten bewegen, wo Rassismus nicht zum Alltagswissen gehört. Der Diskurs um „wir sind doch alle gleich“ ist offenbar in einigen Nationalstaaten derart hegemonial, dass er sich nur schwer aufbrechen lässt. Noch nicht mal dann, wenn bspw. anerkannt wird, dass sexualisierte Gewalt verachtenswert ist, herrscht Konsens darüber, dass dies bestimmte Ursachen hat, die auch mit mir selbst als vergeschlechtlichtes Wesen zu tun haben. Dass jeder Typenwitz über Frauen Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Nice Guy Gejammere Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Festhalten an Privilegien Ausdruck dessen ist, was Herrschaft weiterhin legitimiert.

Letztendlich geht es bei jeder Denial- und Derailingstrategie darum, ob ich das Gefühl habe, als guter oder als schlechter Mensch zu gelten. Handele ich rassistisch, bin ich schlecht. Ich will aber nicht schlecht sein, deswegen weise ich jeden Vorwurf der rassistischen Handlung von mir. Diese Haltung ist dermaßen selbstbezogen und ignorant, dass es schon fast wieder lächerlich ist, wenn diese Menschen behaupten, sie wären tolerant und am Gemeinwohl oder an Gerechtigkeit interessiert. Denn offenbar ist ihnen nur daran gelegen, ihre Komfortzone nicht zu verlassen.

Ich denke, dass da anzusetzen als erster Schritt wichtiger wäre, als weißen vor den Latz zu knallen, wie und wo Rassismus auftritt. Denn die Abwehrhaltung ist ein erstes Zeichen dafür, dass eigentlich das Verständnis dafür da ist, worum es gehen soll, aber der Egozentrismus noch den Riegel vorschiebt. Denn sonst würde ja mit Gleichgültigkeit reagiert werden (so meine Interpretation).

Was das autonom handelnde Subjekt mit Rassismus zu tun hat

Als Weißer Mensch in einer rassistischen Gesellschaft sozialisiert zu werden bedeutet unter anderem, ganz selbstverständlich den Status als einmaliges und unverwechselbares Subjekt zu beanspruchen. Das Konzept des Subjekts als ein vernunftbegabtes und autonom urteils- und handlungsfähiges Individuum geht zurück auf die Aufklärung, die das ‚Subjekt’ als Weiß und männlich entwarf und diesem ‚typisierte Objekte’, die rassisch Geanderten, die sog. NichtWeißen, gegenüber stellte, welche der Vater des deutschen Rassedenkens, Immanuel Kant, ebenso ausführlich wie gewaltvoll klassifizierte (Wollrad 1999, 261-266). Somit ist nicht nur der Anspruch, als Individuum gesehen und behandelt zu werden, historisch unmittelbar mit Weißsein (und Mannsein) verknüpft, sondern ebenso das vermeintliche Naturrecht, „Andere“ zu objektivieren, als Kollektiv zu markieren und abzuwerten.

aus: Eske Wollrad (2007) – Getilgtes Wissen. Überschriebene Spuren. Weiße Subjektivierungen und antirassistische Bildungsarbeit, in Tagungsdokumentation des Fachgesprächs zur „Normalität und Alltäglichkeit des Rassismus“, 39-55 [PDF]

Mein Unbehagen mit dem Weißsein

Im vergangenen Jahr war ich an der HU in Berlin auf einer Veranstaltung, auf der Philosophin Isabell Lorey und Rassismusforscherin Urmila Goel sich mit Privilegien und Hegemonie im Kontext Weißsein auseinandersetzten. Beide bekundeten ihren Argwohn mit Selbstpositionierungen von Weißen im universitären Kontext und Critical Whiteness. Hier sei angemerkt, dass die HU in den Gender Studies viel zu Critical Whiteness anbietet und in den Seminaren oft eine Selbstpositionierung sowie eine kritische Auseinandersetzung damit von den Studierenden verlangt. Auch in schriftlichen Ausarbeitungen.

Urmila Goels Punkt war der, dass sich die Selbstpositionierung der Studierenden häufig nicht in den Inhalten der Texte wiederfindet. Somit die Markierung von Weißsein oft zu „Ich hab das jetzt mal genannt und damit kann meine Arbeit als kritisch gelten“ verkommt. Isabell Loreys Ausführungen waren abstrakter und enorm komplex. Heruntergebrochen problematisierte sie die Rezentrierung einer dominanten Kategorie im Kontext einer Forschung, die sich als kritisch (gegen Dominanz) begreift und doch in den Rahmenbedingungen einer rassistischen Gesellschaft funktioniert. Oft gleiche die Auseinandersetzung mit Weißsein von Weißen einem Ablasshandel, ja einem Freispruch von rassistischer Dominanz. Eine Dominanz, die kaum durchbrochen werden kann, die durch Weiße repräsentiert wird, durch die Wissenschaft als solche und der damit einhergehenden Wissensproduktion. Kurz gesagt: Wir müssen uns immer fragen: Wo befinden wir uns im sozialen Gefüge, wie ist es strukturiert, wer kann sprechen worüber und wie internalisiere ich meine Position so in meinen Gedanken, dass sie mir dabei hilft, kritisch zu bleiben, Partikularwissen sichtbar zu machen, sich gegen Universalismus zu wehren, wo es Hegemonien herstellt und reproduziert, die machtvoll und nicht herrschaftskritisch wirken. Das Publikum der Veranstaltung war in der Mehrzahl weiß. Was schon viel aussagt, wie ich finde.
[Texte von Isabell Lorey zum Thema: 1, 2]

