Posted on Apr 21, 2012

Argumentationsgrundlage.

aus einer diskussion um das kuchendings in schweden ist folgende antwort meinerseits entstanden, die sehr lang wurde, viele grundsätzliche punkte enthält und daher auch inhaltlich für das blog interessant ist. ich habe die antwort deshalb aus der diskussion herausgelöst und hier veröffentlicht, weil einiges davon in fast jeder diskussion um machtverhältnisse auftaucht.

ich poste hier einen link, der vier zitate und links zu weiteren texten von women of color enthält, die diese kuchengeschichte sehr kritisch sehen. sie ordnen die angelegenheit als rassistisch und sexistisch ein, begründen ihre argumentation, hintergründe zum künstler usw usw. wem die argumente bis dato nicht bekannt waren, findet in den verlinkten texten genügend anhaltspunkte, sich das ganze mal aus einer rassismuskritischen und antisexistischen und feministischen perspektive anzuschauen.

was kunst darf/nicht darf, steht überhaupt nicht zur debatte, weil dürfen tut sie erstmal alles, siehe aktueller fall. jeder mensch _darf_ sich künstlerisch betätigen aus jeglicher motivation heraus mit jeglicher intention, es sei denn sowas wird von staatlicher seite aus politischen gründen unterbunden und per gewaltmonopol durchgesetzt. sowas nennt sich dann zensur. zensiert wird heutzutage an künstlerischen darstellungen zumindest in deutschland lediglich, was nicht mit der FDGO vereinbar ist und wo das recht auf meinungsfreiheit das auch nicht kompensieren kann. da in der BRD so einiges (auch menschenverachtendes) unter meinungsfreiheit und FDGO geführt wird, wird sehr wenig bis kaum etwas zensiert. das kann eine_r jetzt gut oder schlecht finden, ist aber nicht der punkt der diskussion.

kunst entsteht in einem gesellschaftlichen kontext, der u.a. von rassismus und sexismus durchzogen ist, daher lässt sie sich auch aus dieser perspektive heraus analysieren und ggf. kritisieren. zu anderen zeiten wurden solche darstellungen wie vorliegend massenhaft produziert, heute sind solche erzeugnisse zumindest mit einigen tabus belegt, sonst wäre ja die kritik daran nicht so groß. tabus, die daraus entstehen, dass zumindest bei einigen gruppen der konsens vorherrscht, dass rassistische und sexistische darstellungen rassismus und sexismus reproduzieren, daher gewaltvoll sind und machtverhältnisse aufrecht erhalten und ideologien propagieren, die die grundlage für unterdrückung und ausbeutung darstellen. wenn mensch damit kein problem hat (weil sie_er nicht davon persönlich betroffen ist, bspw.), hat sie_er auch kein problem mit solchen darstellungen. die einzelnen argumente, was an der darstellung, der präsentation kritisch ist und welche _wirkung_ das alles hat, wurde ja in den texten zur genüge beschrieben, deswegen wiederhole ich das jetzt nicht noch einmal.

du führst an, dass _dir_ das kunstwerk gefallen hat, _du_ die darstellung dem anlass entsprechend angemessen findest, lediglich den rahmen (also präsentation und reaktion der zuschauerinnen) nicht gut heißt. ok. insofern stimmst du ja den texten zu, dass solche darstellungen in weißen räumen nicht den gewünschten effekt (künstler wollte ja angeblich zum nachdenken über FGM und rassismus anregen) erzielen. nur: was _du_ vom kunstwerk hältst, entsteht auch nicht im luftleeren raum und ist genauso teil von machtverhältnissen. was _du_ vom kunstwerk hältst, ändert nichts an der kritik, denn deine meinung zum kunstwerk ist teil der kritik, die women of color vorbringen. da wir beide darin übereinstimmen, dass die präsentation und die reaktion unangemessen sind, müsste sich hier eigentlich die frage aufdrängen, warum so eine darstellung nicht ihren gewünschten effekt hat. das liegt – wie in den texten begründet – v.a. an der darstellung und an den räumen, in denen sie stattfand. warum so eine darstellung überhaupt erzeugt wird (durch den schwarzen künstler, der privilegiert genug ist, um stimmen von betroffenen frauen(!) einfach übergehen zu können) und in weiß dominierten räumen zu lob&lachern, statt zur kritik an der darstellung führt, steht auch in den texten.

