Derailing für Rassist_innen und white privilege denying du_dettes

bingo, bingo, bingo. immer das gleiche muster bei menschen, die nicht von rassismus betroffen sind.

1. definieren, was rassismus ist/nicht ist
2. definieren, wie antirassistische arbeit auszusehen hat
3. definitionsmacht leugnen
4. sich persönlich angegriffen fühlen
5. anderen unterstellen, sich persönlich angegriffen zu fühlen, emotionalität bei anderen kritisieren.
6. sich selbst für sachlich und objektiv halten.

[Hitler-/NS-/Holocaust- Vergleiche bringen – Jokerkarte]

7. eigene „antirassistische“ „arbeit“ hervorheben (danach wahlweise wiederholung der punkte 1-3, wahrscheinlich zur „argumentationsführung“)
8. Unterdrücker_innen/Gewaltausübende/Diskriminierende mit denen auf eine Stufe stellen, die Widerstand zeigen/leisten
9. sich selbst als unabhängig vom thema/nicht-rassist_in begreifen (rassismus sei also somit nur ein problem von siehe 8.) außerdem: siehe 6.
10. Perspektiven von Betroffenen leugnen
11. sich als Opfer inszenieren
12. Diskussion um die eigene „Rassismusfähigkeit“ kreisen lassen
13. siehe 1-12, danach selbstbestimmte wiederholungen zur eigenversicherung in un/regelmäßigen abständen

Wow, du hast es weit geschafft. Viele deiner Vorgänger_innen kamen nicht mal bis zur Hälfte. Gratulation für soviel Durchhaltevermögen! Die Empörungsindustrie verleiht dir hiermit den Preis für die beste Beweisführung, dass Rassismus nach wie vor existent und wirkmächtig ist.

Argumentationsgrundlage.

aus einer diskussion um das kuchendings in schweden ist folgende antwort meinerseits entstanden, die sehr lang wurde, viele grundsätzliche punkte enthält und daher auch inhaltlich für das blog interessant ist. ich habe die antwort deshalb aus der diskussion herausgelöst und hier veröffentlicht, weil einiges davon in fast jeder diskussion um machtverhältnisse auftaucht.

ich poste hier einen link, der vier zitate und links zu weiteren texten von women of color enthält, die diese kuchengeschichte sehr kritisch sehen. sie ordnen die angelegenheit als rassistisch und sexistisch ein, begründen ihre argumentation, hintergründe zum künstler usw usw. wem die argumente bis dato nicht bekannt waren, findet in den verlinkten texten genügend anhaltspunkte, sich das ganze mal aus einer rassismuskritischen und antisexistischen und feministischen perspektive anzuschauen.

was kunst darf/nicht darf, steht überhaupt nicht zur debatte, weil dürfen tut sie erstmal alles, siehe aktueller fall. jeder mensch _darf_ sich künstlerisch betätigen aus jeglicher motivation heraus mit jeglicher intention, es sei denn sowas wird von staatlicher seite aus politischen gründen unterbunden und per gewaltmonopol durchgesetzt. sowas nennt sich dann zensur. zensiert wird heutzutage an künstlerischen darstellungen zumindest in deutschland lediglich, was nicht mit der FDGO vereinbar ist und wo das recht auf meinungsfreiheit das auch nicht kompensieren kann. da in der BRD so einiges (auch menschenverachtendes) unter meinungsfreiheit und FDGO geführt wird, wird sehr wenig bis kaum etwas zensiert. das kann eine_r jetzt gut oder schlecht finden, ist aber nicht der punkt der diskussion.

kunst entsteht in einem gesellschaftlichen kontext, der u.a. von rassismus und sexismus durchzogen ist, daher lässt sie sich auch aus dieser perspektive heraus analysieren und ggf. kritisieren. zu anderen zeiten wurden solche darstellungen wie vorliegend massenhaft produziert, heute sind solche erzeugnisse zumindest mit einigen tabus belegt, sonst wäre ja die kritik daran nicht so groß. tabus, die daraus entstehen, dass zumindest bei einigen gruppen der konsens vorherrscht, dass rassistische und sexistische darstellungen rassismus und sexismus reproduzieren, daher gewaltvoll sind und machtverhältnisse aufrecht erhalten und ideologien propagieren, die die grundlage für unterdrückung und ausbeutung darstellen. wenn mensch damit kein problem hat (weil sie_er nicht davon persönlich betroffen ist, bspw.), hat sie_er auch kein problem mit solchen darstellungen. die einzelnen argumente, was an der darstellung, der präsentation kritisch ist und welche _wirkung_ das alles hat, wurde ja in den texten zur genüge beschrieben, deswegen wiederhole ich das jetzt nicht noch einmal.

