Posted on Okt 16, 2008

Von Sneakers und High Heels – Text von Jana Pflug

Die Frage, wieso sich Menschen oft für die Nieten im Leben entscheiden, obwohl ihnen der Hauptgewinn auf dem Goldenen Teller serviert wird, ist wohl eine der fundamentalsten Konfliktpunkte des menschlichen Daseins. Wer hat noch nicht nach der Antwort gesucht? Und wie viele haben die Suche schon aufgegeben? Wahrscheinlich, weil es keine Antwort darauf gibt. Die glücklosen Nieten-Gewinner fangen erst gar nicht an, eine Antwort zu finden. Sie verfallen in eine Selbstmelancholie, wie es selbst die besten Schauspieler mit Hilfe der besten Drehbuchautoren nicht schaffen solch einen inneren Verfall auf die Leinwand oder wahlweise DVD oder Blu – Ray zu zaubern.

Gebrannte Kinder scheuen das Feuer. Aber gibt es denn auf diesem Planeten einen einzigen Menschen, der sich noch nie verbrannt hat? Ich kenne keinen. Schon als Kind wird einem von den fürsorglichen Eltern eingebläut, die Finger vom Feuer zulassen. Aber der Mensch an sich ist ja lernfähig. Einmal verbrannt, bewirkt diese schmerzhafte Erfahrung einen Mechanismus im Gehirn, der vor weiteren „Fehlgriffen“ warnt, um einen erneuten Schmerz und mögliche bleibende Narben zu vermeiden. Doch dieser schützende Mechanismus scheint irgendwann nicht mir aktiv zu werden. Die Gründe mögen da ganz unterschiedlich sein, doch in einem gleichen sie sich alle: Von alleine legt sich der Schalter nicht mehr um. Zum einen, weil die Protagonisten es nicht wollen und selber in ihrer Lethargie keimen und warten irgendwann wie eine Orchidee im Frühling zu erwachen und die dunklen Schattenseiten hinter sich zulassen. Zum anderen, weil ihnen der Blick für das Aufrichtige und Ehrliche fehlt und sie die Fähigkeit verloren haben, das Glück, welches ihnen in den Schoß fällt, nicht als solches wahrzunehmen. Sie finden sich ab mit ihrer grauen und melodramatischen Welt, sitzen frustriert und leblos in ihren vier Wänden und zählen zum wiederholten Male die Punkte ihrer Raufasertapete, auch die an der Decke.

Der Mensch an sich ist eines der kompliziertesten Geschöpfe, die Mutter Natur hervorgebracht hat, und trotz dieser unendlichen Faser,- Muskel- und Nervenstränge ist er doch in seinem inneren Bestreben sehr einfach gestrickt. Er wählt, sobald er vor die Wahl gestellt wird, immer den einfachen Weg. Daran ist nichts Verwerfliches – im Gegenteil. Es ist durchaus bewundernswert, dass er soviel Selbstwertgefühl hat, um nicht den holprigen Weg zu bestreiten. Aber trotz dieser Eigenschaft, scheint der einfache Weg nur auf den ersten Metern auch wirklich der zu sein, für den er gehalten wurde. Wieso? Soziale Blindheit! Das, was zunächst so simpel scheint, ist in Wirklichkeit so undefinierbar kompliziert, dass der komplizierte Weg so unfassbar einfach erscheint. Doch um dieses zuerkennen, benötigt man etwas, was rein physisch gesehen, jeder besitzt: Rückrad – und somit auch Aufrichtigkeit, sich selbst gegenüber und folglich auch denjenigen, die direkt oder indirekt davon betroffen sind.