was ist deine reaktion: du wiederholst, was eigentlich gegenstand der kritik ist und rechtfertigst das mit der intention des künstlers und kunstfreiheit im allgemeinen. das ist nicht illegitim, entfernt sich jedoch vom kontext, in dem die kritik stattfindet. weil ich noch einmal wiederhole, was kontext und argumente sind, hat zur folge, dass du dich belehrt und unverstanden fühlst, deine argumente weggewischt siehst und kritik an sexismus und rassismus als herrschaftswissen bezeichnest. letzteres ist schlichtweg falsch, denn gesellschaftlicher konsens ist: dass es kein problem darstellt mit rassistischen darstellungen und der unsichtbarmachung wie aneignung von stimmen von betroffenen geld zu verdienen, das ganze wird staatlich hofiert. herrschaftswissen ist hier also in erster linie rassistisches wissen (verleugnung von rassismus, unsichtbarkeit von weißsein, eurozentrismus, usw usw). dass ein typ mit der gewalt an frauen und völlig ekelhaften eigeninterpretationen dessen (nämlich der wiederholung der gewalt und nachäffung des schmerzes) geld verdient, ist aus feministischer perspektive mindestens fragwürdig, stellt aber ganz offensichtlich auch gesellschaftliche normalität dar.

die kritik an diesen normalzuständen einfach übergehen zu können und rechtfertigungen dafür zu finden (stichwort: argumente wegwischen), ist teil von herrschaftswissen, ist belehrend, aber auch seit jahrhunderten gängige praxis jener gruppen, die von herrschaft profitieren, ist auch grund, warum sich bspw. women of color nicht selten unverstanden fühlen mit ihrer kritik. der einzige unterschied, der jetzt besteht in deinem unverstanden- und belehrtwerdengefühl und deren: du kannst dich dessen entziehen, in dem du das haus verlässt oder diese diskussion hier wegklickst oder dir einfach aussuchen kannst, ob du dich mit rassismus auseinandersetzen möchtest oder nicht. ich kann das auch. das ist aber nicht mein anspruch, weil rassismus ein weißes problem ist, und daher auch meines. weswegen ich mir hier die zeit nehme, noch einmal meinen standpunkt zu verdeutlichen und die kritik stark zu machen. was allerdings nicht mein problem ist: deine emotionen, die bei dir hochkommen, weil dir eine sichtweise präsentiert wird, die deiner und meiner normalität widersprechen, deine definitionsmacht in sachen rassismus, die du als weiße europäerin nun einfach mal hast, in frage stellt. hier wäre es doch hilfreich, sich mit den eigenen abwehrmechanismen auseinanderzusetzen, um zur eigentlichen kritik überhaupt erst vordringen zu können.

mir geht es nicht darum, recht zu haben, weil das kann ich allein nicht entscheiden, das wird ja auf größerer diskursiver ebene verhandelt, was gelten kann und was delegitimiert wird – also eher verhandelt wird, wer recht _behält_ und nicht, wer recht hat. delegitimiert werden gesellschaftlich erstmal kritik an machtverhältnissen, weil es das herrschende system angreift, in dem wir leben. meine motivation besteht lediglich darin, meine gedanken mit anderen zu teilen, die bspw. rassismus und sexismus (egal in welcher form) kritikwürdig finden. dass ich daher nicht die verharmlosung dessen einfach so stehen lasse (weil die überall andernorts zu finden ist und sich dort menschen zusammenfinden können, die das ganz okay so finden), sollte also nachvollziehbar sein.

Posted on Jan 4, 2012

Wenn berechtigte Kritik in Verharmlosung rassistischer Gewalt umschlägt.

Ich finde es ja gut, wenn sich zur Zeit endlich mal der lächerlichen und zuweilen sexistischen Hetze gegen gut situierte Muttis zur Wehr gesetzt wird. Da spielen schließlich viele Dinge mit hinein: verkürzte Kapitalismus- und Gentrifizierungskritik, internalisierter Wohlstandschauvinismus, der irgendwo auf dem Weg der Kritik an sozialer Ungleichheit unproduktiv gewendet wurde, Muttermythos, stereotype Bilder und Gedanken über Frauen, Frauenselbsthass wegen Muttermythos und stereotypen Bildern und Gedanken über Frauen und noch einiges anderes, was mir jetzt auf die analytische Schnelle nicht einfallen will.