du führst an, dass _dir_ das kunstwerk gefallen hat, _du_ die darstellung dem anlass entsprechend angemessen findest, lediglich den rahmen (also präsentation und reaktion der zuschauerinnen) nicht gut heißt. ok. insofern stimmst du ja den texten zu, dass solche darstellungen in weißen räumen nicht den gewünschten effekt (künstler wollte ja angeblich zum nachdenken über FGM und rassismus anregen) erzielen. nur: was _du_ vom kunstwerk hältst, entsteht auch nicht im luftleeren raum und ist genauso teil von machtverhältnissen. was _du_ vom kunstwerk hältst, ändert nichts an der kritik, denn deine meinung zum kunstwerk ist teil der kritik, die women of color vorbringen. da wir beide darin übereinstimmen, dass die präsentation und die reaktion unangemessen sind, müsste sich hier eigentlich die frage aufdrängen, warum so eine darstellung nicht ihren gewünschten effekt hat. das liegt – wie in den texten begründet – v.a. an der darstellung und an den räumen, in denen sie stattfand. warum so eine darstellung überhaupt erzeugt wird (durch den schwarzen künstler, der privilegiert genug ist, um stimmen von betroffenen frauen(!) einfach übergehen zu können) und in weiß dominierten räumen zu lob&lachern, statt zur kritik an der darstellung führt, steht auch in den texten.

was ist deine reaktion: du wiederholst, was eigentlich gegenstand der kritik ist und rechtfertigst das mit der intention des künstlers und kunstfreiheit im allgemeinen. das ist nicht illegitim, entfernt sich jedoch vom kontext, in dem die kritik stattfindet. weil ich noch einmal wiederhole, was kontext und argumente sind, hat zur folge, dass du dich belehrt und unverstanden fühlst, deine argumente weggewischt siehst und kritik an sexismus und rassismus als herrschaftswissen bezeichnest. letzteres ist schlichtweg falsch, denn gesellschaftlicher konsens ist: dass es kein problem darstellt mit rassistischen darstellungen und der unsichtbarmachung wie aneignung von stimmen von betroffenen geld zu verdienen, das ganze wird staatlich hofiert. herrschaftswissen ist hier also in erster linie rassistisches wissen (verleugnung von rassismus, unsichtbarkeit von weißsein, eurozentrismus, usw usw). dass ein typ mit der gewalt an frauen und völlig ekelhaften eigeninterpretationen dessen (nämlich der wiederholung der gewalt und nachäffung des schmerzes) geld verdient, ist aus feministischer perspektive mindestens fragwürdig, stellt aber ganz offensichtlich auch gesellschaftliche normalität dar.

die kritik an diesen normalzuständen einfach übergehen zu können und rechtfertigungen dafür zu finden (stichwort: argumente wegwischen), ist teil von herrschaftswissen, ist belehrend, aber auch seit jahrhunderten gängige praxis jener gruppen, die von herrschaft profitieren, ist auch grund, warum sich bspw. women of color nicht selten unverstanden fühlen mit ihrer kritik. der einzige unterschied, der jetzt besteht in deinem unverstanden- und belehrtwerdengefühl und deren: du kannst dich dessen entziehen, in dem du das haus verlässt oder diese diskussion hier wegklickst oder dir einfach aussuchen kannst, ob du dich mit rassismus auseinandersetzen möchtest oder nicht. ich kann das auch. das ist aber nicht mein anspruch, weil rassismus ein weißes problem ist, und daher auch meines. weswegen ich mir hier die zeit nehme, noch einmal meinen standpunkt zu verdeutlichen und die kritik stark zu machen. was allerdings nicht mein problem ist: deine emotionen, die bei dir hochkommen, weil dir eine sichtweise präsentiert wird, die deiner und meiner normalität widersprechen, deine definitionsmacht in sachen rassismus, die du als weiße europäerin nun einfach mal hast, in frage stellt. hier wäre es doch hilfreich, sich mit den eigenen abwehrmechanismen auseinanderzusetzen, um zur eigentlichen kritik überhaupt erst vordringen zu können.

