Posted on Feb 2, 2012

Antwort der ZEIT

Ein_e Redakteur_in der ZEIT schrieb mir gestern eine E-Mail auf meine Kritik am rassistischen Sprachgebrauch in einem ihrer Artikel über Rassismus mit der freundlichen Bitte, das zu ergänzen, was ich hiermit tue.

Liebe Nadine Lantzsch,

Ich arbeite bei der Zeit und Fabian Dannenberg ist ein guter Freund von mir. Zusammen haben wir die Idee fuer den Artikel entworfen, und ich habe ihn bis zur Produktion betreut. Ich bin nicht weiss.

Fabian und ich haben Wort fuer Wort abgesprochen, was in der Ueberschrift, der Unterzeile und der Bildunterschrift steht. Die Zeile fand er “genau richtig”, weil sie den rassistischen Hass klar und abscheulich widerspiegelt.

Der Post auf Medienelite basiert also auf zwei Annahmen, die nicht stimmen. Mir ist es wichtig, das zu korrigieren und Fabians Artikel zu verteidigen. Ich waere Dir daher dankbar, wenn Du die Fehler korrigieren oder meine Antwort als Kommentar darunter stellen koenntest.

Viele Gruesse,

Khue Pham

Zur Transparenz: Es ist also in diesem Fall so, dass Worte wie “N.” in der Überschrift sowie “Rassenhass” in der URL, die ich in meinem Artikel kritisierte, offenbar mit dem Autor abgesprochen waren.

Das ist natürlich zu begrüßen, also die Absprache. Dieser Teil meiner Kritik ist demnach nicht zutreffend.

Auch wenn hier von Betroffenen bestimmt wurde, was wie genannt wird, impliziert die Verwendung von “Rassenhass” ohne Anführungszeichen und ohne weitere Kontextualisierung, es gäbe so etwas wie “Menschenrassen”, die aufgrund ihrer “Rassenzugehörigkeit” diskriminiert werden.

Die Verwendung von N. im Artikel kann natürlich ein Trigger für Betroffene darstellen, genauso wie in der Überschrift, aber sie sind immerhin eindeutig als Zitate gekennzeichnet, wo klar ist, dass N. keine Selbstbezeichnung oder korrekte Bezeichnung darstellt. Im N-Wort drückt sich natürlich erstmal, wie Redakteur_in und Autor ebenfalls meinen, Rassismus aus. Die Verwendung des N-Wortes ist _immer_ rassistisch. Es gibt keine Ausnahme. Ich finde, dass der Artikel das gut illustriert. In der Überschrift kulminiert also das, was der Autor in seinem Artikel beschreibt. Ich sehe ein, dass das ein gutes Argument für die Verwendung im konkreten Fall ist. 

Als eine, die in Sachen Herrschaftskritik auch auf Sprache achtet, finde ich es trotzdem unglücklich, dieses Wort in die Überschrift zu packen. Da die hiesige Gesellschaft weder aware in Sachen Rassismus ist, noch kritisch mit Rassismus umgeht, kein antirassistisches Wissen zum Alltagswissen gehört, trägt die Verwendung des N-Wortes (vor allem so plakativ in der Überschrift) zur Normalisierung bei. Das N-Wort wird nach wie vor benutzt, um Schwarze zu beleidigen oder über Schwarze Menschen zu sprechen, auch wenn dahinter die Absicht steht, mit der Verwendung zu illustrieren, dass hier gerade über Rassismus/rassistische Beleidigung gesprochen wird.

Da weiße die Definitionsmacht darüber besitzen, wie über Rassismus gesprochen wird, bricht die Verwendung mit dieser Definitionsmacht leider nicht. 1 Will sagen, dass auch weiße dann die Verwendung des N-Wortes für legitim halten, wenn sie Rassismus kritisieren wollen. Da ihnen die Entscheidung darüber nicht zusteht, finde ich Sprachpolizei immer gut, um ihnen diese Sprache “wegzunehmen” oder zumindest mit Abkürzungen wie “N-Wort”  oder “N.” zu arbeiten, um anzuzeigen, dass hier ein Problem mit dem Sprachgebrauch besteht und Betroffene nicht weiter zu verletzen / zu triggern.

