Don’t speak for me anymore! Nachlese zur #rp11

Ich bin noch immer ganz geschafft von diesen anstrengenden drei Tagen, die sehr viel positive und negative Gedanken zurückgelassen haben.

Beginnen wir zuerst mit den schönen Dingen, die die diesjährige re:publica mit sich brachte >> Ich hatte die Gelegenheit, endlich die Menschen hinter den Avataren, Blogs und Profilen kennen zu lernen, mit denen ich schon einige Zeit in Kontakt stehe. Oder diejenigen wiedergesehen habe, die ich bereits kenne. Konstruktive Kritik, belebender Austausch, kollektive Unterstützung und wahnsinnig inspirierende Gehirnblitze. Was mich auch dazu bringt, meine seit fünf Monaten ruhende Rubrik „Menschen aus diesem Internet“ mal wieder zu beleben. Danke, danke, danke für die letzten Tage an: @yetzt, @TheGurkenkaiser, @puzzlestuecke, @ihdl, @philipsteffan, @johl, @hanhaiwen, @hdsjulian, @saganelle, @girlscanblog, @kotzend_einhorn, @RiotMango, @matthiasr, @comme_un_autre, @habichthorn, @fraeulein_tessa, @dieKadda, @textartistin, @bergdame, @bommeljogi, @autofocus, @ageleie, @i_need_coffee, @kuebra, @mlle_krawall, @annnalist, @sv, @lana74, @moeffju, @eva_ricarda, @kixka, @m_boesch, @skudij, @tanjcar und alle, die die feministischen und/oder frauengeführten und/oder frauenbeteiligten #rp11-Panel aufmerksam verfolgt haben. Danke auch an alle, für die ich leider keine Zeit hatte, die ich nicht erkannt habe oder für die mir nach all dem Informations- und Menschenoverkill die Muße für Austausch fehlte. Und danke für all das Lob, das andere Aktivist_innen und ich während dieser drei Tage erhalten haben.

Neben der mittlerweile leider obligatorischen Kritik am nicht vorhandenen Internet und teilweise sogar zusammenbrechenden Handynetzen auf der #rp11 bleibt aber leider auch ein fader Beigeschmack. Obwohl die #rp11 in diesem Jahr (meine dritte insgesamt) so auffällig vielfältig war wie noch nie und sehr unterschiedliche Themen besetzt wurden, ist es erschreckend, wie homogen sich die Veranstaltung trotzdem noch darstellt. Unzählige nabelbeschauende, um sich selbst kreisende Panels, inhaltsleere Vorträge über gesellschaftlich wichtige Debatten dieser und kommender Jahre und zu großen Teilen ein Publikum, das sich mal ernsthaft Gedanken über Respekt, Anerkennung und wertschätzende Kommunikation machen sollte.

Ich habe absolut kein Problem damit, wenn die #rp11 auch in den kommenden Jahren ein Raum sein wird, der hauptsächlich weiß-männlich dominiert ist,  wo Pluralismus, Gesellschaftskritik, Ausgrenzung und Marginalisierung Fremdwörter sind. Ein Ort voll mit Menschen, denen es nichts ausmacht, für andere zu sprechen, dabei sozial privilegiert zu sein und trotzdem Elitenklüngelpolitik für gesamtgesellschaftlich akzeptabel halten. Ich kann ja woanders hingehen, ich habe andere Orte, an denen ich mich aufhalten kann, wo ich diese Egalstimmung und Selbstbeweihräucherung nicht spüre. Was ich aber dennoch kritisieren kann: dass sich diese Konferenz aufmacht, die digitale Gesellschaft (nein, ich meine nicht diesen neuen Verein) irgendwie abzubilden und nichts von diesem Versprechen einlöst. Nach wie vor ist die #rp11, was Themenauswahl und Publikum angeht, hauptsächlich eine riesige Klassenfahrt von Twitterer_innen und Social Media Geeks. Gesellschaftspolitische Impulse und kritische Stimmen sind auf der #rp11 nach wie vor Mangelware.