mir geht es nicht darum, recht zu haben, weil das kann ich allein nicht entscheiden, das wird ja auf größerer diskursiver ebene verhandelt, was gelten kann und was delegitimiert wird – also eher verhandelt wird, wer recht _behält_ und nicht, wer recht hat. delegitimiert werden gesellschaftlich erstmal kritik an machtverhältnissen, weil es das herrschende system angreift, in dem wir leben. meine motivation besteht lediglich darin, meine gedanken mit anderen zu teilen, die bspw. rassismus und sexismus (egal in welcher form) kritikwürdig finden. dass ich daher nicht die verharmlosung dessen einfach so stehen lasse (weil die überall andernorts zu finden ist und sich dort menschen zusammenfinden können, die das ganz okay so finden), sollte also nachvollziehbar sein.

Schmeckt’s noch?

Es gibt ja so Dinge, die machen eine sprachlos. Wie diese widerliche „Kuchensache“ in Schweden. Auf Facebook las ich den Kommentar: „It’s getting worst!“ – fand ich ganz zutreffend. Nachfolgend vier sehr gute, messerscharfe, zynische und trockene Kommentare von Women of Color.

With allies like this, who needs enemies?

[…]

I felt pain looking at that cake. It leaves me speechless and unable to articulate the hurt. That this was done by a supposed liberal group of White women comes as no surprise, because there is a long history of White people claiming to be concerned with the plight of people of colour, even as they work to support and strength White supremacy. These women may well have felt that because their intent was good that no harm was done, but they are wrong. Intent is not a magical elixir and much harm has been done in the name of good intentions. Womanist Musings

What makes the cake episode so deeply offensive is the appropriation, by both artist and his audience, of African women’s bodies and experiences, while completely excluding real African women from the discourse. It is a pornography of violence. The missing ingredient in Sweden’s racist-misogynist cake by Shailja Patel

Initially I did not know who created this work, I had just seen snippets of conversations on the internet. And then when I learned that the creator was an Afro Swedish man, I immediately thought about the intersection of race and gender. The question then became how do we talk about the intersection of racism, and sexism when the creator of a problematic and offensive piece of art is a Black man? Why is this “okay” for Makoda to create this but not a White woman artist? Lastly, where are the women who are apparently the “subjects” of this work? Bodies have Histories. Crunk Feminist Collective.

The symbolism of the whole affair is poignant. They are literally eating a black body as they laugh at its (performed) pain. The fact that this huge error in judgement, common sense and plain decency comes from the anti-racist faction of government in Sweden does not surprise me. What passes for anti-racism in Europe is people with a deep white savior complex that allow them to keep patronizing ideas about people of color while meeting their own needs to appear good and charitable. 5 Ways to eat your racist cake & have it too.

Antwort der ZEIT

Ein_e Redakteur_in der ZEIT schrieb mir gestern eine E-Mail auf meine Kritik am rassistischen Sprachgebrauch in einem ihrer Artikel über Rassismus mit der freundlichen Bitte, das zu ergänzen, was ich hiermit tue.

Liebe Nadine Lantzsch,

Ich arbeite bei der Zeit und Fabian Dannenberg ist ein guter Freund von mir. Zusammen haben wir die Idee fuer den Artikel entworfen, und ich habe ihn bis zur Produktion betreut. Ich bin nicht weiss.

Fabian und ich haben Wort fuer Wort abgesprochen, was in der Ueberschrift, der Unterzeile und der Bildunterschrift steht. Die Zeile fand er „genau richtig“, weil sie den rassistischen Hass klar und abscheulich widerspiegelt.

Der Post auf Medienelite basiert also auf zwei Annahmen, die nicht stimmen. Mir ist es wichtig, das zu korrigieren und Fabians Artikel zu verteidigen. Ich waere Dir daher dankbar, wenn Du die Fehler korrigieren oder meine Antwort als Kommentar darunter stellen koenntest.

Viele Gruesse,

Khue Pham

Zur Transparenz: Es ist also in diesem Fall so, dass Worte wie „N.“ in der Überschrift sowie „Rassenhass“ in der URL, die ich in meinem Artikel kritisierte, offenbar mit dem Autor abgesprochen waren.