Ich freue mich sehr über diese E-Mail, da Feedback zu Kritik an Artikeln in Massenmedien selten ist. Und weil mit dieser Tatsache an der einen oder anderen Stelle doch mal gebrochen wird.

Wer sich mit rassistischem Sprachgebrauch auseinandersetzen will, dem_der sei “Afrika und die deutsche Sprache” und “Wie Rassismus aus Wörtern spricht” als Einstiegsliteratur empfohlen. “Rassismus auf gut Deutsch” ist empfehlenswer für alle, die die anderen Bücher schon kennen bzw. einen akademischeren/sprachwissenschaftlicheren Zugang wollen.

Notes:

  1. Weshalb ich das Wort nicht mehr ausgesprochen/ausgeschrieben verwende – egal, mit wem und in welchem Kontext ich spreche/schreibe.

Posted on Jan 30, 2012

Kurze Gedanken zu Jane Elliotts Antirassismustrainings

Als Martin Luther King erschossen wurde, hat sich die damals als Lehrerin arbeitende, weiße US-Amerikanerin Jane Elliott an einem Experiment versucht: Sie teilte ihre Schulklasse in Braun- und Blauäugige ein. Die Braunäugigen waren aufgerufen, die Blauäugigen schlecht zu behandeln. Ihnen zu unterstellen, sie wären ungebildet, ignorant, böse. Die Kinder spielten das Spiel mit und merkten schnell: Die Wirkungsweisen von Rassismus sind so banal wie um-sich-greifend. Jede_r kann rassistisch handeln.

Das “Augen-Experiment” hat internationale Bekanntheit erlangt und Jane Elliott arbeitet nach wie vor als Antirassismus-Trainerin. Mit unterschiedlichem Erfolg. Was einerseits an dem Kontext liegt, in dem sie als Dozentin die Trainings durchführt und an ihrer Art und Weise dies zu tun.

Ich habe mir vor ein paar Tagen zwei Filme mit ihr angesehen. Eine Filmreihe mit dem Titel “How racist are you?”, die mensch sich unter folgendem Link in fünf Teilen anschauen kann. (Triggerwarnung für Rassismus-Denials und rassistische Äußerungen der Teilnehmer_innen)
Der andere Film hieß “The angry eye”:

Die Filme unterscheiden sich. Im ersten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Erwachsenen aus Großbritannien. Das Experiment misslingt, kaum eine_r der weißen Teilnehmer_innen lässt sich auch nur ansatzweise auf einen Erkenntnisprozess ein. Zumindest zeigen das die Szenen. Im zweiten Film leitet Elliott eine Gruppe aus PoC und weißen Schüler_innen aus den USA. Das Experiment ist erfolgreich. 1

Doch warum? Ich erkläre mir das so, dass in den USA aus der Historie heraus ein Grundwissen darüber herrscht, was Rassismus ist, wie und wo er sich institutionalisiert hat. Über Rassismus wird in den USA offener gesprochen. Rassismus ist kein Tabu. Was sich als Tabu herausstellt, ist die Thematisierung von weißen Privilegien und inwiefern das auch etwas mit mir selbst (als weiße Person) zu tun hat. Das ist jetzt grob vereinfacht, aber allein der Fakt, dass es dort große soziale Bewegungen gegeben hat, die bspw. in Europa weitestgehend ausblieben, macht schon einen Unterschied. Das heißt nicht, dass dort in postrace-Verhältnissen gelebt und gehandelt wird, im Gegenteil, allerdings wird Rassismus in den USA nicht grundsätzlich negiert.

Im Gegensatz dazu zeigen sich die Proband_innen aus UK in fast ausschließlicher Verteidigungshaltung. Die Übungen werden vielfach von weißen boykottiert und verfehlen so ihre Wirkung. Ein PoC erklärt, dass er seine “biracial” Tochter niemals von der Schule abholt, weil sie in einer vollkommen weißen Schule “zum Glück” noch als “weiß genug” gelesen wird und er nicht möchte, dass sie Schwarz “wird”. Eine weiße Lehrerin(!) erklärt darauf hin, dass ihr Mann auch nicht in seinen legeren Klamotten zur Arbeit geht oder seine Tochter von der Schule abholt m( So geht es eigentlich die ganze Zeit. Die weißen Proband_innen halten sich für reflektiert genug zu erkennen, was Rassismus ist und behaupten, sie würden immer und überall intervenieren, wenn ihnen Rassismus auffällt. Rassismus hat mit ihnen persönlich nichts zu tun. Eine Derailing-Strategie jagt die nächste. Sie fühlen sich angegriffen, verletzt, ungerecht behandelt, von Elliott selbst, von den PoC im Raum.

