Lantzschi goes public.

Die simpelste feministische Forderung ist bekanntlich, den Frauenanteil in männlichen Netzwerken zu erhöhen und damit festgefahrene Strukturen aufzubrechen, neue Perspektiven zuzulassen. Ob das am Ende „bessere“ Ergebnisse gibt oder wirklich systemverändernd ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nach wie vor ist das Internet männlich dominiert und strukturiert, werden Stimmen von Frauen nicht wahrgenommen oder absichtlich ignoriert. Wenn es darum geht, diesen Missstand zu erklären, finden sich häufig Muster wie „Selbst schuld“, denn das Internet „sei doch so partizipativ und basisdemokratisch“. Bullshit, wissen wir doch spätestens seit den in den vergangenen zwei bis drei Jahren geführten Diskussionen um Sexismus, Geschlechterstereotype und den Old Boys Networks, dass dem mitnichten so ist. Mehr noch, vergrößert Mensch den Fokus von Geschlecht auf andere soziale Kategorien, sieht das deutschsprachige, sich politisch begreifende Internet noch trauriger und eindimensional aus. Homogenität macht bekanntlich keine Politik für alle, sondern für wenige. Elitenbildung im Netz ist nicht weniger ein Abklatsch aus dem sogenannten „Offline-Leben“. Eine Ebene weiter oben angesetzt, wäre auch kritisch zu betrachten, wer bzw. welche Gruppen überhaupt Zugang zum Netz haben und wer uns dieses wunderbare neue politische Instrument, called Internet, zur Verfügung stellt, samt Hardware, Server und Software. Hier offenbart sich wohl der größte Graben und spiegeln sich globale Machtverhältnisse.

Denn die Facebook- und Twitter-Revolutionen, diese Mitmach-Politik, von denen hierzulande seit der „Grünen Revolution“ im Iran so euphorisch gesprochen wird, entsteht auf dem Rücken von vielen zugunsten einiger privilegierter Menschen, zu denen logischerweise auch Frauen gehören. Dass wir rund um die Uhr an Politik teilhaben können, uns vernetzen, kommunizieren und theoretisieren und überlegen, wie das Netz dieser egalitäre Raum bleiben kann ohne staatliche Zugriffe, übersieht, dass wir schon längst Teil einer dominanten und dominierenden Sphäre sind, die andere ausschließt und ausbeutet.

Dabei wären das Netz und die neuen Kommunikationsformen und -techniken noch viel machtvoller, würde versucht, diese Ausschlüsse aufzubrechen oder zumindest nicht weiter fortzuführen. Der wohl schmerzloseste Beginn wäre eine Debatte darüber, ob unsere Theoretisierungsversuche eines transnationalen Wissen- und Machtraumes auch wirklich alle einbezieht, welche Stimmen in der Diskussion darüber bisher außen vor bleiben.

Die re:publica in diesem Jahr soll die Möglichkeit sein, um erste Denkanstöße zu geben, die hoffentlich nicht nach drei Tagen Konferenz wieder versandet. Kommt vorbei und diskutiert mit uns!

Desweiteren und nach wie vor wichtig: Präsenz zeigen. Auch, wenn es weh tut. Für die Schmerzlinderung haben wir wenigstens ordentlich Vodka im Gepäck. Nachdem sich im vergangenen Jahr die Flirtkultur auf Twitter breit gemacht hat, die uns neben der aufreibenden Diskursarbeit Balsam für die Seele bereit stellt, ist es an der Zeit, Twitter als Singlebörse zu institutionalisieren. Deshalb werden drei junge Frauen (inklusive mir) in den Friedrichstadtpalast laden, um aus dem Nähkästchen zu plaudern und plaudern zu lassen. Wer die Herz- und Vodkaexzesse nicht im Palast selbst verfolgen kann, der_die kann (wahrscheinlich) im Livestream auf der Seite selbst mitflittern und zuprosten. Wir freuen uns auf euch.

[Disclosure: Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Soli-Bärchen bitte in die Kommentare posten]

Hochglanzfeminismus.

Im November traf ich mich in Berlin mit Saja Seus auf einen Kaffee im Café Cinema für das Fotoprojekt zu ihrer Abschlussarbeit (AT: „About feminists“). Wir quatschten eine Stunde lang über meine Beweggründe, mich feministisch zu verorten, meine feministische Arbeit bei der Mädchenmannschaft und über das Geschlechterverhältnis, patriarchale Strukturen und feministische Selbstkritik. Danach fing sie an, mich zu fotografieren.

Saja reiste für „About feminists“ fast einen Monat lang durch ganz Deutschland, nachdem sie Unmengen an Zuschriften erreichten. Neben mir wurden noch etliche andere Feminist_innen abgebildet, die Fotos porträtieren ganz unterschiedliche Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen.

Jetzt ist das Ganze in Sack und Tüten, Saja hat vergangenes Wochenende das Projekt zusammen mit anderen Abschlussarbeiten ihres Diplomstudienganges vorgestellt. Ich bin gespannt, was mit den Fotos in der kommenden Zeit passieren wird. Toll wäre ein Fotobuch mit noch mehr Feminist_innen und kurzen Interviews.

Danke vorerst. Für die netten Stunden mit einer ganz hinreißenden jungen Dame, das interessante Gespräch, das entspannte Shooting und dieses tolle Projekt. Und dass ich nun ein Geburtstagsgeschenk für Mutti habe.

Feminismus und ich.

