Posted on Dez 15, 2010

Magda.

Magdas Macbook-Lüftung besteht aus einem Bildband über Haie, ihr einziges Kuscheltier ist ein Hai in Metergröße. Sie liebt Haie. Ich hasse Haie. Magda hat zwei Jahre ihres Lebens in den USA verbracht. Sie liebt die USA. Ich hasse die USA. Magdas Musikgeschmack bewegt sich zwischen Singer/Songwriter und Metal. Ich hasse Singer/Songwriter und Metal. Magda hält sich hauptsächlich in linken und/oder anarchistischen und/oder antifaschistischen Räumen auf. Ich in Berlin-Mitte. Ich stecke in Berliner Clubs mein rares Geld in teure Longdrinks. Sie schmuggelt Vodkaflaschen in Konzerthäuser. Einmal im Vierteljahr muss ich meine unbändige Shoppingsucht bekämpfen. Fällt an Magdas Jacke ein Knopf ab, ersetzt sie ihn einfach durch einen Button. 24 Jahre unseres Lebens haben wir in völlig unterschiedlichen Welten gelebt und ohne das Internet hätten wir uns wahrscheinlich auch nie kennengelernt.

Magda empfahl mich im vergangenen Jahr für das Bloggermädchen, las mein Blog regelmäßig und ich las als Fan der Mädchenmannschaft bis dato alles, was sie schrieb. Ihren Rant gegen Alice Schwarzers Bushido-Rant fand ich beispielsweise sehr charming. Als wir beim Girls-On-Web-Society-Treffen der re:publica 2010 das erste Mal aufeinander prallten, ignorierten wir uns. Einen Monat später stieg ich bei der Mädchenmannschaft als feste Autorin ein. Magda und ich mussten nun zwangsweise miteinander kommunizieren.

Schnell stellte sich heraus, dass wir wenigstens einen wesentlichen Aspekt unseres Daseins teilten: Die Liebe zu neuerer feministischer Theorie, Herrschaftskritik, Antirassismus und Critical Whiteness. Gewürzt mit postkolonialen Aspekten. Seitdem versüßt uns diese äußerst zündstoffhafte wie leckere Mischung erhellende Gespräche und die gemeinsame Arbeit des feministischen Bloggens.

Aus der Liebe zu Schnaps, gutem Essen, Blinkpenissen und Fotzen-Dialogen entwickelte sich Anfang Oktober das erste Pflänzchen ernsthafter Zuneigung. Zum Frauenbarcamp schafften wir es dank unserer hinreißenden Erscheinung zusammen mit Tessa auf die Titelseite eines Sozi-Magazins. Obwohl ich mit meiner Privilegien-Koketterie oft genug Projektionsfläche für gehässige Bemerkungen der vom Klassenkampf beseelten Magda bin, ist aus dem Pflänzchen mittlerweile ein robuster Gummibaum geworden, der nur noch selten gegossen werden muss.

Während uns ein Teil der Mädchenmannschaft lieber heute als morgen gemeinsame Kinder ans Bein binden will, belassen wir es lieber spät als nie bei pubertärem Geraufe und chauvinistischen Anmachversuchen. Die tägliche Beschäftigung mit Feminismus führt bei Magda und mir nachweisbar zu temporärer geistiger Umnachtung, die sich in stundenlanger Metakommunikation über verschiedene mediale Kanäle hinweg äußert (siehe Titelbild).

Um Folgeschäden zu vermeiden, treffen wir uns ab und an persönlich, diskutieren über unsere unterschiedlichen Lebenswelten und backen ungenießbare Kekse. Ich bin Fan ihrer Band, ihres feministischen Bücherregals und losen Mundwerks. Sie steht auf mein iPhone (das sie liebevoll in Cyberphone umgetauft hat), meine Jacketts und empörten Gesichtsausdrücke.

Foto: privat | Video: Magda singt Lady Gaga.

Mehr Menschen aus diesem Internet

Posted on Dez 6, 2010

Tessa.