Ich hatte mir beim Schauen des Films gedacht, dass die weißen zugänglicher wären, auch weil Elliott als weiße Autorität in Erscheinung tritt und es eigentlich hätte zu Bonding-Effekten kommen können. “Aaah, wenn es mir eine weiße erklärt, dann muss sie ja recht haben”. Was Elliott jedoch macht: Sie verhindert das, weil sie weiße Verteidigungshaltung kaum zulässt und stets am Sanktionieren ist, wenn es zu Privilege Denying und White Whining kommt. Mir imponiert dieser straighte Umgang sehr, ist er doch konsequente Solidarisierung mit Betroffenen. Er kann allerdings auch Rassismus verstärkend wirken. Nicht weil Elliott so handelt, wie sie es tut, sondern weil die weißen denken, ihnen würde kein Raum gewährt: Zum Lernen und zur Artikulation.

Wenn offenbar nicht einmal ein Grundbewusstsein darüber vorherrscht, was Rassismus ist und wie er sich äußern kann, dann ist es schwierig, weiße Proband_innen mit dieser Taktik etwas “beizubringen” bzw. sie zum Lernen zu animieren. Ich gehe mal davon aus, dass das Experiment hierzulande ähnliche Effekte hätte. Es ist nicht Elliotts Aufgabe, Rassismus so zu vermitteln, damit auch der_die letzte weiße es endlich kapiert, schon gar nicht, wenn Betroffene im Raum sind, denn offensichtlich funktioniert ihr Experiment auch in anderen Kontexten. Aber es wird schwieriger, wenn wir uns in Kontexten bewegen, wo Rassismus nicht zum Alltagswissen gehört. Der Diskurs um “wir sind doch alle gleich” ist offenbar in einigen Nationalstaaten derart hegemonial, dass er sich nur schwer aufbrechen lässt. Noch nicht mal dann, wenn bspw. anerkannt wird, dass sexualisierte Gewalt verachtenswert ist, herrscht Konsens darüber, dass dies bestimmte Ursachen hat, die auch mit mir selbst als vergeschlechtlichtes Wesen zu tun haben. Dass jeder Typenwitz über Frauen Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Nice Guy Gejammere Ausdruck dessen ist, was sexualisierte Gewalt weiterhin legitimiert. Dass jedes Festhalten an Privilegien Ausdruck dessen ist, was Herrschaft weiterhin legitimiert.

Letztendlich geht es bei jeder Denial- und Derailingstrategie darum, ob ich das Gefühl habe, als guter oder als schlechter Mensch zu gelten. Handele ich rassistisch, bin ich schlecht. Ich will aber nicht schlecht sein, deswegen weise ich jeden Vorwurf der rassistischen Handlung von mir. Diese Haltung ist dermaßen selbstbezogen und ignorant, dass es schon fast wieder lächerlich ist, wenn diese Menschen behaupten, sie wären tolerant und am Gemeinwohl oder an Gerechtigkeit interessiert. Denn offenbar ist ihnen nur daran gelegen, ihre Komfortzone nicht zu verlassen.

Ich denke, dass da anzusetzen als erster Schritt wichtiger wäre, als weißen vor den Latz zu knallen, wie und wo Rassismus auftritt. Denn die Abwehrhaltung ist ein erstes Zeichen dafür, dass eigentlich das Verständnis dafür da ist, worum es gehen soll, aber der Egozentrismus noch den Riegel vorschiebt. Denn sonst würde ja mit Gleichgültigkeit reagiert werden (so meine Interpretation).

