Posted on Nov 4, 2010

Ausschlüsse innerhalb der Homoszene – UPDATE

Viele von euch werden sicher schon den unsäglichen Rant-Artikel über sogenannte Modelesben (Heteras, die mal mit Frauen rumprobieren) in der NEON gelesen und sich geärgert/gewundert haben. Ich wurde in den vergangenen Tagen des öfteren von heterosexuell und homosexuell lebenden Menschen darauf angesprochen. Leider möchte ich mich dazu nicht ausführlich äußern, weil ich die Autorin des Textes persönlich kenne. Der Hinweis auf den Artikel ist mittlerweile aus unerklärlichen Gründen von der NEON-Seite verschwunden, ob und wann der Artikel auch gänzlich online verfügbar sein wird, ist ungewiss. Wer sich bei der NEON direkt beschweren möchte, kann dies über folgende E-Mail-Adresse tun: redaktion@neon.de

Gestern stieß ich auf folgende Reaktion (ein offener Brief an die Autorin) auf diesen – milde ausgedrückt – unreflektierten Text, den ich hier gerne verlinke:

Tatsächlich ist das Thema “Modelesbe” ein interessantes Thema. Du hast es allerdings geschafft dich, und alle Lesben mit, als triebgesteuerte Sexmonster, Bisexuelle als unentschiedene Feiglinge, heterosexuelle Frauen als unsichere Tussen die Lesben terrorisieren, und Männer als unsensible Zuhälter hinzustellen. Dazu muss man dir fast gratulieren! Wahrlich eine Glanzleistung.

[...]

Also bitte, liebe Xenia, das nächste Mal, wenn dich eine heterosexuelle Frau ärgert, schreib deine Sorgen, Nöte und Gedanken in dein Tagebuch und nicht dahin, wo es alle lesen können. Es könnte die Vermutung entstehen, dass alle Lesben so sind wie du.

Bis dahin:

Ein großes Fuck you von mir und den heterosexuellen Frauen, mit denen ich geschlafen habe.

Habt ihr euch selbst dazu schriftlich geäußert oder kennt andere Texte, die sich kritisch mit dem Artikel befassen? Dann bitte Links in die Kommentare. Ich möchte laute Stimmen gegen diese Klischeeverwurstung, die dazu beiträgt, mein freies Leben als Lesbe einzuschränken. Danke!

UPDATE: Ich hab den Artikel eingescannt! Ihr könnt ihn hier downloaden.

Lesetipp: Wer diskriminiert wen auf Lesbenpartys? (Artikel von mir bei der Mädchenmannschaft)

Posted on Okt 20, 2010

_innenansichten. Über die Wirkung von Diskriminierung.

Seit nun mehr als einem Jahr, vielleicht auch zwei, schreibe ich über meine Erfahrungen mit Homosexualität, Homophobie, Heterosexismus, Sexismus und Chauvinismus. Mal mehr, mal weniger reflektiert, mal kurz, mal lang, mal wütend, mal polemisch oder – eher selten – hoch erfreut.

Die Geschichte meiner persönlichen Diskriminierungserfahrungen reicht bis in meine Coming-Out-Phase zurück, das war vor sieben Jahren. Meine offen gelebte Homosexualität begann nicht gerade ersprießlich. Danach würde sich meine homosexuelle Biografie, hätte sie je eine_r aufgeschrieben, auch nicht viel besser lesen. Meine regelmäßigen Leser_innen wissen, das Leben als Lesbe ist nicht leicht, das Leben als lesbisches Paar noch viel weniger.

Ich habe mittlerweile etwa drei Phasen im Umgang mit Diskriminierung durchlebt: 1. völlige Ignoranz aus Unbedarftheit (wir sind ja post und so), 2. Rückzug in die Opferrolle, 3. Aufbegehren. Sicherlich gibt es noch mehr Stadien und ich gehöre aufgrund meines Daseins als autochthone weißen Deutsche noch zu denen, die sich glücklich schätzen dürfen, nur wegen zwei (zugeschriebenen) Identitäten ausgegrenzt und diffamiert zu werden. (Mein Dasein als Feministin nicht mitgezählt).

Besonders die dritte Phase hat mir viel Kraft und Mut gegeben, mich relativ selbstsicher in unterschiedlichen Kontexten zu bewegen und relativ offen mit meiner Homosexualität umzugehen. Dabei geholfen hat mir der Austausch mit meinen Freunden und den tollen Menschen, die mir das Netz irgendwann zugespült hat. Danke an dieser Stelle.