Was mir dann aber doch aufstößt, sind unzulässige Vergleiche mit sogenannten “migrantischen” Muttis und Milieus, Burka-Bildern und stillenden Müttern sowie Empörung über “Boot-ist-voll-Rhetorik”. Lassen wir die Kirche doch mal bitte im Dorf bei aller berechtigten Kritik. Wir reden hier über privilegierte Frauen, Bürgertum, Bildungshintergrund, gefälliges Einkommen, gefällige Lohnarbeit, mehrheitsdeutsch, emanzipiert und nicht über eine diffuse Durchschnittsmama, der von allen Seiten der blanke “Euterhass” entgegenweht.

Dass die Prenzlbergmutti nichts für die Gentrifizierung und für ihre sonnige soziale Position kann – geschenkt. Wer auf sowas rumreitet, hat nun wahrlich nicht die konstruktive Kritik auf seiner_ihrer Seite geparkt. Muss ja auch nicht. Wütend sein geht klar, aber dann bitte ohne Bücher, Tweets und Texten mit sexistischem und anderweitig verkürztem Bockmist bei völliger Vernachlässigung der eigenen Position. Um jetzt mal die eigenen Beispiele zu bemühen: Ich lese Pbergmutti-Bashing immer von solchen Leuten, die sich mit ihren Objekten der Kritik auf dem Rasen der Privilegien und Situiertheit prima die Hände reichen können, also Schluss damit. Teile und Herrsche für Dummies ist billig und verharmlosend.

Leider nur verfahren die Pbergmutti-Bashings-Basher_innen nach genau dem gleichen Dummy-Prinzip. Mit den oben skizzierten unzulässigen Vergleichen wird mal eben die eigene soziale Position der gut situierten Mutti mit von Rassismus Betroffenen (Müttern/Frauen) gleichgesetzt (neben dem, dass diese durch den Klassenrassismus der BRD sich auch in einer völlig anderen ökonomischen Position befinden). WTF?! Die Krone des Ganzen setzt sich Esther Kogelboom auf, die einfach mal die nationalistisch-rassistische Ausländerhetze der republikanisch-konservativen Kohl-Ära mit Pbergmutti-Bashing auf eine Stufe stellt. WTF?! “Das Boot ist voll” steht sinngemäß für die Kulmination der staatlich legitimierten und geförderten, z.T. völkerrechtswidrigen Ausbeutung von nicht-weißen “Gastarbeiter_innen” nach 1945 im postkolonialen Deutschland. Als die Menschen, die für das “deutsche Wirtschaftswunder” und den Aufstieg weißer Mehrheitsdeutscher verantwortlich zeichnen (und wahrscheinlich auch traurigerweise zum sozialen Stand der Pbergmutti und deren Mutti beigetragen haben), nicht mehr wichtig genug schienen (weil wirtschaftliche Krisenzeiten immer dazu genutzt wurden, die z.T. illegalisierten und staatsbürgerlich entrechteten “Gastarbeiter_innen” zu entlassen und abzuschieben), da hat sich Arschloch Kohl hingestellt und gesagt, das “Boot ist voll”. Danach kamen die Verschärfung des Asyl- und Ausländerrechts, rassistische Pogrome, Neonazis, mehr als 180 Morde durch Neonazis, “Kinder statt Inder”, Hessen, Thilo Sarrazin und was weiß ich nich noch alles. Strukturell abgesicherte und durch einen dominanzdeutschen rassistischen Diskurs abgesicherte Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung, etc. pp. Das war schon zu Bismarck so, das ist bis heute so. Rassistische Kontinuität. Pbergmutti-Bashing ist nicht auf strukturelle Gewalt zurückzuführen, besitzt keine über 200-jährige Geschichte, wird nicht totgeschwiegen und umgedreht und mit Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Und “Hassprediger”, werte Esther Kogelboom, sind rassistische Arschlöcher wie Kohl, Wilders, Sarrazin, Broder & Co. Nicht irgendein Mensch, der nicht weiß wohin mit seinem Sexismus und seiner verkürzten Kapitalismuskritik. Zumal das ja noch nicht mal Erwähnung findet in dem berechtigten Gejaule.

Sexismus ist scheiße. Rassismus und weißes Privilegiengejammer auch. Intersektionalität zu erwarten, wäre doch zu viel des Guten, aber Verharmlosung von Gewalt und Geschichtsklitterung müssen nun echt nicht noch sein.

