Posted on Mrz 1, 2010

Frauen und ihre digitale Diskursmacht

Disclaimer: erz von der Kontextschmiede hat mich bezüglich dieses Themas um ein kurzes Statement gebeten. Ich kann es leider nicht kurz fassen, deswegen dieser Beitrag.

Anne Roth in einem DCTP-Interview, rege Frauenbeteiligung bei der Re:publica 2010 und ein gut aufgestelltes Netzwerk feministischer BloggerInnen: Reicht das, um die Diskursfelder (oder Diskursarenen – ich habe so mein Problem mit dieser Diskurstheorie und ihren Begriffen) Feminismus, Gender, Queer, Diversity, Gleichstellung und Gleichberechtigung so anzukurbeln, dass sie auch außerhalb dieser Netzwerke wahrgenommen werden? Nach einem halben Jahr Beobachtung muss ich diese Frage leider mit Nein beantworten.

Während es unsere männlichen Bloggerkollegen immer wieder schaffen mit ihrem Themenmix weitreichende Diskussionen auszulösen, die es nicht selten bis in die Mainstreammedien schaffen und haften bleiben, gelingt es der (queer)feministischen Bloggerszenerie kaum in diese Sphären vorzustoßen. Wie erz richtigerweise feststellt, ist das Netz nichts weiter als ein Abklatsch patriarchaler Strukturen aus dem Real Life.

Nun kann und will ich niemanden dafür verurteilen, sich nicht für oben genannte Anliegen zu interessieren und dementsprechend auch nicht darüber zu bloggen. Andererseits ist das Netz aber nicht nur eine billige Contentmaschine, sondern auch eine billige Contentweiterreichungsmaschine. Und das wird sträflich vernachlässigt. Oftmals lese ich auf den großen deutschsprachigen Blogs Texte (von Männern geschrieben), die sich genau um die o.g. Themen drehen. Weiterführende Links? Leider Fehlanzeige. Fehlanzeige ebenso die Diskussionen darunter, die an einigen Stellen beispielgebend dafür sind, warum Gender & Diversity noch immer hochaktuelle Problemfelder sind und nicht einfach mit: “Frauen und Männer sind doch gleichberechtigt” heruntergeredet werden können.

Wäre es nicht wichtig und richtig, an eben diesen Punkten und Texten anzusetzen, Links auf entsprechende Blogs und Inhalte zu geben, ExpertInnen zu interviewen, Streitgespräche zu führen und auch queerfeministische Ansätze in Kapitalismuskritiken (als Beispiel) unterzubringen, um das Blickfeld zu erweitern? Es gibt unzählige Möglichkeiten, das Spektrum an Ideen und Ausrichtungen zu erweitern und damit gleichzeitig bestehende Netzwerke zu verknüpfen. Davon Gebrauch machen nur die allerwenigsten. Mir scheint, als würden diese Themen und die Menschen, die täglich darüber bloggen, nicht ernst genug genommen. Obwohl ich mir absolut nicht vorstellen kann, dass die sogenannten A-Blogger nicht längst um deren Existenz wüssten.

Falls doch, dann fühlt wohl dieses Zitat auf den Zahn der Zeit:

Das erste Pri­vi­leg der Wei­ßen, von Män­nern, Mit­glie­dern bes­ser­ge­stell­ter Gesell­schafts­schich­ten, der Hete­ro­se­xu­el­len, der Nicht­be­hin­der­ten ist, völ­lig in Igno­ranz der Tat­sa­che zu leben, dass sie pri­vi­le­giert sind. (via Kontextschmiede)

Ungeachtet der Ungerechtigkeit dieser pointierten Bestandsaufnahme: Warum nicht aus der Not eine Tugend machen und die Privilegien ausnutzen? Die Hand reichen, eine Räuberleiter bauen und die vielen BloggerInnen mit hinauf hieven auf die Mauer des Schweigens, da wo viele Blogs bereits ihren Platz gefunden haben, um regelmäßig einen lauten Shout nach draußen zu blasen?

Ja, Frauen haben digitale Diskursmacht, doch sie reicht nicht aus, um im digitalen Raum eine permanente und kräftige Stimme zu haben. Es wäre ein Zeichen der vielen Netzaktivisten, Blogger und Digital_Magaziner, sich mehr für Frauen in den eigenen Reihen zu öffen und beim gleichen Themensetting auf andere Denkrichtungen hinzuweisen oder aber gar Inhalte (queer)feministischer BloggerInnen hinzuweisen, sie aufzugreifen, weiter zu diskutieren, eigenen Input reinzugeben und … ach was erzähl ich euch da: eigentlich genau denselben Kram machen, den ihr auch bei Datenschutz, DEM Internet, digitale Bürgerrechte und der letzten Schmähkritik auf Westerwave so blendend beherrscht.

Posted on Feb 22, 2010

Männerkongress 2010

Ich werde mich gleich mit der Berichterstattung (oder einem Teil davon) zum Männerkongress 2010, der vergangenes Wochenende in Düsseldorf stattfand, auseinander setzen, wesentliche Punkte aufdröseln und hinterfragen. Damit wir uns aber im hoffentlich im selben Kontext bewegen, werde ich vorher noch kurz den Rahmen aufzeigen.