Notes:

  1. In “The Angry Eye” weist eine weiße Probandin darauf hin, dass sie das Gefühl hat, im Training werde Rassismus als “schlimmer” bewertet als Sexismus und Homophobie. Sie fühle sich deswegen unwohl und in ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen zurückgewiesen. Elliott reagiert auf dieses Unbehagen, indem sie die weiße Frau und einen Schwarzen Teilnehmer nach vorn holt und erklärt, dass Menschen unterschiedliche Erfahrungswelten haben, die wir erst einmal akzeptieren müssen, ohne sie abzuerkennen. Die Oppression Olympics werden leider nicht thematisiert bzw. aufgelöst, stattdessen arbeitet Elliott mit stark verkürzten Differenz(feministischen)-Ansätzen. Sie geht nicht auf Intersektionalitätsaspekte ein und definiert Geschlecht lediglich in Gebärmutter(nicht)/Penisvorhandensein. Es wird also kein Machtverhältnis thematisiert, das kontextabhängig unterschiedliche Wirkungen hat und die ProbandInnen stets verschieden positioniert, sondern Elliott erklärt: Alle sind grundverschieden. Essentialismus galore!

    Was allerdings dem “geschulten” Auge klar wird: Dies ist ein Awarenesstraining für Rassismus. Kein “Lasst uns über all unsere Diskriminierungserfahrungen sprechen. Diese Gefühle, die die weiße (meiner Zuschreibung zufolge nicht heterosexuell begehrende) Probandin macht, hatte ich auch schon öfter. Oppression Olympics sind scheiße, aber hier gilt es zu unterscheiden, ob das nur meine Wahrnehmung ist, weil ich auch mal sagen will, wie diskriminiert ich bin und das Gefühl habe, das nicht zu “dürfen”, oder ob mein_e Gegenüber_in tatsächlich vorhat, Macht- und Unterdrückungsverhältnisse zu hierarchisieren, indem sie es konkret so benennt. Das ist nicht immer eindeutig zu trennen, aber ich denke, das ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir Diskriminierung auf der Interaktionsebene betrachten.

Posted on Jan 23, 2012

Rassismuskritik in den Medien: Die ZEIT und das N-Wort.

Es ist beachtlich, welch hohe Wellen die rassistische Praxis am Schlosspark-Theater in Berlin in den Medien schlägt. Seit Bekanntwerden des keineswegs Einzelfalles am Theater häufen sich Beiträge zu Alltagsrassismus, Rassismuskritik und Rassismuserfahrungen von Schwarzen, Afrodeutschen, People of Color und den “Migrationsanderen” in Deutschland, selbst das europäische Ausland berichtet.

Nach wie vor ist es wichtig, die Sprache genauer unter die Lupe zu nehmen, mit der das geschieht. Aufgefallen ist mir die Seite 3 in der ZEIT, in der der Fabian Dannenberg von seinen Erfahrungen berichtet. Die Gewalt, die ihm widerfahren ist und widerfährt, äußert sich auch in der Sprache, mit der er konfrontiert wird. Häufig ist im Artikel das N-Wort zu lesen.

Der Artikel von Fabian ist ein Gastbeitrag. Gastbeiträge folgen häufig auf Anfragen des entsprechenden Mediums. Gängige Praxis: Autor_innen liefern den Volltext ohne Überschrift und Schlagwörter. Redakteur_innen des Mediums, die den Artikel betreuen und/oder das Lektorat liefern den Rest. Es ist eher unüblich, die Überschrift noch einmal mit dem_der Autor_in abzuklären. Als Überschrift prangt “Was willst du hier, N.?”, Schlagwort der ZEIT ist “Rassenhass” (siehe URL), ein_e wohl etwas hellerer Kolleg_in hat im Artikel für ZEIT Online in der Stichzeile “Rassismus” geschrieben (über der Überschrift). Ich frage mich, was das soll…

Die Überschrift ist ein Zitat aus Fabians Text. Offenbar ist/sind sich die/_der zuständigen Redakteur_innen bewusst, dass N. ein rassistisches Schmähwort ist. Trotzdem schreiben sie es ausgeschrieben in die Überschrift. Auch wenn von Rassismus Betroffene dieses Wort in aller Deutlichkeit benutzen, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Auch wenn das N-Wort eine weiße Erfindung früherer Kolonialherren ist, steht es Weißen nicht zu, dieses Wort wieder und wieder zu annektieren. Für mich sagt diese Überschrift aus, dass die ZEIT sich vielleicht nicht darüber im Klaren zu sein scheint, welche triggernde und verletzende Wirkung dieses Wort auslösen kann bei Betroffenen oder sie stellen sich einfach keine_n nicht-weiße_n Leser_in vor. Vielleicht ist ihnen die aufmerksamkeitsheischende Wirkung des N-Wortes wichtiger als der sensible Umgang mit Sprache, ich weiß es nicht. Ich kann nur vermuten. Was soll diese Überschrift bei diesem Inhalt? Ist es nicht möglich, eine ebenfalls drastische Überschrift für den drastischen Inhalt zu finden, die ohne rassistisches Sprachvokabular auskommt?

