Der Umgang mit Rassismus und Schwarzen Expert_innen in den Medien.

Nach den Ereignissen auf dem und rund um das taz.lab Panel hat die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) um eine Stellungnahme der taz gebeten. Bisher steht diese aus, obwohl Panelistin Sharon Dodua Otoo sich ihrerseits schon zur Veranstaltung geäußert hat. Hiermit veröffentlichen wir den Offenen Brief der ISD, den ihr mitzeichnen könnt (Mail an isdbund.vorstand@isd-bund.org), um die taz zu einer ernsthaften rassismuskritischen Auseinandersetzung zu bewegen.

Aus dem Brief:

Selbstverständlich lebt eine Zeitung wie die taz von der Diversität ihrer Standpunkte. Jedoch müssen auch hier gewisse Grenzen gesetzt werden. Auch Meinung und Polemik sollte auf Sachinformationen und dem fundamentalen Respekt für Unterdrückungserfahrungen gegründet sein. Frau Otoo war auf dem Podium des taz.labs ein geladener Gast und wurde ebenso wie viele der anwesenden Schwarzen Zuschauer_innen – unter anderem Mitglieder der ISD – nicht mit dem gebührenden Respekt behandelt. Die Stellungnahme von Frau Otoo abzudrucken, erscheint zunächst als einsichtige Geste der taz. Der relativierend formulierte Text im Kasten daneben macht allerdings deutlich, dass der Zeitung der Wille zu einer souveränen Auseinandersetzung mit politischen Differenzen und Konflikten fehlt.

Schon länger gilt das Verhältnis der taz zu einer breiten rassismuskritischen Öffentlichkeit als angespannt. Dieser Vorfall ist ein weiteres Beispiel für das Verbarrikadieren hinter einer Verteidigungslinie. Es wird Zeit, dass sich die taz, ebenso wie die breite Gesellschaft, endlich kritisch mit dem Thema Rassismus und Sprache auseinandersetzt. Es wird Zeit, dass der Mainstream die Stimmen derjenigen ernst nimmt, die üblicherweise als die so genannten Anderen gelten. Es gilt, sie als Expert_innen zum Themenfeld Rassismus und Diversity anzuerkennen und für die Medienstrukturen nachhaltig zu gewinnen.

Struwwelpeter und die Subalterne

Ein Buch, das ich in meiner frühen Kindheit, bis ich eingeschult wurde, sehr gerne gelesen habe, war Struwwelpeter. Ich weiß nicht, warum, weil ich es im Nachhinein betrachtet sehr gewaltvoll finde: Mit einem stark moralisch aufgeladenen Impetus wird Kindern vermittelt, was sie nicht sein dürfen oder tun sollten. Missachten sie die aufgestellten Regeln, widerfährt ihnen Leid oder sie sterben. Das Buch ist ein einziges Verbotsinstrument: Starr nicht dauernd in die Luft, zappel nicht am Tisch, iss immer deine Suppe auf, spiel nicht mit dem Feuer. Mach dich nicht über Schwarze lustig. Im Kontext der aktuell geführten (von weißen dominierten und rassismus-reproduzierenden in vielen Teilen) Debatte ist diese Geschichte besonders bemerkenswert.

Zwei weiße Kinder machen sich über einen Schwarzen Jungen lustig, der in kolonialrassistischer Tradition dargestellt wird (während Kinder und Lehrer „differenziert“ und aufwändig gezeichnet sind). Sprachlich bewegt sich die Geschichte zwischen N- und M-Wort. Zur Strafe taucht der Lehrer (mit erhobenem Zeigefinger) die weißen Kinder in ein großes Tintenfass, das mit schwarzer Tinte gefüllt ist. So laufen sie danach schwarz „angemalt“ in Blackface-Optik hinter dem Schwarzen Jungen her und sind nun „geächtet“ und „gerecht bestraft“ (Zitate von mir). Schwarz bedeutet also etwas Negatives. Der Junge übernimmt in der Geschichte sonst keine Rolle, außer eben einen Schwarzen Jungen zu repräsentieren. Offenbar benötigt er weder Kleidung, noch einen Namen, noch eine Handlung in der Geschichte. Er ist lediglich die Projektionsfläche. Der Lehrer stellt sich nicht etwa hinter den Jungen, der diskriminiert wird, sondern bestraft seine weißen „Schüler“, indem er sie „schwärzt“.

