Das Intime ist nicht sicher.

Seit zwei Jahren scheine ich gefunden zu haben, wonach ich lange suchte. So etwas wie eine Aufgabe. Bestimmung wäre vielleicht übertrieben…naja gut vielleicht doch nicht. Seit zwei Jahren war ich nie so oft unglücklich, unruhig, unzufrieden und traurig. Das Wort Weltschmerz bezog ich vorher nur auf meinen persönlichen Radius. Jetzt weiß ich, was es bedeutet traurig darüber zu sein, ohnmächtig zu sein. In einer ohnmächtigen Welt zu leben.

Ich bin nicht selten frustriert. Darüber, dass mir meine Plätze geraubt werden, dass ich ich in der Öffentlichkeit Angst haben muss, dass ich vielleicht mein Leben nicht so führen kann, wie ich es mir wünsche. Dass es vielen ähnlich geht wie mir. Manchmal bin ich neidisch und fühle mich unfrei. Manchmal wünsche ich mir zurück, was ich glaube, nicht mehr zu besitzen. Unbeschwertheit. Sich in die Sonne zu setzen, eine Zigarette zu drehen, die Beine in den Schneidersitz zu falten und etwas Schönes zu denken. Etwas, das nicht politisiert werden kann. Gedanken, die mir gehören und in keine Theorie passen. Etwas, das sich nicht erklären lässt.

Früher kam ich oft betrunken nach Hause und war glücklich. Ich lief nachts die Straßen entlang und weinte. Weil das Gefühl zu leben so überwältigend war. Weil ich zu schätzen wusste, was mein Bereich war. Dass ich das erleben konnte, was mir widerfuhr. Menschen, die ich mag, Emotionen, die ich nicht beschreiben konnte. Eine Metaebene einnehmen zu können, weil ich über den Dingen stehen konnte.

Früher kam ich von der Schule nach Hause, schnappte mir das Auto meiner Eltern und fuhr mit meiner besten Freundin in ein Waldstück. Dann kurbelten wir die Fensterscheiben runter, hörten laut Musik und redeten über Beziehungen.

Früher freute ich mich auf das Wochenende, darauf beschwipst und lachend ins Bett zu fallen. Sex zu haben, betrunken, nach Nikotin und Disko riechend. Ein Leben ohne Politik ist befreiend. Heute weiß ich, dass ich das nur so leben konnte, weil ich Voraussetzungen mitbringe, die viele nicht haben können. Ich fühle mich nicht schlecht damit. Das ist so eingerichtet, ohne mein Zutun. Es geht nicht darum, mich schlecht zu fühlen, wenn ich nicht erkenne, dass eigentlich alles politisch ist. Selbst das Intime.

Heute bekomme ich Mails und Sätze, die Wertschätzung zum Ausdruck bringen für das, was ich tue. Menschen kommen auf mich zu und stellen schüchtern Fragen, ob sie mich etwas fragen dürfen. Manchmal fühle ich mich ein Popstar. Es macht mich stolz, Dinge und Menschen anregen und bewegen zu können, dass ich bewegt und angeregt werde von anderen. Es ergibt einen Sinn.

Doch irgendwie. Ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht mehr weiß, wer ich eigentlich bin. Ohne all das. Den Kopf zu haben, sich ins Gras zu legen und Flugzeuge beobachten. Kitschige Dinge tun, ohne zu denken, sie seien banal. Zuhören können, ohne einzuordnen, ohne einen Katalog aus Texten durchzurattern, auf die das, was ich aufnehme, irgendwie passt. Nicht für alles eine Erklärung zu finden. Dinge tun, die keine Aufgabe erfüllen, nicht in ein großes Muster passen.

Es gibt Momente, in denen kommt es wieder. Augenblicke, in denen ich weiß, dass wir jetzt die Straße entlang laufen, weinen, uns in den Armen liegen und verstehen. Dass es Orte geben muss, wo das Intime sicher ist.

12 Kommentare

  1. warum fühlst du dich manchmal wie ein popstar? Muss man dich kennen? Was machst du denn berühmtes? Also ich kenne dich nicht.

  2. „Nicht für alles eine Erklärung zu finden. Dinge tun, die keine Aufgabe erfüllen, nicht in ein großes Muster passen.“ Möchte man sich fast in den Arm ritzen! <3

  3. Sehr schöner Text, lantzschi.

    Ich hoffe für dich, dass du mehr dieser Momente wieder- und somit eine Balance findest, denn ohne geht es leider nicht. Manchmal braucht mensch einfach „banale“ Augenblicke, um im Dschungel des Lebens zu überleben.

  4. dafür einen Drücker und ein danke mit * fürs aus der Seele sprechen.
    man muss sich seine kleinen Refugien erhalten. es bleibt ja sonst nichts.
    deswegen bin ich oft froh, zwei kleine Kinder zu haben: sie fordern es von mir ein – ungeachtet aller meiner sonstigen Aktivitäten.
    weitere Tricks: feste internetfreie Tage (es wurde einmal der Dienstag vorgeschlagen – ups!); kochen mit netten Menschen :)

  5. Schöner Text. Und, ja, spricht mir auch aus der Seele.
    Aber. Ist eben nicht gerade die Erfahrung, dass Du das Glück hattest das erfahren zu können nicht auch ein Teil der Motivation (für mich ist es der Wichtigste) politisch zu werden? Eben für eine solche Welt kämpfen, die es ALLEN Menschen ermöglicht so frei zu sein? Ich vermute dass Dein Elternhaus es Dir ermöglichen konnte diese Freiheit zu erleben. Vielen anderen geht es nicht so. Da fehlt das Geld für Disko, Bier und Zigaretten. Da fehlt das Geld für ein Auto. Da gibt es keinen Wald und keine Blumenwiesen. Und wir wissen das.
    Es ist wichtig und richtig sich ab und zu gehen zu lassen. Wiederzufinden was einem zu dem gemcht hat was man ist. Kraft tanken. Nicht aufgeben. Zurückkommen weiter kämpfen für und vor allem mit denen die solch Erfahrungen gerne für alle möglich machen wollen. Ohne Geld. Venceremos – irgendwann :) Dranbleiben – weil der einzig richtige Weg ist.

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