Zum Label “Rassenhass”. Ich hatte kurz den Gedanken an Apartheidsregime. Rassismus ist kein Äquivalent für “Rassenhass”. Es gibt keine “Menschenrassen”. Das ist ein biologistisches Konstrukt, das in der Zeit der Aufklärung eingeführt wurde, um Hierarchien entlang einer biologistischen Achse zu rechtfertigen. Schwarz und Weiß sind politische Begriffe und keine “Beschreibungen” phänotypischer Merkmale, keine Hautfarben-Farben und keine Einteilungskategorien von “Menschenrassen”.

Der Artikel von Fabian spricht für sich. Rassismus ist Normalzustand, Realität für viele, die in der BRD leben. Rassismus ist Gewalt. Die sich u.a. durch und mittels Sprache äußert. Weiße besitzen Definitionsmacht über Rassismus und rassistische Sprache. Es ist zynisch, Fabians Text mit solch einer Überschrift und solch einem Label zu versehen, die sinnbildhaft für das stehen, was nach wie vor existent ist. Sprache bildet Gesellschaft ab. In diesem Fall die rassistische, dekonstruierbar ist das allerdings nur für geschulte/sensibilisierte Menschen. Und selbst, wenn alle diese Konstruktionen als solche erkennen würden, obliegt es nicht den Weißen darüber zu entscheiden, ob das “trotzdem okay” ist.

Ich würde mir wünschen, wenn in Zukunft solche wenigen, von der weißdeutschen Mehrheitsgesellschaft autorisierten subalternen Stimmen wie die von Fabian Dannenberg wenigstens konsequent beachtet werden würden und nicht erneut mit Rassismen belegt. Der Gebrauch von rassistischer Sprache trägt zur Normalisierung dessen bei und er gibt Weißen das Signal, dass es okay ist, Wörter wie N. zu benutzen, solange die “gute Absicht”(TM) dahinter steht.

Wenn über Herrschaft gesprochen wird, ist es wichtig zu beachten: Wer redet wie über wen in welchem Kontext? Zwangsläufig schreiben/sprechen nicht ausschließlich Betroffene über Herrschaft. Es wäre natürlich sinnvoll, allerdings ist das alles etwas komplexer als bloße Zugehörigkeit zu Kollektiven, als Identität. Herrschaft betrifft auch diejenigen, die keine Gewalt erfahren. Wenn Weiße ausschließlich über Weißsein und Verantwortung schreiben, Schwarze ausschließlich über Rassismus und Empowerment, dann haben wir wenig aufgebrochen von diesem aufteilenden und Entitäten schaffenden Prinzip, das Herrschaft innewohnt. Gerade weil dieses Prinzip so allgegenwärtig ist und ständig am Werk, sollte der sensible Umgang mit Sprache zu den ersten Schritten bei der Analyse von gesellschaftlichen Zuständen gehören. Herrschaftskritik ist nicht zuletzt eine Frage der Konsequenz. Zur Konsequenz zählt auch, sich als dominante Gruppe endlich von Herrschaftssprache zu befreien, auch wenn diese irgendwann mal von irgendeiner politischen/wissenschaftlichen Autorität zur “Abbildung” und Analyse geschaffen wurde. Das bedeutet auch, Definitionsmacht darüber abzugeben, wie über Herrschaft gesprochen wird. Das heißt auch, Worte wie Fremd(enfeindlichkeit), “Rasse(nhass)” und N. endlich aus dem Vokabular zu streichen, Ausländer(feindlichkeit) nur dann zu benutzen, wenn Ausländer_innen gemeint sind und sich auch da mal zu überlegen, für wen der Begriff “Ausländer” eigentlich gilt und für wen nicht, wer in diesem Land Bürger_innenrechte erhält unter welchen Bedingungen. Nationalismus ist eine Komponente im rassistischen System, nicht die ausschließliche. Aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.

UPDATE: Die ZEIT hat auf diesen Artikel geantwortet.

