Die Frage, wieso sich Menschen oft für die Nieten im Leben entscheiden, obwohl ihnen der Hauptgewinn auf dem Goldenen Teller serviert wird, ist wohl eine der fundamentalsten Konfliktpunkte des menschlichen Daseins. Wer hat noch nicht nach der Antwort gesucht? Und wie viele haben die Suche schon aufgegeben? Wahrscheinlich, weil es keine Antwort darauf gibt. Die glücklosen Nieten-Gewinner fangen erst gar nicht an, eine Antwort zu finden. Sie verfallen in eine Selbstmelancholie, wie es selbst die besten Schauspieler mit Hilfe der besten Drehbuchautoren nicht schaffen solch einen inneren Verfall auf die Leinwand oder wahlweise DVD oder Blu – Ray zu zaubern.
Gebrannte Kinder scheuen das Feuer. Aber gibt es denn auf diesem Planeten einen einzigen Menschen, der sich noch nie verbrannt hat? Ich kenne keinen. Schon als Kind wird einem von den fürsorglichen Eltern eingebläut, die Finger vom Feuer zulassen. Aber der Mensch an sich ist ja lernfähig. Einmal verbrannt, bewirkt diese schmerzhafte Erfahrung einen Mechanismus im Gehirn, der vor weiteren „Fehlgriffen“ warnt, um einen erneuten Schmerz und mögliche bleibende Narben zu vermeiden. Doch dieser schützende Mechanismus scheint irgendwann nicht mir aktiv zu werden. Die Gründe mögen da ganz unterschiedlich sein, doch in einem gleichen sie sich alle: Von alleine legt sich der Schalter nicht mehr um. Zum einen, weil die Protagonisten es nicht wollen und selber in ihrer Lethargie keimen und warten irgendwann wie eine Orchidee im Frühling zu erwachen und die dunklen Schattenseiten hinter sich zulassen. Zum anderen, weil ihnen der Blick für das Aufrichtige und Ehrliche fehlt und sie die Fähigkeit verloren haben, das Glück, welches ihnen in den Schoß fällt, nicht als solches wahrzunehmen. Sie finden sich ab mit ihrer grauen und melodramatischen Welt, sitzen frustriert und leblos in ihren vier Wänden und zählen zum wiederholten Male die Punkte ihrer Raufasertapete, auch die an der Decke.
Der Mensch an sich ist eines der kompliziertesten Geschöpfe, die Mutter Natur hervorgebracht hat, und trotz dieser unendlichen Faser,- Muskel- und Nervenstränge ist er doch in seinem inneren Bestreben sehr einfach gestrickt. Er wählt, sobald er vor die Wahl gestellt wird, immer den einfachen Weg. Daran ist nichts Verwerfliches – im Gegenteil. Es ist durchaus bewundernswert, dass er soviel Selbstwertgefühl hat, um nicht den holprigen Weg zu bestreiten. Aber trotz dieser Eigenschaft, scheint der einfache Weg nur auf den ersten Metern auch wirklich der zu sein, für den er gehalten wurde. Wieso? Soziale Blindheit! Das, was zunächst so simpel scheint, ist in Wirklichkeit so undefinierbar kompliziert, dass der komplizierte Weg so unfassbar einfach erscheint. Doch um dieses zuerkennen, benötigt man etwas, was rein physisch gesehen, jeder besitzt: Rückrad – und somit auch Aufrichtigkeit, sich selbst gegenüber und folglich auch denjenigen, die direkt oder indirekt davon betroffen sind.
Dass das Rückgrat aber auch für geistige Aufrichtigkeit verantwortlich ist, wissen nur wenige. Stattdessen laufen sie lieber mit ihrem seelischen Buckel durch die Welt und fristen ein Dasein, bei dem selbst Quasimodo der Schauer über den Rücken läuft. Auf was warten sie? Dass sie Esmiralda aus ihren Glockenturm rettet und die ganze Welt in rosarot die Trompeten bläst? Pure Ernüchterung und der Verlust des Blickes für das Wahre scheinen nur einige Ursachen für diese Pseudovorstellung zu sein. Träume und Wunschvorstellungen sollen keineswegs aus den Köpfen verschwinden. Das macht ja auch das Leben aus, aber man sollte schon die Realität nicht aus den Augen lassen. Vielleicht sollte es mehr Disney-Filme geben, die mal nicht in einem unsagbar schönen und gleichzeitig ekelhaft schmalzigen Happy End ihren Abschluss finden. So lernt man schon von klein auf, dass es nicht immer sprechende Kerzenständer und Uhren gibt, die einem den richtigen Weg zeigen. Klar könnte man jetzt Walt Disney die Schuld am Unglück vieler Menschen geben. Bei „Die Schöne und das Biest“ zum Beispiel nimmt der Vater der Schönen – welch Überraschung – den dunklen, düsteren, aber auch kürzeren und somit einfachen Weg, anstatt den mit Sonnenstrahlen durchleuchten und durch Vögelzwitschern erheiternden längeren Weg. Wo das endete, wissen wir alle!
