Posted on Jan 12, 2012

Nice Guy. Oder wie das Patriarchat unsere Beziehungs- und Begehrensformen einschränkt

Was mich an Nice Guy, Friendzone und Pick-Up extrem nervt (neben der patriarchalen Anspruchshaltung, eine Frau* habe irgendwie die Bedürfnisse eines Typen zu befriedigen – wie auch immer sich diese Bedürfnisse artikulieren), ist der heterosexistische und androzentrische Gehalt an der Sache.

Offenbar kommt es vielen Typen nicht in den Sinn, dass es Menschen gibt, die einfach wenig mit Typen anfangen können, sie nicht begehren, sexuell attraktiv finden oder sonst wie mit ihnen sozial interagieren wollen. Das mag verschiedene Gründe haben (Gewalterfahrungen, Formulierung eigener autonomer Sexualität – Bisexualität, Asexualität, Homosexualität, Unlust, lieber Masturbation statt Körperlichkeit mit einem Typen) und diese werden einfach negiert. Stattdessen liegt der Fokus auf dem armen Mann, der keine Frau abbekommt.

Die meisten Menschen kennen das Gefühl, einen anderen Menschen zu begehren (muss ja nicht immer sexuell sein) und dieses Begehren nicht erwidert zu bekommen. Ich habe in meiner Jugendzeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich habe mich schlecht und ungeliebt gefühlt, ich wurde depressiv (mag sicherlich auch mit anderen Faktoren zusammengehangen haben), zog mich zurück, ich entwickelte Hass und Wut (manchmal sogar Aggressionen) gegen die Person, die mich nicht wollte und stattdessen lieber mit diesem Vollpfosten durch die Gegend zog, der sie zudem schlecht behandelte. Ich wurde sogar von diesen Vollpfosten verspottet. Ich kenne also die Gedanken- und Gefühlswelt eines “Nice Guys”, obwohl ich eine Frau bin. Für viele der Macker, Sexisten und Machos unter den sogenannten Nice Guys mag das vielleicht nicht vorstellbar sein. Dass es außer ihrer egozentrischen und selbstverliebten Perspektive noch andere Erfahrungswelten gibt.

Ich denke, dass wir durch diese Erfahrungen lernen (können), wie sich partnerschaftliche, romantische Beziehungen, Liebe und Sex, Freund_innenschaften artikulieren können und dass zu einer erfüllten Beziehung zu einem oder mehreren Menschen (egal wie diese aussiehen) noch mehr gehört als Befriedigung eigener Bedürfnisse. Diese Erfahrungen sind kostbar, denn sie machen uns zu sozialen Wesen (selbst, wenn wir uns selbst als “beziehungsunfähig”, “asozial” oder “inkompetent” labeln).

Ich habe gelernt, dass ich keinen Anspruch auf andere Menschen habe. Niemand gehört (zu) mir. Ich kann nur nett sein, mich selbst lieben. Solange ich das für andere tue, für potenzielle Interaktionen, solange funktioniert das nicht. Ich muss nicht mal mich selbst besonders mögen oder mit meiner Person zufrieden sein, um für andere als liebens- und begehrenswert zu gelten. Ich muss einfach ich sein. Und wer nicht damit klarkommt, ja c’est la vie. Es ist traurig, dass sowas überhaupt nicht zur Debatte steht, wenn Typen ihre Anspruchshaltung so völlig ungeniert formulieren wie beim Nice-Guy-Phänomen. Als ob eine Freundschaft zu einer Frau irgendetwas minderwertiges darstellt als Liebe oder Beziehung oder Sex. Als ob Freundschaft nicht auch Zärtlichkeiten beinhalten könnte, nicht auch eine Form der Liebe oder der Beziehung ist.