Das ist natürlich zu begrüßen, also die Absprache. Dieser Teil meiner Kritik ist demnach nicht zutreffend.

Auch wenn hier von Betroffenen bestimmt wurde, was wie genannt wird, impliziert die Verwendung von „Rassenhass“ ohne Anführungszeichen und ohne weitere Kontextualisierung, es gäbe so etwas wie „Menschenrassen“, die aufgrund ihrer „Rassenzugehörigkeit“ diskriminiert werden.

Die Verwendung von N. im Artikel kann natürlich ein Trigger für Betroffene darstellen, genauso wie in der Überschrift, aber sie sind immerhin eindeutig als Zitate gekennzeichnet, wo klar ist, dass N. keine Selbstbezeichnung oder korrekte Bezeichnung darstellt. Im N-Wort drückt sich natürlich erstmal, wie Redakteur_in und Autor ebenfalls meinen, Rassismus aus. Die Verwendung des N-Wortes ist _immer_ rassistisch. Es gibt keine Ausnahme. Ich finde, dass der Artikel das gut illustriert. In der Überschrift kulminiert also das, was der Autor in seinem Artikel beschreibt. Ich sehe ein, dass das ein gutes Argument für die Verwendung im konkreten Fall ist. 

Als eine, die in Sachen Herrschaftskritik auch auf Sprache achtet, finde ich es trotzdem unglücklich, dieses Wort in die Überschrift zu packen. Da die hiesige Gesellschaft weder aware in Sachen Rassismus ist, noch kritisch mit Rassismus umgeht, kein antirassistisches Wissen zum Alltagswissen gehört, trägt die Verwendung des N-Wortes (vor allem so plakativ in der Überschrift) zur Normalisierung bei. Das N-Wort wird nach wie vor benutzt, um Schwarze zu beleidigen oder über Schwarze Menschen zu sprechen, auch wenn dahinter die Absicht steht, mit der Verwendung zu illustrieren, dass hier gerade über Rassismus/rassistische Beleidigung gesprochen wird.

Da weiße die Definitionsmacht darüber besitzen, wie über Rassismus gesprochen wird, bricht die Verwendung mit dieser Definitionsmacht leider nicht. [ref]Weshalb ich das Wort nicht mehr ausgesprochen/ausgeschrieben verwende – egal, mit wem und in welchem Kontext ich spreche/schreibe.[/ref] Will sagen, dass auch weiße dann die Verwendung des N-Wortes für legitim halten, wenn sie Rassismus kritisieren wollen. Da ihnen die Entscheidung darüber nicht zusteht, finde ich Sprachpolizei immer gut, um ihnen diese Sprache „wegzunehmen“ oder zumindest mit Abkürzungen wie „N-Wort“  oder „N.“ zu arbeiten, um anzuzeigen, dass hier ein Problem mit dem Sprachgebrauch besteht und Betroffene nicht weiter zu verletzen / zu triggern.

Ich freue mich sehr über diese E-Mail, da Feedback zu Kritik an Artikeln in Massenmedien selten ist. Und weil mit dieser Tatsache an der einen oder anderen Stelle doch mal gebrochen wird.

Wer sich mit rassistischem Sprachgebrauch auseinandersetzen will, dem_der sei „Afrika und die deutsche Sprache“ und „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“ als Einstiegsliteratur empfohlen. „Rassismus auf gut Deutsch“ ist empfehlenswer für alle, die die anderen Bücher schon kennen bzw. einen akademischeren/sprachwissenschaftlicheren Zugang wollen.

Kurze Gedanken zu Jane Elliotts Antirassismustrainings

Als Martin Luther King erschossen wurde, hat sich die damals als Lehrerin arbeitende, weiße US-Amerikanerin Jane Elliott an einem Experiment versucht: Sie teilte ihre Schulklasse in Braun- und Blauäugige ein. Die Braunäugigen waren aufgerufen, die Blauäugigen schlecht zu behandeln. Ihnen zu unterstellen, sie wären ungebildet, ignorant, böse. Die Kinder spielten das Spiel mit und merkten schnell: Die Wirkungsweisen von Rassismus sind so banal wie um-sich-greifend. Jede_r kann rassistisch handeln.