Vor zwei Jahren lag mein inhaltlicher Fokus noch auf Medienbums, ich arbeitete schließlich beim Tagesspiegel, machte gerade meine Ausbildung zur Onlinehure und echauffierte mich in meiner Freizeit über Journalismus, Blogs und den Macher_innen dahinter. Bis heute haben mir diese Menschen wenig zu sagen. Von Twitter war ich deshalb zu Beginn etwas enttäuscht. Bis mir ins Auge fiel, dass auch andere Menschen auf Twitter verkehrten, die einfach nur lustige Sätze formulieren konnten oder eben neue Perspektiven auf mein Lieblingsthema eröffneten. Mir die Lust am Schreiben zurückbrachten. Eine dieser Personen war Tessa. Ich folgte ihr und es dauerte nicht lange, bis das erste Mal das Wort “Frauen” im Kontext von Autor_innenschaft fiel.

Ich kann den Tweet nicht mehr genau rekonstruieren (und deshalb hier leider nicht verlinken), aber sie twitterte (in meiner Erinnerung) in ihre Follower_innenrunde, dass sie gerade mit Freundinnen an einem feministischen Pamphlet zum Medienbums säße und welche Aspekte unter all dem bereits konsumierten Wein nicht vergessen sollten. Spätestens mit diesem Text hatte sie mich dann am frauenbewegten Schlawittchen.

Ich las sie also fortan bedächtig, mit inniger Zuneigung, retweetete hier und da ein paar Versatzstücke ihrer illustren Gedanken und zur Berliner Fashionweek 2010 kontaktierten wir uns das erste Mal via Facebook. Vielleicht folgte sie mir bis dato schon auf Twitter oder las meinen Blog, ich weiß es nicht mehr. Oft sind ja stille Leser_innen die größten Fans der eigenen Worte. Ich befragte Tessa für einen Artikel zu ihrem Blog und seiner Entstehungsgeschichte und heraus kam dieses entscheidende Zitat:

Die Idee zu Flannel Apparel kam [Teresa] Buecker nach Beobachtungen der damaligen Berliner Style-Kultur: Frauen in Flanellhemden. “Die Sprache des karierten Kleidungsstücks durchbricht die Zwänge des von Mediengesellschaften diktierten Frauenbilds”, so Bueckers Meinung zum hippen Stoff.

Bis heute lässt sie sich nicht davon abbringen, der Modewelt feministische Perspektiven aufzudrücken. Auch wenn mich Modeblogs und Fashion langweilen, für den Style von Tessa konnte ich mich schon beim ersten Blick auf ihr Facebook-Profil begeistern. Ich würde es Schwärmen nennen.

Anfang 2010 war ich endgültig in der feministischen Blogwelt angekommen, warf den männerdominierten Medienbums über Bord, aus meiner Timeline und aus meinem Feedreader. Damit mir solche Sahnestücke nie wieder entgehen. Die re:publica nahte, Tessa kündigte sich und ihre Brüste an, was mein Herz in die Höhe schnellen ließ.

Nachdem ich etwas ausgelaugt war von den ersten Panels, dem grottigen Essen und den vielen iPhones, die Treppe der Kalkscheune beinahe hinunterwankte, durchbrach ein hinreißend blauer Mantel meine diffuse Wahrnehmung. Tessa machte sich auf, die schläfrigen Gemüter mit ihrem Vortrag über Liebe in Zeiten des Internets zu wecken. [Leider finde ich ihr Sheet nicht mehr online, vielleicht kann sie es ja in die Kommentare posten].

Danach war ich endgültig verzaubert und wir verabredeten uns per Twitter für den Abend. So liefen wir durch das nasskalte Aprilwetter von der Kalkscheune in eine Mitte-Bar und sudelten uns mit Feminismus voll, spannen Pläne für ein feministisches Magazin, erkannten, dass uns die reichen Mäzene dazu fehlten und betäubten unseren darüber augenblicklich einsetzenden Schmerz mit Grasovka. Das vodkaeske Liebesband umschlung uns und von nun an sollte dieses Getränk die Beziehung zwischen Tessa und Lantzschi bestimmen.