Aber das finde ich nur heraus, kann ich nur mit (der) anderen Person/en erfahren, wenn ich mich auf sie einlasse und ihre Bedürfnisse und Grenzen zu jeder Zeit zu schätzen weiß. Komischerweise – anders als viele meinen – macht das nicht Flirten oder Anzüglichkeiten, kleine liebevoll gemeinte Chauvisprüche überflüssig. Ich kann dennoch daneben liegen oder Grenzen übertreten, aber dann kann ich das akzeptieren, mich entschuldigen und fertig. Während für Typen immer die Rechtfertigung eines “triebgesteuerten” Wesens gilt, besitzen Frauen* dieses Rechtfertigungsmuster nicht. Sie besitzen im Kontext von Nice Guy oder Friendzoning überhaupt keine eigenständige Sexualität, kein autonomes Begehrensreservoir, keine Entscheidungsfreiheit. Entweder sie nehmen den Typen, oder sie sind gefühlslose Bitches, die sich von irgendwelchen dahergelaufenen Machos durchficken lassen, statt den Nice Guy mit offenen Armen (oder Beinen?) zu empfangen. Kurz gesagt: Ihnen wird der Subjektstatus abgesprochen.

Viele meiner Freundinnen klagten schon ihr Leid, dass sie mal wieder einen netten Mann getroffen haben, mit dem sie sich hätten tatsächlich eine tolle Freundschaft vorstellen können, nur “leider” wollte der was anderes als Freundschaft. “Kann man als Frau nicht mal mit nem Mann befreundet sein? Ist das so schwer?”. Ich antwortete immer mit: “Ja.” Das paradoxe an der Sache ist ja, dass auch Männer Menschen sind und daher accountable für ihr Handeln. Diese Gesellschaft macht, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir jetzt als Typ diese Frau sexuell begehren müssen, weil wir das so gelernt haben oder ob wir sie einfach als Menschen toll und attraktiv finden. Freier Wille? I don’t know.

Viel trauriger daran ist, dass auch Frauen in dieser Gesellschaft daher eingeschränkt werden: Nämlich immer darauf zu achten haben, dass sie niemandes Gefühle verletzen und stattdessen lieber seine Avancen nett umschiffen oder lächeln (Don’t forget to smile!!), sich unwohl fühlen müssen, weil er ja sonst verletzt sein könnte. Vielleicht zu einem Mann wirklich schwerer Beziehungen aufbauen können, weil “er sonst denken könnte, dass”. Schon mal drüber nachgedacht, lieber Nice Guy? Dass es hier nicht nur um deine, sondern auch um die Gefühle und Einschränkungen deiner Gegenüber geht?

Ich lebe mittlerweile in meiner vierten längeren Beziehung, bin seit sieben Jahren out und hatte trotzdem in all den Jahren Probleme damit, meine Gefühle für andere Personen offen zu artikulieren. Entweder, weil ich zu schüchtern war oder nicht wollte, das meine Gegenüber denkt, ich würde sie irgendwie sexuell begehren. Ich wollte keine Freundinnenschaft zerbrochen wissen. Körperliche Nähe, Zuneigung und Zärtlichkeiten zeigen und gezeigt bekommen von anderen Frauen bereitet mir noch immer Unbehagen. Wahrscheinlich, weil ich in einer Gesellschaft sozialisiert bin, wo sowas gleich mit Anspruchshaltung und Pflichterfüllung verknüpft wird.

Erst langsam lerne ich, dass eine romantische (Zweier-)Beziehung nicht an Sex geknüpft sein muss, dass Freund_innenschaften mehr sein können als nur “sich zu mögen” oder “gut zu verstehen” und dass Zuneigung in erster Linie eine Form von Wertschätzung der Person ist und nicht ihres Aussehens/ihrer Ausstrahlung. Die Grenzen sind fließend und jeder Mensch bestimmt sie anders. Natürlich ist das komplizierter als das sexistische wie funktionalistische Pick-Up. Natürlich ist das komplizierter als “Friendzoning”. Natürlich gibt es in dem Sinne keine “Nice Guy vs. Arschloch”-Bipolarität. Deal with it!

Posted on Mrz 22, 2011

Lantzschi goes public.