Als ich vor kurzem mit meiner Freundin über einen unsäglichen Modelesben-Artikel (don’t ask!) diskutierte, spürte ich dennoch einen merkwürdigen Impuls: Ich wollte allen hauptsächlich Privilegierten mal so richtig ans Bein pissen. Sie vollbrüllen und ihnen die Fresse polieren, allen den Stinkefinger zeigen, die sich normkonform verhalten können und nicht müssen, die freiwillig aus dieser Norm heraustreten können, ohne Gefahr zu laufen ausgegrenzt zu werden, die sich die Codes und Markierungen dominierter Gruppen aneignen können, weil sie privilegiert sind und eben aus diesem Grund auch wieder ablegen können. Ich wollte aufschreien gegen diese Aneignung, weil sie, wenn sie durch Privilegierte passiert, Normen, die mein Leben nachhaltig einschränken, reproduziert und festschreibt. Implizit und explizit. Normen wie Strukturen stehen schließlich nicht unabhängig neben den Individuen, die in ihnen agieren (müssen). Beide sind Partner_innen in einem System, das minütlich Ungleichheit schafft und über diese herrscht.

Als halbwegs reflektierter Mensch weiß ich, dass ich ebenfalls Teil dieses Systems bin und ebenfalls herrsche, auch wenn ich zeitgleich dominiert werde. Ich kann mich also noch so sehr in meine Opferrolle zurückziehen, irgendwer wird früher oder später kommen, die Taschenlampe anschalten und sie auf mich richten. Dann werde ich gerichtet. Und damit weiterhin zugerichtet in einem System von komplexen Zusammenhängen, aus dem ich nur selten ausbrechen kann. Das ist mein rationales Verständnis und die Konsequenz meiner Gedanken, wenn ich das, was ich hier aufschreibe, fortführe. Das, wozu ich stehen muss, will ich nicht der Bigotterie zum Opfer fallen. Dass ich zu diesem Verständnis gekommen bin, ist der Auseinandersetzung mit Diskriminierung zu verdanken.

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Posted on Sep 19, 2010

Heterosexuelle und lesbische Frauen. Ein Annäherungsversuch.

Ich oute mich gleich zu Beginn: Ich hatte noch nie etwas mit einer lesbischen Frau. Oder einer Frau, die auf Frauen steht, sich zu ihnen hingezogen fühlt, sich etwas mit Frauen vorstellen könnte oder Frauen, deren sexuelle Neigungen (gewollt) indifferent sind. Vorausgesetzt natürlich, sie haben dies in einem Gespräch mit mir kundgetan oder ich wusste vor einem ersten Gespräch auf wundersame Weise davon. Im Ahnen oder Vorhersagen bin ich nämlich unterqualifiziert.

Ich habe in meinem Leben bisher vier Frauen geküsst. Mit der Hälfte führte/führe ich eine Beziehung. Alle vier lebten zuvor oder leben noch immer heterosexuell und/oder hatten sich bezüglich ihrer sexuellen Orientierung bis dato keine Gedanken gemacht. Klar, wir alle kennen Flaschendrehen, doch Flaschendrehen zählt in diesem Fall nicht.

Ich finde Frauen uninteressant, die oben genannten Kriterien entsprechen. Ich habe mich oft gefragt, warum das so ist.

Neulich, als ich mit zwei meiner lesbischen Freundinnen in einem Café saß und wir, sexistisch, wie wir sind, der weiblichen, attraktiven Bedienung kollektiv auf den Hintern starrten und uns stille Bewunderung für ihr zauberhaftes Lächeln nicht verkneifen konnten, stellte ich mir diese Frage erneut. Nein, eigentlich stellte ich sie laut und wir begannen über unsere weiblichen Vorlieben zu diskutieren.

Auf Gay-Partys scanne ich stets das Publikum ab, Menschen zu studieren, bereitet mir großen Spaß. Wie gehen Frauen, Queers und Trans* mit ihrem Gender um? Ein Karneval der Rollenkuriositäten. Bewundernswert. Doch attraktiv finde ich keine_n von ihnen.

Mein Gaydar lässt mich selten im Stich. Meine Trefferquoten in hetero- und homosexuell lassen viele vor Neid erblassen. Nach welchen Kriterien ich messe, kann ich nicht beschreiben. Stereotypen spielen eine wesentliche Rolle, aber erst das Zusammenspiel verschiedenster Dinge macht einen validen Gaydar aus. Dabei ist natürlich keinesfalls ausgeschlossen, dass es zu Ver/W/Irrungen kommen kann. Ein Edelstein mehr in meinem Erfahrungsschatz.