Worüber reden wir?

Der Männerkongress 2010 ist eine zweitätige Tagung, in der es per definitionem darum gehen soll, ob “Neue Männer” “sein müssen” und über den “männlichen Umgang mit Gefühlen”. Ein Auszug aus dem Flyer:

An dieser Begründung, warum so eine Tagung also wichtig ist, fehlt es an Ursachen. An keiner Stelle wird benannt, wer oder was für die Entwertung des Mannes verantwortlich zeichnet, sondern lediglich wodurch diese Entwertungen reproduziert werden: durch Medien.

Wer macht den Kongress?

Dr. Matthias Franz, Professor am Institut für Psychosomatische Medizin an der Heine-Uni. Es könnte also sein, dass Themen aus biologisch-medizinischer und/oder psychologischer Perspektive beleuchtet werden. Ein wenig mehr Hintergrund zum Kongress erläutert Franz selbst.

Wer redet auf dem Kongress worüber?

Bis auf einen war mir keiner der Namen geläufig: Gerhard Amendt. Viele von uns erinnern sich vielleicht noch an das erst kürzlich erschienende Interview auf WELT Online, in dem er propagiert, dass Frauenhäuser Ort des Männerhasses sind und diese abgeschafft gehören. Also Orte abgeschafft gehören, die für viele Frauen der letzte Schutz vor prügelnden oder vergewaltigenden Partnern oder Ehemännern sind. Auf der Seite des Kongresses können einige Abstracts der Vorträge heruntergeladen werden. Bis auf den von Hurrelmann finde ich die Inhaltsangeben der Vorträge…nun ja…bemerkenswert.

Ok. Rahmen geschaffen? Los gehts. Ich habe mir folgende drei Artikel rausgesucht:

Continue Reading

Posted on Feb 17, 2010

Nothing new anyway

Aus dem Gender-Datenreport für Berlin:

Auffallend ist vor allem, dass Frauen trotz guter Ausbildung noch immer deutlich schlechtere berufliche Chancen haben als Männer. Diese Erkenntnis lässt sich anhand des Lebenslaufes ableiten: Während an Haupt- und Sonderschulen die Jungen mit jeweils rund 60 Prozent Anteil an der Schülerschaft dominieren, sind an den Gymnasien die Mädchen mit 54 Prozent in der Mehrheit. Im Schuljahr 2007/08 beendeten 47 Prozent der Mädchen, aber nur 37 Prozent der Jungen ihre Schullaufbahn mit dem Abitur.

Dann beginnt der Trend zulasten der Frauen: Vier Jahre nach der allgemeinen Hochschulreife haben zwar 87 Prozent der Männer, aber nur 76 Prozent der Frauen tatsächlich ein Studium aufgenommen. Bei der Fachhochschulreife klafft eine noch größere Lücke: 72 Prozent der Männer nutzen den Abschluss, aber nur 41 Prozent der Frauen. Diese enorme Diskrepanz ist nach Auskunft von Ulrike Rockmann, Präsidentin des Amtes für Statistik, eine Berliner Besonderheit – und könnte beispielsweise Fragen nach Angebot und Struktur der Berliner Fachhochschulen aufwerfen.

Weiter zum Artikel

Posted on Feb 2, 2010

Frauen in Führungspositionen

Vorstände und Aufsichtsräte großer Unternehmen in Deutschland werden nach wie vor von Männern dominiert – mit erdrückender Mehrheit. Lediglich 2,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 200 größten Unternehmen (ohne Finanzsektor) sind gegenwärtig Frauen. In den Aufsichtsräten nehmen Frauen ein Zehntel aller Sitze ein. Ähnlich sieht die Lage in Vorständen und Aufsichtsräten des Finanzsektors aus.
[...]
Die Gründe für die anhaltend starke Unterrepräsentanz sind vielfältig und reichen von der schlechten Vereinbarkeit von Karriere und familiären Verpflichtungen bis zu fehlenden weiblichen Vorbildern und Rollenmustern. Ein weiterer Grund liegt darin, dass Männer einflussreiche Netzwerke in Vorständen und Aufsichtsräten bilden, in die Frauen als Außenseiterinnen kaum vordringen können. Frauen gelingt es gar nicht oder nur in Ausnahmefällen die gläserne Decke, die als unsichtbare Barriere ihren Aufstieg in Spitzenpositionen hemmt, zu durchbrechen.
[...]
Häufig sehen sich Frauen auch Stereotypen und Vorurteilen gegenübergestellt, die auf die kulturell definierte Rolle von Frauen in der Gesellschaft zurückgehen. Danach herrscht in deutschen Chefetagen eine Mischung aus konservativen Rollenvorstellungen, Stereotypen in Bezug auf die Eignung von Frauen für Spitzenpositionen sowie die Ansicht vor, es gebe zu wenige karriereorientierte Frauen.

Die Studie des DIW Berlin kann hier als PDF kostenlos heruntergeladen werden.

Posted on Jan 26, 2010

Immer dieser Gender-Mist

Eva Herman hat sich auf tausenden Zeichen über Gender Mainstreaming ausgekotzt.