Die simpelste feministische Forderung ist bekanntlich, den Frauenanteil in männlichen Netzwerken zu erhöhen und damit festgefahrene Strukturen aufzubrechen, neue Perspektiven zuzulassen. Ob das am Ende “bessere” Ergebnisse gibt oder wirklich systemverändernd ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nach wie vor ist das Internet männlich dominiert und strukturiert, werden Stimmen von Frauen nicht wahrgenommen oder absichtlich ignoriert. Wenn es darum geht, diesen Missstand zu erklären, finden sich häufig Muster wie “Selbst schuld”, denn das Internet “sei doch so partizipativ und basisdemokratisch”. Bullshit, wissen wir doch spätestens seit den in den vergangenen zwei bis drei Jahren geführten Diskussionen um Sexismus, Geschlechterstereotype und den Old Boys Networks, dass dem mitnichten so ist. Mehr noch, vergrößert Mensch den Fokus von Geschlecht auf andere soziale Kategorien, sieht das deutschsprachige, sich politisch begreifende Internet noch trauriger und eindimensional aus. Homogenität macht bekanntlich keine Politik für alle, sondern für wenige. Elitenbildung im Netz ist nicht weniger ein Abklatsch aus dem sogenannten “Offline-Leben”. Eine Ebene weiter oben angesetzt, wäre auch kritisch zu betrachten, wer bzw. welche Gruppen überhaupt Zugang zum Netz haben und wer uns dieses wunderbare neue politische Instrument, called Internet, zur Verfügung stellt, samt Hardware, Server und Software. Hier offenbart sich wohl der größte Graben und spiegeln sich globale Machtverhältnisse.

Denn die Facebook- und Twitter-Revolutionen, diese Mitmach-Politik, von denen hierzulande seit der “Grünen Revolution” im Iran so euphorisch gesprochen wird, entsteht auf dem Rücken von vielen zugunsten einiger privilegierter Menschen, zu denen logischerweise auch Frauen gehören. Dass wir rund um die Uhr an Politik teilhaben können, uns vernetzen, kommunizieren und theoretisieren und überlegen, wie das Netz dieser egalitäre Raum bleiben kann ohne staatliche Zugriffe, übersieht, dass wir schon längst Teil einer dominanten und dominierenden Sphäre sind, die andere ausschließt und ausbeutet.

Dabei wären das Netz und die neuen Kommunikationsformen und -techniken noch viel machtvoller, würde versucht, diese Ausschlüsse aufzubrechen oder zumindest nicht weiter fortzuführen. Der wohl schmerzloseste Beginn wäre eine Debatte darüber, ob unsere Theoretisierungsversuche eines transnationalen Wissen- und Machtraumes auch wirklich alle einbezieht, welche Stimmen in der Diskussion darüber bisher außen vor bleiben.

Die re:publica in diesem Jahr soll die Möglichkeit sein, um erste Denkanstöße zu geben, die hoffentlich nicht nach drei Tagen Konferenz wieder versandet. Kommt vorbei und diskutiert mit uns!

Desweiteren und nach wie vor wichtig: Präsenz zeigen. Auch, wenn es weh tut. Für die Schmerzlinderung haben wir wenigstens ordentlich Vodka im Gepäck. Nachdem sich im vergangenen Jahr die Flirtkultur auf Twitter breit gemacht hat, die uns neben der aufreibenden Diskursarbeit Balsam für die Seele bereit stellt, ist es an der Zeit, Twitter als Singlebörse zu institutionalisieren. Deshalb werden drei junge Frauen (inklusive mir) in den Friedrichstadtpalast laden, um aus dem Nähkästchen zu plaudern und plaudern zu lassen. Wer die Herz- und Vodkaexzesse nicht im Palast selbst verfolgen kann, der_die kann (wahrscheinlich) im Livestream auf der Seite selbst mitflittern und zuprosten. Wir freuen uns auf euch.

[Disclosure: Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Soli-Bärchen bitte in die Kommentare posten]

Posted on Sep 19, 2010

Heterosexuelle und lesbische Frauen. Ein Annäherungsversuch.

Ich oute mich gleich zu Beginn: Ich hatte noch nie etwas mit einer lesbischen Frau. Oder einer Frau, die auf Frauen steht, sich zu ihnen hingezogen fühlt, sich etwas mit Frauen vorstellen könnte oder Frauen, deren sexuelle Neigungen (gewollt) indifferent sind. Vorausgesetzt natürlich, sie haben dies in einem Gespräch mit mir kundgetan oder ich wusste vor einem ersten Gespräch auf wundersame Weise davon. Im Ahnen oder Vorhersagen bin ich nämlich unterqualifiziert.

Ich habe in meinem Leben bisher vier Frauen geküsst. Mit der Hälfte führte/führe ich eine Beziehung. Alle vier lebten zuvor oder leben noch immer heterosexuell und/oder hatten sich bezüglich ihrer sexuellen Orientierung bis dato keine Gedanken gemacht. Klar, wir alle kennen Flaschendrehen, doch Flaschendrehen zählt in diesem Fall nicht.

