Posted on Nov 16, 2011

Aktion Libero – Fast an die Wurzel

Mit Interesse verfolge ich die erstmal sehr lobenswerte Aktion Libero, an denen viele viele Blogs teilnehmen, um sich gegen Homophobie im Fußball auszusprechen.

Schaue ich mir die Seite genauer ein, stoßen mir viele Dinge auf:

- UnterstützerInnen: Theo Zwanziger, der sich nach wie vor schützend vor die homophoben Ausfälle der DFB-Elf (samt Trainer und Management stellt) und es SpielerInnen rät, sich nicht zu outen. Maria Furthwängler, die wesentlichen Anteil an einer homophoben Tatortfolge hatte (wurde mir zu getragen – schaue Tatort nie), Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die seit Jahren völlig untätig ist. Nicht gerade Vorzeigefiguren. Positiv hervorzuheben ist die Arbeit von Tanja Walther-Ahrens.

- Unterscheidung zwische Fußball und Frauenfußball. Erstmal geht es um schwule Männer. In der linken Spalte darf mensch sich dann auch mit Lesben auseinander setzen. Wer jetzt kommt mit, aber Fußball wird doch viel häufiger von Männern gespielt oder Frauenfußball sei was anderes, gibt sich mit dem sexistischen Normalzustand im Fußball zufrieden und hinterfragt keine Ursachen. Sagen wir so, für Lesben gelten im Fußball andere Umstände als für Schwule, ich hatte da mal was drüber gepinselt, aber die Ursachen sind die gleichen.

- Thema Toleranz. Natürlich ist es wichtig, auf Probleme hinzuweisen. Und Homophobie ist neben Rassismus und Sexismus im Fußball ein wirklich sehr großes (und nicht nur da). Homophobie gehört der Kampf angesagt, doch ich glaube und weiß auch aus eigener Erfahrung, dass es wenig bringt, Toleranz einzufordern. Das hat schnell zur Folge, dass mensch das Andere zwar neben sich akzeptiert, es aber immernoch als anders betrachtet. Schnell gesellen sich auch vermeintliche Denkverbote hinzu. “Jetzt darf ich schwul nicht mehr als Schimpfwort benutzen”, ohne zu wissen, warum das Wort “schwul” außerhalb der Benutzung als Selbstbezeichnung problematisch ist. Oder das Ding von “Ich hab ja nichts gegen Homos, aber…”, “Ist zwar jetzt schwulenfeindlich, aber ich find’s witzig, denn ich hab ja nichts gegen Schwule”.
Auf der Seite von Aktion Libero wird zwar gesagt, Sexualität darf keine Rolle spielen, doch das tut es. Auch mit Toleranz. Wenn ich auf Twitter Sprüche lese wie: “Es interessiert mich nicht, mit wem du vögelst, solange du gut kickst”, wird eines deutlich: Solange du die Leistung bringst, die ich von dir erwarte, darfst du dir meiner Homofreundlichkeit gewiss sein. Vielen Dank für das paternalistische Zugeständnis. Neben der sehr problematischen Verknüpfung mit Leistungsprinzipien, die eben auch genau im Fußball eine sehr schmerzliche Erfahrung für alle darstellt, die aus verschiedenen Gründen nicht die Spielleistung zeigen können und dann als Mutti, Weichling oder Schwuchtel gelten, finde ich merkwürdig, dass gar nicht an der Norm gekratzt wird: Heterosexualität und bestimmte Männlichkeitsvorstellungen.

Eine sehr gewichtige Ursache von Homophobie ist nämlich, dass diese beiden Dinge als Norm gesetzt werden, von der aus das Abweichende konstruiert und herabgesetzt wird. Wer schwul ist, gilt als unmännlich, wer nicht bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit (Kraft, Stärke, Ausdauer, Härte, etc.) erfüllt, gilt als schwul. Schwul = scheiße. Toleranz einzufordern bedeutet nicht, diesen Vorgang sichtbar und kritisierbar zu machen. Es gibt Stimmen, die sagen, das sei überfordernd. Neben der klassistischen Implikation hinter dieser Aussage, nämlich Fußballfans und -spielerInnen als dumm und proletarisch hinzustellen, die angeblich nicht im Stande seien, diese eigentlich sehr einfach funktionierende Konstruktionsarbeit zu erkennen und deshalb lieber mit Toleranzforderungen zu konfrontieren, verkennt auch, dass sich Homophobie durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht. Auch durch jene, in der sich reiche Supermacker wie Zwanziger aufhalten oder das sogenannte Bildungsbürgertum.
Dann gibt es Stimmen, die sagen, Toleranzforderungen seien der erste Schritt, dann könne mensch auch das andere ansprechen. Sehe ich anders. Denn: Wie oft denn bitte noch? Seit wievielen Jahrzehnten gibt es Forderungen nach mehr Toleranz? Wie viel hat sich seitdem verbessert? Nicht viel. Zu sagen: Du musst tolerant sein und darfst deswegen “schwul” nicht mehr als Schimpfwort verwenden, ändert nichts im Denken der Menschen, dass schwule Fußballer eben eine Abweichung darstellen, bei der ich mir als Hete aussuchen kann, ob ich das toleriere oder nicht (bei entsprechender Leistung wohlgemerkt).

Was könnte mensch also tun? Verwirrung stiften. Indem da nicht steht auf dem Eingangsfoto: Schwul/lesbisch, rund und grün, sondern hetero, rund und grün. Und dann die Leutchens mit ihrer Verwirrung abholen: “Sie dachten, hier ginge es eigentlich um Homos? Wieso eigentlich?” usw.

