Entgrenzung, Arbeit und Widersprüche, die nicht auflösbar sind.

Es gab mal eine Zeit, in der ich Vollzeit festangestellt arbeitete. Diese Zeit endete vor fast genau vier Jahren aufgrund wirtschaftlicher Fehlplanung des Unternehmens, in dem ich angestellt war. Die „Ausrede“ viele meiner KollegInnen zu kündigen und mich im Zuge dessen in eine pauschale Honorartätigkeit (20h pro Woche Arbeiten für ein festes Monatshonorar, ohne Urlaubstage, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne Arbeitnehmerinnenrechte, Lohnsteuer und SV-Beiträge von mir abzuführen) zu drängen, war die Finanzkrise. Das Versprechen, mich nach meiner Ausbildung unbefristet zu übernehmen, war natürlich nur heiße Luft – auch ohne die Finanzkrise. Seither arbeite ich mit Unterbrechungen freiberuflich. Die pauschale Tätigkeit gab ich nach anderthalb weiteren Jahren aufgrund von Mehrfachbelastung und einer für mich unzumutbaren Unternehmenskultur auf.

In der Anfangszeit empfand ich dieses Arbeiten als ziemlich angenehm. Ich konnte mir meine Arbeitstage relativ frei einteilen, ich wurde nicht mehr so sehr in den Schichtdienst einbezogen wie meine KollegInnen, auch Wochenendarbeit hatte sich bis auf wenige Ausnahmen erledigt. Ich hatte das Gefühl, mehr „Freizeit“ zu haben. Seitdem ich die pauschale Tätigkeit aufgegeben habe, lebe und arbeite ich unterhalb der Armutsgrenze. Das ging sich lange Zeit verhältnismäßig aus, ich habe keine Erziehungsarbeit zu leisten, ich muss für niemanden finanziell aufkommen, muss kein Auto als Fortbewegungsmittel besitzen, ich lebe in Berlin, ich entwickelte mit der Zeit eine andere Einstellung zu Konsum. Wenn es sich nicht ausging, bezog ich vom zuständigen Jobcenter Leistungen. Ich hatte das Glück eine sehr genügsame Sachbearbeiterin zugeteilt zu bekommen, die mit meiner akademischen Ausbildung wenig anfangen konnte. Ich hatte sowieso das Glück_das Privileg, akademisch ausgebildet zu sein, da kann es einer schon mal passieren, vom Jobcenter nicht so sehr mit Maßnahmen belästigt zu werden und sich relativ frei um neue Jobs zu bemühen. Auch erfuhr ich durch vielerlei Privilegien keine Abwertung meiner Person durch die schlichte Tatsache hier und da auf „sozial“staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Ich konnte überhaupt diese Leistungen in Anspruch nehmen.

Seit der Zeit, in der ich selbstständig/freiberuflich tätig bin, arbeite ich auch vermehrt ehrenamtlich. Ich wollte und will meine Zeit, in der ich nicht lohnarbeite, anders ausfüllen als mit Konsum und individualistischen_hedonistischen_neoliberalen_privilegierten Ausgestaltungen meiner Freizeit. Mittlerweile nimmt diese unbezahlte Arbeit einen Großteil meiner Lebenszeit ein. Die Inhalte des Ehrenamtes überschneiden sich wiederum sehr mit meinen Interessen/Hobbys/meiner politischen Lebensweise. Was davon in den Freizeit- und was in den Arbeitsbereich fällt, kann ich nur schwer auseinanderhalten. Durch diese Entgrenzung von Arbeit und „Nicht-Arbeit“ im Sinne von Zeit haben für Hausarbeit, Freund_innen treffen, Erholung* usw. mute ich mir Belastungen zu, die eine 40h festangestellte Tätigkeit bei weitem übersteigen. Ich bin ohne es zu merken, in einen klassischen „Burn-Out“-Zyklus hineingerutscht, der selbstverständlich auch dann zu Tage treten kann, wenn es sich bei Arbeit um nicht bezahlte Arbeit handelt. Meine derzeitige mentale Verfassung, die mir eine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, ist – so viel weiß ich – nicht ausschließlich auf das zurückzuführen, was sich viele unter Burn Out vorstellen können, jedoch sind die Symptome von Depersonalisierung, Stress und Depression auch damit zusammenhängend.

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Wo ist eigentlich dieser Elfenbeinturm und in welchem Zimmer wohne ich?

Wenn ich in letzter Zeit über Klassismus lese, fällt mir auf, dass es auf einmal gar nicht mehr um die Verbindung mit anderen Analyse-Kategorien gesellschaftlicher Strukturierung und Ungleichheit geht. Gender, race, Körper, manchmal auch Klasse. Auch Machtverhältnisse scheinen auf Klassismus zusammengeschrumpft zu sein. Ich stelle fest, dass Klassismus häufig aus einer weißen, abled und studierten Position heraus kritisiert wird und sich häufig akademisches Wissen und Vokabular im Mittelpunkt der Kritik stehen. Oder das Bürgertum. Jedenfalls steht alles im Mittelpunkt der Kritik, was mit Wohlstand und Elitarismus assoziiert wird. Ich denke dann so, hmm… Was wird hier von welcher Position aus kritisiert und zu welchem Zweck? Oft lese ich Kritik und gewinne den Eindruck, es ginge nur um die Kritik der Kritik willen und ich habe dann die Frage im Kopf, wie in diese Kritik politisches Handeln eingeschrieben ist oder auch nicht. Es wird Sprache kritisiert, die unverständlich ist, aber es wird nicht eingeordnet, was das für Sprache ist und wo sie herkommt, wie sie sich einbettet in ein bestimmtes Herrschaftswissen (oder eben auch in Widerstandswissen), wie dieses Wissen und diese Sprache zustande kam. Ich frage mich dann weiter, wenn ich Kritik an klassistischen Wissensproduktionen oder Vokabular lese, wo da irgendwie die eigene Position bleibt, aus der kritisiert wird oder die Anbindung an Kontexte, das Situieren des eigenen Wissens, des eigenen Wissenserwerbs, der Blick auf Machtverhältnisse. Und ja, am Ende fehlt mir dann auch eine kritische Selbstreflexion dessen, was sich politische Praxis nennt. Oder ob es wirklich sein muss, dass auf einmal wieder alle Menschen und Positionen gleich gedacht und behandelt werden in der Kritik. Warum sich auf einmal in die Kritik eines Machtverhältnis ein fieser liberalistischer Grundgedanke einschleicht und jeder Hinweis auf die Gefahr der Gleichsetzung von sozialen Positioniertheiten mit „Spiel keine oppression olympics!“ vom Tisch gefegt wird.

