Posted on Mrz 22, 2011

Lantzschi goes public.

Die simpelste feministische Forderung ist bekanntlich, den Frauenanteil in männlichen Netzwerken zu erhöhen und damit festgefahrene Strukturen aufzubrechen, neue Perspektiven zuzulassen. Ob das am Ende “bessere” Ergebnisse gibt oder wirklich systemverändernd ist, steht auf einem anderen Blatt.

Nach wie vor ist das Internet männlich dominiert und strukturiert, werden Stimmen von Frauen nicht wahrgenommen oder absichtlich ignoriert. Wenn es darum geht, diesen Missstand zu erklären, finden sich häufig Muster wie “Selbst schuld”, denn das Internet “sei doch so partizipativ und basisdemokratisch”. Bullshit, wissen wir doch spätestens seit den in den vergangenen zwei bis drei Jahren geführten Diskussionen um Sexismus, Geschlechterstereotype und den Old Boys Networks, dass dem mitnichten so ist. Mehr noch, vergrößert Mensch den Fokus von Geschlecht auf andere soziale Kategorien, sieht das deutschsprachige, sich politisch begreifende Internet noch trauriger und eindimensional aus. Homogenität macht bekanntlich keine Politik für alle, sondern für wenige. Elitenbildung im Netz ist nicht weniger ein Abklatsch aus dem sogenannten “Offline-Leben”. Eine Ebene weiter oben angesetzt, wäre auch kritisch zu betrachten, wer bzw. welche Gruppen überhaupt Zugang zum Netz haben und wer uns dieses wunderbare neue politische Instrument, called Internet, zur Verfügung stellt, samt Hardware, Server und Software. Hier offenbart sich wohl der größte Graben und spiegeln sich globale Machtverhältnisse.

Denn die Facebook- und Twitter-Revolutionen, diese Mitmach-Politik, von denen hierzulande seit der “Grünen Revolution” im Iran so euphorisch gesprochen wird, entsteht auf dem Rücken von vielen zugunsten einiger privilegierter Menschen, zu denen logischerweise auch Frauen gehören. Dass wir rund um die Uhr an Politik teilhaben können, uns vernetzen, kommunizieren und theoretisieren und überlegen, wie das Netz dieser egalitäre Raum bleiben kann ohne staatliche Zugriffe, übersieht, dass wir schon längst Teil einer dominanten und dominierenden Sphäre sind, die andere ausschließt und ausbeutet.

Dabei wären das Netz und die neuen Kommunikationsformen und -techniken noch viel machtvoller, würde versucht, diese Ausschlüsse aufzubrechen oder zumindest nicht weiter fortzuführen. Der wohl schmerzloseste Beginn wäre eine Debatte darüber, ob unsere Theoretisierungsversuche eines transnationalen Wissen- und Machtraumes auch wirklich alle einbezieht, welche Stimmen in der Diskussion darüber bisher außen vor bleiben.

Die re:publica in diesem Jahr soll die Möglichkeit sein, um erste Denkanstöße zu geben, die hoffentlich nicht nach drei Tagen Konferenz wieder versandet. Kommt vorbei und diskutiert mit uns!

Desweiteren und nach wie vor wichtig: Präsenz zeigen. Auch, wenn es weh tut. Für die Schmerzlinderung haben wir wenigstens ordentlich Vodka im Gepäck. Nachdem sich im vergangenen Jahr die Flirtkultur auf Twitter breit gemacht hat, die uns neben der aufreibenden Diskursarbeit Balsam für die Seele bereit stellt, ist es an der Zeit, Twitter als Singlebörse zu institutionalisieren. Deshalb werden drei junge Frauen (inklusive mir) in den Friedrichstadtpalast laden, um aus dem Nähkästchen zu plaudern und plaudern zu lassen. Wer die Herz- und Vodkaexzesse nicht im Palast selbst verfolgen kann, der_die kann (wahrscheinlich) im Livestream auf der Seite selbst mitflittern und zuprosten. Wir freuen uns auf euch.

[Disclosure: Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Soli-Bärchen bitte in die Kommentare posten]

Posted on Mrz 9, 2011

Zur Sichtbarkeit von ‘Frauen’ in der Blogosphäre.

Liebe Leser_innen,

wahrscheinlich langweile ich Sie, wenn ich dieses leidige Thema wieder aufgreife, zu dem es sogar schon Studien und Diplomarbeiten gibt. Warum ‘Frauen’ so wenig repräsentiert sind in der deutschsprachigen Blogosphäre. Vielleicht, weil sie einfach über andere Sachen schreiben, diese ‘Frauen’. Vielleicht, weil sie neben Erwerbsarbeit auch noch Reproduktionsarbeit leisten und einfach nicht so häufig im Netz unterwegs sind wie die ‘Männer’. Vielleicht, weil ‘Männer’ zu lautstark sind. Der männliche Habitus, hegemoniale Männlichkeit, Sexismus im Netz, Troll-Gedöns, Morddrohungen, blablabla. Sie kennen das schon. Wenn nicht, googlen Sie es.