Ergänzung: Ich benutze das Wort ‘Klassenrassismus’ nicht im Sinne der rassismusverharmlosenden Konnotation, sondern beziehe mich auf Serhat Karakayali, der den Begriff in “Paranoic Integrationism. Die Integrationsformel als unmöglicher (Klassen-)Kompromiss” (aus: Hess/Binder/Moser (Hg.): No Integration?!, Bielefeld, transcript, 2009, 95-104) einer anderen Definition unterzog. Er definiert ‘Klassenrassismus” als Zusammenspiel von kapitalistischer Ausbeutung und Rassismus, welches u.a. eine ethnisierende Unterschichtung von Gesellschaft zur Folge hat. Interessant auch hierzu die Beiträge und Herausgeberschaften von Kien Nghi Ha, der sich mit deutscher Kolonialgeschichte, Rassismus und Arbeitsmigration aus politik- und kulturwissenschaftlicher Perspektive auseinandersetzt.

Posted on Aug 2, 2011

Unterdrückung ist Sache der Unterdrückten

Für die Aufklärung über Homophobie sind Schwule zuständig, für jene über Rassismus PoC, und um Islamophobie zu beseitigen, bedarf es permanenter Aktivität von Muslimen. Bei feministischen Themen müssen Frauen ran. Das ist kein Thema für Männer.

Sie haben zudem die Aufgabe, Leute irgendwo „abzuholen“ und sanftmütig in therapeutischer Haltung, geduldig Andere darüber aufzuklären, wie diese selbst ticken. Weil Homophobie, Rassismus und dergleichen ja auch gar kein mehrheitsgesellschaftliches Problem sind, sondern das der Minderheiten.

Minderheitenvertreter sind auch dazu da, ggf. Trost zu spenden, wenn dann doch mal daneben gehauen wurde. Weil das ja alles nicht so gemeint war. Jede Redaktion braucht zu diesem Zweck einen Redaktionsschwulen und und einen Redaktionsschwarzen und eine Redaktionsfrau, die sind dann für schwule, schwarze und Frauen-Themen zuständig. Gnädig lauscht man ihnen. Manchmal. Und wendet sich dann dem Allgemeinen zu.

[...]

Für die Definition dessen, was Rassismus, Homophobie usw. IST, wo Benachteiligungen vorliegen, wo Stereotype sich formulieren, ist hingegen die Mehrheitsgesellschaft zuständig, nicht die betroffene Gruppe. Jeglicher Verstoß gegen diese Regel wird mit Empörung geahndet. Und der Verweis auf solche Strukturen ist grundsätzlich stigmatisierend, weil wir doch alle gleich sind.

[...]

Ein Recht auf Verletztsein haben ausschließlich jene, die von einer Minderheit der Diskriminierung gescholten werden. Denen hat Mitgefühl zu gelten. Das ist das Schlimmste, was einem in Deutschland passieren kann. Die Artikulation des Verletztseins und Kritik von Minderheiten ist a priori instrumentell, um sich moralische Überlegenheit zu verschaffen. Entsprechend hat jeder von Minderheiten Kritisierte zunächst einmal die Aufgabe, die eigenen Privillegien und die eigene Machtposition abzusichern und die Kritik als unzulässig auszuweisen.

[...]

Ergänzend ist alles, was man nicht auf Anhieb versteht, kein Grund zum Nachdenken, sondern als Geschwurbel zu stigmatisieren, das nichts anderem als dem intellektuellen Schwanzvergleich dient. Wissens- und Erfahrungsvorsprünge sind als solche verwerflich, weil sie ausschließlich genutzt werden, um Diskurshoheit zu erzielen. Mit Kompetenz oder dem Anliegen, etwas zu erläutern, was vielleicht anderen noch nicht klar ist, hat das grundsätzlich gar nichts zu tun, deshalb kann man da auch nix lernen.

Vollständiger Artikel auf Metalust.

Posted on Aug 30, 2010

Sexismus und die Kritik daran.

Wie vielleicht wenige schon bemerkt haben, war ich vergangenen Samstag bei Radio Fritz in der Sendung Trackback zu Gast. Thema war der Post “Das Dampfschiff”. Ich stammle ein wenig, ich eigne mich nicht so gut für’s öffentliche Reden.

Ich wollte noch einmal kurz rekapitulieren, was vor sich ging. (Und vielleicht hilft das auch für den Fall, wenn taube Leser_innen in diesem Blog lesen).