Dass das Rückgrat aber auch für geistige Aufrichtigkeit verantwortlich ist, wissen nur wenige. Stattdessen laufen sie lieber mit ihrem seelischen Buckel durch die Welt und fristen ein Dasein, bei dem selbst Quasimodo der Schauer über den Rücken läuft. Auf was warten sie? Dass sie Esmiralda aus ihren Glockenturm rettet und die ganze Welt in rosarot die Trompeten bläst? Pure Ernüchterung und der Verlust des Blickes für das Wahre scheinen nur einige Ursachen für diese Pseudovorstellung zu sein. Träume und Wunschvorstellungen sollen keineswegs aus den Köpfen verschwinden. Das macht ja auch das Leben aus, aber man sollte schon die Realität nicht aus den Augen lassen. Vielleicht sollte es mehr Disney-Filme geben, die mal nicht in einem unsagbar schönen und gleichzeitig ekelhaft schmalzigen Happy End ihren Abschluss finden. So lernt man schon von klein auf, dass es nicht immer sprechende Kerzenständer und Uhren gibt, die einem den richtigen Weg zeigen. Klar könnte man jetzt Walt Disney die Schuld am Unglück vieler Menschen geben. Bei „Die Schöne und das Biest“ zum Beispiel nimmt der Vater der Schönen – welch Überraschung – den dunklen, düsteren, aber auch kürzeren und somit einfachen Weg, anstatt den mit Sonnenstrahlen durchleuchten und durch Vögelzwitschern erheiternden längeren Weg. Wo das endete, wissen wir alle!

Ist der Mensch irgendwann an dem Punkt angekommen, an welchem er merkt, dass der zunächst einfache Pfad dann doch in einem nicht umkehrbaren Fiasko endet, kommt es zu einem weiteren Phänomen des menschlichen Wesens: Reue. Schlägt man dieses Wort – heutzutage meist in diversen Internetlexika nach – dann ist Reue ein Gefühl des Bedauerns über das eigene fehlerhafte Tun und Lassen, mit dem Willensvorsatz zur eventuellen Genugtuung und Besserung. In dieser Definition ist ein kleines, aber durchaus entscheidendes Wort, welches die Bedeutung von Reue an sich schon in Frage stellt: „Eventuell“.

Reue und Reue sind zwei Paar Schuhe, die unterschiedlicher nicht sein können – High Heels und Sneakers. Die Sneakers sind die bequeme Variante der Reue. Sie sind leicht zu tragen, und sitzen immer gut. Sie schmiegen sich der Form des Fußes an. So ist es auch mit der Sneakers – Reue. Man merkt, das irgendetwas falsch gelaufen ist. Alles tut weh und ein aufrechter Gang ist nicht mehr möglich. Da kommen die Sneakers ins Spiel. Der Träger erkennt, das gewisse Entscheidungen nicht zum erhofften Glück führten. Also werden diese Entscheidungen bereut und natürlich auch die Konsequenzen, die letztendlich zum Kauf führten. Doch die Ursachen, welche überhaupt dazu führten, werden nicht einmal im Ansatz analysiert, weil es ja gerade so bequem ist und man locker und leicht durch das Leben läuft. Welch Irrsinn! Das Problem, welches diese Art von Reue mit sich bringt, ist, dass etwaige Fehlentscheidungen in den Schuhschrank kommen und dort jämmerlich ihr Dasein fristen. Äußerlich sind sie von der Bildfläche verschwunden, doch trotz aller Vorkehrungen sind sie immer noch da. Und wenn erst ein Paar durchgetreten ist, kommt einfach das nächste. Doch zuvor läuft man solange mit dem einen Paar durch die Welt bis man bereits mit den Socken die Straße putz und einem die Füße schmerzen. So schwindet die Kraft Schritt für Schritt, bis man so erschöpft ist, dass der blumige, aber lange Weg einfach nicht zuschaffen ist und man sich wieder einmal für den „bequemeren“ entscheidet Und so sammelt sich über Jahre ein riesiger Haufen an, den keine Kleiderspendetonne der Welt aufnehmen könnte, bis irgendwann die Türen des überfüllten Schuhschranks aufspringen und der Träger von der einstigen Reue erschlagen wird.