Ich finde Frauen uninteressant, die oben genannten Kriterien entsprechen. Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist.

Neulich, als ich mit zwei meiner lesbischen Freundinnen in einem Café saß und wir, sexistisch, wie wir sind, der weiblichen, attraktiven Bedienung kollektiv auf den Hintern starrten und uns stille Bewunderung für ihr zauberhaftes Lächeln nicht verkneifen konnten, stellte ich mir diese Frage erneut. Nein, eigentlich stellte ich sie laut und wir begannen über unsere weiblichen Vorlieben zu diskutieren.

Auf Gay-Partys scanne ich stets das Publikum ab, Menschen zu studieren, bereitet mir großen Spaß. Wie gehen Frauen, Queers und Trans* mit ihrem Gender um? Ein Karneval der Rollenkuriositäten. Bewundernswert. Doch attraktiv finde ich keine_n von ihnen.

Mein Gaydar lässt mich selten im Stich. Meine Trefferquoten in hetero- und homosexuell lassen viele vor Neid erblassen. Nach welchen Kriterien ich messe, kann ich nicht beschreiben. Stereotypen spielen eine wesentliche Rolle, aber erst das Zusammenspiel verschiedenster Dinge macht einen validen Gaydar aus. Dabei ist natürlich keinesfalls ausgeschlossen, dass es zu Ver/W/Irrungen kommen kann. Ein Edelstein mehr in meinem Erfahrungsschatz.

Nehmen wir an, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei fließend. Was nicht heißt, dass jede heterosexuell lebende Frau prinzipiell “umpolbar” sei, weil Frauen wissen, was Frauen wollen. Das ist Quatsch. Ich kann das bestätigen, ich kenne viele Geschichten, die in die Hose gegangen sind. Buchstäblich. Doch dieser Fluss kann bedeuten, dass es hier und da zu Strandungen kommen kann. Ein kurzer oder längerer Besuch an den unzähligen Anlegestellen der Liebe. Ich weiß, dass so etwas existiert. Ich habe es am eigenen Leib erfahren und es fühlte sich ziemlich gut an. Mit diesem Wissen im Hinterkopf und dem Gaydar im Anschlag begegne ich Frauen.

Zurück ins Café zur schnuckeligen Bedienung, unseren herausgefallenen Augen und dem verschmitzten Grinsen. Wie die drei Engel für Lesboland sitzen wir also aufgereiht auf dem Sofa, beobachten sie, wie sie Gäste abkassiert und rühren dabei bedächtig mit dem Löffel in unseren Cappuccino-Tassen. “Warum stehe ich immer auf Heteros”, frage ich in die Runde während mein Blick von ihr zu meiner Freundin wandert. “Weil heterosexuelle Frauen anders mit ihrer Weiblichkeit…nein…ihrem Frausein umgehen”, antwortet sie, als hätte sie das in einem Buch für Sexualsoziologie nachgelesen. Diesen anderen Umgang finde ich offenbar anziehend.

Wir entwickelten im gemeinsamen Gespräch folgende Theorie, die ich hier gern vorschlagen und zur Diskussion stellen möchte – mit Verlaub – ohne Besitzstandswahrung: Mit dem Coming-Out (für sich oder das soziale Umfeld) ist eine lesbische Frau gezwungen, sich mit ihrem Körper, ihrem Sex, ihrem sex und ihrem Gender auseinander zu setzen. Ebenso mit ihrem Frausein, mit ihrer Attraktivität, Außenwirkung, mit allen Dingen, hinter in denen sie weibliche Nuancen vermutet. Und natürlich ist sie stets bemüht, sicher geglaubte Begriffe zu hinterfragen. Sie wird sich dieser inneren Diskussion stellen müssen, allein, weil sie sich zwangsweise Homophobie, (Hetero-)sexismus oder neugierigen Fragen ausgesetzt sieht. Dieser Prozess, der verspätet oder zeitnah zum Coming-Out einsetzen und unterschiedlich lang dauern kann, verändert eine lesbisch lebende Frau. Vielleicht nicht immer tiefgreifend und in allen Kriterien, die ich gerade benannt habe, welche zur Diskussion stehen, mindestens aber ist es ein Reifeprozess, eine Bewusstseinswerdung.