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Noch viel zu wenig beachtet: Klassismus

Klassismus, Classism, Sozialchauvinismus, Wohlstandschauvinismus, Sozialimperialismus, etc. sind Begriffe, die auf ein Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis hinweisen, Machtverteilungen aufzeigen, die mit sozialer Herkunft, Status, Stand, Klassenzugehörigkeit, soziale Position innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, Ökonomie und weiteren Dingen zu tun haben. Wie das in den kritischen Wissenschaftsfeldern so ist, wo noch immer über die Bedeutung von Begriffen wie Dominanz, Hegemonie, Macht und Herrschaft gestritten und keine Einigkeit erzielt wird (ich hänge da auch an vielen Stellen), ist es auch in diesem Bereich nach wie vor nicht eingängig, ob von Klasse oder Schicht gesprochen werden soll, an einigen Stellen findet sich auch Milieu. Je nach theoretischer Herkunft und Zielsetzung des Wissenschaftsfeldes finden unterschiedliche Herangehensweisen an diese Riesenthematik statt. Ein gutes Einführungsbuch haben Andreas Kemper und Heike Weinbach geschrieben. Kemper betreibt ebenfalls das Blog The Dishwasher – Das Magazin für studierende Arbeiterkinder.

Zum ersten Mal wirklich in Berührung gekommen mit der Thematik bin ich über das immer viel zitierte angeblich anarchistisch organisierte Internet gekommen, wo alle mitmachen können. Abgesehen von anderen Hindernissen, die ein „alle“ ad absurdum führen, wurde mir da bewusst, dass weder „alle“ die Hardware dafür besitzen geschweige denn sich einen DSL-Anschluss leisten können (oder mobiles Internet auf einem mobilen Endgerät) oder die nicht die Möglichkeit haben, an Diskursen teilzunehmen, weil sie viel mehr als bspw. ich in Produktions- und Reproduktionsarbeit eingebunden sind. Nach wie vor findet darüber keine Diskussion in den netzpolitischen Kreisen statt, zumindest keine die über Freies W-Lan für alle hinausgeht. Produktionsbedingungen und Privilegien im Zusammenhang mit Technik werden kaum thematisiert. Als ich in diesem Jahr zusammen mit Helga und Magda von der Mädchenmannschaft einen Vortrag zu Cyberfeminismus auf der re:publica hielt, sprachen wir diese globalen Produktionsbedingungen an, die Achse zwischen Nord-Süd, doch die Diskussion wechselte schnell die Richtung hin zu „Aber guck doch mal die nordafrikanischen Revolutionen, die hamm doch auch alle Internet“ oder „Die verdienen in den Fabriken von Apple doch trotzdem mehr als woanders“. Natürlich gab es auch Bewusstsein für die Thematik, aber irgendwie war das alles diffus, Expert_innen und Nicht-Expert_innen sprangen hin und her. Vielleicht ist die re:publica als Techie/Geek/iPhone-Privilegienbubble mit ihren horrenden Eintrittspreisen auch gerade _nicht_ der Ort, wo sowas überhaupt vernünftig diskutiert werden kann.

Da ich selbst kein Crack auf dem Gebiet „Kritik an der global organisierten kapitalistischen Ausbeutung“ bin (wahrscheinlich aufgrund meiner eigenen sozialen Position auch nicht zwangsweise muss), ist für mich ein einfacherer Einstieg in die Thematik die Beschäftigung mit den eigenen Privilegien in diesem Zusammenhang und das Klein-Klein des täglichen Alltagsbullshits. Der oben verlinkte Blog von Kemper bringt schon viel Erhellendes mit sich, auf Straßen aus Zucker, ein linkes Magazin, das sich an eine jüngere Zielgruppe richtet, kann mensch auch viel Interessantes und Erklärbär_innenmäßiges zum Thema finden.

Noch ein weiteres sehr empfehlenswertes Blog ist Class Matters von ClaraRosa. ClaraRosa ist ein_e sogenannte_r Poverty Class Academic, die_der sich viel mit linkem Aktivismus, Wissenshierarchien, Konsumkritik, DIY-Problematiken und Privilegien beschäftigt. Das Tolle an den hier verlinkten Seiten ist der Fakt, dass sie keine wissenschaftliche Lektüre voraussetzen. Also auch das Privileg mitdenken, Zeit und andere Ressourcen aufbringen zu können, sich die dicken Wälzer um Politische Ökonomie und das Kapitalverhältnis reinzuziehen und in der Gänze durchdringen zu können.

Besonders fabelhaft ist das Audiostück, das ClaraRosa zusammen mit Margret Steenblock konzipiert und eingesprochen hat zu Klassismus und Privilegien.