Die Träger der High Heels mögen auf den ersten Blick ziemlich schmerzlos wirken, vielleicht auch masochistisch veranlagt. Aber betrachtet man sie genauer, dann bemerkt man doch schnell, dass sie aufrecht laufen. Den Blick noch vorne, die Schultern zurück und somit mit einem starken Rückrad. Wie jeder weiß, dauert es eine Weile bis dieses Ergebnis zu Stande kommt, aber das Ergebnis ist weitaus langfristiger als die abgelatschten und einst so bequemen Sneakers. High Heels müssen eingelaufen werden, bis der Tag kommt an dem sie richtig sitzen und man selbstzufrieden und erkenntlich die Hürden des Lebens meistern kann. Doch der Weg ist bei Weitem nicht so leicht, wie die Turnschuhvariante. Zum Anfang schmerzen sie und man möchte sie am liebsten in die Ecke schmeißen, zu den verwahrlosten und abgestellten Sneakers. Die Menschen, welche sich für die High Heels – Reue entscheiden, setzen sich mit dem Schmerz und seinen Ursachen auseinander. Wieso ist das alles so unförmig? Und wieso passt das alles bisher Dagewesene nicht? Wieso war der doch so einfache Weg so niederschlagend und wieso stand ich überhaupt vor der Wahl mich entscheiden zu müssen, wo das Richtige eigentlich so deutlich erkennbar war? Nicht nur die Reue, dass man sich viel Ärger hätte sparen können, ist von Nöten, auch die, dass man immer und immer wieder vor Entscheidungen steht und sich immer wieder – im Nachhinein – für das Falsche entscheidet. Durch diese Erkenntnis kommt der aufrechte Gang und somit ein größerer Blickwinkel auf die Dinge, welche bei einem fehlenden Rückrad nicht zuerkennen sind. Durch die verbesserte Sicht nimmt man Entscheidungen anders wahr und sieht die versteckten Hindernisse, die einem den angeblich leichteren Pfad so schmackhaft machen

Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er leben will, doch sollte man gut überlegen, ob das Leben, welches man gerade führt, wirklich so befriedigend ist, wie man es gerne hätte. Kommt es zu dieser Überlegung, stellt sich dann die alles entscheidende Frage: Sneakers oder High Heels?

Text: Jana Pflug | Foto: agentmouthwashfanclubpresident - Creative Commons

Posted on Sep 10, 2008

Die Welt ist ein Dorf und Berlin das Ortsausgangsschild.

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Wenn man an Berlin denkt, fallen einem spontan tausende Dinge ein. Groß, laut, Multi-kulti, trashig, Remmi Demmi, weltoffen, Partymetropole, queerer Puls mitten in Europa. Berlin ist nicht nur bekannt für seine Currywurst, dem Brandenburger Tor und seiner Geschichte – nein – allein das Nachtleben dieser Stadt zieht jährlich Millionen von Menschen an die Spree.
Allein in Friedrichshain reiht sich eine Bar an die nächste. Die Auswahl ist schier grenzenlos, und da es hier auch keine Sperrstunde gibt, ist das heitere Beisammensitzen bis in die frühen Morgenstunden schon vorprogrammiert.

Diese Ansichten teilte ich auch, bis zu dem Tag, der mich doch ein wenig an dieser hochgepriesen Stadt zweifeln ließ.

Es ist Freitagabend in Neukölln. Meine Mädels und ich sitzen in einer wunderschönen möblierten Wohnung in gemütlicher Runde mit Cola und Goldkrone. Aufgrund der Überredungskünste meiner Freunde habe ich dann beschlossen mit in den mit Abstand ranzigsten Schuppen der Stadt zu gehen: Das Haus B. Die Bestätigung für diese Meinung meinerseits folgte im Laufe der nächsten Stunden. Gut gelaunt und in Partystimmung machten wir und zu zehnt auf dem Weg in den größten schwul-lesbischen Club der Hauptstadt. Dass „groß“ nicht automatisch gleichzusetzen ist mit „gut“, folgte bereits am Eingang. Es ist ja nichts neues, dass die Türsteher dieser queeren Herberge dezent unhöflich, arrogant oder sogar homophobe Verhaltensweisen an den Tag legen, aber dieses Szenario, welches sich dort abspielte, war kaum zu übertreffen.

Ich geh also gut gelaunt Richtung Türsteher und Frage höflich, ob er denn in meinen Rucksack sehen will. Er erwiderte mit leicht genervter Stimme und mit der weltweit bekannten Berliner Freundlichkeit: „Nee! Aber ick will ma deinen Ausweis sehn!“ Gut, dass ich nicht aussehe wie 22 ist mir durchaus bewusst, aber eine etwas andere Umgangsform ist denke ich nicht zu viel verlangt. Nun gut, Ausweis gezeigt und das Szenario geht weiter. Der Opa an der Kasse, der so aussieht als würde er seit Clubgründung zum Inventar gehören – mir kam sogar der kurze Gedanke, ob er sogar mitgeholfen hatte Berlin wieder aufzubauen – schaut mich mit seinem wunderschönen „Sonntagslächeln“ an – vielleicht hat er auch einen irreparablen Gesichtsmuskelschaden aus dem Krieg und kann deshalb seine Freunde nicht in sein Gesicht zaubern. Da ich nicht zur Stammkundschaft gehöre und auch leider nicht sämtliche Preise im Kopf habe, frage ich ihn nach dem Eintritt: „5 Euro waren das, ne?“ Und schon wieder die geballte Ladung Glückseeligkeit als Antwort: „Ja! Wärste eher jekomm, hättste wenijer bezahlt. Aba sin ja nich bei “Wünsch dir was“ .“ Schade, dacht ich mir, weil sonst hätte ich mir gewünscht, dass ich die Zeit noch mal zurückdrehen und den Überredungskünsten meiner Mädels standhalten könnte. Naja, einer der wenigen Momente, bei dem ich das Gedachte auch nur gedacht und nicht ausgesprochen habe – Zum Glück!