Dass sich Herrschaftsverhältnisse der “Offline-Welt” im Netz reproduzieren und genau dieser Fakt nicht mit “Ist doch nur das Internet, alles halb so wild” wegzuschieben ist, sollte für uns alle keine Neuigkeit sein. Wenn doch, dann empfehle ich, mit offenen Augen und einer Portion (Selbst)Kritik mal durch die Blogs zu surfen (und überhaupt: Welche Blogs lesen Sie und warum keine anderen?), gern auch ein paar Kommentare unter Postings zu lesen. Vieles wird Ihnen bekannt vorkommen. Bekannt aus diesem Reallife.

Auch Sascha Lobo weiß das alles und dachte sich zum 100. Jubiläum des Frauenkampf- und Feminist_innentages, dass er dieser Ungerechtigkeit Abhilfe verschaffen will. Indem er in seiner Blogroll eine Frauenquote einführt. Vorschläge dafür sollten von den Leser_innen selbst kommen. Frauen sichtbar machen. Eine feine Sache. Fanden auch viele Leser_innen, verlinkten eifrig und freuten sich riesig.

Nun ja. Ich redete dagegen, gewohnt nicht immer sehr freundlich. Sascha kommentierte seinerseits etwas fragwürdig (für meine Begriffe). Dennoch macht es Sinn, sich mal mit dem Sichtbarkeitsargument auseinander zu setzen.

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Posted on Jun 8, 2010

Check (7)

Leute, es ist Zeit für Parks. Aber keine Zeit zum Durchatmen. Ich bin momentan völlig eingespannt in Uni und als Gastschreiberin für das Missy-Magazine-Blog. Deshalb ist hier erstmal nicht viel von mir zu erwarten. Das einzige, womit ich dienen kann, ist ausreichend Lesestoff für nette Stunden im Grünen.

- in der FAZ geht es um die Unterschiede zwischen Mann und Frau anhand ihrer Gehirne. Anders, als von der FAZ zu erwarten wäre, äußerst kritisch. Viele naturwissenschaftliche Theorien ranken sich um die sexuelle Differenz – von Wahrheit und Objektivität kann nicht die Rede sein. Fakt ist allerdings, dass es sich bei allen Forschungen um Geschlechterfragen nie um eindeutige und unwiderruflich falsifizierbare Ergebnisse handeln kann. Weil Forscher_innen selbst nicht frei von Vorannahmen über Geschlecht sein können (Sozialisation) und diese in ihre Praxis mit einbringen. Das ist okay, solange nicht Objektivität sondern Selbstkritik postuliert wird.

- HartzIV-Empfänger_innen müssen mit drastischen Kürzungen in den kommenden Jahren rechnen. Die Bundesregierung zeigt ihr wahres Gesicht. Ich freue mich auf die nächste Bundestagswahl. Auswirkungen und Hintergründe für die Betroffenenen gibt es bei Antje Schrupp (sowieso generelle Leseempfehlung) und dem Genderblog.

- Felix Neumann beleuchtet in einem Post das Zusammenspiel von Gender und Bloggen. In einem anderen spricht er sich gegen Biologismen in politischer Praxis aus.

- Der aktuelle Titel des SZ-Magazins beschäftigt sich mit Feminismus. DEM (!) Feminismus. Natürlich ist dieser schuld an der Bitchyness aller (!) Frauen.

- Im Guardian geht es um den neuen Film von Michael Winterbottom “The Killer inside me”. Problematisch sieht die Autorin des Textes die Zunahme von Gewalt gegen Frauen im Kino und TV. Schon immer war sie Teil stilistischer Argumentationen von Filmemacher_innen,  allerdings erreicht der Tenor “Gewalt macht Liebe” im Winterbottom-Streifen eine neue Qualität.

- Ebenfalls im Guardian zu lesen: Eine Fundamental-Kritik am neuen “Sex and the City”-Film. Was in der Serie als feministischer Ansatz, Empowerment von Frauen und neues weibliches Selbstbewusstsein durchging, wandele sich nun zu einem völlig oberflächlichen klischeebehafteten alten Rollenverständnis. Ich habe beide Filme nicht gesehen und auch nicht vor, sie mir anzuschauen. Der Autorin des Textes haben sie nämlich die Serie versaut und darauf habe ich keine Lust.

- In Wales ist die Kampagne “One Step Too Far” gestartet und soll Geschlechter für Sexismus sensibilisieren. Sehenswert!

Posted on Mai 5, 2010

Check (6)

Zunächst möchte auf die E-Petition zum Hebammenprotest hinweisen. Bitte unbedingt mitzeichnen. Es werden 50.000 Stimmen benötigt. Mehr Informationen hier.