Naja eigentlich hat sie sich über Frauen und Homos ausgekotzt, über Gleichstellungsarbeit, die sie als Gleichmacherarbeit versteht und überhaupt und sowieso.

Um auch mal andere hier zu Wort kommen zu lassen, nachfolgend der Kommentar einer Freundin, die by the way ein eigenes Blog über ostdeutsche Provinzen betreibt:

Die Frau ist offenbar nicht nur dumm sondern auch kriminell! Wer von der “grausigen Ideologie der Gleichheit von Mann und Frau” spricht, der negiert die Grundrechte und das Grundgesetz. Indem sie die Gleichstellungspolitik der UNO diffamiert, nimmt sie billigend in Kauf, dass Menschen sterben. Sie ignoriert die Tatsache, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Frauenrechten, Kindersterblichkeit, Hunger und Not gibt. Je weniger Rechte Frauen in einem Land haben, desto schlechter geht es diesem Land. Der Welthungerindex ist nur eine von vielen Studien, die das beweisen. Auch der Absatz über Homosexualität lässt ganz tief in die abgründigen Gedanken dieser Person blicken.

Also für mich grenzt das ganze an Volksverhetzung

Apropos Volksverhetzung: Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Verlag, der diesem geistigen Unrat von Frau Herman so bedenkenlos Raum gibt, auch Werke von Henryk M. Broder und Udo Ulfkotte veröffentlicht. Nuff said.

Damit jetzt keine schlechte Laune aufkommt, weise ich gern auf ein Interview mit der Soziologin Paula Villa hin, das heute im Tagesspiegel erschienen ist:

Mädchen sind in den letzten Jahrzehnten in Deutschland Bildungsgewinnerinnen und Jungen sind Bildungsverlierer. Das stimmt zwar irgendwie, aber es stimmt eben nicht in dieser pauschalen Allgemeinheit. Die anderen Faktoren – Familienhintergrund und Herkunft – müssen mitbedacht werden. Wir alle sind geprägt von Mehrfachpositionierungen.

Generell zum Thema Gender und Gendermainstreaming kurz ein paar Worte: Noch immer müssen sich ForscherInnen und GleichstellungspolitikerInnen sowie FeministInnen den Vorwurf gefallen lassen, sie würden biologisch determinierte Unterschiede zwischen Mann und Frau negieren. Gleichzeitig müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, sie würden ein unsinniges Bürokratiemonster und eine riesige Geldfressmaschine erschaffen, um z.B. Studien zu „Gendermainstreaming in der Forstwirtschaft (kleinere Motorsägen dringend erforderlich, weil Frauen im Durchschnitt kleinere Hände haben)“ durchzuführen. Oder gar Geschlecht abzuschaffen und alle Menschen dieser Welt mittels einer unhaltbaren Ideologie zu unterjochen! Paradox nicht? Was denn nun? Geschlechterunterschied oder nicht?

Hauptgegenargumente seien angeblich völlig wahrhaftige und unhinterfragbare wissenschaftliche Erkenntnisse aus Naturwissenschaft, Medizin und Psychologie. Man kann es auch Naturalisierungen nennen, denn Erkenntnisse aus diesen Wissenschaftsbereichen sind keineswegs unhinterfragbar und oft wurde bewiesen (nicht nur von ForscherInnen der Gender Studies), dass einige dieser “Erkenntnisse” auf nicht haltbaren Methodologien und Biologismen beruhen, die letztlich (und durch ihre Reproduktion und Tradierung durch Strukturen, Öffentlichkeiten und Individuen) eine Hierarchie herstellen und erhalten, die bestimmte Gruppen marginalisiert und anderen Gruppen Macht über marginalisierte Gruppen verleiht. Deutungshoheit über marginalisierte Gruppen inbegriffen. Nicht erwähnenswert dabei, dass gerade diese “Erkenntnisse” ihren Weg in den öffentlichen Diskurs fanden und sich in Normen, Werten und Strukturen materialisierten, andere wichtige Theorien aus den genannten Wissenschaften allerdings niemals ins vermeintliche Alltagswissen integriert wurden.

Ignoriert wird ebenfalls, dass Gender Studies seit mehreren Jahren inter- und transdisziplinär ausgerichtet sind und auch andere Wissenschaftsrichtungen Erkenntnisse der Genderforschung in ihre eigene einbeziehen. Oder dass „anerkannte Männer“ wie Foucault und Bourdieu diese Strukturen von Macht und Herrschaft bereits vor ein paar Jahrzehnten erkannt haben. Sogar Sigmund Freud. Oder dass ein kurzer Einblick in die Wissenschaftstheorie genügt, um diese naturalisierenden Erkenntnisse und Erkenntniswege zu entlarven.

Wer dafür kein Verständnis hat, der sollte sich wenigstens die Zeit nehmen, Begriffe wie Gender Mainstreaming, Judith Butler, Gender oder Feminismus zu googlen. Wer darauf auch keine Lust hat, dem wünsche ich viel Spaß mit den eigenen Minderwertigkeitskomplexen und sage „Adieu, Diskussion!“.