Nehmen wir an, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei fließend. Was nicht heißt, dass jede heterosexuell lebende Frau prinzipiell “umpolbar” sei, weil Frauen wissen, was Frauen wollen. Das ist Quatsch. Ich kann das bestätigen, ich kenne viele Geschichten, die in die Hose gegangen sind. Buchstäblich. Doch dieser Fluss kann bedeuten, dass es hier und da zu Strandungen kommen kann. Ein kurzer oder längerer Besuch an den unzähligen Anlegestellen der Liebe. Ich weiß, dass so etwas existiert. Ich habe es am eigenen Leib erfahren und es fühlte sich ziemlich gut an. Mit diesem Wissen im Hinterkopf und dem Gaydar im Anschlag begegne ich Frauen.

Zurück ins Café zur schnuckeligen Bedienung, unseren herausgefallenen Augen und dem verschmitzten Grinsen. Wie die drei Engel für Lesboland sitzen wir also aufgereiht auf dem Sofa, beobachten sie, wie sie Gäste abkassiert und rühren dabei bedächtig mit dem Löffel in unseren Cappuccino-Tassen. “Warum stehe ich immer auf Heteros”, frage ich in die Runde während mein Blick von ihr zu meiner Freundin wandert. “Weil heterosexuelle Frauen anders mit ihrer Weiblichkeit…nein…ihrem Frausein umgehen”, antwortet sie, als hätte sie das in einem Buch für Sexualsoziologie nachgelesen. Diesen anderen Umgang finde ich offenbar anziehend.

Wir entwickelten im gemeinsamen Gespräch folgende Theorie, die ich hier gern vorschlagen und zur Diskussion stellen möchte – mit Verlaub – ohne Besitzstandswahrung: Mit dem Coming-Out (für sich oder das soziale Umfeld) ist eine lesbische Frau gezwungen, sich mit ihrem Körper, ihrem Sex, ihrem sex und ihrem Gender auseinander zu setzen. Ebenso mit ihrem Frausein, mit ihrer Attraktivität, Außenwirkung, mit allen Dingen, hinter in denen sie weibliche Nuancen vermutet. Und natürlich ist sie stets bemüht, sicher geglaubte Begriffe zu hinterfragen. Sie wird sich dieser inneren Diskussion stellen müssen, allein, weil sie sich zwangsweise Homophobie, (Hetero-)sexismus oder neugierigen Fragen ausgesetzt sieht. Dieser Prozess, der verspätet oder zeitnah zum Coming-Out einsetzen und unterschiedlich lang dauern kann, verändert eine lesbisch lebende Frau. Vielleicht nicht immer tiefgreifend und in allen Kriterien, die ich gerade benannt habe, welche zur Diskussion stehen, mindestens aber ist es ein Reifeprozess, eine Bewusstseinswerdung.

Eine heterosexuell lebende Frau kann genau das auch tun. Sie muss es allerdings nicht. Da die Gesellschaft heteronormativ geprägt ist, ist jede Frau automatisch hetero, die den gängigen Gender roles entspricht. Da diese immer fluktuierender und diffiziler werden, kommt frau kaum in sexuell identitäre Erklärungs- und Rechtfertigungsnöte. [Hier muss hinzugefügt werden, dass ich gerade von abled persons spreche und solchen, die ins BMI-Korsett passen oder passen wollen. Und weiß müssen sie sein. Sorry for othering you, but I don't want to be assumptive and talk for all the ladies in general.]

Das Frausein einer heterosexuellen Frau ist demnach wesentlich subtiler und selbstverständlicher gelebt. Eine heterosexuelle Frau muss sich nicht um andere Frauen bemühen, sie sind lediglich Freundinnen, keine (potentiellen) Partnerinnen. Sie müssen nicht mit anderen Frauen flirten, sie greifen bei einem Flirt auf ihren Erfahrungsschatz und ihre Stereotype in Bezug auf Männer zurück, die gegebenenfalls Codes enthalten, die für andere Frauen nicht brauchbar/gewünscht sind oder erkannt werden.