Noch am Rande: Die teilnehmenden Blogs finden für sich Themen, wie sie mit der Aktion Libero umgehen, die Aktionsseite selbst, bleibt in der oft wiederholten Regenbogen-Toleranz-Ecke stehen, die nebenbei auch mal wieder Frauen* unsichtbar macht. Schade eigentlich.

edit: gerade las ich noch eine andere Kritik an der Aktion, die auf das Symbol eingeht. Ich zitiere hier mal frech eine Konversation zwischen @tutnurso und @Voegelchen >> “schonmal auf das symbol von @AktionLibero geachtet? bildsprache = voll daneben. vermittelt “schwul”, sei das “schwarz” auf dem rasen. #fail” – “oder das schwarze Schaf auf der Wiese…” – “anscheinend keine sensibilität für rassistisch aufgeladene symbolik. ein pinker punkt, hätte es doch auch getan…” – “…und dann wäre trotzdem noch was zum thema weiß-sein als unhinterfragte kategorie anzumerken. grmpf.”

Posted on Jul 8, 2010

Die DFB-Elf bei der WM 2010 – Eine Kritik

An Müller lag es nicht. Auch wenn seine quirlige und rotzige Art dem Spiel der DFB-Elf vielleicht hätte ein paar Impulse hätte geben können. Spanien hat verdient das Finale der Fußball-WM der Männer erreicht, auch wenn mich diese Mannschaft mit ihrem statischen Spiel bisher wenig überzeugt hat. Ich gönne ihnen den Weltmeistertitel, halte sie für stärker und reservenreicher als die Niederländer, zumal ihr Mittelfeld eine Weltklasse für sich ist.

Dass das kein Durchmarsch für deutschen Spieler wie in den vorangegangenen Spielen werden sollte, war mir klar. Mit Pedro, Iniesta, Xavi und Alonso stehen da vier Männer, die, was die Offensiv- und Defensivarbeit im Mittelfeld angeht, den jungen und zum Teil unerfahrenen deutschen Spielern haushoch überlegen waren. Schnelle Stellungswechsel, exzellent im Zweikampf, hohe Ballsicherheit und eine Passgenauigkeit, die schon mal die Zunge schnalzen lässt. Villa geht zudem die wichtigen Wege, stellt sich gut zum Ball, läuft sich frei, ein sehr gefährlicher Spieler. Toll.

Insgesamt hatte Spanien wesentlich mehr vom Spiel, preschte mit Ramos weit nach vorn, die DFB-Elf ließ sich ungewohnt weit zurückfallen, die deutschen Spieler hatten Respekt. Kaum einer traute sich was zu, das Spiel nach vorn war gekennzeichnet von Fehlpässen und der Mutlosigkeit, das Spiel an sich zu reißen und der Blick für den freistehenden Spieler fehlte fast gänzlich. Es war insgesamt ein schwaches Spiel der DFB-Elf, die spanischen Gegenspieler hatten sie selten im Griff. Beste deutsche Spieler waren für mich gestern Neuer, Klose und zum Teil Schweinsteiger. Wenn Spanien hätte geschlagen werden können, wäre die Niederlande kein Gegner gewesen, sondern die eigene Angst.

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Posted on Jun 15, 2010

Deutschland. Re/Visionen.

WM 2006. Deutschland - Italien. Fanmeile Berlin.

Es ist Weltmeisterschaft in Südafrika, es ist wieder Zeit für unreflektierte Deutschtümelei, impliziten Nationalismus, hegemonial abgesicherte Diskurshoheit über Rassismus, Nationalsozialismus und Exotismus (siehe Fußballkommentator_innen und -moderator_innen Müller-Hohenstein, Béla Réthy und Günter Netzer). Kritik ist nicht erlaubt oder vollkommen überzogen. Der/die gemeine Deutsche kämpft für sein/ihr Recht auf Selbstbestimmung sondergleichen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich kotzen könnte ob so viel Borniertheit und mangelnder Selbstreflektion.

Doch genug der Wut und zunächst ein kurzer biografischer Rückblick: Ich bin Deutsche, in Deutschland geboren, meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern ebenso. Soweit mir bekannt ist, habe ich also keinen Migrationshintergrund und gehöre somit ganz selbstverständlich zur weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft. Meine Urgroßeltern stützten das Nazi-Regime durch Kriegseinsätze oder Rumsitzen, meine Oma nähte in der Schule Hakenkreuze auf Flaggen oder schmiss sich während russischer Luftangriffe in Schützengräben. Später war mein Opa in der NVA, genoss viele Privilegien, mit der Stasi hatten wir allerdings wenig am Hut (soweit mir bekannt ist). Als die Mauer fiel, war ich vier Jahre alt.

Meine Kindheit war toll, ich wuchs in einer homogenen Kleinstadt auf, wohnte zwei Blöcke neben DEM Asylheim, dass 1992 von Neonazis mit Molotow-Cocktails beschmissen wurde, unter dem Beifall der Bewohner_innen Hoyerswerdas fuhr die Polizei irgendwann die Gastarbeiter_innen aus der Stadt. Ich wunderte mich lediglich, warum ich nicht raus durfte zum Spielen. Bis ich 19 war, verbrachte ich also mein Leben in Hoyerswerda, genoss das Dasein in der unteren Mittelschicht ebenso wie meine Freund_innen. Ich kannte weder People of Colour, noch Homosexuelle oder behinderte Menschen. Ich würde mich im Nachhinein als unsozial und hedonistisch beschreiben, ich hatte ja niemanden, der mich mal zur Seite nahm.

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