Posted on Jan 10, 2012

Deutsche “Qualitätsmedien” und rassismuskritische Berichterstattung

Die rassistische Inszenierung von “Ich bin nicht Rappaport” am Schlosspark-Theater in Berlin schafft es nun auch besprechend in die Medien. Wie eigentlich zu erwarten war, werden die Kritiker_innen nur kurz zitiert, das ganze dann als “Rassismus-Vorwurf” interpretiert oder Kritik im Konjunktiv formuliert. So als wäre Rassismus Interpretationssache und debattierbar. Viel Raum hingegen bekommen die lächerlichen Rechtfertigungen von Dieter Hallervorden, Theaterleitung, Regisseur, usw. Ein weiteres rhetorisches Mittel in der Berichterstattung ist die Ausblendung rassistischer Kontinuität nicht nur im deutschen Kulturbetrieb, indem Kritik an rassistischen Inszenierungen nicht in einen größeren Kontext eingebettet wird. Die Darstellung der Kritik wird verkürzt auf: “Damals im 19. Jh. gab es diese Minstrel-Darstellungen, dazwischen nix und heute wieder mal eine, die aber… naja… nicht rassistisch ist” Was an sich schon faktisch falsch ist und außerdem verkennt, dass es nicht nur die Minstrel-Darstellungen sind, sondern ebenfalls rassistische Strukturen und Kontinuitäten, Rassismus sozusagen Historizität aufweist, sich u.a. in der Einstellungspraxis an deutschen Kulturbetrieben niederschlägt. Dass mensch das Journalist_in nicht weiß, geschenkt. Denn auch im Journalismus sitzen mehrheitlich weiße, die schreiben. Rassismuskritisches Wissen in der BRD existiert zwar, aber es wird ignoriert und negiert. Rassismus”kritik” in Deutschland heißt: Nazis doof finden, sich für den Holocaust zu schämen, Antisemitismus mit “Hitler fand Juden doof, nicht wir heute” zurückweisen, Antisemitismus für (den “einzigen”) Rassismus halten und Rassismus als historische Gewordenheit und Kontinuität zu leugnen. Kaum ein_e Journalist_in macht sich die Mühe, die vielfachen Lernangebote in Anspruch zu nehmen, die eigene Sprachwahl kritisch zu prüfen oder sich Kritik wirklich durchzulesen.

Deutlich wird: Weiße besitzen die Definitionsmacht über Rassismus. Weiße wollen nicht über Rassismus sprechen, sie wollen rassistisch sein, egal, was Betroffene dazu meinen. Ob in Polizeimeldungen die Herkunft der Täter_innen unverhohlen zum Hauptfakt erklärt wird, egal ob der Pressekodex sagt, dass diese nur in der Berichterstattung auftauchen darf, wenn sie für die Tat von Relevanz ist (was in den allermeisten Fällen nicht der Fall ist), ob für rassistische Übergriffe noch immer die Worte “fremdenfeindlich” und “ausländerfeindlich” benutzt werden, weil mensch es sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass Menschen in diesem Land leben (seit Jahrzehnten oder schon immer), die weder “fremd” noch “Ausländer” sind (Ausländer_innen sind formal solche ohne deutsche Staatsbürgerschaft), wenn jeder rassistische Übergriff immer zugleich als rechtsextrem gelabelt wird, als seien die einzigen Rassist_innen in diesem Land Nazis… Wenn für Schwarze, Afrodeutsche, People of Color (oder Deutsche, hey… es gibt sie tatsächlich) die Bezeichnungen: “Afrikaner”, “Schwarzafrikaner”, “Farbiger”, “Dunkelhäutiger” benutzt werden, ohne sich die Mühe zu machen, die Herkunft der Person oder schlicht die Person ohne rassistische Markierungspraxis vorzustellen… wenn die weiße Norm stets unmarkiert bleibt (weiße Deutsche, Weiße_r, weißer Deutscher mit/ohne Migrationshintergrund), obwohl sie bei rassistischen Übergriffen ein wesentlicher Fakt ist… Wenn immernoch davon ausgegangen wird, dass es sich bei weiß und Schwarz um Hautfarben-Farben handelt und nicht um Bezeichnungen, die einerseits gesellschaftliche Ordnungsmuster sind und andererseits politisch korrekte Begriffe für die jeweilige Gruppe. Wenn Antirassismus als “Gutmenschentum” diffamiert wird. Protest gegen Rassismus oder white supremacy als unprofessionell, nicht journalistisch arbeitend, zu emotional, nicht objektiv abgeschmetttert wird. (Ich spreche aus eigener Erfahrung. Unter anderem ein Grund, warum ich nicht mehr als Redakteurin in deutschen “Qualitätsmedien” tätig bin). Wenn Rassismus ein Schimpfwort oder ein “böses” Wort ist, ein Vorwurf, eine Meinung und kein gesellschaftlicher Fakt.