Für eine heterosexuelle Frau bin ich als lesbische Frau quasi unsichtbar. Mir gefällt das, ich kann ungehemmter flirten oder Komplimente verteilen, ohne erkannt zu werden. Erkannt im Sinne einer möglichen Sexualpartnerin, einer möglichen Beziehung, eines möglichen Flirts, einer möglichen Versuchung. Erkannt im Sinne einer möglichen Zufälligkeit der Berührung. Ich missbrauche in diesem Fall das Frausein dieser Frau. Ich fühle mich nicht schlecht damit. Bei einer lesbischen Frau ist ein Kompliment eben nicht nur ein Kompliment, sondern eine Möglichkeit. Das Wissen um diese Möglichkeit, macht es mir unmöglich Gefallen daran zu finden. Es ist zu eindeutig, trotz der Vag- und manchmal Zaghaftigkeit eines Annäherungsversuchs.

“Wenn sich eine heterosexuelle Frau auf dich einlässt, weißt du, dass es wegen dir ist”, warf die andere Freundin ein. Wären wir bei der langweiligen These des “Ich liebe Menschen, nicht das Geschlecht” angekommen. Ich gebe ihr zum Teil recht, erweitere aber ihre Aussage noch etwas: Wenn sich eine heterosexuelle Frau auf mich einlässt, dann wegen mir. Das mir bin ich, mein Frausein, meine (sexuelle) Identität, mein Körper. Entweder im Zusammenspiel oder einzeln auftretend. Personen, die meinen, sie liebten Menschen und nicht das Geschlecht, entscheiden sich leider für eine ziemlich regressive Auslegung des Begriffes Geschlecht. Personen, die meinen, sie liebten Menschen statt Geschlechter, können nicht verleugnen, dass wir Charaktere nicht ficken können. Sie klammern sich an einen Satz, der sie nur dazu zwingt, ihr gesamtes Ich auf Teile davon reduzieren und ihr reduziertes Ich zu rechtfertigen. Vor Menschen, die noch weniger von ihrem gesamten Ich in eine Möglichkeit hineingeben. Ich plädiere daher für den Satz: “Ich liebe Menschen und zwar alles an ihnen.”

Ich sehe in einer heterosexuellen Frau kein Abenteuer, kein Spiel, an dessen Ende das Ticket für den Zug nach Lezzytown wartet. Ich werfe keine Würfel und hoffe auf einen 6er-Pasch. Ich gehe jeden Schritt bewusst. Ich weiß, worauf ich mich einlasse, wenn ihr Blick Schattierungen und ihre Reaktion Nuancen von Möglichkeiten sichtbar machen.

Das Schichtende der hinreißenden Bedienung naht, sie beglückt uns mit einem nächsten zauberhaften Lächeln, wirft ein Kompliment und ein paar Kekse in die Runde. Ich streue Teile der nachfolgenden Konversation ins Netz und begnüge mich zunächst mit dem Übungsplatz Internet. Danach verteile ich Herzen an meine Freundin.

Posted on Apr 19, 2010

Sex is back in the Tapes

Da ist er, der Podcast mit @deef über sexuelle Identitäten. So richtig queere Fragen haben wir uns nicht mehrheitlich gestellt, aber ein paar Einblicke fernab von Queer Theory und Politikfeldern, war irgendwie – erfrischend.
Wer möchte, kann den Podcast auch über iTunes downloaden. Ansonsten einfach unten den Player bedienen. Viel Spaß beim Hören, wir freuen uns über reges Feedback.



UPDATE: HIER GIBT ES ALLE 4 TEILE ZUM DOWNLOAD

Posted on Apr 7, 2010

Queerness-Fearness

Fotos via bosch_hh on Flickr (CC) and my Macbook camera (CC)

Deef und ich machen einen Podcast. Während der re:publica am Mittwoch. Also genau heut in einer Woche. Deef kennt ihr vielleicht von Axolotl und Strobo. Mich kennt ihr ja schon.

Wir werden über unsere Erfahrungen zwischen Normativität und Queer reden, darüber wie es ist, hetero, lesbischwul zu sein oder eben all das nicht und wieder zurück, wie daten Lesben und warum sind alle männlichen Homos Fickmaschinen? Ist Butch mittlerweile futsch und was ist dran an Gayromeo? Der CSD als Lachnummer und das alltägliche Diskriminierungswölkchen, das immer dann anfängt zu regnen, wenn’s eigentlich doch so schön ist.

Wir haben gestern fast zwei Stunden telefoniert und jeder hat dazu seine eigenen Thesen. Es wird also spannend. Doch in erster Linie dürft ihr Fragen stellen. Hier in die Kommentare, über Twitter, anonym auf Deefs Formspring oder per Mail. Wir werden nicht alle beantworten können und es gibt kein Kriterium, nach dem wir auswählen. Keine Denkschranken also, liebe Freundinnen und Freunde. Zensiert wird später.