Ok, nachdem das nun alles erledigt war, öffnete ich die Tür und die Bässe nicht definierbarer Musik ließen mein Trommelfell schwingen. „Scheiße, jetzt bist du wirklich hier!“ Aufgrund der maximalen Lautstärke hat meinen Frustausstoß niemand wahrgenommen. Ich dreh mich um, zwei unserer heiteren Truppe waren auch schon drin. Gut, dann kann ich ja schon mal die Toiletten aufsuchen, bis ich dann mal an der Reihe bin, wird der Rest ja den Hindernisparcour am Eingang überstanden haben. Dem war natürlich nicht so! „Wo bleiben denn die anderen?, schrie ich einer meiner Weggefährten ins Ohr. „Die kommen nicht rein!!“, schrie sie zurück. Na super, wird ja n spitzen Abend werden. Ich betätige wieder die glamoröse Tür und sehe die angefressenen Gesichter meiner Leute und die immer noch genervten Blicke der Türsteher. „Die lassen uns nicht rein, keine Ahnung wieso!“ Ich steh da, an mir laufen dutzende Leute vorbei und gehen kaum von Lollek und Bollek beachtet in den Club. Ah ja, wahrscheinlich sehen wir nicht queer genug aus. Ich dreh mich um zu Atzepeng und frage, wieso die Meute nicht rein darf. Ein weiteres Aufkommen von Freundlichkeit ertönt in meinen Ohren: „Pass ma uff, Perle, dit jeht dich janischt an. Enteder du jehst wieder rein oder lässt it bleiben und nervst uns nich!!“ Hm, anscheinend gibt es bei Türsteher-ABM-Workshops keinen mit dem Titel „Höflichkeit“. Ich schau diesen Kleiderschrank an und erwidere: „Also Perle schon mal gar nicht. Du kannst auch vernünftig mit mir reden. Ein bisschen Freundlichkeit ist ja wohl nicht zu viel verlangt“. Die Antwort folgte prompt von seinem Buddy: „Wenn ick freundlich sein will, dann arbeite ick in nem Hotel!“. Na das ist doch mal eine Aussage! Ich frage mich nur, welches Hotel ihn nehmen würde. Vielleicht finde ja sein Stellenvermittler eine gute Adresse. Es wäre ihm zu wünschen.

Alles Lesben, außer Mutti!

Nach diesem kleinen Intermezzo mit mir war dann auch gleich eine Kameradin dran. „Und du mit deiner Jogginghose! Dit nächste Mal ziehste dich vernünftig an und kommst nich in sonem Outfit!“ Wahnsinn, im Haus B gibt es jetzt einen Dresscode, damit das gehobene Busche – Klientel nicht von irgendwelchen „schlechtgekleideten“ Mitmenschen belästigt wird. ! Willkommen im 21. Jahrhundert. Ich glaube die beiden Einzeller haben vorher entweder bei diversen Supermärkten einen auf Security gemacht oder wurden in anderen Tanzlokalitäten rausgeschmissen. Vielleicht hat sie er Bewährungshelfer infolge ihres Resozialisierungsplans auch an das Haus B vermittelt. Man weiß es nicht.