Spannend in diesem Zusammenhang ist das Buch „Spricht die Subalterne deutsch?„, das ich allen wärmstens empfehlen kann, die sich mit deutscher Kolonialgeschichte und seinen (auch strukturell wirkenden) Kontinuitäten bis in die heutige Zeit (z.B. Arbeitsmigrationspolitik) beschäftigen möchten. Der Titel des Buches zeigt eine Karnevalsszenerie in wahrscheinlich Deutschland und eine Person, die den Schwarzen Jungen aus Struwwelpeter darstellen soll – natürlich ist es eine weiße Person in Blackface. Und dahinter eine andere, die eines der Kinder mimt, die die rassistische Karikatur belächelt, auf sie zeigt. Drumherum Publikum, das zusieht.

Die Frage des Buchtitels bleibt in weiten Teilen eine ledliglich rhetorisch gestellte, denn sie lautet in vielen Fällen nein. Die Subalterne spricht nicht deutsch. Zumindest kein deutsch, das weiße Deutsche sprechen oder verstehen wollen. Das Andere wird nach wie vor fremdmarkiert und fremddefiniert. „Na dieser Schw… äääh ‚Farbige‘ da!“ Wenn schon auf die Hautfarbe des Gegenübers abgestellt werden muss (warum eigentlich? Ich denke, wir sind alle gleich?), dann bloß nicht Schwarz sagen, denn Schwarz ist schlecht. Dämonisiert, negativ aufgeladen. Vielleicht sogar rassistisch, denken einige. Dann lieber einen rassistischen Begriff als Bezeichnung benutzen wie M, N oder „Farbig“. Hältst du dich selbst etwa für ein „Bleichgesicht“ oder warum sind die Personen, zu denen unentwegt du die Differenz herstellen musst, „farbig“? N, M, „Farbig“, das sind Begriffe, die du kennst und mit denen du nichts Negatives verbindest – im Gegensatz zur Farbe Schwarz. Beide Seiten der gleichen Medaille – Rassismus.

Und jetzt wollen sie dir die Wörter wegnehmen und dich mit bösen sprechen_denken lassen. „Zensur! Hexenjagd! Political Correctness! Das Abendland! Die Kultur! Die Bücher! unsere Kinder!“ Wenn du damit fertig bist, rassistische Begriffe nochmal ganz schnell, ganz oft und in vielen Variationen zu wiederholen, bevor die Antirapocalypse hereinbericht, wird es Zeit neue Dinge zu lernen. Zum Beispiel, dass Schwarze Kinder nie wieder solche Geschichten über sich wahrnehmen und erleben wollen. Dass diese Schwarzen Kinder in deiner Nähe leben. Und mehr Wissen über Rassismus besitzen als du.

Und dass Schwarz nicht die Farbe der Bösewichte, der Abziehfolien deines Hasses und Rassismusverständnisses und nichts Negatives ist, sondern das politische W_Ort für Schwarze Menschen.

Mein Lieblingskartenspiel war ein Wortlern-Legespiel, bei dem weiße Kinder Tätigkeiten ausführen und die dazugehörige Karte durch Erraten des passenden Verbs gefunden wird. Im Spiel gab es eine besondere Karte, den „schwarzen Peter“. Eine schwarze Katze. Wer die zog, verlor sofort. Ich lernte also rassistisches Wissen als Kind – als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt.

Oma ist heute noch der Meinung, dass N korrekt sei „das sagt man doch heute noch so“ – als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Ja, Rassismus ist selbstverständlich. Der Feuilleton dieser Tage gibt ihr Recht.

Und die Subalterne? Wird zum Schweigen_Nicht gehört werden verdonnert. Per weißer Zensur äääh Meinungsfreiheit.

Wo ist eigentlich dieser Elfenbeinturm und in welchem Zimmer wohne ich?