Eine heterosexuell lebende Frau kann genau das auch tun. Sie muss es allerdings nicht. Da die Gesellschaft heteronormativ geprägt ist, ist jede Frau automatisch hetero, die den gängigen Gender roles entspricht. Da diese immer fluktuierender und diffiziler werden, kommt frau kaum in sexuell identitäre Erklärungs- und Rechtfertigungsnöte. [Hier muss hinzugefügt werden, dass ich gerade von abled persons spreche und solchen, die ins BMI-Korsett passen oder passen wollen. Und weiß müssen sie sein. Sorry for othering you, but I don't want to be assumptive and talk for all the ladies in general.]

Das Frausein einer heterosexuellen Frau ist demnach wesentlich subtiler und selbstverständlicher gelebt. Eine heterosexuelle Frau muss sich nicht um andere Frauen bemühen, sie sind lediglich Freundinnen, keine (potentiellen) Partnerinnen. Sie müssen nicht mit anderen Frauen flirten, sie greifen bei einem Flirt auf ihren Erfahrungsschatz und ihre Stereotype in Bezug auf Männer zurück, die gegebenenfalls Codes enthalten, die für andere Frauen nicht brauchbar/gewünscht sind oder erkannt werden.

Für eine heterosexuelle Frau bin ich als lesbische Frau quasi unsichtbar. Mir gefällt das, ich kann ungehemmter flirten oder Komplimente verteilen, ohne erkannt zu werden. Erkannt im Sinne einer möglichen Sexualpartnerin, einer möglichen Beziehung, eines möglichen Flirts, einer möglichen Versuchung. Erkannt im Sinne einer möglichen Zufälligkeit der Berührung. Ich missbrauche in diesem Fall das Frausein dieser Frau. Ich fühle mich nicht schlecht damit. Bei einer lesbischen Frau ist ein Kompliment eben nicht nur ein Kompliment, sondern eine Möglichkeit. Das Wissen um diese Möglichkeit, macht es mir unmöglich Gefallen daran zu finden. Es ist zu eindeutig, trotz der Vag- und manchmal Zaghaftigkeit eines Annäherungsversuchs.

“Wenn sich eine heterosexuelle Frau auf dich einlässt, weißt du, dass es wegen dir ist”, warf die andere Freundin ein. Wären wir bei der langweiligen These des “Ich liebe Menschen, nicht das Geschlecht” angekommen. Ich gebe ihr zum Teil recht, erweitere aber ihre Aussage noch etwas: Wenn sich eine heterosexuelle Frau auf mich einlässt, dann wegen mir. Das mir bin ich, mein Frausein, meine (sexuelle) Identität, mein Körper. Entweder im Zusammenspiel oder einzeln auftretend. Personen, die meinen, sie liebten Menschen und nicht das Geschlecht, entscheiden sich leider für eine ziemlich regressive Auslegung des Begriffes Geschlecht. Personen, die meinen, sie liebten Menschen statt Geschlechter, können nicht verleugnen, dass wir Charaktere nicht ficken können. Sie klammern sich an einen Satz, der sie nur dazu zwingt, ihr gesamtes Ich auf Teile davon reduzieren und ihr reduziertes Ich zu rechtfertigen. Vor Menschen, die noch weniger von ihrem gesamten Ich in eine Möglichkeit hineingeben. Ich plädiere daher für den Satz: “Ich liebe Menschen und zwar alles an ihnen.”

Ich sehe in einer heterosexuellen Frau kein Abenteuer, kein Spiel, an dessen Ende das Ticket für den Zug nach Lezzytown wartet. Ich werfe keine Würfel und hoffe auf einen 6er-Pasch. Ich gehe jeden Schritt bewusst. Ich weiß, worauf ich mich einlasse, wenn ihr Blick Schattierungen und ihre Reaktion Nuancen von Möglichkeiten sichtbar machen.

Das Schichtende der hinreißenden Bedienung naht, sie beglückt uns mit einem nächsten zauberhaften Lächeln, wirft ein Kompliment und ein paar Kekse in die Runde. Ich streue Teile der nachfolgenden Konversation ins Netz und begnüge mich zunächst mit dem Übungsplatz Internet. Danach verteile ich Herzen an meine Freundin.

Posted on Jun 5, 2009

Vollkommen.

Sie saßen sich gegenüber. Sie schaute ihn an.