Wenige Wochen später trafen wir uns mit einer Dame, auf die ich in dieser Serie noch näher eingehen werde, in der Luzia in Kreuzberg. Die laue Sommernacht ließ den Grasovka verheißungsvoll die Kehle hinuntergleiten und so bemerkten wir nicht, wie wir uns in einen Rausch redeten über distanzlose Männlichkeiten, Objektivierung, Drogen und Die Grünen.

Zu meinem Geburtstag bedachte mich Tessa mit Dietmar Dath, einer Flasche Rotwein und einem Kilian-Kerner-Beutel (aus Vergesslichkeit), in dem sich noch heute mein alltäglicher Zigarettenkonsum und mein Portemonnaie pudelwohl fühlen. Den Grasovka, den sie beisteuerte und wir beinahe allein leerten, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Das Grasovka-Glas, welches zusammen mit der Flasche den Weg in meine Lichtenberger Wohnung fand, lässt Tessa auch dann am abendlichen Beisammensein teilhaben, wenn sie gerade wieder anderswo subversiv tätig wird und Männer zum Feminismus bekehrt.

Unsere digitale Kommunikation ist immer wieder durchdrungen von der Gier nach feministischer Vollendung, Sex und Vodka. Vielen gemeinsamen Follower_innen stockt der Atem und sie lechzen nach Teilhabe. Ein Vortrag ist bereits in jungfräulicher Planung.

Bis dahin dürft ihr gerne lesen, wie Tessas Liebeserklärungen an mich aussehen.

Foto: Monic Johanna Wollschläger | Titelbild: Meine Kochkünste wecken Begehrlichkeiten.

Mehr Menschen aus diesem Internet

Posted on Dez 2, 2010

Menschen aus diesem Internet

Seit ich vor fast vier Jahren nach Berlin gezogen bin, war eines meiner Ziele mit dieser Stadt, endlich meine Schüchternheit zu überwinden. Misanthropisch und zurückgezogen daherstapfend, war ich felsenfest der Überzeugung, Berlin würde mir diese Angst vor den Spielarten menschlicher Eigenschaften nehmen. Jetzt haben wir fast 2011 und ich kann zumindest behaupten, dass Berlin mein Leben verändert hat. Dieses pulsierende, niemals endgültig erfassbare Klima hier, fasziniert mich täglich. Ich versuche seit mehr als 1300 Tagen mich nicht auffressen zu lassen. Und Berlin hätte mich ein paar Mal fast gehabt. Dann fahre ich für eine Weile nach draußen, schaffe es vielleicht mein Handy auszuschalten und das Notebook nicht zu öffnen.

Denn da gibt es ja noch etwas, was mich im Sommer fast meine Gesundheit gekostet hätte. Das Internet. Mein Kopf. Der Rausch. Ich neige dazu, mich so vielen Dingen zuzuwenden, wieviel Tage mein Berlinaufenthalt mittlerweile misst. Ich habe mich coachen lassen, die Reißleine gezogen und sechs Wochen pausiert. Seitdem bin ich weniger gestresst, lasse mich treiben und umschwimme die vielen Strudel auf meinem Weg. Es klappt nicht immer, aber es ist okay.

Egal ob meine Route gerade großflächig mäandert oder reißend strömt (vergessen wir die vielen Wasserfälle nicht), ich treffe immer wieder auf Menschen, die mich ein Stück begleiten. Denn eigentlich habe ich Angst vor Wasser. Zum Glück ist diese Angst größer als die vor Menschen und so halten wir es für eine gewisse Zeit miteinander aus.

Die Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, finde ich mittlerweile so nett, dass ich einige von ihnen behalten habe. Da ich über meine engen Freunde sowieso bald ein Buch schreibe, sollen die hier auch nicht weiter interessieren. Erstmal.

Bis dahin widmet sich das Blog den Menschen, die mein Leben auf eine andere Art bereichern. Die ich durch das Internet kennengelernt habe und die jeweils einen oder mehrere Pixel meiner Persönlichkeit spiegeln. In den kommenden Wochen wird das eine Serie werden. Menschen aus diesem Internet. Aus meiner Sicht. Mit Bild und in Farbe.