Wenn ich in letzter Zeit über Klassismus lese, fällt mir auf, dass es auf einmal gar nicht mehr um die Verbindung mit anderen Analyse-Kategorien gesellschaftlicher Strukturierung und Ungleichheit geht. Gender, race, Körper, manchmal auch Klasse. Auch Machtverhältnisse scheinen auf Klassismus zusammengeschrumpft zu sein. Ich stelle fest, dass Klassismus häufig aus einer weißen, abled und studierten Position heraus kritisiert wird und sich häufig akademisches Wissen und Vokabular im Mittelpunkt der Kritik stehen. Oder das Bürgertum. Jedenfalls steht alles im Mittelpunkt der Kritik, was mit Wohlstand und Elitarismus assoziiert wird. Ich denke dann so, hmm… Was wird hier von welcher Position aus kritisiert und zu welchem Zweck? Oft lese ich Kritik und gewinne den Eindruck, es ginge nur um die Kritik der Kritik willen und ich habe dann die Frage im Kopf, wie in diese Kritik politisches Handeln eingeschrieben ist oder auch nicht. Es wird Sprache kritisiert, die unverständlich ist, aber es wird nicht eingeordnet, was das für Sprache ist und wo sie herkommt, wie sie sich einbettet in ein bestimmtes Herrschaftswissen (oder eben auch in Widerstandswissen), wie dieses Wissen und diese Sprache zustande kam. Ich frage mich dann weiter, wenn ich Kritik an klassistischen Wissensproduktionen oder Vokabular lese, wo da irgendwie die eigene Position bleibt, aus der kritisiert wird oder die Anbindung an Kontexte, das Situieren des eigenen Wissens, des eigenen Wissenserwerbs, der Blick auf Machtverhältnisse. Und ja, am Ende fehlt mir dann auch eine kritische Selbstreflexion dessen, was sich politische Praxis nennt. Oder ob es wirklich sein muss, dass auf einmal wieder alle Menschen und Positionen gleich gedacht und behandelt werden in der Kritik. Warum sich auf einmal in die Kritik eines Machtverhältnis ein fieser liberalistischer Grundgedanke einschleicht und jeder Hinweis auf die Gefahr der Gleichsetzung von sozialen Positioniertheiten mit „Spiel keine oppression olympics!“ vom Tisch gefegt wird.

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Die ach so tolle feministische Blogosphäre.

Seitdem ich dieses Blog hier betreibe, gab es einige Hetz- und Einschüchterungskampagnen gegen meine Person. Initiiert von Udo Vetter, Malte Welding, Katrin Rönicke, Marco Herack (@mh120480), Don Alphonso, um mal bekanntere Namen zu nennen, die vielen ein Begriff sein dürften, die täglich im Netz unterwegs sind. Seit einiger Zeit ist es so, dass jedes Mal (und wirklich jedes Mal), wenn ich einen Blogeintrag oder Text veröffentliche, sei es hier, bei der Mädchenmannschaft oder anderswo, mein Geschriebenes bewertet und verzerrt wird. Wahlweise entscheiden sich diese und andere Leute dann dazu, meine gesamte Persönlichkeit vor ihrem lefzenden Publikum auszubreiten, auf einmal spielt meine Sexualität eine Rolle oder mit welchem Geschlecht ich mich arrangiere, wie ich lebe, was mir lieb und teuer ist. Alles wird begafft, bewertet, kommentiert, ins Lächerliche gezogen – gerne großzügig öffentlich. Manchmal bekomme ich grenzüberschreitende Mails, manchmal wird meine Attraktivität bewertet, manchmal fallen Worte wie Sekte, Gestapo, totalitär oder faschistoid, manchmal geben sich diese und andere Leute andere Nicknames und versuchen hier zu kommentieren. Leider so ungeschickt, dass ich anhand der Inhalte der Kommentare sehe, dass sie nur von bestimmten Personen bzw. deren sozialen Umfeldern kommen können.

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Lichtenhagen. Kontinuität rassistischer Gewalt und weißer Überlegenheit.

Vergangenes Wochenende jährten sich die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen bereits zum 20. Mal. Anlässlich der Pogrome auf ein Asylheim und eine Wohnunterkunft von Vietnames_innen 1992 gab es in der Stadt am Samstag eine große Demonstration unter Zusammenarbeit antirassistischer und antifaschistischer Bündnisse. Am Sonntag hielt Bundespräsident Gauck im Rahmen einer zivilgesellschaftlichen Gedenkfeier eine Rede. Auch eine deutsche Eiche wurde vor dem Sonnenblumenhaus gepflanzt. Kopf auf Tischkante.

Nachdem im September 2011 bereits die Aktionswoche anlässlich der Pogrome in Hoyerswerda von Seiten der Stadt boykottiert und wieder mal rechte Gewalt mit antirassistischer und antifaschistischer Gegenwehr gleichgesetzt wurde, wundert mich das, was dieses Jahr in Lichtenhagen passiert ist, überhaupt nicht. Um ein paar Eindrücke zu gewinnen, wie die Gedenkfeier mit Gauck ablief, sei dieser Artikel mitsamt Videos des Kombinat Fortschritt empfohlen.

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