Das „Augen-Experiment“ hat internationale Bekanntheit erlangt und Jane Elliott arbeitet nach wie vor als Antirassismus-Trainerin. Mit unterschiedlichem Erfolg. Was einerseits an dem Kontext liegt, in dem sie als Dozentin die Trainings durchführt und an ihrer Art und Weise dies zu tun.

Ich habe mir vor ein paar Tagen zwei Filme mit ihr angesehen. Eine Filmreihe mit dem Titel „How racist are you?“, die mensch sich unter folgendem Link in fünf Teilen anschauen kann. (Triggerwarnung für Rassismus-Denials und rassistische Äußerungen der Teilnehmer_innen)
Der andere Film hieß „The angry eye“:

Die Filme unterscheiden sich. Im ersten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Erwachsenen aus Großbritannien. Das Experiment misslingt, kaum eine_r der weißen Teilnehmer_innen lässt sich auch nur ansatzweise auf einen Erkenntnisprozess ein. Zumindest zeigen das die Szenen. Im zweiten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Schüler_innen aus den USA. Das Experiment ist erfolgreich.[ref]In „The Angry Eye“ weist eine weiße Probandin darauf hin, dass sie das Gefühl hat, im Training werde Rassismus als „schlimmer“ bewertet als Sexismus und Homophobie. Sie fühle sich deswegen unwohl und in ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen zurückgewiesen. Elliott reagiert auf dieses Unbehagen, indem sie die weiße Frau und einen Schwarzen Teilnehmer nach vorn holt und erklärt, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungswelten haben, die wir erst einmal akzeptieren müssen, ohne sie abzuerkennen. Die Oppression Olympics werden leider nicht thematisiert bzw. aufgelöst, stattdessen arbeitet Elliott mit stark verkürzten Differenz(feministischen)-Ansätzen. Sie geht nicht auf Intersektionalitätsaspekte ein und definiert Geschlecht lediglich in Gebärmutter(nicht)/Penisvorhandensein. Es wird also kein Machtverhältnis thematisiert, das kontextabhängig unterschiedliche Wirkungen hat und die ProbandInnen stets verschieden positioniert, sondern Elliott erklärt: Alle sind grundverschieden. Essentialismus galore!

Was allerdings dem „geschulten“ Auge klar wird: Dies ist ein Awarenesstraining für Rassismus. Kein „Lasst uns über all unsere Diskriminierungserfahrungen sprechen. Diese Gefühle, die die weiße (meiner Zuschreibung zufolge nicht heterosexuell begehrende) Probandin macht, hatte ich auch schon öfter. Oppression Olympics sind scheiße, aber hier gilt es zu unterscheiden, ob das nur meine Wahrnehmung ist, weil ich auch mal sagen will, wie diskriminiert ich bin und das Gefühl habe, das nicht zu „dürfen“, oder ob mein_e Gegenüber_in tatsächlich vorhat, Macht- und Unterdrückungsverhältnisse zu hierarchisieren, indem sie es konkret so benennt. Das ist nicht immer eindeutig zu trennen, aber ich denke, das ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir Diskriminierung auf der Interaktionsebene betrachten.[/ref]

Doch warum? Ich erkläre mir das so, dass in den USA aus der Historie heraus ein Grundwissen darüber herrscht, was Rassismus ist, wie und wo er sich institutionalisiert hat. Über Rassismus wird in den USA offener gesprochen. Rassismus ist kein Tabu. Was sich als Tabu herausstellt, ist die Thematisierung von weißen Privilegien und inwiefern das auch etwas mit mir selbst (als weiße Person) zu tun hat. Das ist jetzt grob vereinfacht, aber allein der Fakt, dass es dort große soziale Bewegungen gegeben hat, die bspw. in Europa weitestgehend ausblieben, macht schon einen Unterschied. Das heißt nicht, dass dort in postrace-Verhältnissen gelebt und gehandelt wird, im Gegenteil, allerdings wird Rassismus in den USA nicht grundsätzlich negiert.