Ich ärgere mich über all das, weil sich Journalismus häufig als vierte Gewalt im Staat begreift, als meinungsbildend, als gesellschaftsabbildend, als kritisch. Bis auf letzteres trifft auch all das zu. Denn der Staat handelt rassistisch, die Gesellschaft handelt rassistisch und ist rassistisch strukturiert, die herrschende Meinung sagt: Es gibt keinen Rassismus in diesem Land. Nur rassismuskritisch, da hört es bei den meisten dann auf.

Wenn es hart auf hart kommt, wird Rassismuskritik in Beleidigung und Hetze von weißen gegen weiße Antiras umgewandelt, Schwarze Aktivist_innen und deren Stimmen kommen dann nicht mehr vor. Es könnte alles nicht zynischer sein.

Infos für Journalist_innen (auch zum aktuellen Fall):
http://www.derbraunemob.de/deutsch/index.htm – rassismuskritische Media Watch Organisation
https://www.facebook.com/SchlussMitBlackface – Kritik&Abbildung der derzeitigen Berichterstattung
http://riotmango.de/rassismus-ist-kein-kuenstlerisches-stilmittel/ – Zusammenfassung der aktuellen Debatte mit hilfreichen Links
http://maedchenmannschaft.net/unglaublich-aber-auch-2012-sind-rassistische-traditionen-noch-rassistisch/ -Ebenfalls Zusammenfassung der Debatte mit hilfreichen Links

Organisierung für Aktivist_innen:
https://www.facebook.com/groups/207108692717136/ – Dort findet ihr auch die Mailadresse für eine Mailingliste, die Sharon Dodua Otoo initiiert hat.

Posted on Jan 6, 2012

Was das Recht zu Blackface sagt…

Das AGG und die entsprechenden Änderungen in den Sozialgesetzbüchern formulieren ein
umfassendes Diskriminierungsverbot. Dort ist auch geregelt, dass in bestimmten Fällen unterschiedlich behandelt werden darf, wenn dafür sachliche Gründe vorliegen. So ist es beispielsweise nach wie vor legitim, wenn bei einer Filmproduktion eine schwarze Person von einer schwarzen Schauspielerin oder einem schwarzen Schauspieler dargestellt wird.

(Quelle)

Jo, bevor ich mich über die Formulierung lustig mache, ein Beispiel zur Verdeutlichung: Das Schlosspark-Theater Berlin will gern irgendein Stück aufführen. Im Original/Drehbuch/Text ist einer der Rollen ein Schwarzer älterer Mann, genannt “Midge”. Es werden Schauspieler gecastet. Schwarze und weiße bewerben sich auf die Rolle des “Midge”. Im Idealfall wird die Rolle mit einem Schwarzen Schauspieler besetzt, weil das Theater keine Lust auf rassistisches Anmalen von weißen (“Blackface”) hat. Der weiße kann nun Diskriminierung schreien, weil er nicht für die Rolle ausgewählt wurde, obwohl er evtl. einen “qualitativ hochwertigeren Lebenslauf” in der Darstellerei vorzuweisen hat, es ist lediglich eine Ungleichbehandlung, weil sie durch “sachliche Gründe” (Antirassismus, Logik) gerechtfertigt werden kann. Unerwähnt bleibt hierbei die Tatsache, dass der deutsche Kulturbetrieb aus Gründen von Rassismus sowieso viel weniger nicht-weiße für Rollen castet als weiße und daher sowieso weder Chancen- noch Ergebnisgleichheit, was die Rollenverteilung von Schwarzen und weißen Darsteller_innen angeht, vorliegt.