Vor einer Weile war ich in Berlin auf der Buchvorstellung von „Wie Rassismus aus Wörtern spricht – Koloniale (K)Erben im Wissensarchiv deutsche Sprache„. Es wurden Kapitel vorgelesen. Noah Sow und Philipp Khabo Köpsell begeisterten das mehrheitlich weiße Publikum mit ihren satirischen Beiträgen, in denen sie sich über Weiße und ihren Entdecker_innengeist lustig machten. Um das lustig zu finden, muss sich mensch schon in irgendeiner Form kritisch mit Rassismus und Weißsein beschäftigt haben. Trotzdem war mir unwohl, dass so viele Weiße über etwas lachten, was für Nicht-Weiße Herrschaft und Gewalt bedeutet. Ich lachte auch an einigen Stellen, aber hatte dabei das Gefühl einer Externalisierung. „Heißt das jetzt, dass ich nicht mehr rassistisch bin, weil ich darüber lachen kann?“, dachte ich mir.

Das Problem lichtete sich mir etwas, als ich in den oben verlinkten Texten von Lorey las. Das Ding ist das Weißsein, eine Rekurrierung auf eine Identität. Ich bin weiß. Allerdings: Ich werde mich davon auch nicht lösen können, weil meine Hautfarbe zu jedem Zeitpunkt eine gewichtige Rolle spielt. Sie ist immer erkennbar, ich kann mich nicht aus meinem Körper lösen und was dieser Körper repräsentiert – Strukturen, Sprechpositionen, Machtverhältnisse. Ich schrieb dazu neulich schon in Sachen Geschlecht, glaube aber, dass das ein bisschen anders gelagert ist, weil wir unser Geschlecht bis zu einem gewissen Grad veruneindeutigen können. Was jedoch bleibt, ist unser Sozialisiertsein in einem Geschlechtskörper bis zu einem gewissen Zeitpunkt und den damit verbundenen Anrufungen, denen dieser Geschlechtskörper ausgesetzt ist/war. Das macht etwas mit uns, ob und wie weit wir uns davon loslösen können, ist eine Frage kritischer (Selbst)Praxis.

Doch zurück zum Weißsein. Das kann ich nicht veruneindeutigen. Ich kann mich nicht schwarz anmalen, denn das sogenannte Black Facing ist kolonialrassistisch markiert. Ich komme als Weiße zur Welt und werde es immer bleiben. Mein rassifizierter Körper (in dem Fall rassifiziert, weil weiß die antipode Norm zu Schwarz ist, von der aus rassifizierte nichtweiße Subjekt konstruiert und untergeordnet wird) ist mein Leben lang Anrufungen ausgesetzt. Was ich tun kann, ist mich zu markieren. Mein Sprechen deutlich zu machen als ein weißes Sprechen. Doch wie entkomme ich der Falle des Essentialismus? Ich bin keine Freundin von Differenzartikulationen, solange sie dazu dienen, irgendetwas festzuschreiben, was doch nur wieder ausgrenzt, Dominanz fortschreibt und Emanzipation verhindert und dennoch: Ich kann es nicht verändern. Ich kann mich nicht lossagen, auch wenn ich mich kritisch positioniere, handele, rassismuskritisch Politik mache. In einer rassistischen Welt ist mein Körper Differenz- und Dominanzartikulation zugleich. Wenn ich mich mit Critical Whiteness beschäftige, dann weil ich’s kann, nicht, weil ich muss. Weil dieses Wissen für mich produziert wurde (von Schwarzen und Weißen), auf das ich jederzeit zurückgreifen kann, ich in (nahezu) jedem (auch kritischen) Raum mit dem Sprechen (nicht nur) über Critical Whiteness gehört werde, sogar anerkannt werde. Weil mir meine weißen Privilegien locker durch’s Leben helfen. Immer. Überall. Mich von diesen Privilegien lossagen zu wollen, ist auch ein Privileg. Weil ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es ist, ohne diese Privilegien zu leben. Könnte ich es, würde ich es mit Sicherheit nicht wollen.

Ein Dilemma, dieses Weißsein? Sehr wohl.

Was also tun? Ich habe für mich entschieden, dass ich weniger über „weißkritische“ Satire lachen werde, egal ob von Schwarzen oder Weißen vorgetragen, egal, ob der Raum, in dem ich mich befinde, weiß dominiert ist. Ich werde schneller akzeptieren (lernen müssen), wenn People of Color und Schwarze nicht mit mir zusammenarbeiten wollen. Ich werde nicht/weniger mit meinem kritischen Wissen rumprahlen (egal, ob die Räume weiß dominiert sind oder nicht), öfter und mehr Texte über Rassismuskritik und Critical Whiteness lesen, öfter rassismuskritisch intervenieren, beim Zitieren verstärkt darauf achten, dass People of Color und Schwarze angemessen repräsentiert sind. Einfach weil ich’s kann. Ich kann meine Dominanz rassismuskritisch nutzen, aber ich muss mich nicht selbst dafür nutzen. Die Frage, die ich mir immer wieder stellen muss, ist also die: Wann dient Rassismuskritk und Critical Whiteness nur meiner weißen Eigen(re)produktion oder der Sichtbarmachung subalterner Stimmen?