Amy&Pink wurden des Sexismus bezichtigt, nicht das erste Mal. Allerdings das erste Mal, dass sie sich auch auf ihrem Blog damit auseinandergesetzt haben. “Auseinandergesetzt” wohlgemerkt, sprüht ihr Beitrag und auch die eigene Einschaltung in die Diskussion darunter weiterhin vor Sexismus, Chauvinismus und purer Ablehnung gegenüber dieser Thematik. Genau deshalb ich meinen Beitrag verfasst. Nicht, weil die Inhalte sexistisch sind (ist ja im Netz nichts neues), sondern wie sich die Betreiber_innen dazu positioniert haben. Frauen im Autor_innenteam und eine Vorliebe für’s weibliche Geschlecht macht noch keinen Antisexisten aus Amy&Pink. Oder ein Blog, dass Selbstreflexion und -kritik kennt.

Ich habe potenziell nichts gegen Inhalte, die Frauen auf Geschlecht, Körper und Sexualität reduzieren. Das muss jede_r mit sich selbst vereinbaren können und solche Ansichten müssen respektiert werden, stellen sie doch nur _eine_ mögliche Sicht auf ein gesellschaftlich relevantes Thema dar. Wenn diese Sicht kritisiert wird, erwarte ich allerdings, dass mensch zuhören kann. Und sich eine differenziertere Sicht erzählen lässt, gerade von Menschen, die mehr zu dem Thema sagen können, als die Leute von Amy&Pink. Denn offenbar haben die keine Ahnung, was Sexismus eigentlich sein soll. Auch das ist nicht weiter schlimm, solange ich offen bin. Offen für den Wunsch der Kritiker_innen, sich auch bei Amy&Pink willkommen zu fühlen. Sexismus kann ein Ausschlusskriterium darstellen. Das haben Amy&Pink bis heute nicht begriffen und gehen dieses Risiko auch weiterhin ein, wenn ihre Reaktionen auf meinen Blogeintrag nicht mehr sind als Beleidigungen, Beschimpfungen und weitere Sexismen.

Natürlich ließe sich in dieser Sache anbringen, ob eine Kritik überhaupt sinnvoll sei, denn man könne ja weitergehen und andere Blogs lesen. Dazu wäre meine Antwort: Sind Sexismus und andere Formen der Diskriminierung von Menschen in einer Gesellschaft, die von sich behauptet Meinungsfreiheit wäre das größte Gut, weil wir über alles andere schon oft genug geredet hätten und es auch geschafft hätten, diese Machtmechanismen zu lösen, sinnvoll? Ich denke nein.

Und ja, Sachen, die andere ins Netz schreiben, nehme ich ernst. Denn ernst ist es uns nämlich in erster Linie damit, dass das, was wir hier so täglich schreiben, von anderen gelesen wird.

Posted on Aug 25, 2010

Das Dampfschiff

Bei vielen Menschen, die ich so im Netz lese, die ich mithöre, von denen ich Mimik und Gestik wahrnehme, frage ich mich manchmal, wovor sie eigentlich Angst haben? Und warum sie sich offenbar gern selbst kompromittieren, ohne dass ihnen das im Nachhinein peinlich oder unangenehm wäre. Ohne, dass sich in den Hirnwindungen etwas weiter dreht. Ein kleines Blitzen in den Augen, irgendeine Form von Stutzen, Innehalten, ein Anflug von Mitgefühl, eine Geste des Respekts für die Welt, in der sie leben.

Die Postmoderne ist ein lustiges Zeitalter. Alles scheint überwunden und die entscheidenden Fragen, die wir uns stellen, sind beispielsweise die, in welchen Club wir am Wochenende gehen, warum ich diese affengeilen Sneaker nicht auf Ebay finde und welches halbwegs intellektuelle Printprodukt ich mir auf dem Weg zur Arbeit oder Uni unter den Arm klemme, damit ich halbwegs intellektuell daherkomme. Wir spielen uns. Ein Theater der Dekadenz. Geschlechterrollen werden liebevoll karikiertausformuliert, das als fremd verortete wird verhipstert und ist in einigen Fällen sogar dem Prestige zuträglich, Individualismus ist die Leitkultur derer, die es sich leisten können, die Kids des sogenannten Bildungsbürgertum verkommen zum weißen Adel, für den Selfmade nicht nur ein Weg in die Zukunft darstellt, sondern auch prima als Attitüde fungiert.