Um diesen Zustand zu ändern, wäre es erfreulich, wenn von Seiten der Veranstalter_innen noch mehr käme, als es in diesem Jahr zweifelsohne der Fall war (Vielen Dank, Anne!). Und da habe ich Barrierefreiheit, Möglichkeiten der Kinderbetreuung, preisliche Angebote für Geringverdienende noch gar nicht angesprochen.

Stattdessen müssen sich teilnehmende Frauen und Feminist_innen feindliche, unreflektierte (zum Teil sexistische) Sprüche und Diskreditierung ihrer Panels anhören und die Veranstalter_innen und meisten Teilnehmenden halten es für selbstverständlich, dass Interessierte unter diesen Bedingungen selbst für mehr Pluralität auf der #rp11 sorgen. Dass es unter anderem der Arbeit von Feminist_innen und vernetzten Frauen zu verdanken ist, dass die #rp11 einen halbwegs akzeptablen Frauenanteil und Themen fernab des Mainstreams verzeichnen kann, wird ebenso für nicht weiter erwähnenswert befunden. Stattdessen Aufforderungen einiger TeilnehmerInnen (ja, das gehört in diesem Fall so), sich bei den Veranstalter_innen zu bedanken, dass mensch dort sprechen darf.

Ich finde das alles sehr schade, weil ich die #rp11 nach wie vor für eine Konferenz mit Potenzial halte, eine, die es anders machen kann/machen wollte als diese unbezahlbaren Klüngel-Fachkonferenzen, die eher wirtschaftlichen Interessen folgen, als den Zielgruppen. Eine Netzkonferenz, die neben den vielen Barcamps, Hackerspaces, Stammtischen, Vernetzungstreffen, Signit- und CCC-Kongressen auch mitspielen kann (obwohl da auch nicht alles perfekt ist).

Ich würde mir für die kommenden Jahre inklusivere Strukturen wünschen, ein aktives Bemühen um Heterogenität seitens der Veranstalter_innen, mehr Respekt und Offenheit seitens der Teilnehmenden und vielleicht wäre es sogar möglich, einen inhaltlichen Schwerpunkt zu setzen. Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Vielen Dank für die zahlreichen Erkenntnisse.

Eine ausführliche Linksammlung wird es in den kommenden Tagen auf der Mädchenmannschaft geben. Bis dahin seien die tollen Zusammenfassungen der Bundeszentrale für politische Bildung empfohlen, Kübra Gümüsays Beobachtungen zu Exotismus auf der #rp11, Helga Hansens Rundumschlag, Katrin Rönickes Klarstellung und Dörtes Aufforderung empfohlen.

Gerade noch gefunden >> rhizom schreibt über die „Klassenideologie für verwertungsgeile Internetyuppies“ und Urmila Goel, die auf dem Pluralismus-Panel der #rp11 sprach, findet: „Die Offenheit der Blogosphäre ist also durch die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft begrenzt

13 Gedanken zu „Don’t speak for me anymore! Nachlese zur #rp11“

  1. Liebe Lantzschi,

    danke für den guten Beitrag, den netten Mention und die schöne Zeit auf der #rp11. Der einzige Punkt, den ich bereits angesprochen hatte und hier noch zusätzlich machen möchte, ist, dass Frauen sich auch abseits des Cyberfeminsimus hätten gegenseitig unterstützen können. Bei Simones und meinem Panel zu Netzpoesie am Donnerstag um 11.00 Uhr in der Kalkscheune waren trotz der guten Netzwerke kaum bekannte Gesichter (wenn auch das Publikum von ca. 40 Leuten geschlechtermäßig gut durchgemischt schien). Auf Nachfrage, wo denn alle waren, hieß es unisono „um die Zeit schlafe ich noch“. Fand ich schade.

    Andererseits ist natürlich auch klar, dass niemand sich zu Vorträgen quälen soll, die nicht interessieren. Aber wenn ich immer die ganzen Rufe nach „mehr Frauen zu anderen Themen“ höer, denke ich mir schon: Wärt Ihr halt gekommen…!