Christian Heller hat auf CARTA einen sehr spannenden Beitrag zu Ignoranz im Netz geschrieben, der sich inhaltlich zu meinem Post untendrunter anschließt und mspro fragt daraufhin, wie kollektive und unterstützende Ignoranz genau aussehen kann. In den kommenden Tagen hoffentlich mehr.

Felix Neumann und Antje Schrupp haben ihre Gedanken zum Burka-Verbot (alias Vermummungsverbot) in Belgien niedergeschrieben. Lesenswert!

Tessa gibt noch einmal neuen Input zum Thema: Internet und Beziehungen. Nach ihrem tollen Panel auf der re:publica

Zum Schluss in eigener Sache, wie angekündigt: Meine ersten Artikel bei der Mädchenmannschaft sind online. Ihr seid herzlich eingeladen euch an der Diskussion zu beteiligen.

Posted on Mai 4, 2010

Meinungsfreiheit und der Schutz der Persönlichkeit

Stefan Niggemeier hat einen außerordentlich guten Artikel über Abmahnungen geschrieben. Trotzdem kamen mir ein paar Fragen, weswegen ich ein paar davon jetzt hier ins Blog schreibe und euch einlade, mit mir darüber zu diskutieren.

Wenn Meinungsfreiheit nicht einen solchen Schutz genießen würde, wie sie das durch das GG tut, dann dürfte ich womöglich kaum dieses Blog hier führen und meine misanthropische Ader ausleben. Ich dürfte mich bestimmt auch nicht so offen äußern, lesbisch und genderig wie ich unterwegs bin. Ich finde Meinungsfreiheit cool.

Mit dem Internet finde ich Meinungsfreiheit deshalb cool, weil ich jetzt die Möglichkeit habe meine Meinung reinzuwurschteln ohne dafür Geld in die Hand zu nehmen oder jemandem in den Arsch zu kriechen.

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass ganz viele Deppen sich genauso über coole Meinungsfreiheit und billiges Internet freuen wie ich. Das führt dazu, dass ich bereits Emails mit Vergewaltigungsandrohungen bekommen habe und PI-News vor zwei Jahren eine Hetzjagd mit Foto und Adressveröffentlichung gegen mich angezettelt haben. Ohne das Internet wäre sowas schlicht und ergreifend unmöglich. Da würde ich höchstens auf der Straße zusammengeschlagen, ausgeraubt, whatever. Passiert nur weitaus weniger häufig als Opfer von Beleidigung, Verleumdung und Hetzkampagnen zu werden. Die Eintrage von PI-News sind noch immer online und unter Ergoogleung meines Namens auffindbar, die E-Mails habe ich gelöscht.

Natürlich denke ich mir, dass wer sich davon rühren lässt, gewiss nicht die Ehre haben wird, mit mir mehr als drei Worte zu wechseln und eine Unterlassung, Abmahnung, Löschung überhaupt nichts nützt…

Bei aller Preisung der Meinungsfreiheit vergesse ich aber nie die Bitterkeit, die sie auf meiner Zunge hinterlässt, während ich den nächsten Rentner zur Sau mache oder Homoheilern die Pest an den Hals wünsche. Seit wann ist jedem erdenklichen Wichser (also auch mir) erlaubt, ungefragt und unbehelligt Scheiße ins Internet über andere Personen zu schreiben? Seit wann endet Politisierung häufig in Abgründen jenseits von Demokratie und Werten? Sicher kann man wie Niggemeier richtigerweise erklären, dass das das eigene Selbstbewusstsein schon aushalten müsse. Dass eine Demokratie auch eine NPD zu ertragen hat, weil sie stark genug dafür ist. Weil das Verbieten von Meinungsäußerung noch lange nichts am Gedanken ändert. Alles richtig. Bin ich dafür.

Ich wundere mich allerdings über die Tatsache, dass über jede neue Abmahnung berichtet wird, als sei sie das Ende der Meinungsfreiheit und Meinungsfreiheit das schützenswerteste Gut der Menschheit. Warum zum Teufel setzen sich diese Ins-Internet-Schreiber nicht auch dafür ein, dass das hier ein Raum ist, in dem sich jeder wohlfühlen kann und darf und nicht nur, weil hier Meinungsfreiheit herrscht (die oft mit Wertefreiheit verwechselt wird), sondern weil das Internet ein demokratischer Ort ist. Ein Ort, wo Personenrechte genauso gelten wie Meinungsfreiheit und das Recht auf Dummheit.

Ich wünsche mir, dass neben der Konzentration auf diese Datensammler, Meinungsfreiheitsbeschneider und Three-Strikes-Düdelütetü, Zensursulas und Freimaurer auch endlich mal ein Wort übrig ist für diese beschissenen Kloakenschwimmer, die sich bislang so schön sonnen können in euren Netzpolitik-Errungenschaften.

Nicht, dass sich die Meinungsfreiheit im Netz am Ende noch überflüssig macht, weil die Menschen weder Bock auf Abmahnung noch auf Wertefreiheit haben.