Im Gegensatz dazu zeigen sich die Proband_innen aus UK in fast ausschließlicher Verteidigungshaltung. Die Übungen werden vielfach von weißen boykottiert und verfehlen so ihre Wirkung. Ein PoC erklärt, dass er seine „biracial“ Tochter niemals von der Schule abholt, weil sie in einer vollkommen weißen Schule „zum Glück“ noch als „weiß genug“ gelesen wird und er nicht möchte, dass sie Schwarz „wird“. Eine weiße Lehrerin(!) erklärt darauf hin, dass ihr Mann auch nicht in seinen legeren Klamotten zur Arbeit geht oder seine Tochter von der Schule abholt m( So geht es eigentlich die ganze Zeit. Die weißen Proband_innen halten sich für reflektiert genug zu erkennen, was Rassismus ist und behaupten, sie würden immer und überall intervenieren, wenn ihnen Rassismus auffällt. Rassismus hat mit ihnen persönlich nichts zu tun. Eine Derailing-Strategie jagt die nächste. Sie fühlen sich angegriffen, verletzt, ungerecht behandelt, von Elliott selbst, von den PoC im Raum.

Ich hatte mir beim Schauen des Films gedacht, dass die weißen zugänglicher wären, auch weil Elliott als weiße Autorität in Erscheinung tritt und es eigentlich hätte zu Bonding-Effekten kommen können. „Aaah, wenn es mir eine weiße erklärt, dann muss sie ja recht haben“. Was Elliott jedoch macht: Sie verhindert das, weil sie weiße Verteidigungshaltung kaum zulässt und stets am Sanktionieren ist, wenn es zu Privilege Denying und White Whining kommt. Mir imponiert dieser straighte Umgang sehr, ist er doch konsequente Solidarisierung mit Betroffenen. Er kann allerdings auch Rassismus verstärkend wirken. Nicht weil Elliott so handelt, wie sie es tut, sondern weil die weißen denken, ihnen würde kein Raum gewährt: Zum Lernen und zur Artikulation.

Wenn offenbar nicht einmal ein Grundbewusstsein darüber vorherrscht, was Rassismus ist und wie er sich äußern kann, dann ist es schwierig, weiße Proband_innen mit dieser Taktik etwas „beizubringen“ bzw. sie zum Lernen zu animieren. Ich gehe mal davon aus, dass das Experiment hierzulande ähnliche Effekte hätte. Es ist nicht Elliotts Aufgabe, Rassismus so zu vermitteln, damit auch der_die letzte weiße es endlich kapiert, schon gar nicht, wenn Betroffene im Raum sind, denn offensichtlich funktioniert ihr Experiment auch in anderen Kontexten. Aber es wird schwieriger, wenn wir uns in Kontexten bewegen, wo Rassismus nicht zum Alltagswissen gehört. Der Diskurs um „wir sind doch alle gleich“ ist offenbar in einigen Nationalstaaten derart hegemonial, dass er sich nur schwer aufbrechen lässt. Noch nicht mal dann, wenn bspw. anerkannt wird, dass sexualisierte Gewalt verachtenswert ist, herrscht Konsens darüber, dass dies bestimmte Ursachen hat, die auch mit mir selbst als vergeschlechtlichtes Wesen zu tun haben. Dass jeder Typenwitz über Frauen Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Nice Guy Gejammere Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Festhalten an Privilegien Ausdruck dessen ist, was Herrschaft weiterhin legitimiert.

Letztendlich geht es bei jeder Denial- und Derailingstrategie darum, ob ich das Gefühl habe, als guter oder als schlechter Mensch zu gelten. Handele ich rassistisch, bin ich schlecht. Ich will aber nicht schlecht sein, deswegen weise ich jeden Vorwurf der rassistischen Handlung von mir. Diese Haltung ist dermaßen selbstbezogen und ignorant, dass es schon fast wieder lächerlich ist, wenn diese Menschen behaupten, sie wären tolerant und am Gemeinwohl oder an Gerechtigkeit interessiert. Denn offenbar ist ihnen nur daran gelegen, ihre Komfortzone nicht zu verlassen.

Ich denke, dass da anzusetzen als erster Schritt wichtiger wäre, als weißen vor den Latz zu knallen, wie und wo Rassismus auftritt. Denn die Abwehrhaltung ist ein erstes Zeichen dafür, dass eigentlich das Verständnis dafür da ist, worum es gehen soll, aber der Egozentrismus noch den Riegel vorschiebt. Denn sonst würde ja mit Gleichgültigkeit reagiert werden (so meine Interpretation).