Nachdem nun die Nettigkeiten ausgetauscht wurden, haben wir uns entschlossen in eine Bar zu gehen, um wenigstens noch etwas von der Nacht zu haben. Und da wir ja in Friedrichshain (!) sind und es Freitagnacht (!) ist, ist die Auswahl ja unendlich. Die Bar befindet sich in der Boxhagener Straße und wurde von unserer kleinen Gruppe ja schon vor einer Woche aufgesucht und wir saßen dort bis vier Uhr morgens – also Standartzeiten in F-Hain am Wochenende. Aber da das Glück an diesem Abend wohl nicht ganz mit uns war, kam auch hier gleich die nächste Überraschung. „Die schließen gleich!“, sagte mir mit entsetzter Stimme eine Freundin. Mein Blick spricht Bände. Ich vergewissere mich, was die Uhrzeit angeht: Mein Handy sagt, dass es halb zwei ist. Halb zwei nachts, in Berlin, an einem Wochenende und die Bar in F-Hain macht gleich zu! Finde den Fehler! Auch die Aussichten, dass die einen guten Umsatz mit uns machen werden, da wir durstig und gewillt sind diesen bescheidenen Abend noch in etwas schönes umzuwandeln. Aber nein. Anscheinend läuft das Geschäft so gut, dass die es sich locker leisten können am umsatzstärksten Tag einfach zu zumachen. Ob die irgend so ein Wie-Sie-am-besten-Umsatz-machen-damit-Sie-schnell-nach-Hause
-gehen-können-Magazin abonniert haben? Nachdem nun der Stand der Dinge auch bei den letzten angekommen ist, stehen wir vor der nächsten Frage. Wohin jetzt?

Himmelreich! Ja, lecker Hefeweizen in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre ohne homophobe Kleiderschränke. Doch bereits der Weg dorthin ließ nichts Gutes verheißen. Aus welchem mir bis heute unerklärlichen Grund hatten sämtliche Bars, Kneipen oder Restaurants entweder schon geschlossen oder waren gerade dabei die Feierabendglocke zu läuten. Das ist nur ein böser Traum aus welchem du gleich wieder aufwachst. Nix da! Vom Weiten sah ich schon die runtergelassenen Rollläden des Wohnzimmers mit Bar. „Wollt ihr mich eigentlich alle verarschen?!“, schallte es hinter mir. Ich glaube, dass nennt man wohl Telepathie, denn das war auch mein erster Gedanke.

Todesmutig überquerte ich die leere Simon-Dach-Straße, um mich zu vergewissern, dass die jetzt auch noch zu machen. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Bar war gut besucht, keine Anzeichen von Aufbruchsstimmung. Ich fragte, ob die jetzt auch zumachen. Als Antwort kam ein unentschlossener gar lustloser Gesichtsausdruck. Um meine Verzweiflung mehr zum Vorschein zu bringen, erklärte ich ihm, dass wir zehn durstige Menschen sind und in diesem menschenleeren Bezirk noch gerne einen trinken wollen. Mein Gegenüber verzieht sein Gesicht, wie ich es selten bei einem Menschen gesehen habe – das Pandent zu den steifen Gesichtsmuskeln des Busche – Opas . „Nee du, wir machen auch gleich zu.!“ Na spitze, macht ja alles nichts. Ich bin ja hier anscheinend in der Pampa gelandet mit einer Dorfkneipe, die um 21 Uhr zumacht, weil ja dann die Laternen ausgehen und die Bordsteine erst wieder sechs Uhr morgens heruntergeklappt werden! Ich weiß bis heute nicht, wieso keiner mehr Lust hatte die Menschheit mit alkoholischen Getränken zu versorgen. Vielleicht war es ja eine Art Demo der Bar – und Kneipenbesitzer, eine Demo von der wir zumindest nichts gewusst haben. Aber es heißt ja so schön: Mittendrin statt nur dabei!

Unser Abend endete dann in einer kleinen Pizzeria in welcher sich wahrscheinlich sämtliche Menschen versammelten, die die gleichen Absichten hatten wie wir – hinsetzen, quatschen, lachen und trinken. Zuviel verlangt für eine der angesagtesten Städte dieses Planeten? Wahrscheinlich! Nach weiteren unzähligen Minuten des Wartens stopften wir uns voller Frust die Pizza in den Rachen, um dann endlich nach Hause zugehen und diesen Abend schnell zu vergessen.

Am Bahnhof Warschauer Straße kamen uns Menschenmassen entgegen. Wir fragten uns, wo die denn alle hinwollen, hier ist doch tote Hose. Nach einem kurzen zynischen Lacher setzten wir uns in die Bahn und verließen den „Party-Bezirk Friedrichshain“.

Foto und Text: Jana Pflug