    Sexismus und Diskriminierung, die ich auf der #rp11 zum ersten Mal in diesem Ausmaß live miterleben durfte, sind natürlich nicht zu entschuldigen und haben damit auch gar nichts zu tun. Meine Meinung darüber, wie mensch mit einander umgehen sollte, kennst Du ja.

    LG Annina

  2. Liebe Annina,

    danke für das Feedback. Ich muss zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich zu den Schlafenden gehört habe und das tut mir leid. Ich habe keine bessere Ausrede als die, dass ich total platt war von den beiden Tagen zuvor.

    Welchen Schuh ich mir allerdings nicht anziehe ist: „mehr Frauen zu anderen Themen“. Ich weiß doch um die Vielfältigkeit der Themen von Frauen und Feminist_innen, eine Forderung nach mehr liegt mir deshalb fern. Mich würde ganz ernsthaft interessieren, wer_welche das fordert. Habe es bisher von den „Betroffenen“ selbst nicht wahrgenommen. Bisher kam es mir so vor, als würde das immer von außen an die Personen herangetragen. „Bloggt doch mal über dieses und jenes, dann werdet ihr auch wahrgenommen“. Wie sind da deine Erfahrungen?

  3. Ach, meine Erfahrungen diesbezüglich sind, dass kaum jemand sich die Zeit nimmt, mal die Faktenlage zu prüfen. Ich persönlich gehöre ja auch eher zu der verallgemeinernden Sorte Mensch, aber wenn man sich die #rp11 Schedule mal anschaut, sind da diverse Themen dabei, zu denen Frauen sich äußern. Woher ich gehört habe, dass Frauen „auch mal was anderes“ machen sollten, kann ich bis auf eine Person unter den o.g. Twittermenschen gar nicht mehr sagen, ist mir aber auch woanders begegnet – ich erlebe das als eines der klassischen Vorurteile, so nach dem Motto „macht doch mal was Richtiges, das alle interessiert“. Der Punkt ist, dass von Männern ja auch niemand öffentlich fordert, dass, was sie tun, „alle“ interessieren soll. Da ist Fachidiotentum völlig okay. Oder kommt mir das nur so vor?

  4. @lantzschi

    Da ich selbst nicht da war, ist es für mich schwieriger, deine Kritik nachzuvollziehen. Die Links waren insofern hilfreich, dass sie deiner Kritik ähneln. Folglich konnte ich deine Änderungswünsche besser verstehen. So weit so gut.

    Eines muss ich aber jetzt mal loswerden:
    Und zwar, hat mich ja dein Artikel – „Zur Sichtbarkeit von Frauen in der Blogospähre“ – auf die Idee gebracht, eine Linksammlung von feministischen Blogs anzulegen. Auf allen verlinken Blogs habe ich bis heute keine Überlegungen gefunden, die sich auch mit der Abhängigkeit von Strom sowie Telefon befassen. Und das, obwohl nur eins ausfallen müsste, um jede webbasierte Kommunikation abzuwürgen.

    Die Debatten über staatliche Kontrollen zeigen ja, dass darin auch eine Gefahr für die etablierten Machtverhältnisse gesehn wird. Wird die Gefahr zu groß, dann brauchen ja nur die Internetzugänge verhindert werden. Zumal bei Randgruppen keine finanziellen Einbußen folgen würden. Die oft zitierte Freiheit des Webs ist m.E. genauso wenig vorhanden, wie die im richtigen Leben.

  5. Annina, zur Zeit deines Panels musste ich vegane Schlagsahne besorgen und ein Interview zu Hatr geben. Ich glaube aber, dass Du mir das nicht allzu krumm nimmst.

    Lantzschi, Dir sei gesagt, dass ich die Zeit mit Dir ebenfalls absolut großartig fand.

  6. ich kann das nur zurückgeben: es war mir eine Freude. Vodka und Feminismus, zwei Dinge, die mir ohnehin wichtig sind, sind mir noch mehr ans Herz gewachsen. Und mit euch tollen Menschen sowieso.

    (Annina: ich kam zu spät. Aber ich hab eine gute Entschuldigung: die Nato. Die hat nämlich meine Tram verspätet.)

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