Ein bisschen soziokultureller Pessimismus ist schon angebracht, wenn mich auf Twitter rassistische Tweets anspringen, die weder eine bestimmte Botschaft, eine politische Forderung, ein Stammtischeinwurf transportieren, denn völlig abhanden gekommenes politisches wie gesellschaftliches Bewusstsein, Stumpfsinn und das Hofieren der eigenen vermeintlichen intellektuellen Attitüde, mensch sei ja so post, dass er/sie/es sich ohne Rücksicht auf die eigene Reputation leisten könne, die vielen Bildschirme der Internetuser mit Scheiße zu beschmieren.

Ich könnte fortfahren mit einer Abhandlung, dass das Internet für mehr Kommunikation wegen Sender, Produzent, Empfänger gleich Produzent, blablablabla, interessiert keine Sau und trifft auch nicht den Kern des Problems. Das Problem ist nicht die “Einfach zu Haben”-Kommunikation dieses ach so tollen Internets, sondern diese perverse Denke, irgendjemand findet diese Scheiße irgendwie ein bisschen lustig/cool/progressiv und wenn nicht, dann bin ich es wenigstens noch, der wichsen oder masturbieren oder sich vor Freude Bleistifte in den Anus (ggf. auch die Nasenhöhlen) stecken kann, weil da etwas steht, dass von mir stammt. Ich habe etwas geschaffen. Sei es auch nur ein Haufen Scheiße. Es ist meins. Niemand kann es mir streitig machen. Nennt sich dann wohl Netzneutralität.

Ein anderes Beispiel für diese Kackfreude an der geglaubten Befreiung von … äääh … Strukturen oder sowas sind die Heuchlerkinder, an deren Schuhsohlen die Hegemonie klebt, die sich mit Hegemonie ihre drei Haare von der Brust zupfen, den Intimbereich rasieren, die Haare hochstecken und in Clubs wohlfeil Brüste kreisen lassen. Die American-Apparel-Fanchicks (und Fancocks), die sich ängstlich in ihre Kinderstube verkriechen, weil ihnen der Antisexismus ihren selbstgebastelten Umschnalldildo wegnehmen will. Wenn Medienkompetenz heute darin besteht, dass ich Wikipedia-Definitionen googlen kann, anderslautende Meinungen mit Füßen trete, Menschen beleidige, meine Titten in ein Blog presse oder vom Katie-Perry-Verschnitt neben mir ablutschen lasse (und dann in ein Blog presse), wenn ich mich als Schwanzträger berechtigt sehe, wild durch die Gegend zu objektivieren, weil das irgendwie cool ist und Frauen das ja so wollen, wenn geifernde Titten die Daseinsberechtigung von Sexismus mit dem Kampf gegen das dumme Emanzen/Feminist_innen/Spießer_innen-Pack begründen… ja, dann doch lieber Bushido als dieses spärlich verpackte “Ich bin kein Sexist, aber”-Geschwafel und dem Hochjubeln von Fotzen vor den Augen mit Sticker im Höschen.

Ich will auch nicht mehr davon lesen, dass küssende Frauen nur dazu da sind, Männer geil zu machen und weil Frauen ja so sind mit diesem Mittelpunkt (Ich dachte immer, alles drehe sich um den G-Punkt) Die anmaßende Scheiße kannst du in die Bravo schreiben, Mädel, da ist sie bestens aufgehoben, aber als neuen sexy Trend brauchst du das nicht verkaufen.

Ich bin froh, dass es noch Menschen gibt, die daraufhin für sich selbst entscheiden, ob sie das weiterhin lesen/konsumieren/mitbekommen wollen oder ob sie den Stinkefinger hinhalten und zum Abschied ein kurzes Statement da lassen. Allerdings hilft auch das knackigste Statement nicht, wenn das dumpfe Bumsgeschrei verstummt ist und wir uns in Sphären begeben, die sich mehr privat denn prätentiös artikulieren.

Letztlich denke ich mittlerweile, dass Argumente in menschlichen Fragen noch nie viel gebracht haben, egal ob reaktionär oder wahrheitsgemäß. Keine Diskussion, keine demokratische Zusammenkunft, kein Kuscheln. Die Mär der Mehrheit scheint für viele jedenfalls noch spannend genug, um sich in den faulen und stinkenden Kajüten der MS Arschloch wohlig zu fühlen.