Er wusste, dass er kein Anrecht auf ihre Blicke hatte. Er genoss sie trotzdem. Es erfüllte ihn mit einer sonderlichen Wärme, die er sich nicht erklären konnte. Das wollte er auch nicht. Er wollte einfach nur genießen.

Sie redeten stundenlang über Belangloses und Tiefgründiges. Er hatte das Bedürfnis ihre Haare sanft aus dem Gesicht zu streichen, beließ es aber bei dem Gedanken daran.

Sie hatten öfter diese Gespräche, meistens in einem kleinen Café und meistens allein. Kennengelernt hatten sie sich eher zufällig. Eine Freundin hatte sie zu einer privaten Feier mitgebracht. Schon da hatte sie ihn angeschaut und es tat ihm gut.

Nun saßen sie da und redeten, während er sich immer wieder vorstellte ihre Hand zu berühren, sobald sie ihn ansah. Er tat es nie. Ihr Blick reichte ihm aus und er wusste nicht wieso. Seine Gedanken waren ihm fremd. Früher hat er immer getan, wonach ihm beliebte. Jetzt genoss er einfach nur ihre Blicke und ihre Anwesenheit.

Sobald er allein war, hatte er stets den Drang in ihrer Nähe zu sein. Er rief sie nie an. Sie verabredeten sich selten und es reichte ein geschriebener Satz, um ihr Treffen zu vereinbaren. Am Ende erzählte sie von ihren Plänen für das kommende Jahr. Sie werde wegfahren. Nach Johannisburg – berufliche Chancen. Ob und wann sie zurückkommen werde, sei unklar. Es brach ihm das Herz und er vermisste sie augenblicklich.

Sie umarmten sich zur Verabschiedung. Zaghaft und doch von einer Intensität, die er sonst nie mehr spüren würde. Es gab kein Argument für ein „nie mehr“, er wusste es einfach.

Er prostete seinen Freunden zu. Die Eröffnung seiner Vernissage war ein voller Erfolg. Bevor die ersten Gäste kamen, waren fünf Fotografien verkauft. Jemand beauftragte ihn mit einer Serie über europäische Großstädte. Er war stolz auf sich.

Ganz plötzlich stand sie vor ihm. Sie schaute ihn an. Es reichte ihm. Vollkommen.

Posted on Jun 4, 2009

Niemals mehr.

Als sie sie sah, versetzte es ihr einen Dolchstoß mitten ins Herz. Es zerbrach kurz danach in tausend kleine Teile. Sie bemerkte es sofort. Und sie spürte, dass es niemals mehr jemanden geben würde, der alle diese Teile aufsammelt und mühevoll zusammenpuzzlet. Sie würde es nicht wollen.

Sie stand nur da und sah ihr zu. Wie sie genussvoll die Gabel zu ihrem Mund führte. Argentinien. Ein kleines Kalb, noch zartrosa in der Mitte. Dazu ein zart arrangiertes Salatbouquet, umschmeichelt von wenigen Tropfen Vinaigrette. Man sah es kaum, doch im Gaumen ergab sich ein sondersgleichen Zusammenspiel, dass es einem den Atem verschlug. Sie kannte das Restaurant, in dem sie nun saß und genau diesen Genuss erlebte. Man sah es ihr an, wie das Diner in ihr einen Vulkanausbruch auslöste. Ihre Augen funkelten im Kerzenschein.

Ihre Haut war so zart, wie das Fleisch, das sie gerade aß. So zart wie früher schon. Sie hatte sich nicht verändert. Diese Tatsache ließ sie innerlich zerbrechen. Sie merkte, wie sie sich allmählich auflöste, doch ihre äußere Hülle blieb.

Die funkelnden Augen…sie wünschte sich, sie würden auf ihr liegen. Und nicht auf ihm. Er war schön. Keine Frage. Sie hatte Stil. Sie hatte sich nicht verändert.

Sie liebte ihn. Es war so offensichtlich. Nicht nur die Kerzen und das ausgesprochen gute Essen ließen ihre Augen funkeln. Er war es. Es gab keinen Zweifel, dass sie glücklich war. Mit ihm.

Sie drehte sich um und ging. Nie war sie sich so sicher, dass es keinen Grund gab, stehen zu bleiben. Und sie wusste, nie würde sie sich wieder so sicher sein. Niemals mehr.