Diskriminierung läge vor, (und wäre damit auch arbeitsrechtlich durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz – AGG – relevant), die Rolle des “Midge” mit einem weißen zu besetzen mit der Begründung, es gäbe einfach keine Schwarzen Darsteller für die Rolle, denn offensichtlich haben sich ja Schwarze auf die Rolle beworben. Ebenfalls diskriminierend wäre die Begründung, ein weißer könnte einen Schwarzen “besser” spielen als ein Schwarzer. Warum? Weil in beiden Fällen kein “sachlicher Grund” für die Ungleichbehandlung vorliegt. Nein, Rassismus ist kein “sachlicher Grund”.

Im aktuellen Fall hat sich das Schlosspark-Theater Berlin für einen weißen Darsteller entschieden und sie haben ihn angemalt, damit er “schwarz aussieht”. Ich weiß nicht genau, ob sich für die Rolle des “Midge” tatsächlich Schwarze beworben haben, ich kenne mich im Theaterbetrieb mit der Ausschreibung und Vergabe von Rollen nicht aus. Wenn dem so sein sollte, dann liegt hier kein sachlicher Grund vor und es handelt sich um diskriminierende Rollenvergabe, die in den Relevanzbereich des AGG fällt. Aber wahrscheinlich wurde gar nicht ausgeschrieben, sondern einfach jemand aus dem festen Ensemble ausgewählt. Warum hier kein Schwarzer Darsteller zur Verfügung stand, steht auf einem anderen rassistischen Blatt und dürfte ggf. ebenfalls auf diskriminierende Einstellungspraxis (“Schwarze können doch wohl keine normalen Rollen spielen”) hindeuten.

Was leider nicht rechtlich relevant ist, ist die Blackface-Performance als solche. Das AGG ist lediglich anwendbar auf die Behandlung von Arbeitnehmer_innen und Bewerber_innen, beim Zugang zu Bildung, bei der Inanspruchnahme von Dienstleistungen und Versicherungen, sowie im Mietrecht. Das AGG ist kein Gesetz, dass bspw. rassistische Diskriminierung generell und überall verbietet, zudem auch nur Einzelpersonen klagen können und keine Verbände, Gruppen oder ähnliche. Das Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3 greift hier ebenfalls nicht, weil das unterschiedliche Rechts- und Anwendungsbereiche sind, um es mal so profan auszudrücken. Andere Gesetze gegen rassistische Diskriminierung haben wir in Deutschland, soweit mir bekannt ist, nicht.

Was sagt uns das? Das geltende Antidiskriminierungsrecht in Deutschland ist nicht weitreichend genug. Wir werden nach wie vor konfrontiert mit rassistischer Kackscheiße, die als Kunst behauptet wird, und kein Schwarzer Darsteller wird bei Blackface-Praxis eines Theaters ernsthaft auf Einstellung klagen. Denn: im AGG ist es so geregelt, dass der_die Kläger_in glaubhaft an der Stelle interessiert sein muss, um Aussichten auf Gewinn des Prozesses zu haben. Neben einem Schadensersatz in sehr geringer Höhe – materieller Ausgleich – werden dann noch die Prozesskosten und ggf. eine Entschädigung – immaterieller Ausgleich – gezahlt. Der Preis für die Einstellung dürfte ungleich höher liegen: Rassistische Gewalterfahrungen im Beruf. Ist das der Fall (vielleicht sogar bei der Vergabe der Rolle von “Midge”?), greift das AGG ebenfalls, allerdings gilt auch hier: Der_die Kläger_in muss weiterhin diese Stelle behalten wollen/auf Wiedereinstellung (bei Kündigung ohne sachliche Gründe) klagen. Furchtbar. Eine Zumutung.

Noch kurz zum Zitat oben: Eine nichtrassistische Vergabe von Rollen als “nach wie vor legitim” zu bezeichnen bei einer sowieso rassistisch strukturierten Theaterlandschaft (und Gesellschaft) ist an Zynismus kaum zu überbieten. Antidiskriminierung darf also permanent auf dem Prüfstand stehen. Diskriminierung nicht. Ekelhaft.

Ich bin froh, dass mittlerweile so viele Beschwerden beim Schlosspark-Theater eingegangen sind. Die Facebook-Wall des Theaters quillt über vor Krawall&Remmidemmi. Gut so. Das macht Betroffenen Mut und lässt auch weiße Antira-Aktivist_innen auf Besserung hoffen. Danke.