Wo ist eigentlich dieser Elfenbeinturm und in welchem Zimmer wohne ich?

Wenn ich in letzter Zeit über Klassismus lese, fällt mir auf, dass es auf einmal gar nicht mehr um die Verbindung mit anderen Analyse-Kategorien gesellschaftlicher Strukturierung und Ungleichheit geht. Gender, race, Körper, manchmal auch Klasse. Auch Machtverhältnisse scheinen auf Klassismus zusammengeschrumpft zu sein. Ich stelle fest, dass Klassismus häufig aus einer weißen, abled und studierten Position heraus kritisiert wird und sich häufig akademisches Wissen und Vokabular im Mittelpunkt der Kritik stehen. Oder das Bürgertum. Jedenfalls steht alles im Mittelpunkt der Kritik, was mit Wohlstand und Elitarismus assoziiert wird. Ich denke dann so, hmm… Was wird hier von welcher Position aus kritisiert und zu welchem Zweck? Oft lese ich Kritik und gewinne den Eindruck, es ginge nur um die Kritik der Kritik willen und ich habe dann die Frage im Kopf, wie in diese Kritik politisches Handeln eingeschrieben ist oder auch nicht. Es wird Sprache kritisiert, die unverständlich ist, aber es wird nicht eingeordnet, was das für Sprache ist und wo sie herkommt, wie sie sich einbettet in ein bestimmtes Herrschaftswissen (oder eben auch in Widerstandswissen), wie dieses Wissen und diese Sprache zustande kam. Ich frage mich dann weiter, wenn ich Kritik an klassistischen Wissensproduktionen oder Vokabular lese, wo da irgendwie die eigene Position bleibt, aus der kritisiert wird oder die Anbindung an Kontexte, das Situieren des eigenen Wissens, des eigenen Wissenserwerbs, der Blick auf Machtverhältnisse. Und ja, am Ende fehlt mir dann auch eine kritische Selbstreflexion dessen, was sich politische Praxis nennt. Oder ob es wirklich sein muss, dass auf einmal wieder alle Menschen und Positionen gleich gedacht und behandelt werden in der Kritik. Warum sich auf einmal in die Kritik eines Machtverhältnis ein fieser liberalistischer Grundgedanke einschleicht und jeder Hinweis auf die Gefahr der Gleichsetzung von sozialen Positioniertheiten mit „Spiel keine oppression olympics!“ vom Tisch gefegt wird.

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Vortrag zu Intersektionalität in feministischer Theorie und Praxis

Ich habe im Mai einen Vortrag an der Uni Hamburg zu „Theorie und Praxis – doch weit voneinander entfernt? Feministische Bewegung aus intersektionaler Perspektive am Beispiel der Slutwalks“ gehalten. Aus dem Einladungstext:

Die Kritik, die Frauen mit Behinderungen, Lesben, Schwarze Frauen, Migrant_innen, Trans* und einige andere Gruppen bereits vor Jahrzehnten an der feministischen Bewegung formulierten, ist nach wie vor aktuell. Auch die Slutwalks, die Demonstrationswelle gegen sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungsverharmlosung, sahen sich mit nahezu identischen Anwürfen konfrontiert. Obwohl die Organisator_innen die intersektionalen Verschränkungen sozialer Positionen in ihrer Arbeit versuchten zu berücksichtigen – sei es im Selbstverständnis, in der Organisation der Demo selbst oder in der Nachbereitung.

Nach wie vor kommt es innerhalb feministischer Gruppen und Bewegungen zu Ausschlüssen, Aneignungen und Übergriffen jeglicher Art, ungeachtet der Tatsache, dass Feminist_innen heute auf das Wissen ihrer Vorgänger_innen zurückgreifen (können).

Der Vortrag will der Frage nachgehen, inwiefern feministische Theorie und Praxis im Widerspruch stehen, welche Grenzen, Schwierigkeiten und Paradoxien feministischen Handlungs- und Widerstandsweisen zu Grunde liegt und warum Intersektionalität oft nur Theorie ist.

Der Vortrag wird bald auf der Seite der AG Queer Studies als mp3 abzurufen sein. Wer lieber nachlesen will, der_die kann hier meinen Vortrag als PDF herunterladen.