Als ich heute mal wieder feministische Themen unters Facebook-Volk brachte, schrieb mir eine meiner Besten folgendes auf die Pinnwand:

Also Lantzschi: genau deshalb könnte ich mich nicht jeden Tag mit solchen Themen beschäftigen! Ich geh hier beim hören kaputt! Das macht mich so wütend, wenn ich mitbekomme, wie Feminismus bagatellisiert wird, belächelt und sogar als Hindernis empfunden. Ich bekomme da nur „Wutstammeln“.
Wie kannst du da tagtäglich so ruhig bleiben!?

Mich würde erstmal interessieren, warum sie meine wütenden Pamphlete, die ich hier und bei der Mädchenmannschaft verfasse als „ruhig“ lablet, aber sie kennt mich wohl ganz anders…

Aber Unrecht hat sie natürlich nicht, als Feminist_in schlagen dir Hasstiraden entgegen und auch meine Mum war anfangs skeptisch, ob ich denn mit solch einem Studiengang (Gender) überhaupt später beim Chef (!) einen guten Eindruck beim Vorstellungsgespräch machen könne. Mal davon abgesehen, dass mir meine politische Einstellung nicht auf die Stirn geschrieben ist, würde ich sowieso nicht unter Chauvis arbeiten, egal welches Geschlecht sie auszeichnet.

Ich mach‘ diesen ganzen Mist seit nun mehr fast 1,5 Jahren, hab also ziemlich spät angefangen, mich für Feminismus und Gender zu interessieren. Ich stehe nach wie vor auf flache Witze, schöne Brüste und äußere mich ab und an sehr vulgär über hübsche Frauen, bei küssenden Heteros muss ich manchmal wegschauen. PC durchströmt also meinen Körper nicht vollständig, was ich gut finde und mit meiner mir selbst erarbeiteten Reflektiertheit rechtfertige. Das klingt jetzt sicher arrogant, für mich bedeutet es Selbstschutz. Sonst müsste ich mich wohl selbst verleugnen. Denn der Grund für mein politisches Engagement ist nicht: Lantzschi wird ein besserer Mensch, sondern: Lantzschi versucht zu verstehen und Widersprüche auszuhalten. Dazu gehören die eigenen, die im näheren sozialen Umfeld und die in der Gesellschaft.

Dazu gehören leider auch die Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, die mindestens 1x im Vierteljahr in mein Email-Postfach flattern, abwertende, sexistische und frauenfeindliche Kommentare und gierige Blicke süffisant grinsender Männer bei dem Anblick meiner Hand in der Arschtasche meiner Freundin. Das wäre mir früher a) nie passiert oder b) einfach nicht aufgefallen. Manch eine_r kann nun sagen, mensch Lantzschi, hätt’ste dit ma sein jelassen mit dem Emanzenkram, hätt’ste deine Ruhe und wärst glücklij.

Nun, alles eine Frage der Perspektive.

Ich würde entgegnen: Ich habe endlich ein politisches Thema gefunden, für das ich mich begeistern kann (davor wäre ich in die Kategorie „politikverdrossen“ oder „Stammtisch“ gefallen), einen neuen/zusätzlichen Lebensinhalt, Menschen kennen und lieben gelernt, die mein Leben bereichern und mein Herz mit wohliger Wärme füllen und mehrere Perspektiven für die Zukunft. Meine Persönlichkeit beginnt endlich, die Fühler auszustrecken.

Es ist ein schönes Gefühl mit Feminismus erwachsen zu werden.

So. Und jetzt lese ich Valerie Solanas.

Schon wieder ein Interview.

As an expert on many things, but first and foremost on online journalism, Nadine highlights in her interview how personality is key to great blogging, why tweeting helps, and that you should never blog if you feel the need to learn how to do so.

Das mit dem Expertending kommt nicht von mir. Ganz so eingebildet bin ich dann doch (noch) nicht. Lustig ist’s trotzdem.

Girls Can Blog ist ein Projekt von Annina, zu dem ich sie mit diesem Post inspiriert habe. Wow. Und es trägt zur weiteren Vernetzung der weiblichen Blogosphere bei, kann aber natürlich auch gern von Männern usw. aufgerufen und bestaunt und genutzt und vernetzt und beredet werden. !

Loud and proud!

„Ich bin keine Feministin, aber …“ ist eine Art, der Welt mitzuteilen, dass wir keine ernsthafte Bedrohung sind. Es ist eine Art zu sagen, dass wir nicht allzu viel Staub aufwirbeln wollen und dass wir uns bestimmt an die Regeln halten werden. Feministinnen aber sind diejenigen, die den Mut haben, sich eine Welt vorzustellen, in der 50 Prozent der Kongressabgeordneten Frauen sind, in der Frauen genauso viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen und in der jede Vergewaltigung angezeigt, strafrechtlich verfolgt und geahndet wird.

Es ist verlockend, sich hinter diesem Dementi, diesem Schutzschild zu verstecken. Aber der Feminismus ist es, der uns dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen.

Ich hab lange Angst vor dem bösen F-Wort gehabt. Und ich habe diese Angst bei anderen Frauen erlebt. Alice Schwarzer und Radikalfeminismus sind keine Ausrede mehr. Letztlich wird nur denen geholfen sein, für die Gleichberechtigung das Einverständnis mit dem Geschlechter-Backlash bedeutet. Also hoch die Ärsche und den Mund aufgemacht!