Ist der Mensch irgendwann an dem Punkt angekommen, an welchem er merkt, dass der zunächst einfache Pfad dann doch in einem nicht umkehrbaren Fiasko endet, kommt es zu einem weiteren Phänomen des menschlichen Wesens: Reue. Schlägt man dieses Wort – heutzutage meist in diversen Internetlexika nach – dann ist Reue ein Gefühl des Bedauerns über das eigene fehlerhafte Tun und Lassen, mit dem Willensvorsatz zur eventuellen Genugtuung und Besserung. In dieser Definition ist ein kleines, aber durchaus entscheidendes Wort, welches die Bedeutung von Reue an sich schon in Frage stellt: „Eventuell“.
Reue und Reue sind zwei Paar Schuhe, die unterschiedlicher nicht sein können – High Heels und Sneakers. Die Sneakers sind die bequeme Variante der Reue. Sie sind leicht zu tragen, und sitzen immer gut. Sie schmiegen sich der Form des Fußes an. So ist es auch mit der Sneakers – Reue. Man merkt, das irgendetwas falsch gelaufen ist. Alles tut weh und ein aufrechter Gang ist nicht mehr möglich. Da kommen die Sneakers ins Spiel. Der Träger erkennt, das gewisse Entscheidungen nicht zum erhofften Glück führten. Also werden diese Entscheidungen bereut und natürlich auch die Konsequenzen, die letztendlich zum Kauf führten. Doch die Ursachen, welche überhaupt dazu führten, werden nicht einmal im Ansatz analysiert, weil es ja gerade so bequem ist und man locker und leicht durch das Leben läuft. Welch Irrsinn! Das Problem, welches diese Art von Reue mit sich bringt, ist, dass etwaige Fehlentscheidungen in den Schuhschrank kommen und dort jämmerlich ihr Dasein fristen. Äußerlich sind sie von der Bildfläche verschwunden, doch trotz aller Vorkehrungen sind sie immer noch da. Und wenn erst ein Paar durchgetreten ist, kommt einfach das nächste. Doch zuvor läuft man solange mit dem einen Paar durch die Welt bis man bereits mit den Socken die Straße putz und einem die Füße schmerzen. So schwindet die Kraft Schritt für Schritt, bis man so erschöpft ist, dass der blumige, aber lange Weg einfach nicht zuschaffen ist und man sich wieder einmal für den „bequemeren“ entscheidet Und so sammelt sich über Jahre ein riesiger Haufen an, den keine Kleiderspendetonne der Welt aufnehmen könnte, bis irgendwann die Türen des überfüllten Schuhschranks aufspringen und der Träger von der einstigen Reue erschlagen wird.
Die Träger der High Heels mögen auf den ersten Blick ziemlich schmerzlos wirken, vielleicht auch masochistisch veranlagt. Aber betrachtet man sie genauer, dann bemerkt man doch schnell, dass sie aufrecht laufen. Den Blick noch vorne, die Schultern zurück und somit mit einem starken Rückrad. Wie jeder weiß, dauert es eine Weile bis dieses Ergebnis zu Stande kommt, aber das Ergebnis ist weitaus langfristiger als die abgelatschten und einst so bequemen Sneakers. High Heels müssen eingelaufen werden, bis der Tag kommt an dem sie richtig sitzen und man selbstzufrieden und erkenntlich die Hürden des Lebens meistern kann. Doch der Weg ist bei Weitem nicht so leicht, wie die Turnschuhvariante. Zum Anfang schmerzen sie und man möchte sie am liebsten in die Ecke schmeißen, zu den verwahrlosten und abgestellten Sneakers. Die Menschen, welche sich für die High Heels – Reue entscheiden, setzen sich mit dem Schmerz und seinen Ursachen auseinander. Wieso ist das alles so unförmig? Und wieso passt das alles bisher Dagewesene nicht? Wieso war der doch so einfache Weg so niederschlagend und wieso stand ich überhaupt vor der Wahl mich entscheiden zu müssen, wo das Richtige eigentlich so deutlich erkennbar war? Nicht nur die Reue, dass man sich viel Ärger hätte sparen können, ist von Nöten, auch die, dass man immer und immer wieder vor Entscheidungen steht und sich immer wieder – im Nachhinein – für das Falsche entscheidet. Durch diese Erkenntnis kommt der aufrechte Gang und somit ein größerer Blickwinkel auf die Dinge, welche bei einem fehlenden Rückrad nicht zuerkennen sind. Durch die verbesserte Sicht nimmt man Entscheidungen anders wahr und sieht die versteckten Hindernisse, die einem den angeblich leichteren Pfad so schmackhaft machen
Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er leben will, doch sollte man gut überlegen, ob das Leben, welches man gerade führt, wirklich so befriedigend ist, wie man es gerne hätte. Kommt es zu dieser Überlegung, stellt sich dann die alles entscheidende Frage: Sneakers oder High Heels?
Text: Jana Pflug | Foto: agentmouthwashfanclubpresident - Creative Commons